Nazis klatschen (2)

[Früher Entwurf. Aus Transparenz-Gründen ungelesen veröffentlicht. Spätere Version hier.]
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https://www.facebook.com/ichwillanonymbleiben/posts/1106904986008523
https://www.facebook.com/black.mosquito/photos/a.289243594514694.56601.289238807848506/749768168462232/?type=3&theater
http://strassenauszucker.blogsport.de/2010/05/12/ziemlich-extrem/
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Ich bin kein Freund von Gewalt. Ich hasse es, zu hören, dass wieder mit Dingen geworfen wurde. Dass Dinge gebrannt haben. Ich verabscheue die Bilder von angezündeten Autos und wie kippelnde Tische zu Farbbeutel-Anschlägen hochgekocht werden. Fliegende Steine und Krawalle schaden dem Ansehen einer politischen Richtung. Und sie sorgen dafür, dass manche Menschen das Bedürfnis haben, ihre Solidarität aufzukündigen.
Linksextreme Gewalt sei so schlimm wie rechtsextreme Gewalt. Und staatliche Gewalt (Monopol) in Ausübung durch gemeinschaftlich finanzierte, teils gepanzerte, bewaffnete und im Kampf ausgebildete Einzelpersonen (Polizist_in) sei immer gerechtfertigt. Gewalt sei aber natürlich keine Lösung. Barbara, die wir alle schätzen für angeklebte Plakate, fragte kürzlich:
Kann ein bunter, lautstarker, kreativer und gewaltfreier Protest gegen Rechtsextremismus, der von einer breiten Mehrheit getragen wird nicht auch eine schlagkräftige Waffe sein?
Ja. Aber ein bunter, lautstarker, kreativer und gewaltfreier Protest benötigt unglaublich viel Zeit und Organisationsaufwand. Die breite Mehrheit ist träge und bleibt lieber daheim (und wählt CDU). Sind sich alle einig, bleibt der Protest oft klein. Gibt es breite Bündnisse, so sind auch Menschen dabei, die radikalere Ziele verfolgen. Und selbst wenn viele sich friedlich einig sind: Spontan geht solcher kreativer Widerstand nicht. Zu oft aber müssen spontan Menschen beschützt werden, muss spontan eingegriffen werden, wenn Nazis sich versammeln, um schlimmstes zu tun. Wenn man, nachdem bereits Menschen getötet, verbrannt oder verprügelt wurden, ein paar Lichter aufstellt, mag das gut fürs Image des Ortes sein. Den Opfern der rechten Gewalt hilft es wenig.
Wenn jemand präventiv „Nazis aufs Maul“ haut oder „Nazis klatschen“ geht, was genau bringt das eigentlich?
Mir sind keine Fälle bekannt, in denen präventiv Nazis verprügelt wurden. Auseinandersetzungen, auch gewaltsame, sind auch mir bekannt. Aber denen gingen immer Provokationen voraus. (Was das nicht entschuldigt). Die zitierten … Parolen sind dabei aber genau so ein bunter, lautstarker und kreativer Protest, den Barbara fordert. „Nazis klatschen“ referiert auf einen Aufkleber des Black Mosquito Mailorder. Darauf ein_e Autonome_r in schickem Schwarz, in der linken Hand eine Fliegenklatsche und vorm verhüllten Gesicht eine verspiegelte, rote Sonnenbrille. Das ganze mutet befremdlich an. Wie eine Zecke oder ein Insekt? Vielleicht. Einer, all jene klatschend, die sich von brauner Scheiße angezogen fühlen? Möglich. Jedenfalls offensichtlich nicht ernst gemeint. Darüber in roter Schrift die Parole: „Nazis klatschen“. (Völlig unzusammenhängend dazu Koljah: „Ich komm‘ mit Fliegenklatsche / Zu eurer Messerstecherei; ich bin der Herr der Fliegen“ („Antilopen Gang: Kunst“)). Darin eine Gewaltaufforderung zu sehen, halte ich zumindest für fragwürdig.
Anders ist es vielleicht mit „Nazis aufs Maul“, vor allem als Graffiti mit davor posierenden Autonomen. Ist da eine Aufforderung, Menschen mit nationalistischem Hintergrund, zu schlagen? Nein. Es gehört zu dem, was die Punkband Fahnenflucht in ihrem Titel „Gewalt“ beschreiben: Ein sich vorbereiten, für den Notfall, auch zu diesem Schritt – dem Anwenden von Gewalt zur Verteidigung oder dem Schutz von Menschen -, bereit zu sein, auch wenn man Prügel einstecken muss. „Doch wenn ichs mir recht überlege / lieg ich lieber im Krankenhaus, / denn ein Leben voll Scham und Zweifel / halte ich bestimmt nicht aus.“ (Fahnenflucht: Gewalt. In: Ders.: Beissreflex. 2004)
„Nazis aufs Maul“ ist eine Selbstbestärkung, bereit zu sein. Es ist ein Aufruf, es Nazis so schwer zu machen, wie es nur möglich ist. Auch, wenn man sich damit vielleicht Repressionen aussetzt (Anklagen, Polizeischläge, etc.) oder im Krankenhaus landet. Nicht bereit zu sein, auch „Nazis aufs Maul“ zu geben, wenn die Umstände es verlangen, bedeutet, diesen den Freiraum zu überlassen. Überwinden sie die Hürde, die wir ihnen gewaltfrei in den Weg zu stellen fähig sind – und diese Hürde ist sehr gering, solange sich alle an Recht und Gesetz halten -, können sie frei und unbeschwert gehen.
Ich will nicht in einem Viertel wohnen, in dem Nazis freier herumlaufen können als alle anderen. Ich will nicht vor die Tür gehen müssen und rechte Parolen an den Wänden haben. Was viele Antifaschist_innen machen, ist, den Hass von Nazis auf sich zu lenken. Sie kämpfen diese Kämpfe, damit wir das nicht tun müssen. Gewinnen sie? Vermutlich nicht. Aber jede Nacht, in der eine Scheibe eines Büros der Linken eingeworfen wird, ist eine Nacht, in der keine Zeit bleibt, auf Fremde einzuprügeln. Die Antifaen, die sich auch gewaltbereit in den Weg von Nazis stellen, mögen an deren Radikalisierung mitwirken – aber sie radikalisieren Nazis hauptsächlich gegen Antifaschist_innen. Das bedeutet letztlich: Der Fokus der Löwen verlagert sich auf jene Antilopen, die darin geübt sind, nicht gefressen zu werden.
So, dass wir Unbehelligten sorgenvoll über Gewaltlosigkeit diskutieren können.
Wie sehr die Pflastersteine uns doch schaden würden.
Ich werde mich nicht entsolidarisieren, nicht distanzieren. Das Prügeln, die Steine, lehne ich ab. Die Menschen, die dahinter sind, verdienen die selbe Würde und Wertschätzung wie jede_r von uns.
[…]
An der Stelle kommt dann noch irgendwas mit Antikapitalismus und brennenden Autos und so. Ich zitiere mal einen anderen Aufkleber BM:

Sie sagen Steine sind keine Argumente und schlagen mit Knüppeln, bomben und baggern, vergiften mit Chemie, verseuchen mit Atom, Töten in Gefängnissen. Sie haben recht, Steine sind keine Argumente. Steine sind erst zögernde Versuche uns zu artikulieren, in der einzigen Sprache die sie verstehen.

Und es ist irgendwie, was Slime oder die Scherben sagen: Gewalt ist bereits da und Unterdrückung findet statt. Jene, die diese Unterdrückung zu verteidigen haben – Polizei, Staatsanwaltschaft, Militär – sind stark genug, auch Widerstand auszuhalten. So, wie die Antifa Schläge einsteckt, die uns allen gelten, kann die Polizei es aushalten, wenn Steine fliegen und Mülltonnen brennen. Die Frage ist, ob wir es aushalten können, wenn Menschen brennen.
[…]

Am Tag haben wir keine Chance.

Wir gehen nachts ins Viertel der Reichen und holen uns unseren Lohn. Wir lassen uns nicht mehr bescheißen. Zu lange warten wir schon.“
– Zusamm-Rottung: Selbstabholer. In: Ders.: Widerstand, 1993.

1993 war die Welt auch noch nicht ok. Zusamm-Rottung, eine Punkband aus Brandenburg, rief auf ihrem Album „Widerstand“ dazu auf, man solle doch von den Reichen stehlen. Verharmlosend betitelten sie diesen Aufruf zu Straftaten als „Selbstabholer“ und beschrieben detailreich, wie sie in die Villen von „Bonzenschweinen“ einbrächen. 4 Minuten und 6 Sekunden Revolutionsaufruf. Ein paar Lieder zuvor, in „Selbstjustiz“ heißt es „Ich hab tausend mal gezweifelt, doch jetzt bin ich bereit: Für jeden Bonzen eine Autobombe, und um 12 Uhr Mittags jagen wir sie in die Luft. Ich hör‘ schon den Knall in meinen Ohren, und mit einem Schlag sind wir führungslos.“ Die Musik ist schwungvoll, und würde man nicht mit kaltem Rücken verstehen, was hier gesungen wird, so wäre man wohl bewegt, mitzusummen.
Niemand hat diese „Pläne“ umgesetzt und wir sollten dankbar sein, dass dies ’nur‘ Fiktion, ’nur‘ Kunst ist, und kein politisches Programm. Dass Menschen in unserer Gesellschaft Ängste, Wut und Frust in Kulturprodukte umsetzen können, dass ein zwischenmenschlicher Zusammenhalt, ein Zusammenleben möglich ist, in dem ganz selbstverständlich das besetze Haus neben der Kirche und dem Supermarkt existieren darf und soll. Zumindest war dies lange Zeit so.
„Ja ich weiß Gewalt ist keine Lösung, doch von wem geht die Gewalt eigentlich aus?“
[…]
Über 20 Jahre später ist die Welt kein freundlicherer Ort geworden, hauptsächlich, weil wir aktiv daran mitgearbeitet haben, sie zu einem schlechteren Ort zu machen. Ich sitze da und höre über die Lautsprecher eines in einem Ausbeuterbetrieb in Fernost hergestellten Computer. Die Server, über die ich zum Internet verbunden bin, werden unter anderem mit Kohle betrieben. Eine Vielzahl von Menschen arbeitet daran, mich und dich zu überwachen und darauf zu achten, dass niemand „Bombe“ sagt oder Autos anzündet.
Gestern [d.h. Anfang November] saß neben mir eine junge Frau im Zug. Flüsterabteil, doch sie und ihre Freunde sprachen lautstark über ihre Schulkameraden und Shopping und sie knisterte mit ihrer Einkaufstüte.
[…] Wer gibt dir das Recht dich über unausgesprochene Regeln hinwegzusetzen? Götzen zu frönen, da, wo die Andacht Raum haben soll – oder man zumindest seinen Mund hält. Wer gibt den Dieben das Recht zu stehlen? Wer gibt dem Terroristen das Recht, Bomben zu zünden? Wem gibt der Künstler das Recht, Kunst zu schaffen? Wer erlaubt den Kapitalisten, auszubeuten?
Irgendwie machen wir alle das. Weil wir nicht genug widersprechen – oder miterlauben? Jedenfalls ist Stehlen & Sprengen keine Lösung. Aber darüber singen und Fragen stellen… könnte ein Teil des Weges dorthin sein.
[…]

Die Antifa kennt keine Lieder.

Vor ein paar Tagen lief ein Tweet durch die Äther:


Es war da gerade Bundesparteitag der AfD und insgeheim hoffe ich, dass obriges Foto ein Fake ist. (vgl. ND-Ticker um 12:20). Ich will mir nicht vorstellen, dass jemand tatsächlich „Die Gedanken sind frei“ verteilt, mit einer Headline in Fraktur „Wo man singt, da laß Dich ruhig nieder, böse Menschen und die antifa haben keine Lieder.“. Das ist auf so vielen Ebenen großartig, dass es nur von einem Troll stammen darf.
„Die Antifa kennt keine Lieder.“ weiterlesen

Voller Pispers

[Entwurf vom 23. Mai 2015. Unbearbeitet veröffentlicht.]
Der Volker Pispers in meinem Kopf ist endgültig zum Zyniker geworden. Mit einem Tetra-Pak Rotwein, aus dem er sich immer wieder seine Kaffeetasse nachfüllt, steht er auf der Bühne.

„Das ist schon unfair, wie sie und ich hier unheimlich viel arbeiten, jeden Tag ihre 12, 14 Stunden, und andere liegen nur auf der faulen Haut. Zum Beispiel die Bettler und Asylanten, oder die schwer körperlich oder geistig Behinderten, alles faule Säcke. Sie zahlen brav ihre Steuern, aber die tragen nichts bei. Sind vielleicht sogar Diebe. Versuchen, Spendengelder abzugreifen und nutzen den armen Staat aus. Betrügen bei Hartz IV. Sauerei, diese faulen faulen Arbeitslosen, Bettler, diese… Asozialen. Sitzen den ganzen Tag nur rum und machen gar nichts, während sie ihre 14, 18 Stunden pro Tag schuften.
Was wollen Sie mit denen eigentlich machen? Sollen wir sie verhungern lassen? Oder in kleine Miet-Käfige am Stadtrand stecken, mit klitzekleinen Zimmern und ewigem Weg zum Supermarkt? Sollen wir kleine Bänke nur noch anbieten, damit da die Penner nicht mehr drauf schlafen können? Oder alle in ein Heim, und dann zuschließen? Was sollen wir mit den Arbeitsunwilligen machen? Einsperren? Verhungern lassen? Gerade soviel geben, dass sie noch leben können? Oder auspeitschen, damit sie doch arbeiten? Kommt dabei was rum, hm? Glauben Sie das? Man muss diese Leute nur ausreichend motivieren, dann wird das schon? Die eine Hälfte Langzeitarbeitslose bekommt geladene Pistolen und 5 Euro die Stunde und hält die dann der anderen Hälfte an den Kopf. Denen braucht man dann auch nur 2 Euro zahlen, sind ja schon ausreichend motiviert. Und nach einer Weile wechseln wir dann durch. Jeder darf mal Gutverdiener sein, und jeder hat mal die Waffe am Kopf. Und wenn dem ein oder anderen mal der Finger ausrutscht ists ja nicht schlimm. Haben ja eh nichts gearbeitet. Diese Asozialen.
Nein, das fänden sie nicht in Ordnung? Ach, sie sind eher so der Verhungern-lassen-Typ? Bekanntermaßen schätzen wir ja Menschen danach ein, wieviel sie produzieren. So, an Gehalt. Deshalb sind Kinder bei uns ja auch so unbeliebt. Und Rentner, natürlich. Alles Asoziales Pack. Und die Bettler. Organisierte Banden! Wer dort auf der Straße sitzt, der verdient recht ordentlich, sagen Sie. Warum setzen Sie sich dann nicht? Achso? Ist Ihnen zu kalt. Und Sie seien ja auch kein Asozialer.
Aber, wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Gut.“ Mein Kopf-Pispers läuft gemütlich zum Tetra-Pak, hält seinen Becher darunter, füllt ihn bedächtig und trinkt dann den voller Becher auf einem Zug leer.
„20 Stunden am Tag. Und teilweise sogar noch Sonntags! Sie sind wirklich zu bemitleiden. Aber diese Asozialen, die es sich in der sozialen Hängematte bequem gemacht haben… unerhört. Die Bettler und Asylanten. Pack! Was wollen Sie mit denen machen? Dem ‚Lumpenproletariat‘, das sogar Marx, der alte Kapitalismusfeind, so verabscheute. Sei zu nichts nütze, die fahrenden Leute und Bettler und Arbeitslosen. Alle nur auf der faulen Haut. Was sollen wir mit denen machen? Möchten Sie dem nächsten, den sie sehen, ein Messer rein rammen? Ach? Das ist ihnen jetzt doch ein bisschen zu … menschenfeindlich? Soso. Aber wer nichts Arbeitet soll auch nichts essen. Oder ist Ihnen das nur zu schlecht bezahlt? Das Bettler um…siedlen? An einen besseren Ort, sie wissen schon. Klar, wenn man etwas gut kann, dann soll man das nicht umsonst machen. Das muss man Ihnen lassen. Produktiv sind sie ja, die Menschenfeinde.
Das macht sich ja auch nicht so schön… die Bettler. Sollen mal runter von der Straße und was ordentliches Arbeiten. Banker oder sowas. Damit dabei auch was rum kommt. Runter von der sozialen Hängematte. Sie zahlen schließlich auch Steuern und arbeiten ihre 22, 23 Stunden am Tag.
Jedes Jahr produzieren wir mehr Güter. Mehr Autos, mehr Häuser, mehr Gesetze, mehr Playmobilfiguren. Von allem gibt es mehr – außer vielleicht von Ambossen. Und nicht nur hier, sondern auf der ganzen Welt. Wachstum. So ein Baum, der nicht jedes Jahr gemessen am Vorjahr um 2 % wächst, der ist schon faul. Macht es sich da in der sozialen Hängematte bequem. Arbeitet ja gar nichts. Zumindest nicht die 25, 26 Stunden, die Sie so am Tag arbeiten. Produktiv, produktiv, muss ich schon sagen.
Wer soll das denn alles kaufen? Fahren sie gerade zwei Autos gleichzeitig? Oder werfen von jeder Packung Toastbrot 2/3 weg? Sie wissen, bald schon müssen sie sich eine zweite Packung nur zum wegwerfen kaufen. Kann man sich ja auch nicht leisten, wenn die ganzen Sozialschmarotzer das ganze Steuergeld abgreifen. Und sie müssen vielleicht sogar noch einen Monat warten, bis sie sich ihren zweiten BMW kaufen können. Achso? Sie können sich gar kein Auto leisten? Müssen Sie halt mehr arbeiten.
Es ist doch so: Die meisten Menschen wollen mit ihrem Leben etwas tun. Wenn man Ihnen die Wahl lassen würde – Geld spielt keine Rolle -, dann würden sie doch auch nicht nur rumsitzen und nichts tun? Ja, vielleicht drei, vier Wochen im Jahr. Aber denken Sie nur an ihren letzten längeren Urlaub. Klar, dumm als er rum war. Aber hätten Sie noch länger ausgehalten, nichts zu tun? Irgendwann fangen die meisten Leute an etwas zu machen. Politische Arbeit – so im Kleinen und Großen -, Fürsorgearbeit, Lohnarbeit – das ist die, bei der Sie aktuell ihr Geld verdienen -, und natürlich noch andere Formen von Arbeit. Irgendwas werden Sie schon zu tun haben.
Nun gibt es aber auch Menschen, die können wir peitschen und schlagen und zwingen. Die wollen – oder können – einfach nicht. Die schicken wir auf Arbeit, aber es kommt einfach nichts bei rum. Manche davon sind krank, haben zum Beispiel Depressionen und können deshalb mittelfristig halt nicht, oder sie sind zu jung oder zu alt. Und dann gibt’s auch Manche, die wollen einfach nicht. Asoziale, sagen Sie da, faules Pack, in der sozialen Hängematte. Wollen Sie ernsthaft ihre Zeit und ihr Geld darauf verschwenden, jemanden zu etwas zu zwingen, was er oder sie gar nicht will? Immer mit der Peitsche in der Hand? Nur, damit dann irgendwas bei rum kommt, was nicht mal entfernt an den Aufwand ran reicht? Lassen Sie doch einfach diese Leute nix tun – oder ihre eigene Arbeit suchen. Muss ja nicht Lohnarbeit sein. Wenn sie nicht wollen, wieso dann dazu zwingen. Macht Sie unglücklich, macht die unglücklich. Aber, nein, klar, wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Schließlich haben Sie auch ihre 189-Stunden-Woche. Wäre ja unfair, wenn Sie soviel arbeiten, und die bekommen ihr Geld einfach so. Dürfen einfach so auf dem Planeten leben, auf dem sie geboren wurden.
Aber, natürlich, Menschenwürde. Das halten Sie schon hoch. Niemand soll sagen können, Sie wären unfair oder ungerecht. Oder – Gott bewahre – faul. Nicht so wie dieser Schöpfer, der am Ende der Woche einfach blau machte, weil es genug war und schön aussah. Nein, Sie arbeiten ihre 30 Stunden pro Tag. Wären ja sonst auch asozial. Und den Bettlern und Prostituierten – ganz American Psycho – stecken sie zu Phil Collins eine Axt in den Rücken. Machen ja auch nix. Liegen nur rum. Hängematte.
Aber Sie… Sie arbeiten ihre 36 Stunden am Tag. Ist schon viel zu tun, stimmt schon. Aber Sie müssen das auch positiv sehen. Bis vor ein paar Jahren waren es noch 40 Stunden, die Sie am Tag gearbeitet haben. Und dann kam diese Gewerkschaft, und hat ihre Arbeitszeit verkürzt. Sind ja auch produktiver geworden. Muss man schon sagen. Fühlen Sie sich seit dem auch Asozial? Arbeiten ja weniger.
Hat vielleicht ihre Würde als Mensch gar keinen direkten Zusammenhang mit ihrer Produktivität? Sind sie vielleicht auch so ein netter Mensch? Ohne ihre 38-Stunden-Tage? Ja, produktiv sind sie, die Menschenfeinde. Das muss man ihnen lassen. Aber die Obdachlosen und Bettler, die Arbeitslosen und Asozialen, die sollte man… ja… genau.“
Kopf-Pispers wirft einen Blick in die Runde, schaut sich still um. Dann packt er den Rest des Rotweins und verschwindet von der Bühne.

Steine und Ziegel

Steine und Ziegelsteine auf die Einsatzwägen. Wieviele Tote wollt ihr noch? (Irgendwer auf Facebook)

Sie haben zuerst geschossen. Sie haben zuerst den Abzug gedrückt. Haben eskaliert. Sie haben uns das Brot genommen, unsere Würde, haben unsere Arbeitskraft gekauft und uns in Schulden ertrinken lassen. Sie haben uns ermordet, gepeinigt und vergewaltigt. Sie haben uns schlecht wohnen lassen, nicht von Krankheiten geheilt, obwohl sie es konnten. Sie haben uns in den Selbstmord gedrängt. Sie haben uns versklavt und uns die die Selbstaufgabe gezwungen. Sie lassen uns bezahlen um auf dem Planeten leben zu dürfen, auf dem wir geboren wurden.
Die Einsatzwägen, die Polizisten und Politiker sind ihre Vertreter. Wie Priester sind sie an Gottes Stelle, doch belügen uns. Gott ist vielleicht tot. Doch dieser Gott ist der Tod.
Also nehmen wir die Steine und Ziegel, mit denen sie uns ihre Paläste bauen ließen, und werfen sie ihren Vertretern ins Gesicht. Weil uns nichts mehr bleibt außer Widerstand. Sie ließen uns schlecht wohnen – nun kriegen sie ihre Steine zurück. Sie nahmen unsere Stimme – nun müssen wir schreien. Sie ließen uns verhungern – nun essen wir sie. Sie versuchten uns gegeneinander auszuspielen – nun stehen wir gemeinsam gegen sie.
Und doch ist „der Feind“ kein Mensch, keine Institution oder ein Ort. Der Feind ist ein Teil in uns – in jedem von uns -, ein Tumor, den wir aus uns selbst schneiden müssen, bevor er uns ganz zerfressen hat.
Ist es „der Kapitalismus“? Ist es „die Gier“? Er ist über 10.000 Jahre alt und hat viele Namen. Und ich glaube, egal wie wir unseren Tumor nennen, er hat bereits Metastasen gebildet. In die Literatur und Kultur, in die zwischenmenschliche Liebe, in die Politik – ganz besonders dort -, in die Bildung, Wissenschaft, den Glauben, die Freiheit und das Denken, die Liebe, die Hoffnung.
Ich bin hoffnungsvoll frustriert
und die Zeit ist reif.
(vgl.)
[Wortwörtlich aus Notizbuch abgetippt. Datiert auf 28.04.15. Inklusive Link.]
[Mir ist das persönlich im Nachhinein ein zu radikaler Ansatz. Auch wenn ich jeden Tag wieder darauf aufmerksam machen würde, dass ein Staat jeden Widerstand als (Gegen)Gewalt sehen muss, und daher zu Polizei und anderen Repressionsorganen greifen muss. Wir aber als Teil des Staates, der Gemeinschaft, etc. – die dies also mittragen -, dies natürlich auch friedlich beenden können – wenn wir es wollen.]