Schlammblut

Tut man das Richtige aus den falschen Gründen, wird man noch stärker kritisiert, als tut man nur das Falsche. Nur mit Vorzeigemoralisten lässt sich unsere Gesellschaft aber nicht tragen.
Ein Freund von mir gab neulich offen zu, nur Blutplasma zu spenden, weil er dafür eine – wie es so schön heißt – Aufwandsentschädigung erhält. Die 25 Euro braucht er zum Leben und, da ich selbst studiere und alleine wohne weiß ich, wie bitter man manchmal dieses Blutgeld braucht. Ich persönlich sammle es für den Fall, dass ich in einem Monat mal schlecht geplant habe und mehr Geld ausgebe, als ich durch meine Arbeit und meine Unterstützung eigentlich habe. Noch nie haben sich zwei dieser Aufwandsentschädigungen bei mir sehen dürfen. Immer war die ältere schon längst weitergezogen in die Kassen von Lebensmittelmärkten, Drogerien oder – für mich immer besonders zähneknirschend – an die Universität.
Ich schrieb meinem Freund halb-zynisch:

Gibt Leute, die empören sich darüber, aber wenn wir mal ehrlich sind: Ohne hungrige Studenten, die ihren Körper verkaufen müssen und ohne FSJler usw., die in unserem kalten, unfreundlichen Arbeitsmarkt keine Stellen finden, wäre unser jetziges Gesundheitssystem nicht tragbar. Das Blutspende, Krankenwägen und all das Funktionieren ist keine Frage der Nächstenliebe, sondern eine der Ausnutzung der Schwachen, um noch Schwächeren zu Helfen. Und irgendwo ist das ok…

Eine Freundin von mir fährt einen Krankenwagen. Ich kenne auch ein paar, die in anderen Bereichen ein FSJ machen und die wenigsten, die ich kenne, machen dies aus höchsten moralischen Grundsätzen. Die 400 Euro – denn mehr bezahlt das Rote Kreuz nicht – sind natürlich nicht wirklich anziehend, aber allemal besser als die so gefürchteten Lücken im Lebenslauf.
Mein Stammlokal in meiner Heimatstadt spendet mittwochs einen Teil der Einnahmen für einen guten Zweck. Buchhalterisch gebildet, wie man heute ist, weiß natürlich jeder, dass diese Spenden gewinnmildernd sind und damit Steuern sparen helfen. Ist das moralisch verwerflich, sich mit der Feder des Gutmenschenstums zu schmücken, wenn es einen doch nichts kostet?
Angenommen, ich bräuchte recht dringend eine Organspende, würde es mich stören, wenn diese von einem Gewaltverbrecher stammt? Nein. Ich will nur nicht wissen, dass sie daher kommt. Solange ich mir einreden kann, mein Leben werde aus Gutmütigkeit der Gesellschaft, und nicht durch unzählige, unvorsichtige Motorradfahrer gerettet, die man allsommerlich vom Asphalt kratz, ist es in Ordnung. Das Problem ist nicht, dass man weiß, dass etwas geschied. Das Problem ist, wenn man sich nichts mehr anderes einreden kann. (Schreibt auch Dan Ariely bei Wired)
Die Wahrheit ist also: Viele gute Dinge – Blutspenden, Hilfsprojekte, Arbeit für die Gemeinschaft, Organspenden, … – geschehen nicht ausschließlich aus den hochmoralischen Gründen, die wir uns einreden, sondern oft auch nur, weil ein armes Schwein den anderen armen Schweinen aus eigener Hilfsbedürftigkeit heraus … hilft.

Don't touch me, you're a dirty hippie and you don't get punk at all.

Briefkästen

(Der Titel entstammt diesem Bildchen aus der Serie „Portlandia“ mit Carrie Brownstein.)
Ich habe großen Respekt vor Zeitungs-Journalismus. Ich lese sehr gerne diverse Zeitungen, wuchs in einem Haushalt mit Tageszeitung auf und ich werde wohl auch – sobald ich mir die Kosten dafür mit jemand teilen kann – auch wieder eine Zeitung abonnieren. (Für mich allein lohnt sich das nicht).
Was mich aber nervt ist eine gewisse doppelte Penetranz, die in meinem Heimatland in der Zeitungsvermarktung steckt. Zum einen wird das eigene Medium überhöht bis ins unermessliche und mindestens ein Armageddon heraufbeschworen, wenn man nicht mindestens drölf Zeitungen abonniert. Das Abendland wird nicht untergehen, wenn die Bildzeitung endlich eingestellt wird. Genau so wenig, wie das Abendland untergegangen ist, als neulich die FTD eingestellt wurde. Dieses sich selbst zu wichtig nehmen ist eine Eigenschaft, die mich an vielem stört, darunter auch Zeitungen. Wie soll man jemanden ernst nehmen, der einen unentwegt schüttelt und ruft „Wenn ich verschwinde geht die Welt unter!!“? (Dazu zählt natürlich auch das LSR, auf das ich gar nicht mehr eingehen möchte.=
Viel präsenter und unangenehmer ist aber die andere Penetranz, mit der eine bestimmte Ansicht vertreten wird. Nicht nur sehen sich Zeitungen als unerlässlich und unverzichtbar, nein, sie sprechen mir als potenziellem Leser auch ab, mich selbst für sie zu entscheiden.
Anders lässt sich nicht erklären, warum gerade (beispielsweise!) Die Zeit und die SZ mir immer wieder in Form von unterbezahlten studentischen Verkaufspersonen im Bahnhof auflungern, um mich zu greifen und um mir ein Abo zu verkaufen. Wenn man es nur schafft, relevant zu bleiben, in dem man einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung ununterbrochen auf die Nerven geht, dann sollte man vielleicht lieber würdevoll abtreten. Eine Zeit und eine SZ, die nur deshalb überlebensfähig sind, weil sie sich einem Kredithai gleich in jeden meiner Lebensbereiche zu drängen versucht, ist kein Medium mehr, dem ich bei der Vermittlung von Informationen trauen möchte. Ein Unternehmen, das regelrechte Mafia-Methoden anwendet – wenn auch möglicherweise im „Überlebenskampf“ – wird von mir nicht unterstützt werden. (Weshalb ich wohl kein SZ, Zeit oder (aus anderen Gründen) Welt-Leser werde).
Jemand, der sich an einem Plastik-Stand in einem Bahnhofsgebäude (oder schlimmer noch: Im Supermarkt) davon überzeugen lässt, eine Zeitung zu abonnieren, der ist für mich kein Zeitungsleser. Aber vielleicht wollen SZ, Die Zeit und – bedauerlicherweise die örtliche Tageszeitung – Schwäbisches Tagblatt auch gar keine Leser mehr. Vielleicht wollen sie lieber Manipulierbare.

Im Zweifel lieber nicht anzünden.

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An einem Nachmittag fand ich beim Aufräumen einen winzig kleinen Feuerwerkskörper. Ich, 15 Jahre jung, hielt ihn für völlig harmlos und wusste nicht, wo ich ihn unterbringen sollte. Also zündete ich ihn an und erwartete einen leisen Knall wie bei den kleinsten der China-Böller. Statt dessen brannte nun ein nicht ganz kleines, weißes Feuer in meinem Zimmer (!), verkohlte den (zu!) nahen Teppich und ich lernte einen wichtige Lektion: Im Zweifel lieber nicht anzünden.
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Ich mag die Tage um Silvester nicht besonders. Zuvor bin ich müde, weil ein so langes Jahr hinter mir liegt. Danach bin ich müde, weil ich mir nicht vorstellen kann, noch ein Jahr zu überleben. An Silvester selbst bin ich einfach nur müde.
Müde Menschen können in der Regel eins nicht leiden. Feuerwerkskörper, die die Fenster zum Wummern bringen. Zündet einer der Idioten bei uns im Hof einen seiner Knaller, möchte ich am liebsten rausgehen, und ihm (oder ihr) den nächsten in den Hintern schieben. Oder in die Ohren. Oder was auch immer.
Es nervt jedenfalls. In meinem Elternhaus – deren Wohngegend ist umzingelt von zunehmend ökonomisch schwächeren Wohngegenden und nimmt – so zumindest mein Eindruck – auch seit ein paar Jahren ab. Dort wird jedes Jahr noch mehr geknallt. Ich kann mich erinnern, dass ich vorletztes Jahr um diese Zeit kein Auge zumachen konnte, weil immer wieder irgendwer einen Böller explodieren lies. Noch schöner waren nur die ‚Spezialisten‘, welche am helllichten Tag – und das ist durchaus schwierig zu treffen, wenn es schon gegen 16 Uhr langsam dunkel wird – eine Rakete in die Luft steigen liesen.
Letztes Jahr dagegen hütete ich das Haus meiner Großmutter, was mich in ein – nicht mehr ganz frisches – Neubaugebiet versetzte. Häuser, die 15, 20 Jahre alt sind und in denen Jugendliche wohnen, die gerade alt genug sind, Feuerwerkskörper zu kaufen, aber auch noch Jung genug, um für derartigen Unsinn Geld zu verschwenden. (So ist das, wenn man jung ist.)
Dort war es – ich vermute, es liegt daran, dass dort eher eine dorthin aufgestiegene Mittelschicht wohnt – lediglich an Silvester selbst ein wirklich schlimmes Chaos. Die Böllerei davor und danach hielt sich aber in Grenzen. Die Verwüstung am Folgetag war dafür bedeutend größer: Was die Innenstadtbewohner über Tage herunterbrennen, geht im Randgebiet in wenigen Minuten hoch.

Sexismus in "Radio brennt".

[Triggerwahrnung!, Entwurfstatus.]

Sind die Ärzte übele Sexisten und „Radio brennt“ Teil der Rapculture?

Das einzige Album der großartigen Ärzte, welches den Weg in mein CD-Regal fand, bevor ich das Internet und solche Segnungen wie Spotify entdeckte, heißt „Das Beste von kurz nach früher bis jetze“ und ist eine „Best-of“, zu dessen Veröffentlichung sie gezwungen wurden (vgl.). Darauf findet sich eine Version von „Radio brennt“, die neben dem eigentlichen Lied auch einen Rap („Die Ärzte mit dem tierischen Rap-Schocker“) und ein weiteres Intro enthält. Farin Urlaub beschreibt das im Booklet von „Das Beste […]“ wie folgt:

F.U.: Der Text entstand auf Zypern, die Musik, glaube ich, im Übrungsraum; die Maxi an zwei schönen Tagen im Studio. Erstes Intro: Heftiges Geschmuse am Mikro. Zweites Intro: Das erste Mal gerappt (1987). Und dann die eigentliche Maxi mit Metal drin und allem, was das Herz begehrt. Der Schlußsatz stammt von Schwarzenegger – diese Maxi ist mein All-Time-Favorite von uns.

Ich habe dieses Lied heute von meinem Mobiltelefon kurzentschlossen gelöscht. Aufgrund der beiden Intros.

Heftiges Geschmuse am Mikro

[Schmatz-/Kussgeräusche] [Stöhnen] [Reißverschluss] [Frauenstimme:] Nein, nein. [Plop.] Warte, lass mich das Radio anmachen.

Nein heißt nein. Auch in einer Beziehung heißt „Nein“ eben „nein“. Natürlich ist eine solche Vorstellung der „die Frau von der männlichen Sexualität überzeugen“ ebenso falsch wie tief verwurzelt in unserer Kultur. Selbst Märchen wie „Der Froschkönig“ beziehen sich indirekt auf die weibliche Ablehnung von männlicher Sexualität und das Überwinden dieser Ablehnung. Weil dieses Verhalten, dieses „Plop“ nach dem „Nein“ in unserer Gesellschaft und Kultur usus ist, ja sogar von fehlgeleiteten Gerichten und Juristen verteidigt wird, fällt es nicht direkt auf. Ich begann das „Nein, nein“ aus dem Intro von Radio brennt ehrlich gesagt erst zu hören, als ich von Begriffen wie Rape culture bei der Mädchenmannschaft las. Dieses „Nein, nein“ mag vielleicht wie ein Teil eines Liebesspiels erscheinen, ist aber – ehrlich betrachtet – das Referieren auf eine Vergewaltigung. Und: Ein Mann, der auch nach dem „Nein“ einer Frau weiter macht – also gegen ihren Willen! -, ist ein Vergewaltiger. „Spielen“ die Ärzte also den Vergewaltiger?

Das erste Mal gerappt (1987).

Meine kleine Schwester ist ein ganz schönes Luder. […] Wir kriegen jede Tussi in jeder Disko […] Wir knutschen sie ab, wir legen sie flach.

Weil ich wie gesagt mit der Musik der Ärzte aufgewachsen bin möchte ich behaupten, sie würden mit diesen Versen auf diverse sexistische Rap-Stücke verweisen. Nichts desto trotz verwenden sie hier eine sexualisierte Sprache („Luder“) und preisen sich selbst mit ihrem (verfehlten) Männlichkeitsbild („wir legen sie flach“).
Wer sich ein eigenes Bild machen möchte kann Radio brennt inklusive der Intros auf YouTube finden.
Insgesamt muss davon ausgegangen werden, dass Die Ärzte in den Intros von „Radio brennt“ möglicherweise bewusst, nicht jedoch ausreichend reflektiert auf Rape culture referieren und in ihrer Absicht, humoristisch diese Themen zu behandeln, verharmlosen und beschönigen. Eine abschließende Betrachtung ist jedoch zu diesem Zeitpunkt in keinem Fall möglich. Insbesondere sollte die ebenfalls auf „Das Beste […]“ zu findende „Emanzenhymne“ hinzugezogen werden, um beurteilen zu können ob die Ärzte um die Zeit meiner Geburt sich über Sexismus lustig machten und zur Verharmlosung von sexueller Gewalt beitrugen.
Enden möchte ich mit dem Zitat aus „Emanzenhymne“ das nach 9 Minuten Liveaufnahme aus Aachen damit endet, dass sich Frauen und Männer gegenseitig anschreien. (Und ich hab da immer ne verdammte Gänsehaut). Schwanz ab! Schwanz ab! Runter mit dem Männlichkeitswahn!

Eines Tages werd' ich euch Antworten entgegenschmettern wie Zlatan einen Ball ins gegnerische Tor.

Was ich daran hasse eine Sprache zu lernen ist die Angewohnheit aller, nach einem Krümel an Wörtern zu betteln. „Du lernst doch grad Sprache XY, sag mir doch mal nen Satz.“ Bäm! Blackout. Plötzlich weiß man weder seinen Nachnamen noch ein Wort in der Muttersprache, geschweige denn einen Satz in der Sprache, die man seit drei Wochen lernt. Man stammelt bestenfalls was, entschlüsselt im Geiste zwar die Weltformel, komponiert das beste Bacon-Pfannenkuchen-Rezept und die Quadratwurzel aus 1764, ist aber dank verknoteter Zunge völlig unfähig, auch nur den Hilferuf einer einflügligen Taube auf Crack nachzumachen („Gurgur! Gurgur!“). Volle Breitseite Hirnverlust. Am Eisberg dieses Gesprächs zerschellt der eigene Kopf, wird aufgerissen und die ganze Kopfbrühe läuft raus.
Rotes Haus
Man will ja nichts falsches sagen und auch nichts ödes („Jag heter Sebastian“), aber nach drei Wochen ist man schlicht noch nicht soweit, um irgendwas brauchbares abzusondern. Vor allem nichts, dessen Nützlichkeit sich für Nichtlerner erschließen würde. Und man lernt ja auch nicht, um sich als Tourist in der Kneipe als „weit gereist“ zu outen, wie vor 40 Jahren die alten Geschäftsmänner, die sich in ihren Ruhrpott-Stammkneipen als Kosmopoliten zu erkennen gaben. „Ein Kölsch, s’il vous plait.“
Dieses Sprachgebettele ist unsinnig. Es ist eine gesellschaftliche Konvention, auf die ich vorbereitet sein sollte (genauso wie auf „Was studierst du, ey?“, was mich auch immer ins Wanken bringt), aber trotzdem ist sie unsinnig. „Hej, Harry, du studierst doch Sportwissenschaften? Zeig mir mal ne Übung.“ „Wofür?“ würde der verwunderte Harry fragen, und „Wer bist du?“ und „WAS ZUR HÖLLE MACHST DU IN MEINEM SCHLAFZIMMER?!“ Jeder Fließbandarbeiter wäre nachhaltig verwirrt, würde man ihn nach einem Handgriff fragen. „Hey, Karl, zeig mir mal nen Handgriff aus deinem Beruf.“ und dann dreht Karl ne imaginäre Schraube rein? Sehr sinnvoll. Zeig mir mal nen Handgriff. Ja, sag halt mal nen Satz.
Im Grunde, und da muss ich die Leute auch wieder in Schutz nehmen, wollen sie ja nur hören, ob man wirklich gerade eine Sprache lernt. „Sag mal nen Satz“ ist gleichbedeutend mit „Beweis mal, dass du grade etwas lernst“.

Fortuna cum fatuis.

Besonders befremdlich ist das bei toten Sprachen oder solchen Sprachvorfahren wie dem Mittelhochdeutschen. „Sag mal was auf Mittelhochdeutsch.“ oder „Sag mir mal nen Satz auf Latein“. Es ist nur noch eine reine Schriftsprache. Gesprochen wird das kaum. Und Mittelhochdeutsch ist doch eher ein Sammelbegriff für eine Sprachentwicklung noch ohne feste Zügel und Richtungsgeber. Eigentlich müsste man sich wüste Beschimpfungen merken, und diese weitergeben. Oder Non-Sense-Trinksprüche.
Sag mal nen Satz. Sag mal nen Satz. Na, kannst du schon Mama sagen? Ma-ma? Maaaa-ma? Was soll man mit einem Satz anfangen, wenn man nicht bestrebt ist, weitere zu lernen? „Hej Sebastian, du lernst doch gerade Schwedisch, kannst du…“ Nein. Es gibt ganz großartige Schwedische Sätze, wunderschöne Sprichworte, lyrische Zeilen und Zungenbrecher. Es gibt auch sehr hilfreiche Sätze, aber was nützt das denn? Wenn ich drei Fragen kann, aber die Antworten dann nicht verstehe? Dahinter steckt letztlich eine Mentalität des „Schon gesehen“. Leute, die sich nach 5-Minuten-Sprachkurs auf Youtube in ihr Facebook-Profil eine Sprache schreiben wollen. Ich kann Schwedisch. Ich beherrsche drei Sätze darin… Dumb-fug. „Klar weiß ich wie man ein Atomkraftwerk baut. Teil 2379 ist eine 5er-Schraube.“ Was für ein Blödsinn.

Jag älskar…

Die wörtliche Auslegung ist hier einfach problematisch, denn tatsächlich soll gar kein Satz fallen. „Du lernst doch grad Schwedisch. Erzähl mal, was du daran cool findest.“ Sehr gerne. Häftigt ist zum Beispiel ein tolles Wort. Es meint sowas wie „geil“ oder „cool“ und wird gern zur Verstärkung eingesetzt. Es ist alles so fremd – die ganze Kultur und Denkwelt -, aber zugleich sehr vertraut. Eine bittersüße, süß-saure Mischung aus Heimat und Ferne, Vertrautheit und Fremde. Und dann sind es die kleinen Unterschiede. Die Großmutter beispielsweise ist Mormor beziehungsweise Farmor je nach Verwandschaftsbeziehung. Das bei uns assoziierte „Groß“ bei Mutters Mutter fällt weg. Niemand ist allein wegen seinen Enkeln ein tollerer Mensch. Auch die dämliche Frage „mütterlicher oder väterlicherseits“ entfällt bei dieser Art der Verwandtschaftsbezeichnungen. Wenn wir gerade dabei sind: „Svär-“ sind „Schwieger-„, namentlich also „svärmor“, „svärfar“, „svärdotter“ und „svärson“. Der Onkel? Ein Bruder des Vaters, folglich „Farbror“, usw. Natürlich gibt es auch andere Begriffe, die möglicherweise gebräuchlicher sind, so wie man bei uns nicht mehr von Eidam und Schnur spricht, aber allein das ein solch relativ logisches System besteht ist mir die reinste Freude. Denn die Verwandtschaftsverhältnisse habe ich nie verstanden. Weder in meiner Mutter- noch in jeder anderen Sprache. Im Schwedischen habe ich da noch ein wenig Hoffnung.
Dann wäre da noch das allgemeine Dutzen, das Verstecken von akademischen Titeln und und und. All das in einen Satz zu pressen ist eine Kunst, die ich noch nicht beherrsche. Ob ich eines Tages so gut mit der schwedischen Sprache spielen werde wie es Zlatan mit dem Ball tut? Ich will es hoffen und daran arbeiten.