Print ist tot. Ein Zombie-Jagtbericht.

Briefkästen
Ich gebe es zu. Ich komme aus einem Haushalt mit Tageszeitung. Jeden Morgen gegen Fünf wurde sie uns an die Tür gelegt. Druckfrisch, so dass die Finger schwarz werden und die Buchstaben verschmieren. Als Kind fand ich es immer irritierend, wenn andere eine andere Zeitung lasen oder – Oh Gott! – gar keine abonniert hatten. Inzwischen wohne ich in einer zukünftigen WG-Wohnung allein. Um mich herum wird alles renoviert und die Böden herausgerissen und Steckdosen schmoren durch und Tapete wird heruntergerissen und in großen, blauen Säcken davongetragen.
Sobald dies eine WG ist will ich eine Tageszeitung. Es gehört einfach so. Nur: Wie entscheidet man sich für eine?

Seit ich denken kann liegt jeden Tag auf dem Frühstückstisch das Schwäbische Tagblatt.

Meine Eltern hatten sich das Schwäbische Tagblatt abonniert. Vermutlich irgendwann in den 80ern, als sie in unser Haus einzogen. Vielleicht sagten sie sich auch erst, als das erste Kind, mein Bruder, richtig gut lesen konnte und das Dritte – ich – geboren wurde, dass man nun eine Zeitung haben müsse. Vielleicht haben sie das Abo auch von meinen Großeltern übernommen, die zuvor in diesem Haus wohnten und meinen Vater großzogen. Jedenfalls gehört die Zeitung dazu.
Ich kann auch verstehen, warum sie das Tagblatt wählten. Zum einen gibt es einen regionalen Teil namens „Rottenburger Post“, der mit Berichten, Leserbriefen und Todesanzeigen alles umfasst, was im „Städle“ so vor sich geht. Zum anderen war zwischen 1969 und 2004 Christoph Müller Chefredakteur des Tagblatt, der die Zeitung zu einer der besten Regionalzeitungen Deutschlands machte (wie z.B. die taz 2004 schrieb). Aber vielleicht wurde auch nie hinterfragt, warum man das Tagblatt liest.
Mein Vater ist der klassische Frühaufsteher. Es gehört zu seinem morgendlichen Ritual einen Kaffee zu trinken und die Zeitung von unten zu holen. Nur wenige Male war ich früh – oder lang – genug wach, um die frische Druckerschwärze zu richen und als Erster das ordentliche Bündel aus Welt-Regional-Sport-Kultur-usw. zu entwirren. Ich selbst las am liebsten die Umschlagseiten mit Meldungen aus der Welt und Kommentaren. Mein Vater erfreut sich am Regionalteil und – berufsbedingt als Gärtnermeister – am Wetterbericht. Meine Mutter und mein Bruder lesen auch gerne den Rottenburger Teil. Er hat zudem – von Berufswegen als Florist – Interesse an den Todesanzeigen und – privat – Freude am Kulturteil. Wenn ich mehr als die Titelzeilen las, dann, weil mir ein Familienmitglied einen Text vor die Nase hielt oder weil es ein für mich interessantes Thema war – also meist Fasnet, Bildung, Internet. Manchmal schrieb ich auch Leserbriefe, wenn irgendwelche Dinge falsch dargestellt waren, nur um zu merken, dass man mich nicht versteht. Wie z.B. das QR-Code-Debakel von 2000irgendwas. Manchmal stand ich auch selbst in der Zeitung (jedoch noch nie mit Namen).

Papierberge lesen mehr was für dich.

Ich will keine Zeitung abonnieren, mit der man einen Zombie K.O. schlagen könnte – selbst wenn ich diese Entscheidung mal bereuen werde. Ich wurde deshalb auch nie mit Wochenzeitungen warm und kann überhaupt nichts mit der FAZ oder Süddeutschen als Printausgabe anfangen. Schlicht weil mir bewusst ist, dass ich nicht mehr als 50 Minuten am Tag mit Zeitungslesen verbringen werde und dafür eine größere Papiermenge zu verschwenden, als für die letzten sieben Romane, die ich las? Nein. Unfair gegenüber den Austräger_innen sind 12-Tonnen-Tageszeitungen auch. Und Bild? Die ist mir einfach zu doof.
Dabei hatte ich schon Zeitungen abonniert. Beispielsweise das Handelsblatt. Es gab damals diese irre Idee ihres Chefredakteurs, die Zeitung 100 Tage lang (?) für umsonst haben zu können, wenn man ihm eine Email schreibt. Das ganze klang wie das letzte Aufbäumen vor der Schließung und weil ich hoffte, mein Abo könne die unausweichliche Insolvenz ein bisschen beschleunigen, abonnierte ich. Übrigens zum großen Missfallen meines Vaters, der mit diesem Wirtschaftsblatt auch nichts anfangen kann.
"Weltrettungsprojekt"
Hier in der Tübingen WG for One habe ich nun auch eine Zeitung probeweise abonniert. Drei Wochen lang bekomme ich – kostenfrei – die laut Verfassungsschutz linksextreme „junge Welt“. 16 Seiten, die ich morgens beim Frühstück gemütlich durchblättern könnte, wenn die Post hier nicht erst um die Mittagszeit käme. Im Moment ist das kein Problem, weil ich bewusst versuche lang zu schlafen. Inhaltlich gibt es eine ganze Menge Geschichten, die ich so zum Beispiel auch bei fefe gelesen hätte (ob das jetzt gut oder schlecht ist, wer weiß). Es gibt auch eine ganz nette Fernsehkritik („Nachschlag“) auf der vorvorletzten Seite. So richtig überzeugt bin ich aber noch (?) nicht.
Eventuell probiere ich als nächstes die taz. Die ist zwar immerhin 20 Seiten stark, und kostet mindestens 23,90 Euro (5 Wochen auf Probe gibts schon für 10 Euro), aber mit der liebäugele ich schon länger, lese auch gerne mal online auf taz.de (bezahle auch manchmal dafür) und ich kann mir vorstellen, dass diese auch eine Zeitung wäre, für die man dann die WG begeistern könnte („In den Mietkosten ist noch die Tageszeitung mit drin. Da zahlt jeder dann so um die 5 Euro im Monat für.“).
Achja, und: Hier in der Straße wird die taz morgens von einem Boten gebracht.
Die taz hat also einige Vorteile. Aber ist sie die richtige Zeitung für mich? Hm.
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Was sind die Alternativen?

(Miiiiilchmäden-Time! Yeah!)
Als Student kann man bekanntlich günstig Zeitung lesen. Ich hab mich mit einer Freundin mal durchgeklickt. Wochenzeitungen wie der Freitag (8,60 Euro) sind verständlicherweise außen vor. Falls ich was übersehen – oder falsch gelesen – habe, bitte melden. Am günstigsten ist vermutlich im Studententarif die WAZ. Das Blatt kostet mich als Student 13,50 Euro. Tagesspiegel aus Berlin gibts für 16,20 Euro. Bild kostet für Studenten 17,90 Euro.
Für mich Studierenden gibt es dann noch das „obere Preissegment“. Das fängt an beim Semestertarif des örtlichen Schwäbischen Tagblatt für 18,70 Euro vor Ort (bzw. 20,90 Euro per Post). Die Frankfurter Rundschau kostet 19,75 Euro pro Monat. Die „sozialistische Tageszeitung“ neues deutschland schlägt mit 19,90 Euro zu Buche. Die Stuttgarter Zeitung möchte gerne 21,90 Euro von Studenten. Das Handelsblatt bekommt man für 22,92 Euro. (Ob sich das rechnet?) Die taz ist mindestens 23,90 Euro wert. Die junge Welt kostet 25,10.
So. Die großen Brummer kommen jetzt: Die Welt: 42,90 Euro. FAZ: 46,90 Euro. Süddeutsche: 51,90 Euro.
Wenn ich auf Nahrungsmittel verzichte und nachts arbeiten gehe könnte ich auch alle erwähnten Tageszeitungen abonnieren und damit den Printstandort Deutschland retten. Im Alleingang! Und das für lediglich 341,77 Euro pro Monat plus die Kosten für fünf weitere Briefkästen und 2 Altpapiercontainer, die täglich geleert werden müssen, damit ich hier nicht ver-messie-e.
Ob das wirklich reicht um den Zeitungsmarkt vor dem bösen Internet zu retten?
Wer weiß.

Ebensogut könnte ich nach Stockholm fliegen.

Statt das Internet zu nutzen könnte ich auch einmal im Monat nach Stockholm. Wie ich darauf komme? Milchmädchen-Time!!! (Sie müssen sich jetzt einen Power-Puff-Girls-Artigen Regenbogen vorstellen und Anime-Getöse. Yeah.)
Vergangenen Monat hatte ich hier einen Datentransfer von 75 GB (sowohl In- als auch Ausgehend.) Diese Seite bietet folgende Formel: „CO2-Ausstoß des Internetkonsums = Datentransfer in GB x 9 kWh/GB x g(CO2)/kWh des deutschen Strommixes“. Der deutsche Strommix hat so ungefähr 566 g/kWh, also ein gutes halbes Kilo. Wir haben die Faktoren, also ist Formel-Time! (Regenbogen-Katzen explodieren voller Freude. Dazu schräge Musik und Tanz-Koalas.)
75 GB x 9 kWh/GB x 566 g(CO2)/kWh = [Magie!] = 379 kg CO2
379 kg CO2 pro Monat! Sie können sich vorstellen, wie ich gerade dasaß. So. Nach einem Jahr hätte ich eine kleine Armee aus 36 CO2-Sebastians – also vom Gewicht her. Wir könnten eine Party veranstalten oder zusammen nach Stockholm fliegen… Genau, Stockholm. Darauf wollte ich hinaus. Diese 379 kg CO2 hätte man nämlich auch, wenn man die grob 1300 km nach Stockholm fährt oder fliegt. (Sagt ungefähr jeder CO2-Rechner, den man so finden kann).
Natürlich ist mit einem Monat Internetverzicht nur die einfache Strecke recarbonisiert, aber wenn man daheim eh kein Internet hat, wieso sollte man dann aus Stockholm zurückkehren?

Gezeitenwende.

Das Problem des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks ist nicht, dass dort nur überbezahlte Pappnasen arbeiten. Das Problem ist auch nicht, dass dort Gelder verschwendet werden würden. Verstehen Sie mich nicht falsch. Die Verschwendung von öffentlichen Geldern ist ein Problem, sogar ein sehr Großes, aber es ist mit Sicherheit nicht „das Problem“, welches die öffentlich-rechtlichen Sender im Moment haben. Das Problem ist, dass es für jeden Einzelnen sichtbar wird.
Oft wird gerufen, die 9,1 Milliarden Euro, die die Öffentlich-Rechtlichen Sender in Deutschland Jahr für Jahr „verbraten“ wären viel zu viel. Bringen wir das mal in Relation: Beispielsweise die Bundeswehr hat dieses Jahr einen Etat von 31,68 Milliarden Euro. Allein die Universität, an der ich studiere, hat ein jährliches Haushaltsvolumen von 670 Millionen Euro, also 0,67 Milliarden, wovon 0,07 Milliarden nicht von Bund und Land kommen.
Oder anders gesprochen: Die Bundeswehr ist 47 Uni Tübingens groß, der öffentlich-rechtliche Rundfunk immerhin noch 13,5 Uni Tübingens.
Was verzichtbarer für uns ist – ein Dutzend Universitäten, der öffentliche Rundfunk oder die Bundeswehr – darf man sich jetzt selbst denken.
Natürlich könnte man diese Gelder sinnvoller einsetzen. Beispielsweise könnten wir alle, die die Rundfunkanstalten finanzieren, dieses Geld dafür verwenden, um die Schulden des Saarlands zu tilgen. Im März waren das 16,015 Mrd. Euro. Vorrausgesetzt, das Saarland macht keine neuen Schulden, wäre es nach zwei Jahren schuldenfrei. Und vom Rest (2,185 Milliarden) könnten wir immer noch 11,5 Millionen Badewannen (Amazon-Partnerlink) kaufen. Also fast zwei für jeden der 6.222.000 Arbeitslosengeld-II-Empfänger.
Und wenn die Schulden des Saarlandes getilgt sind und wir 11,5 Millionen Badewannen haben, dann können wir darin den Reis verteilen, den wir neulich in einem anderen Eintrag verteilen wollten. Falls sich jemand erinnert.
Das.. joah. Würde das Geld für die Rundfunkanstalten ebenso undurchsichtig und verschwoben durch 12 Dutzend Töpfe aus unseren Hosentaschen fließen – wie es beispielsweise bei der Kirchensteuer ist -, dann würde es vermutlich niemand stören, dass die Öffentlich-Rechtlichen Fernsehsender Geld „verschwenden“. Die GEZ ist nicht weiter aufgeblasen als Beispielsweise die GEMA, die INSM oder deine Mutter die Bundeswehr, aber ihre – angeblichen – Fettpölsterchen stehen im Sonnenschein für jeden Sichtbar. Erst dadurch, dass sie anders als beispielsweise der BND (Kosten: 504,8 Millionen Euro) zur Transparenz verdonnert sind, können sich Leute darüber aufregen und finden damit Gehör.

Milchmädchen-Time (I)

Schon letzte Woche war ich so pleite, dass ich mir nichtmal einen Wecken kaufen konnte. Yeah, yeah, yeah. Dann wurde auch mein Girokonto geleert (ich hab versucht ein bisschen was anzusparen, um nicht so arg ins Minus zu rutschen, wenn demnächst Fernsehbeitrag gezahlt werden muss) und weil ich mich gerade so schön arm fühle und aus nicht genannten Gründen mich über eine Banken-Internetseite hier aus der Region aufregte, deshalb gibts hier jetzt meine allerliebste neue Kategorie: Milchmädchenrechnung! *karate-move* YEAH!
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Annahme:
Wenn man die Bilanzsumme (bzw. wenn vorhanden die Kundeneinlagen) einer Bank teilt durch die Zahl deren Kunden erhält man, wieviel durchschnittlich die Leute auf ihren Konten herumliegen haben.

  • Volksbank Tübingen / Rottenburg-Herrenberg; Ethikbank, Umweltbank; etc. bieten keine Kundenzahlen oder verstecken diese so gut, dass ich keine Lust habe, danach zu suchen.
  • Deutsche Bank Private Wealth Management: 150 Mrd. Euro verteilt auf 90.000 „vermögende Privatkunden“ sind im Schnitt: 150 000 Euro. (wikipedia)
  • Commerzbank: 661,8 Mrd. Bilanzsumme und 16 Mio. Kunden: 41 362,5 Euro.
  • Kreissparkasse Tübingen: 3 286 Mio. Kundeneinlagen und 142 485 Kunden: 23 062 Euro
  • Comdirect: 46,91 Mrd. bei 2 713 887 Kunden: 17 285 Euro
  • GLS Bank: 1.969 Mio. bei gerademal 116 500 Kunden: 16 906 Euro
Parole

Mit anderen Worten: Ich ziehe offenbar das Ergebnis meiner Hausbank derart runter, dass sie in diesem – naiven – Vergleich am schlechtesten weg kommt. Oder anders formuliert: Steinbrück reicht als Kanzlergehalt (2013 werden das 17.016 pro Monat sein) nicht, was durchschnittlich pro Kunde bei meiner Hausbank rumliegt. Nochmal: Es reicht als Gehalt für den Bundeskanzler nicht, wenn man pro Monat soviel verdient, wie sich Menschen bei meiner Hausbank vom Brot abgespart haben.
Andererseits: Klaut man jedes Jahr 0,01% des Geldes, was die Deutsche Bank für ihre „Private Wealth“-Leute* verwaltet, dann könnte man Steinbrück – würde er Kanzler werden – das Gehalt verdoppeln! 34.032 Euro! Und dann wären immer noch… 2,35 Euro für ein Weihnachtsgeld für alle ALG2- und Sozialhilebezieher drin. (*Mir ist bewusst, dass das „internationale Kunden“ sind.)
Das klingt jetzt total wenig, aber wenn ich zum Marktkauf hier um die Ecke laufe und dort Gut&Günstig-Reis für 89 Cent pro Kilo als Weihnachtsessen kaufe, dann sind das insgesamt auch 16.395 t 74 kg. Also (gewichtsmäßig) soviel wie 419.311 Billy-Regale von IKEA. Das sind … über den Daumen 117 Tausend Badewannen (Normbadewanne mit 140l unter der wirren Annahme, dass 1l Wasser 1kg entspricht). Die 1.013.352 Einwohner des Saarlandes müssten sich also entweder immer zu zweit ein Billy-Regal herumtragen oder jeweils zehn dürften sich ein Bad teilen. (Viel Spaß dann).
Jedenfalls: Die verbleibenden 17 Cent vom Einkauf müsste man halt irgendwie… also… joah. Verlieren würde ich die, vermutlich. Auch offen bleibt die Frage, wie man alle Menschen des Saarlandes dazu bewegen kann, jeweils zu zweit das Billy-Regal-schwere Päckchen Reis abzuholen und entsprechend an alle zu Weihnachten zu verteilen. Und natürlich, wie wir das mit der Deutschen Bank machen. Und Peer Steinbrück.
Obs trotzdem Weihnachtsreis für alle gibt, wenn Merkel Kanzlerin bleibt? Und hat der Marktkauf hier um die Ecke überhaupt soviel G&G-Reis vorrätig? Oder sollte ich das vorbestellen?