Kein Willen zum Macht / Kein Willen zum Geld / Der Deutsche Mann ist entstellt // Wir müssen männlicher werden / Zeugt endlich mal Erben // Fickt euch, macht's euch doch selbst

Ein Männergesicht lächelt mich an. Sauberes Plakatdesign, aber was soll ich davon halten? „Hat Familie eine Lobby?“ fragt das Plakat, und ich denke, während ich die Namen der Vereine entziffere, die diesen Vortrag mitveranstalten, dass diese doch eine Lobby für Familie sein wollen. Auf der Internetseite von einer dieser Organisationen rechnen sie vor, wie wenig übrig bleibt von der Familienförderung der Bundesregierung. Und ich denke, es stimmt: Rechnet man die Aufgaben, die von Familien übernommen werden sollen, auf gegen das, was sie erhalten, ist Familie ein Verlustgeschäft – oder ein teures Hobby.
Aber es gibt keine echte Wahlfreiheit. Keinen Bedarf, Familien zu fördern, weil alle nicht-familiären Formen der Lebensgestaltung unterdrückt werden. Kinder sollen gezeugt werden und wer sich dem verweigert wird gebranndmarkt.
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Eine der großen Vorwürfe, die gegen schriftliches Gendern mit Stern (Leser*innen) oder Unterstrich (Lehrer_innen) genannt werden, ist, wie diese in manchen Fällen ungrammatikalisch werden würden. Das stimmt, solange wir annehmen, dass hier eine gendernde Endung lediglich angefügt wird.
Dabei handelt es sich bei Endungen wie _innen, *in, usw. nicht wie bei Beidnennung (Lehrer und Lehrerinnen) oder Trennstrich (Bullshitter/in) bzw. Binnen-I (AutorIn) um eine Beidnennung von zwei Geschlechtern. Viel mehr sind dies (eine Art von) Ligaturen, die für ein Konzept stehen. Einzahl- oder Mehrzahl an Menschen, deren Geschlecht und Gender für uns nicht entscheidend ist.
_innen und *innen stehen also für mehr, als dort eigentlich sichtbar ist. Die ursprüngliche Bedeutung, die Entstehungsgeschichte, sieht man diesen Ligaturen noch recht gut an. Ich bin gespannt, wie sie sich weiterentwickeln werden und ob sie in anderer Sprachräumen verwendbar sein könnten.
Angemessen erscheint mir der Vergleich zum Und-Symbol „&“ (auch: Ampersand-Symbol). Dies entstand zunächst als Ligatur aus e und t, et, welches im Lateinischen „und“ heißt. Im Deutschen sollte es eigentlich nur in Firmenbezeichnungen verwendet werden. Sonst schreibt man „und“ bzw. die Abkürzung „u.“. Ist das so? Wie oft hast du diese Woche schon „&“ verwendet, obwohl du keinen Firmennamen geschrieben hast.
Ähnlich verhält es sich mit _innen & *innen. Eigentlich sind diese für einen wissenschaftlichen Zusammenhang gedacht, in dem man sich möglichst klar ausdrücken möchte. Doch Menschen verwenden diese ‚Ligatur‘ – oder zumindest sollte es als solche betrachtet werden – inzwischen auch im Alltag. Da, wo unsere Zeichen bisher nicht ausreichen, bedienen wir uns anderem, um uns klar – so klar wir es eben möchten – auszudrücken.
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Abschied vom "richtigen" Wort: Student / Studierende

[Entwurfsstatus seit Dezember 2014.]
Zähneknirschen. Krrkrrkrr… „Was sagt der Fuchs?“ fragt ja nicht nach dem eigentlichen Tierlaut, sondern nach der Lücke in unserer Onomatopoesie. Wikipedia sagt, die Jagtsprache kenne zumindest das keckern des Rotfuchses – k-k-k-k -, aber so richtig haben wir zwischen „Wau-wau“, „mjau“ und „Iah“ keine richtige Idee, wie wir sagen sollen, was der Fuchs sagt.
Aktiver und passiver Wortschatz sind eher begrenzt. Und Worte wandeln sich. Wir verlieren einige, und gewinnen neue hinzu. Und, wichtig, Worte wandeln ihre Bedeutung sowohl im Wandel der Zeit als auch durch ihre Kontexte und Sprecher_innen. Will ich richtig verstanden werden, muss ich heute andere Worte verwenden als vor 50 Jahren. Auch wenn die Inhalte die gleichen bleiben sollten.
Schön ist, dass wir dort alle mitdenken, mithandeln und mitgestalten können. Und dass es grundsätzlich kein „falsch“ gibt, sondern nur Miss- oder Unverständlichkeiten. Grundsätzlich kannst Du deinen Tisch Diether nennen und deine Stühle nach den Beatles-Mitgliedern, aber Menschen die dies nicht wissen, werden vielleicht irritiert sein, wenn Du ihnen sagst „Setz dich doch an Diether.“
Du weißt, wohin es heute geht. Es gibt Menschen, die haben das Gefühl – und können das mit Untersuchungen untermauern -, dass wenn von Studenten gesprochen wird, Studentinnen eben nicht mitgemeint sind. Es gibt gute Gründe, einfach beide zu nennen, wobei wir in eine weitere potenzielle Falle tappen: Was ist mit denen, die sich nicht zugehörig fühlen, wenn wir von Irgendwassen und Irgendwasinnen sprechen? Die weder Frau noch Mann sind? Und warum sollten wir überhaupt Menschen, die sich durch ihre Tätigkeit – das Studieren – auszeichnen, geschlechtlich markieren müssen?
Vielleicht hätten wir dieses Problem nicht, wären die Übergänge vom Alt- zum Mittel- und Neuhochdeutschen anders verlaufen und *-in nicht zur Universal-Feminisierung geworden…
Jedenfalls gibt es sicherlich gute Gründe, von Studenten zu schreiben und zu kritisieren, dass Genus und Sexus nicht auseinander gehalten werden, aber dies ändert ja nichts an der Tatsache, dass Menschen diese nicht auseinander halten können. Das Menschen zuerst an „männliche Studenten“ denken, und an Menschen, die ein Studium nachgehen.
Eine Sprache, die sich auf Wortherkunft und „das sollte eigentlich das heißen“ beruft, und nicht anerkennt, wie Worte verstanden werden – und sich danach richtet – ist – finde ich – keine geeignete Sprache.
Vielleicht gibt es in 10 Jahren ein besseres Wort. Vielleicht krankt „Studierende“ tatsächlich an vielen stellen (ja, das tut es). Aber es funktioniert eben an anderer Stelle deutlich besser. Fühlt sich besser an. Richtiger. So, als ob man es besser verstehen könnte.
Wir wählen die Worte so, dass wir richtig verstanden werden. Wenn eine ungrammatikalische, eine unsaubere, eine vielleicht sogar falsche Wortwahl uns verständlicher macht, dann sollte diese vorgezogen werden.
Deshalb ziehe ich für die Bezeichnung von Menschen, die strebsam lernen an beispielsweise einer Universität, und die nicht ausschließlich Männer oder Frauen sind, das Wort Studierende vor. Möchte ich die vielfältigen Geschlechter zusätzlich betonen, so schreibe ich gerne auch von „Student_innen“, spreche ich diese Menschen an, so sage ich „Studentinnen und Studenten“. Weil Kontext, Sprecher_in und Zeit bestimmen, wie ich glaube am besten verstanden zu werden.

Wozu eigentlich noch Buchstaben?

(Geschrieben Februar 2013.)
Das Finnische wurde dank der Unterdrückung durch die Schweden erst sehr spät zur Schriftsprache. Entwicklungen, wie die anderer europäischer Sprachen musste das Schrift-Finnisch folglich nie durchmachen. Man hatte keine alten Schriften und es ist keine Veränderung festzustellen, weil es schlicht praktisch keine schriftlich festgehaltene Sprachgeschichte gibt. Eine Differenz zwischen Aussprache und Schrift ist damit weder historisch noch ideel zu begründen – und damit auch nicht vorhanden. (Diclaimer: Ich kann kein Wort Finnisch.) Die Isländer dagegen konnten sehr früh praktisch alle Lesen und Schreiben, was zu einer Verfestigung der Sprache führte. Aber, zu den Isländern wollte ich jetzt gar nichts sagen.
Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass es keine Eindeutige Bezeichnung für Buchstaben gibt? Oder anders: A, E, I, O und U sind als Vokale sowohl Buchstaben als auch Laute. Aber ein B oder ein K? Sagen sie da „Be“ oder „Ka“ oder etwa „b“ und „k“? Und sagen Sie „S C H“ oder „sch“?
In meiner Grundschulzeit stellte man eine Lese-/Rechtschreibschwäche bei mir fest. Ich war daraufhin jahrelang in Behandlung, habe aber bis heute ein komisches Gefühl bei Sprache. Nicht, dass das irgendwas komisches wäre, aber dass ein „B“ zugleich ein „b“ und ein „Be“ sein soll, damit habe ich doch so meine Probleme. Zumal das Alphabet ja eine reine Zeichenlehre ist und so überhaupt nichts mit unserer Sprache direkt zu tun hat. Aus mir völlig fremden Gründen lernen wir, zusätzlich zu den Lauten, eine Verbindung zu Buchstaben. Aber wozu? Man könnte Laute doch auch direkt schreiben! Schließlich lernen wir ja nicht, dass „sch“ das Zeichen „SCH“ habe, sondern wir vermurksen unser Gefühl von „sch“ zu einer Mischung aus „S“, „C“ und „H“. Warum eigentlich? Warum übersetzen wir Laute in Buchstaben, wenn es doch längst Möglichkeiten wie das IPA (Internationales Phonetisches Alphabet) gibt, um nicht diesen Umweg zu gehen?
Ich tippe ja auf historische Gründe. In den aller meisten Fällen liegt man damit zumindest halb richtig. Warum ausgerechnet die Finnen mich aber im Stich lassen und ein Alphabet statt einer Lauttafel verwenden… kann ich mir nicht mal historisch erklären. Vielleicht Gruppenzwang, wenn sie schon nicht bei den Indogermanischen Sprachen mitmachen wollten?

Werbung als Kunst ohne Ziel

Mein Bruder und ich, unsere kleine WG, diskutiert viel über Werbung. Zumindest texte ich ihn damit häufig zu, nicht, weil das interessant wäre, oder wichtig, sondern gerade, weil es das nicht ist.
Werbung ist manipulativ. Sie dient dazu, uns davon zu überzeugen, Produkte zu kaufen, die wir – vielleicht? – nicht kaufen würden. Werbung soll uns dazu treiben, Dinge zu wollen, Dinge zu lieben, uns nach Dingen zu sehnen. Werbung vermittelt Gefühle, gute Gefühle, die wir mit den Konsumgütern verbinden. Eine ganze Heerschar an Leuten arbeitet daran, dir und mir und allen Dinge zu verkaufen. Riesiger Aufwand, Zeit und Geld wird darin investiert, und wir fragen uns – vielleicht zurecht – ob diese Mittel nicht besser aufgehoben wären in der Verbesserung des eigentlichen Produkts, anstatt dessen Anpreisung.
Dann wieder: Haben die Leute etwas besseres verdient? Wenn ich im Supermarkt stehe, dann weiß ich nicht was ich kaufen soll. Ich weiß nicht, was ich jeden Tag kochen soll. Auf welchem Handy ich im Bett einen Film schauen soll. Und welchen Film. Werbung ist vielleicht der willkommene Gast, der dich an die Hand nimmt und zu Entscheidungen führt, die du nicht bereit wärest einzugehen, wenn du sie dir selbst erdenken müsstest.
Ich sehe Werbetreibende als Künstler, die ihr Schaffen zu Geld machen. Daran ist zunächst nichts verwerfliches, weil damit dennoch mehr Nutzen als Schaden entstehen kann. Aktuell sehe ich aber mehr Schaden.
Das mag daran liegen, dass ich zunehmend pessimistischer werde, ein Nörgelrenter in schlechten Times, ein Reimeschreiber ohne Rhymes, ein Zombiejäger ohne Grimes, halt Verbrechensjäger ohne Crimes, und auch mies drauf sometimes‘, doch alles nur White Whine’s… Jetzt hab ich den Faden verloren.
Kulturschaffende – also letztlich wir alle bis zu einem gewissen Grad – tragen eine Verantwortung gegenüber allen. Nur das Gute als gut zu verkaufen. Dies haben, bis zu einem gewissen Grad, Werbeschaffende gebrochen. Sie haben ihre Ehrlichkeit verspielt, und damit gesamtgesellschaftlich großen Schaden angerichtet.
Deshalb muss Werbung kritisiert werden. Nicht, weil es Werbung ist, sondern weil sie unehrlich und unredlich ist. Werbung wird geschaffen von Künstlern, Psychologen und Sozialwissenschaftler, die ihr Schaffen verkaufen, nicht zur Besserung, sondern nur für die eigene Bereicherung.
Uncool, man, uncool.