Dann reproduziert er nämlich die Warenwelt, die er eigentlich bekämpfen möchte.

Das 2017er Album „Anarchie und Alltag“ der Antilopen Gang startet mit reichlich Referenzen zur RAF, dem Vergleich zu Ulrike Meinhof, der Behauptung der Unterwanderung der Jugendkultur zur Politisierung selbiger Jugend und Untergrund im Sinne von „konspirative Wohnung und Prepaidkartenhandy“. (vgl.) Vom Lied und Album mag man halten, was man möchte. Beachtenswert ist, dass dies das erste zweite Album der Gang ist, welches nicht für umsonst ins Netz gestellt wurde, sondern sich ganz der kapitalistischen Verwertungslogik (ach, so ein Text wird das?) unterwirft.

Ich frage mich manchmal, in wie weit hier (noch) eine Vision der Veränderung gelebt wird, der Keim eines „Es geht auch anders“ und wie sehr hier bereits kommerzialisierte Gegenkultur vegetiert. Ein Kleinkünstler, dessen Name mir gerade nicht einfallen mag, und den ich nicht mit „Kaputzenjacke Comedian“ suchen möchte, aber Du weißt sicher wenn ich meine, der sagte einmal, er könne ganz gut von seiner Kapitalismuskritik leben. An anderer Stelle berichtet das RBB freudig von kommunistischen, in der UdSSR gefeierten Autoren, welche im KaDeWe ihre Edelsachen für ihre Geliebten kauften. Manchmal muss man gegen etwas sein, um gerade darin erfolgreich zu werden.

Franz Josef Degenhardt hat dazu mal etwas schlaues gesagt, über den Underground, der wenn er nur dagegen sei, Gefahr laufe, sich einzurichten in dieser Gegenwelt. „Dann reproduziert er nämlich die Warenwelt, die er eigentlich bekämpfen möchte.“ Eigentlich dürfte ich keine Kenntnis von diesem Zitat haben, hätte es 2013 nicht Destroy Degenhardt, ein, nun, Rapper, an den Beginn seines zweiten Albums gestellt. (vgl. / vgl.). Dies könne, so Degenhardt (der Liedermacher), nur verhindert werden, wenn sich der Underground auf Veränderung der Gesellschaft ausrichte.

Die Gesellschaft ändere ich hier noch nicht, aber vielleicht kann ich den ersten Schritt dazu tun: Mich selbst ändern, wieder mehr zum Akteur in meinem Leben machen, auch in dem ich sinnlose und unzusammenhängende Texte schreibe, die eh keinen interessieren. Ich bin es satt, mein Dasein nur zu konsumieren, und ich will mich keinem Produktionsprozess unterordnen, aber schreiben, das sollte ich mehr.

[…]

Anmerkung: Im ursprünglichen Text wurde das Album „Anarchie und Alltag“ als erstes kommerzielles Album der Antilopen Gang bezeichnet. Dies stimmt nicht. (Sorry).

"Die Herrschaft der Dummen ist unüberwindlich, weil es so viele sind, und ihre Stimmen zählen genau wie unsere." – Albert Einstein

Nehmen wir mal an, der Ausspruch ist authentisch und auch so zu verstehen, wie er sich hier darstellt. Nehmen wir an, Albert Einstein ist der Meinung, dass die Herrschaft der Dummen unüberwindlich ist, solange wir eine Stimmverteilung haben nach … Menschen.
Erstaunlich viele Menschen klagen über die „Dummheit“ der Massen. Kaum, dass man ein halbfreundliches Lächeln für diese Unfreundlichkeiten sich herausgezwungen hat, muss man es bereuen. Denn nun folgt, nach dem obligatorischen Zitat eines als „intelligent“ angesehenen Menschen, der oder die sich Dank bereits eingetretenem Tod nicht mehr mit derlei herumärgern muss – und deshalb auch nicht widersprechen kann -, ein Argument gegen die Gesellschaft. Man müsse Diktatur irgendeiner Elite durchsetzen, weil die Leute ja selbst zu dumm seien. Man müsse sie zu diesem oder jedem bewegen, weil dieses oder jenes. Weil die Dummheit unbegrenzt sei.
An der AfD sind nur die ganzen Hauptschüler*innen schuld. Scheiß Arbeitslose! Direkt verbieten, sowas! Seufz.
Mir wird schlecht, beim Gedanken an diesen Alltagszynismus. Im Durchschnitt sind die Leute weder dumm noch intelligent, sondern, nun ja, durchschnittlich halt. Selbstverständlich gibt es eine Menge Menschen, die aus deiner Sicht „dumm“ sind, und natürlich gibt es eine Menge, für die Du sehr dumm wirkst.
Aber die Dinge werden nicht besser, wenn weniger Leute mitreden dürfen. Und alles, was man bei Ausschluss von Vernichtungsphanasien in diese Aussagen interpretieren kann, wären Dinge wie Zusatzstimme für Physiker, oder Stimmenanteil nach Jahreseinkommen, oder kein Wahlrecht für Arbeitslose.
Dabei ist bei aller Kritik an den Blöden eine Lesart übersehbar: Vielleicht ging es nicht um ein „Weg mit den Dummen“, sondern hin zu einem Klarkommen mit sich selbst und der Welt. Vereinfacht gesagt: Wir werden die anderen Mehrheitlich immer als „dumm“ empfinden und selbst das Gefühl haben, dass wir durch deren Masse unterdrückt werden. Das wir in der Minderheit sind. Mit dem Gefühl müssen wir uns arrangieren. Dass es immer besser gehen würde. Dass wir immer eigentlich weiter wöllten, eigentlich nicht vollständig verstanden werden. Aber das ist kein Fehler der anderen, sondern ein Mangel in uns. Der Mangel in der Erkenntnis über die Welt und sich selbst.
[…]

Politics whatsupwiththat?

Wenn die FAZ Mathias Albert zur geringen Wahlbeteiligung in Studierendenparlamenten befragt, dann hätte dieser eigentlich nicht antworten sollen. 2500 junge Menschen zwischen 12 bis 25jährige werden bei der Shell Jugendstudie, an der Mathias maßgeblich beteiligt ist, befragt. Selbst wenn wir von einem hohen Anteil an Studierenden ausgehen in dieser Gruppe, so verteilen sich diese doch – idealerweise – so weit auf das Bundesgebiet und die 108 Universitäten in Deutschland, dass es kaum als repräsentativ missverstanden werden sollte. Die Probe ist, um diese Fragen zu beantworten, zu klein.
Aber gut, wir spekulieren und verallgemeinern. Mache ich jetzt auch.
Warum das Interesse an Hochschulpolitischem – oder zumindest den StuPa- und StuRa-Wahlen so gering ist -, begründet der „Jugendforscher“ mit mangelnder Zeit, mangelndem Interesse, mangelnder Zugänglichkeit (Digitalisierung!!!). Dabei spricht er aber auch einen Punkt an, den ich für viel Zentraler halte. Die Mangelnde Wirkmächtigkeit der studentischen Selbstverwaltung.
Der Studierendenschaft nämlich – wie bspw. in Baden-Württemberg – zuzugestehen, sich selbst zu organisieren, sich selbst eine Satzung usw. zu geben, und dies dann aber so restriktiv zu gestalten (bzw. so restriktiv auslegbar zu machen), bedeutet die Herabstufung von mündigen Erwachsenen auf Schülermitverwaltung. Toll, dass ich mitgestalten darf, aber überall wo es um etwas geht überstimmt ihr mich eh – oder der*die Rektor*in umgeht die Gremien einfach.
So wird Mitbestimmung zur Farce und die wenigen Aktiven, die dieses Theater zähneknirschend mitspielen, um zumindest das bisschen Mitbestimmung – ein Bestimmungchen – nicht auch zu verlieren, arbeiten sich dumm und dämlich.
Letztlich ist die Universität eine Diktatur von Gnaden des Ministeriums und der externen Geldgeber (in deren Hintern nicht nur Speläolog*innen Höhlensucher sind). Freiheit der Bildung, Freiheit der Lehrenden und der Lernenden, mein … egal.
Was letztlich bleibt sind freundschaftliche Beziehungen und das Gefühl, ein paar kleine Dinge verbessert zu haben. Aber bei der Fülle an Windmühlen weiß man schlicht nicht, gegen welche zuerst gekämpft werden soll.

Nazis klatschen … Beifall: Gewalt gegen Autos ist auch ganz schlimm.

[Früherer Entwurf hier]
Da ist sie wieder. Die alte Diskussion. Gewaltbereite Antifas, die kloppen gegen Repression und Nazis. Ein Aufkleber von Black Mosquito, mit einem Autonomen in schickem Schwarz, in der linken Hand eine Fliegenklatsche und vorm verhüllten Gesicht eine verspiegelte, rote Sonnenbrille. Das ganze mutet befremdlich an. Wie eine Zecke oder ein Insekt? Vielleicht. Einer, all jene klatschend, die sich von brauner Scheiße angezogen fühlen? Möglich. Jedenfalls offensichtlich nicht ernst gemeint. Darüber in roter Schrift: „Nazis klatschen“. (Völlig unzusammenhängend dazu Koljah: „Ich komm‘ mit Fliegenklatsche / Zu eurer Messerstecherei; ich bin der Herr der Fliegen“ („Antilopen Gang: Kunst“)).
Barbara, die wir für ihre … Street Art kollektiv lieb haben, spülte die Frage nach Gewaltverzicht wieder durch die Äther – diesmal auf Facebook. Und natürlich ist es legitim zu fragen, ob Gewalt angewendet werden darf oder nicht.
Meine Antwort wäre, mit viel Bauchgrummeln, ja.
Ich bin kein Freund von Gewalt. Das sagen wohl alle. Manchmal folgt darauf ein Aber, manchmal nicht. Eine Welt, in der durch friedliche Mittel des Widerstands, in der bunter und vielfältiger Protest die Welt besser zurücklässt, wäre wünschenswert. Kunst ist die erste Wahl. Ein kreativer, lautstarker, gewaltfreier Protest wäre erste Wahl.
Nur: Wo waren die Lichterketten, als Terrorist_innen auf unsere Mitbürger_innen losgingen? Wo waren die Pfeifkonzerte, wo waren die Plakate mit lustigem Twist, die auf Facebook tausendfach geteilt werden, als Kleinstbetriebe niedergebrannt wurden?
Kann ein bunter, lautstarker, kreativer und gewaltfreier Protest gegen Rechtsextremismus, der von einer breiten Mehrheit getragen wird nicht auch eine schlagkräftige Waffe sein?
Ja. Und zu diesem bunten, lautstarken, kreativen Protest gehören auch bunte, lautstarke und kreative Aufkleber mit, wenn man sie wörtlich nimmt, vielleicht missverständlichen Aussagen. Zum bunten, lautstarken, kreativen Protest gehören mutige Parolen. Wenn die „breite Mehrheit“ grad nicht da ist oder schon überlegt, wie man unauffällig mit der AfD kuscheln kann, und die Polizei gerade mit … Aktenschreddern Kätzchen streicheln (Denn: All cats are beautiful.) abgelenkt sind, dann muss es Menschen geben, die schlimmstes verhindern. Die – als unentgeltlichen Service – deine und meine Umgebung nazifrei halten. Vielleicht lassen sich viele davon nicht darauf ein die „freiheitlich demokratische Grundordnung“ zu beschützen, weil sie diese bereits als kaputt oder fehlerhaft ansehen. Was sie aber beschützen – teilweise vor realen Gefahren, teilweise vor eingebildeten – sind Menschen.
Autonome, die „Nazis aufs Maul“ skandieren, sind die mutige Antilope, die die (unterlegenen aber nicht ungefährlichen) Löwen von der Herde weglocken. „Nazis klatschen“ ist der Artikel 20 Satz 4 des Grundgesetzes in praktizierter Form. Mehr noch: Wo die rechtlichen Grundsätze – gleich vor dem Gesetz, Würde, usw. – es nicht erlauben, ein Arschloch wie ein Arschloch zu behandeln, greifen Autonome beherzt ein und riskieren dabei massive Sanktionen für sich selbst. Sie sind eine Art antikapitalistischer Batman.
Andererseits hat Barbara Recht. Denn brennende Mülltonnen sind – im Gegensatz etwa zu brennenden Asylunterkünften – schlechte PR. Angestauter Frust, der sich auch gegen Repressionen richtet und dabei Eigentum von Dritten zerstört, und natürlich die Übergriffe auf völlig friedliche Polizisten, tuen der „guten Sache“ schlechtes. Und so, wie ich mich hier weigere, mich von gewaltsamen Protesten zu entsolidarisieren, weil es Menschen sind, so könnten auch Rechtsradikale ihre Gewalt gegen „Überfremdung“ und den Horror vaccui zwischen ihren Ohren, den sie sich mit Kot aufgefüllt haben, rechtfertigen. Also lieber „Gewalt ist Mist, egal wer es ist“? Und erstmal alle Scheiße finden, die nicht mindestens so gewaltfrei sind wie Beate Zschäpe? Katzenstreicheln und so? Aber nur ganz sanft, sonst tut das den Zecken weh.
Lieber Antifa vorm Haus als der Nazis im Dorf.
Die Sache ist nämlich die: Polizei, Staat und Demokratie können Steine und Mollis aushalten, die auf sie geworfen werden, können die harsche Kritik ertragen und es besser machen. Die Demokratie übersteht das alles. Sie kann und muss wehrhaft sein, damit es ihre Bürger nicht sein müssen. Aber die einzelnen Menschen, auf die Nazis einprügeln wollen, die ertragen keine Steine und Schläge. Die ertragen nur unsere Hilfe. Dass diese manchmal auch radikaler sein muss, als dass ich damit gut schlafen kann, ist etwas, womit man leben muss.
Schlimmer wäre es aber, damit zu leben, wenn niemand geholfen hätte.
(Wie so so unglaublich oft.)
Ergänzung:
Oder wird er oder sie [der_die Nazi] sich dadurch vielleicht noch mehr radikalisieren und noch mehr Hass aufstauen, den er oder sie dann an Ausländern, Linken, Homosexuellen oder Geflüchteten oder sonstwem rauslässt?
Das ist eine ganz heikle Vorstellung. Denn sie unterstellt, dass der Widerstand gegen Nazis diese radikalisiere, und somit Menschen, die sich gegen Nazis wehren, eine (Mit)Schuld an deren Radikalisierung tragen, oder kurz: Wegen der Antifa gibt’s so viele Nazis!!!1
Man muss also nur die ganzen, pösen Antifanten endlich einsperren, dann gibt es auch keine doofen Nazis mehr!!!11 …. I can’t even
Öhm. Gegenthese: Jeder Nazi, der damit beschäftigt ist, vor einem autonomen, gewaltbereiten Linksradikalen wegzulaufen, hat keine Zeit eine Homosexuelle zu misshandeln.
Und warum ich mich jetzt vor steinewerfenden Autonomen distanzieren muss, aber die SPD nicht von Kriegseinsätzen und Waffenlieferungen in alle Welt, verstehe ich auch nicht. Obwohl: Die SPD hat das tatsächlich unterstützt. Ich will nur keinem Menschen vorschreiben, wie sie_er seine Umwelt gemeinsam mit anderen gestalten möchte – außer, es schränkt andere darin, dies ebenso zu tun.

AfNeee…

Eigentlich hatte ich gedacht, Baden-Württemberg hätte nach dem Ausscheiden der REP 2001 endlich populistischen Rechtsextremismus aus dem Landtag ausgeschwitzt. Aber kaum schaut man mal nicht so genau hin, steht da schon wieder der Braune Mob. Diesmal blau und angeblich eine „Alternative“.
Auch Frau Angstmann-Koch scheint nicht gerade happy darüber zu sein und sucht die Gründe dafür in der „Flüchtlingsdebatte“, erwähnt dann aber auch Pegida, „Demo für alle“ (von deren Besuch mich bisher immer die Polizei abhielt, weil ich „links aussehe“) und noch einiges mehr. Die AfD greift nicht nur Flüchtlinge an, sie versucht auch einen Keil zu imaginieren zwischen Christen und Nicht-Christen, zwischen Hetero- und Nicht-Heterosexuellen, zwischen Freier Wissenschaft und reiner Wirtschaftsorientierung.
Wenn sie mit Kreide im Mund gegen Flüchtlinge hetzt, wenn sie Eltern Kinder abspricht, weil sie homosexuell sind und Kindern Wissen vorerhalten will, dann offenbart sie sich nicht nur als rechtspopulistisch, rassistisch oder homohob. Nein, diese Partei ist grundgesetzfeindlich. Sie lehnt die Gleichbehandlung aller Geschlechter ab. Sie lehnt vielfältige, bunte Familien ab. Sie lehnt die Freiheit der Forschung ab.
Zwei Wochen vor der Landtagswahl werden sie wieder demonstrieren. Gegen jeden von uns. Wenn erst einmal eine Minderheit ihrer natürlichen Rechte beraubt worden ist, dann ist damit dem Hass Tür und Tor geöffnet.