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Eine der großen Vorwürfe, die gegen schriftliches Gendern mit Stern (Leser*innen) oder Unterstrich (Lehrer_innen) genannt werden, ist, wie diese in manchen Fällen ungrammatikalisch werden würden. Das stimmt, solange wir annehmen, dass hier eine gendernde Endung lediglich angefügt wird.
Dabei handelt es sich bei Endungen wie _innen, *in, usw. nicht wie bei Beidnennung (Lehrer und Lehrerinnen) oder Trennstrich (Bullshitter/in) bzw. Binnen-I (AutorIn) um eine Beidnennung von zwei Geschlechtern. Viel mehr sind dies (eine Art von) Ligaturen, die für ein Konzept stehen. Einzahl- oder Mehrzahl an Menschen, deren Geschlecht und Gender für uns nicht entscheidend ist.
_innen und *innen stehen also für mehr, als dort eigentlich sichtbar ist. Die ursprüngliche Bedeutung, die Entstehungsgeschichte, sieht man diesen Ligaturen noch recht gut an. Ich bin gespannt, wie sie sich weiterentwickeln werden und ob sie in anderer Sprachräumen verwendbar sein könnten.
Angemessen erscheint mir der Vergleich zum Und-Symbol „&“ (auch: Ampersand-Symbol). Dies entstand zunächst als Ligatur aus e und t, et, welches im Lateinischen „und“ heißt. Im Deutschen sollte es eigentlich nur in Firmenbezeichnungen verwendet werden. Sonst schreibt man „und“ bzw. die Abkürzung „u.“. Ist das so? Wie oft hast du diese Woche schon „&“ verwendet, obwohl du keinen Firmennamen geschrieben hast.
Ähnlich verhält es sich mit _innen & *innen. Eigentlich sind diese für einen wissenschaftlichen Zusammenhang gedacht, in dem man sich möglichst klar ausdrücken möchte. Doch Menschen verwenden diese ‚Ligatur‘ – oder zumindest sollte es als solche betrachtet werden – inzwischen auch im Alltag. Da, wo unsere Zeichen bisher nicht ausreichen, bedienen wir uns anderem, um uns klar – so klar wir es eben möchten – auszudrücken.
[…]

Homophobe Vollidioten gehen bitte nach Hause jetzt (2)

[Verfasst 21. Mai 2015. Hier geschilderte Sachverhalte sind möglicherweise nicht mehr richtig.]
Bitte verschwende deine Zeit nicht mit diesem Blogeintrag. Lies stattdessen bei Kontext über die #demofalle und das Verhältnis von Kirche und sexueller Vielfalt. Danke für die Aufmerksamkeit.

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Am 21. Juni 2015 gehen die „Wir sind nicht homophob, aber“-Leute wieder in Stuttgart demonstrieren. Auf deren WordPress-Blog wird dazu aufgerufen (Anonym.to-Link) und man weiß gar nicht so recht, was man davon halten soll. Die „totale ideologische Beeinflussung unserer Kinder und unserer Gesellschaft“ soll hier gestoppt werden. Mit dabei sind traditionell völlig ideologiefreie Gruppen wie die AfD, die örtliche CDU und ein paar versprengte radikale Christen, die bei persönlichem Gespräch erklären, Homosexualität sei durch Dämonen verursacht. Oh, und natürlich Kelle, von Storch, von Beverfoerde … Seufz.
Natürlich besteht die Möglichkeit, dass ich mich irre. Dass, wenn wir erlauben, dass gesagt werden darf, dass Schwule (auch) Menschen sind, und das womöglich zu Kindern, dass dann die Nazis auf Dinosauriern durch die Straßen reiten und die Hölle sich auftut. Das ist möglich, und ich will nicht ausschließen, dass die #demofalle recht hat, und ich in der nachdenklichen Gegnerschaft dazu und – vielleicht – mit Trillerpfeife und Plakat hinter der Polizeimauer, unrecht. Wie sollte ich das auch ausschließen. Und natürlich haben Bildungsplan und der Maßnahmenkatalog für „Akzeptanz und gleiche Rechte Baden Württemberg“ Mängel. So ist das, wenn viele Menschen an etwas mitarbeiten und viel damit erreichen wollen. Das heißt aber, das wir an den Mängeln weiterarbeiten müssen, und nicht einfach fordern, dass wir zurück ins Mittelalter gehen (Oh. Polemik. Verzeihung.). Am grundsätzlichen Ziel ändert das nichts.
Natürlich ist das ganze schwer problematisch. Bildungsplangegner_innen, die auf Mängel hinweisen, tun dies möglicherweise, weil sie sich nicht (mehr) trauen, öffentlich die Ziele dahinter zu kritisieren hassen. Die Gegner_innen der mutmaßlich Homophoben verteidigen nun einen Bildungs- bzw. Aktionsplan, hinter dem sie oftmals nicht voll stehen können. Eine Verbesserung der Lage ist so für niemand_e hergestellt und jede_r Demonstrat_in auf diesem Platz fühlt sich wie eine weitere Ohrfeige an. Dabei will ich nur in Frieden leben können.
Aber selbst gläubige Christen, die ich mit offenen Armen empfangen möchte, können nicht wirklich etwas gegen die Gleichstellung und Sichtbarmachung von Homosexualität haben. Einerseits ist der ganze ‚Schwulenhass‘ der Bibel… nun ja… missgedeutet (Prof. Dr. Siegfried Zimmer erklärt hier sehr verständlich, dass in der Bibel keine Aufrufe zu homophobem steht).
Überhaupt stehen da ganz interessante Sachen drin, z.B.:

„Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Jesus Christus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt eins in Christus Jesus.“
Galater 3, 26-28

Oh? Kann man jetzt natürlich unterschiedlich auslegen, aber ich würde das mal als „vor Gott sind alle gleich“ deuten. Warum dann weiter fordern, dass Homosexualität bitte verschwiegen werden soll? Also, so als Christ meine ich jetzt? Oder anders: Wenn ich in einer Partei bin, weil sie Christlich ist, dann muss ich Nächstenliebe auch leben. Punkt.
Es drängt sich doch der Eindruck auf, dass es hier nicht um Glauben oder Sexuelle Vielfalt oder die Aufklärung von Kindern geht. Viel mehr habe ich den Eindruck: Das ist Wahlkampf. Nicht mehr, nicht weniger. Und mit „Der Gegner will unsere Kinder mit Dildos misshandeln!!!1111“ lassen sich mehr Leute an Urnen holen als mit langweiligen, sachlichen und ergebnisoffenen Beerdigungen.
Aber ich kann mich auch irren.
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Alle Räder stehen still, wenn deine Mutter es will.

Es gibt keine Arbeiter mehr. Die Hebelwirkung, die ein Streik der Arbeiterschaft auf die Wirtschaft gehabt hatte, ist verloren gegangen. Heute laufen die Maschinen automatisch, und für jede_n Programmierer_in, für jede_n Einräumer_in im Supermarkt, für jede studentische Hilfskraft, für alle stehen schon dutzend andere bereit. Arbeiterparteien gibt es nicht mehr, und die Lieder ihrer Bewegung klingen abgestanden wie der alte Wein, dessen Weinstein mir in den Zähnen steckt.
Mir der Arbeiterbewegung können wir keine Revolution mehr machen. Mit den Soldaten will ich keine Revolution machen. Und die Studenten demonstrieren nur, wenn es dafür ECTS-Punkte gibt. Wer soll die Welt also noch retten?
Nur die Befreiung der Frau, die revolutionäre Befreiung der Frau, kann die gesellschaftlichen Verhältnisse nachhaltig ändern. Denn die Welt des Patriarchats stürzt, wenn eure starken Schultern es nicht mehr stützen. Frauen haben die Möglichkeit und das Recht, so wie einst die Arbeiterklasse, die Verhältnisse umzustürzen. Zu unser aller Gunsten.
Ein Ende der Diskriminierung auf Grund von Geschlecht, Gender, Sexualität, Herkunft, Religion, Rasse, Hautfarbe, … ist möglich! Und Feministinnen und Feministen – also alle, die an Menschenwürde und -rechte glauben – haben es in ihrer Hand. Wir sind viele und wir können die Zustände nachhaltig ändern, wenn wir es nur wollen.
Ich warne eindringlich davor, sich in Definitionen zu verlieren. Natürlich kann man auch sagen, man sei, weil man an Menschenrechte und Wiederstand glaube, Antifaschist_in oder Kommunist_in, Sozialist_in oder Demokrat_in, man sei Anarchist_in oder Revolutionär_in oder Weltbürger_in oder irgendwas anderes. Es geht aber letztlich darum, dass es uns um das selbe Ziel geht: Die bessere Welt für alle. Und es reicht nicht, dass wir alleine für unser Ziel arbeiten, dass wir andere kritisieren, weil sie mit ihren Forderungen nicht weit genug gehen oder ähnliches: Wir können unser Ziel alleine nicht erreichen, wir brauchen alle, damit es für alle besser wird.

Homophobe Vollidioten gehen bitte nach Hause jetzt (1)

Da steht sie nun. Die Kelle. Sie sagt, sie sei für Vielfalt, vor allem für Meinungsvielfalt. Und dass es eine Schande wäre, wenn man „Eltern die für ihr Recht kämpfen ihre Kinder nach ihren eigenen Wertvorstellungen noch großziehen zu dürfen“ in Stuttgart mit Polizei schützen müsse. Mein Eindruck, nachdem ich mir viel zu viel der Berichte und Videos dieses Demosamstags vor zwei Wochen (21.03.) ansah, viel zu viele Kommentare las und mich viel zu ernsthaft mit allen „Argumente“ auseinanderzusetzen versuchte, die von allen Seiten kamen, dass hier nicht diese Eltern geschützt werden sollen. Wenn die Polizei diese „Demo für alle“ – bei der wohl nicht alle willkommen sind – umstellt, dann habe ich das Gefühl, dass sie eher den Rest der Gesellschaft zu schützen versuchen. Den Infektionsherd einer unsere Gemeinschaft zerstörenden Idee einkesseln, damit er nicht auch den Rest der Menschen befällt. Aber, vielleicht irre ich mich auch. Vielleicht muss die Mehrheit vor diesen omnipräsenten, aggressiven und intoleranten LSBTTIQ-Leuten geschützt werden, die jeden Tag 10 der 15 Minuten Tagesschau mit ihrer Propaganda füllen, jeden Sonntag Liveübertragungen ihrer
‚ideologischen‘ Veranstaltungen in den öffentlich-rechtlichen haben, die massiv von Steuergeldern finanziert werden, usw. usf. Ja, man muss wirklich Angst vor diesen Leuten haben, so als unterdrückte Mehrheit. … Oh, das war sarkastisch. Verzeihung.
Leider konnte ich selbst nicht dabei sein. Alvar Freude hat über zwei Stunden lang Menschen auf der „Demo für alle“ interviewt und das ganze ungekürzt auf YouTube gestellt. Wenn Birgit Kelle fordert „Hier sind wir, liebe Landesregierung, wir wollen uns beteiligen“, dann bekommt das schon ein Geschmäckle, weil Alvar an so vielen Menschen vorbei geht, die kein Wort zu ihm sagen wollen. Ist das die Schweigende Mehrheit? Die Menschen, die doch etwas sagen, scheinen allerhand Gruselgeschichten zu glauben. Dass im Kindergarten Pornos gezeigt werden und in der Schule der Umgang mit Dildos geübt würde. Das mein Kind umerzogen wird. An etwas glauben muss, weil die Landesregierung das so will. ‚Nein‘, erregen sich da diese Eltern, die ihre teils noch kleinen Kinder auf eine Demonstration mit Polizeischutz nehmen und mehrere Stunden lang im Kessel stehen lassen, ‚was mein Kind denkt oder ist entscheide immer noch ich!‘ [Kein wörtliches Zitat].
Dabei übernimmt die Schule einen Teil der Erziehungsverantwortung. Wir als Gesellschaft haben uns auf Dinge geeinigt, die wir wollen. Umweltschutz, Mathematik, Physik, Chemie, Deutsch, Fremdsprachen, Sport, dass niemand ausgeschlossen oder leid erfahren muss, dass es besser wird. Zu glauben, dass man Physik völlig durchdringen kann, ohne mal im Sport einen Ball geworfen zu haben, oder dass man Mathematik verstehen kann, ohne die Textaufgaben – Deutsch? – zu verstehen, das erschließt sich mir nicht. Es gibt mehr als einen Lehrervortrag. Junge Menschen sollen die Welt und sich (darin) entdecken und verstehen lernen. Sollen ihre Macht erkennen, wie sie sich und die Welt verändern können. Sowohl zum Guten wie zum Schlechten. Kindern beizubringen, dass jede_r einen Körper hat, und dass man Respekt haben sollte vor anderen.
Wer darin den Untergang des Abendlandes sieht – oder sein Kind unverhältnismäßig aus der elterlichen Verantwortung gestohlen fühlt -, der_die … stört sich vielleicht auch an der Vermittlung von Mathematik oder wünscht sich, dass wie in Teilen der USA Sexualkundeuntericht nur noch aus „Bleibt enthaltsam!!“ besteht. Das mag ein Interesse sein – vielleicht auch eines, das „auf die Straße“ getragen werden kann -, aber es erscheint mir nicht wie eines, welches im Diskurs vorkommen kann. Weil durch Ausschluss des Wahnsinns und den Willen zur Wahrheit (Focault) ‚Argumente‘ wie ‚Homosexualität ist eine Erfindung des Teufels um uns vom rechten Pfad abzubringen‘ … nun… innerhalb eines säkularisierten Staates nicht ernst genommen werden müssen können. Menschen, die das Handeln ihrer Mitmenschen für das Werk von ‚Dämonen‘ halten, und deren Anführer_innen sich beschweren, nicht gehört zu werden… uff… Ihr macht mich hoffnungsvoll frustriert.
Ja, die Kritik der Bildungsplangegner_innen, so unsinnig mir vieles davon erscheinen mag, muss geäußert werden dürfen. Vielleicht muss sie sogar gehört werden, damit wir in unseren Cafés und unter den kuscheligen Decken merken, wie menschenfeindlich diese Welt da draußen noch ist – und wie aktiv manche daran arbeiten, sie noch Menschenfeindlicher zu machen. Aber gehört werden heißt nicht, dass man diesen Vorschlägen folgen muss. Die Kritik wird gehört. Der Bildungsplan, wie er diskutiert wurde, wird nicht so kommen. Das „aber“ hinter „Wir sind für Toleranz“ wurde erfolgreich verteidigt. Danke schön, „Demo f’alle“.
Für Betroffene, jene die verfolgt wurden und teilweise immer noch werden, für jene, die sich selbst nicht annehmen können wie sie sind, weil ihre Umgebung sie nicht annehmen kann, wie sie sind; für all jene, die jeden Tag mit Rassismus, Homo- und Transphobie zu kämpfen haben; jene, die den Kampf aufgeben und sich lieber das Leben nehmen… für all diese – und auch für mich, der ich zugleich von Dutzenden Privilegien profitiere (cis, weiß, männlich, ‚Mittelschicht‘,…) und dabei mithelfen möchte diese (also auch meine) abzubauen – ist jeder Demonstrant und jede Demonstrantin, dort, auf diesem Platz, eine weitere Ohrfeige.
Natürlich dürfen keine Privilegien daraus erwachsen, trans*, weiblich, lesbisch, schwul, queer, *** usw. zu sein, eben so wenig, wie man Privilegien erhalten sollte, weil man Christ ist, oder in einer bestimmten Partei, oder männlich, weiß, etc. pp.
Kinder zu sagen, „Ich mag Erbeereiscreme lieber, aber wenn du gerne Vanille magst, dann ist das auch völlig ok“ müsste doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.
[…]
Birgit Kelle sagt in ihrer Rede, die ich auszugsweise transkribiert habe, die „Gender-Ideologen“ würden sie – also die „Demo für alle“-Alle – denunzieren. Auf der Webseite der Demo-Veranstalter wird dann – wie es sich in einer demokratischen Gesellschaft gehört -, der Aktionsplan »Für Akzeptanz & gleiche Rechte Baden-Württemberg« als ein „Umerziehungsprogramm der LSBTTIQ-Community für Baden-Württemberg“ bezeichnet. Offensichtlich kein Denunzieren. Daraus wird dann auch munter zitiert. So sei geplant „Zuschüsse für Hochschulen, die ein „veraltetes Menschenbild“ lehren, [zu] kürzen oder [zu] streichen“. Eine Hochschule, die widerlegte Theorien aus dem Mittelalter als aktuellen Forschungsstand – am besten noch als unwiderlegbar – lehrt, sollte also ebenso gefördert werden, wie jene, die zu einer vielfältigen Gesellschaft und Wissenschaft beitragen? Das ist in etwa so, als würde man sich beschweren, wenn Sekten keinen Anteil an der Kirchensteuer erhalten.
Forschung und Lehre müssen frei sein, ja, aber nicht frei sein von Forschung und Lehre.
[…]
An dieser Stelle muss ich diesen Text abbrechen. Nicht, weil ich glaube, dass er fertig sei, sondern weil ich weiß, wie fertig ich mich fühle. Dieses Thema, so wichtig es mir ist – und so wichtig es objektiv ist -, zerfrisst mich. Der Hass auf Fremde, Freunde und liebende Menschen, setzt sich als schwarzer Tumor in meine Seele. Und jedes Wort, dass ich dazu lese, lässt ihn wachsen.
Wir müssen besser sein als dieser Hass. Uns nicht unterkriegen lassen. Lesen, bilden, alles verändern wenn wir es verändern, nicht aufhören uns zu erklären und zu hinterfragen.
„Homophobe Vollidioten gehen bitte nach Hause jetzt (1)“ weiterlesen

Warum schreit ihr laut nach Arbeit, warum nicht nach Hängematten? (312)

[Inhaltswarnung: Generisches Femininum. Im folgenden verwende ich – unabhängig davon, ob sinnvoll oder nicht – feminine Formen. Auch bei Einzelpersonen. Daher wurde auch die Ich-Erzählerin feminisiert. Mal schauen, ob das inhaltlich etwas ändert oder den Lesefluss stört (Gerne kommentieren).]
Was willst du mal sein, wenn du groß bist? Nützlich. Klug, hilfreich, glücklich… sowas. Nicht „Feuerwehrfrau“ oder „Bauarbeiterin“. Das sind tolle Berufe, aber es ist nicht das, was ich sein will; was ich werden will. Ich will mich – und darf und kann mich – nicht allein über meine Arbeit definieren.
Natürlich gibt es Kontexte, in denen ich als „Studentin“ wahrgenommen werde, oder jene angenehmen Kontexte, in denen ich ein „Freundin“ bin oder „Bloggerin“. Oft werde ich auch als „Arbeitskraft“, wenn auch nur helfend, erkannt. Es gibt Kontexte, wo man mich soundso sieht. Und welche, in denen man mich anders sieht. Jetzt aber zu glauben, dass ich mich am besten organisieren kann mit jenen, die ebenfalls studieren, oder ebenfalls arbeiten, die ebenfalls diese oder jene politische Idee haben, das erscheint mir doch erstmal unsinnig. Warum die Welt zu verändern versuchen, mit Leuten, die ich nur so halb leiden kann?
Wenn Gewerkschafterinnen von „Kolleginnen und Kollegen“ sprechen, dann glaube ich, dass sie damit etwas anderes ausdrücken. In diesem Moment, und in diesem Kontext, behandele ich als Gewerkschafterin meine „Kolleginnen und Kollegen“ als Freundinnen. Mit jenen kann ich die Welt verändern. Wenn ich das will.
Ist dieses Annehmen, dass man von Freundinnen umgeben ist, diese naive oder optimistische Utopie, nur am Arbeitsplatz möglich? Und was mache ich, wenn ich meine politische Aktivität daran kette? Gebe ich damit meiner Arbeitgeberin – oder eher: Arbeitskraftnehmerin – nicht ein ungeheures Druckmittel in die Hand? Ohne, dass dies notwendig wäre? Bin ich nicht auch, wenn ich gefeuert werde, noch ein Freundin unter Freundinnen? Solidarität, ja ja, bla blah. Mir der Drohung im Rücken, den ‚Arbeitsuchenden Genossinnen‘, denen ich gerade noch solidarisch sein wollte, bald Gesellschaft leisten zu dürfen, ist es schnell aus mit der Solidarität. Auch, weil ich ohne Not meinen „Chefinnen“, meinen Dozentinnen usw. ein Druckmittel in die Hand gegeben habe.
Vielleicht organisiert man sich besser mit Menschen, von denen man annimmt, dass man sie mag oder mögen könnte. Egal, ob sie nun Kolleginnen, Arbeiterinnen, Gläubige, Nachbarinnen, Mitstudentinnen, usw. usf. sind. Es kämpft sich am besten mit und für Freundinnen.
Jedenfalls lehne ich es ab, mich allein über meinen Job zu definieren. Oder Haushalt, Namen, Kinder, etc. Ich bin mehr wert und die Zukunft der Arbeit ist bunt und sinnvoller und kürzer. Vor allem wird sie uns nicht mehr in Geiselinnenhaft nehmen können, wenn wir akzeptieren, dass wir Menschen sind, und nicht nur unsere verkäufliche Arbeitskraft.