Wir brauchen mehr politische Katzenvideos!

(Titel zitiert nach einem Tweet von René)
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Unsere Sprache ist verloren. Nazis machen sich in Montagsdemos montäglichen Demonstrationen breit, Demokratiefeinde ziehen ins Parlament ein, die Sozialdemokraten haben uns verraten (again), die NSA überwacht uns wie ein_e verrückte_r Ex-Freund_in, überall nur Phrasen und was wir glaubten zu wissen wird verändert und verwaschen und the Bullshit is rising – again.
Eine ganze Generation interessiert sich nicht mehr für Politik, wohl, weil es umgekehrt auch so ist. Die Kinder unserer Eltern sind in keinen Krieg gezogen, aber auf dem Schlachtfeld Arbeitsmarkt mussten sie überleben. Sie haben keine Panzersperren errichtet und Gräben gebuddelt, aber sehen müssen, wie ihre Firewall einbricht gegen die Übermacht eines fremden – und des eigenen – Staats. Die, die heute ihren Schulabschluss machen, wissen gar nicht mehr wie es vorher war. Sagen, wenn wir gegen Hartz IV aufstehen, ob man die Arbeitslosen den verhungern lassen solle? Wir können die Mario Barths, die Schlecky Silbereisens, die heftig.co’s und Facebook-Nasen nicht einfach Französische-Revolution-Style beseitigen, denn das hat damals schon nicht viel genützt.
Nein. Wir müssen in das Dumme eindringen, den Bullshit übernehmen und ihm Inhalt geben. Wir brauchen wieder Märchen, die zeigen, wie Leben sein soll und kann. Wir übernehmen die Sprache, die Botschaften. Die Menschen müssen wieder begreifen, dass es Gerechtigkeit gibt, wenn wir sie geben und fordern. Und dass es mir nicht gut geht, wenn es meinem Nachbarn dreckig geht. Wir brauchen Vorbilder, die sich nicht an gewerblichem Erfolg, sondern an moralischer Größe messen lassen. Wir müssen das Game übernehmen – und ja, du hast gerade verloren.
Katzenvideos müssen politisch werden. Nicht so, dass es niemand versteht, nicht inhaltsleer und unverständlich, sondern so, dass wir die Menschen da abholen, wo sie sind. Wir brauchen Pornos über Frauenrechte und mehr Videos von Thilo Jung.
Und ich erkläre hiermit alle lustigen Katzenvideos zur politischen Botschaften. Wir werden rausgehen und „Oh long Johnson“ rufen, weil unsere alten Parolen niemand mehr hören will. Weil „Hoch mit der internationalen Solidarität“ so alt klingt und „Schwerter zu Pflugscharen“ niemand mehr versteht. Während wir mit den alten Mittel nichts erreicht haben und Stück für Stück alte Errungenschaften verlieren, kopieren unsere Gegner_innen das letzte, womit wir erfolgreich waren. Und die breite Masse versumpft vor Bildschirmen. Wir holen niemand raus auf die Straße mit den Mitteln, die schon seit Jahren nicht mehr ziehen.
Kurz gesagt:
Raus mit dem Bullshit. Rein mit den Katzenvideos.

Niemand liest dein Blog und das ist auch gut so.

Gerade erbricht sich wieder einer dieser heftig-Links in meinen Wahrnehmungsstream. Es ist ein sechs Jahre altes Video einer Frau, deren Katze ihr beim Zähneputzen auf den Kopf springt. Also die Frau putzt sich die Zähne, nicht die Katze. Vermutlich ist die Katze schon tot. Oder die Zahnbürste ist kaputt. In jedem Fall zeigt das Video eine längst vergangene Zeit. Eine Zeit, als man sein Kind vom Zahnarzt abholte und filmte. (Wie hieß das noch? Jay after Dentist? Oder David? Conan? Jon? Jimmy? Jag vet inte! (Auflösung am Ende)) Eine Zeit, als noch nicht alle Smartphones hatten und alles immer always on war.
Wenn ich heute meiner Arbeit nachgehe, dann sehe ich überall Menschen aller Altersstufen, die auf solchen Vollbildschirmtelefonen herumdrücken. Menschen geschätzt Mitte 50 bleiben mitten im Weg stehen, und drücken mit dem Zeigefinger auf einen Bildschirm, so, wie wir als Kinder die Buchstaben auf einer Tastatur gesucht und gehämmert hatten. Auch mein Vater hat inzwischen eines dieser Geräte, und ich weiß nicht, ob ich das gut finde (vor allem, weil er ein besseres hat als ich und es dann nur für „Wetter und so“ nutzt (Neiddebatte)).
Damit drängt eine Masse ins Internet – und das ist ja eigentlich positiv -, die das früher für öde und doof und nerdig hielten. Vielleicht, denke ich manchmal, bin ich mit meinen Problemchen mit Verschlüsselungen und all dem auch einer dieser Leute, die ich äußerlich verachte, dafür, dass sie uralte Videos teilen, „hihi“ dazu posten und mit ihren frischgeborenen Kindern/Enkeln/Nachbarskindern auf Facebookfotos posieren. Erst kürzlich postete ich ein altes Katzenvideo von Reddit, ohne zu wissen, wie prähistorisch es schon war. Aber die anderen, rede ich mir ein, sind schlimmer. Mit ihrem Dialektschreiben und natürlich wechseln sie alle zur WM zu plumpem Nationalstolz und natürlich singen sie alle dumme Lieder und sagen, „och, mich stört nicht wenn mich der Staat überwacht“ und sie liken langweilige Statusmeldungen und diskutieren mit halben Wörtern und verwenden nur Smilies. Deine Mutter teilt lustige Katzenvideos von heftigtonpost und scheißt auf Netzneutralität und Freiheit und will, dass Kinderschänder die Todesstafe erhalten.
Das Internet ist nicht nur vielschichtiger geworden, es ist konservativ, verschwörungstheoretischer, dümmer und redundanter geworden (ja, diesen Blogpost hatte ich schon einmal geschrieben). Und weil die Masse der Leute, mit denen ich eigentlich nicht so viel zu tun haben will, weil es so anstrengend ist, nett zu ihnen zu sein, obwohl sie so menschenverachtend und entwürdigend sind, so nationalverliebt und denkfaul und rechthaberisch (ganz im Gegensatz zu mir ;)) und ausweichend, deshalb macht es in letzter Zeit so wenig Spaß das Internet zu nutzen. Was wir machen sind Rückzugsgefechte und Ideologische Grundsatzdiskussionen. Und ich liebe das, aber zugleich weiß ich tief drin, dass Netzpolitik mit der Masse nicht funktioniert. Weil statt der Bildzeitung, Spiegel und der Tagesschau nun bild.de, SPON und heftigton-facebook-clickbait-shit von Gedanken befreit. Es ist nichts besser geworden durch die „digitale Revolution“ oder das „Web 2.0“ oder wie auch immer irgendwelche Spinner das nun nennen. Die Akteure haben sich nicht geändert. Wir sind immer noch wir, die sind immer noch die. Und auch wenn sie jetzt auf unserem Spielplatz spielen („Ich war aber fünf Minuten vor dir da!!“), heißt das nicht, dass wir nun weniger belächelt werden würden oder auch nur eine Sekunde Einfluss hätten.
Eher noch pinkeln sie uns in den Sand oder lachen uns aus, weil wir einen Spanner in den Büschen gesehen haben. Und nun sitze ich auf der selben Bank wie seit Jahren und erzähle den selben Leuten wie seit Jahren die selben Geschichten wie seit Jahren. (Und ich liebe das.)
Aber ich sehe das positiv: Dass die neuen Nachbarn nicht auf einen Kaffee vorbei kommen bedeutet auch, dass ich kein Interesse heucheln muss. Und das ist zumindest ein Erfolg dessen, im Internet der heftigen Verblödung keine relevante Reichweite zu erreichen. Und überhaupt: Nerede çokluk, orada bokluk.
Auflösung: Es war David after Dentist (klick). Die genannten Namen waren bekannte amerikanische Moderatoren von Late-Night-Sendungen, nämlich: Jay Leno, David Letterman, Conan O’Brien, Jon Stewart und Jimmy Fallon.)

Datensicherung in Zeiten der Totalüberwachung.

Ich nutze meinen jetzigen Computer seit mindestens 6 Jahren. Dazu wechselnde Mobiltelefone mit steigenden Fähigkeiten. Viele Service, viele Informationen, viele Accounts nutze ich schon seit nunmehr 10 Jahren – damals war ich vierzehn und hoffnungslos naiv -, von vielen Accounts weiß ich gar nicht mehr, dass sie existieren.

Macbook

Als ich anfing mit Computern zu arbeiten lautete das Mantra meiner Lehrer, Eltern und PC-Fachleute: Datensichern, datensichern, datensichern. Meine Vorstellung von Computernutzung war: Was wichtig ist, kopiere ich auf möglichst viele Festplatten, sichere x in y ab und umgekehrt. Überhaupt, wenn ich die Möglichkeit habe, Daten extern zu sichern, dann tue ich das. Die Hardware war die Schwachstelle.
Damit war ich nicht allein. Auch meine Freunde sicherten alles kreuz und quer. Ein Freund hatte vier externe Festplatten mit gegenseitigen Backups voneinander. Was da abgesichert wurde konnte er mir nicht sagen – vermutlich unwichtiges Zeugs -, aber irgendwie fühlte er sich besser. Was Datensicherungen angeht wurde unsere Generation zum Messi-Dasein erzogen. Wir verteilen, vervielfältigen, sichern unsere Sicherungen, im Glauben, damit irgendwas retten zu können und sorgen so nur für eine Fragmentierung unseres digitalen Lebens. (vgl.)
Inzwischen sind beinahe alle Bildschirme nur ein Fenster ins Internet. Wo meine Daten liegen, weiß ich nicht genau. Kann ich gar nicht genau wissen. Was ich auf dem Computer außerhalb des Browsers nutze ist meist aus dem Internet geladen, was nicht von dort stammt, dessen Kaufort wurde gegoogelt. Ein Häckchen mehr oder weniger an einer Stelle, an der man direkt einsteigen möchte und nicht sich lange über Datensparsamkeit und Vertrauenswürdigkeit von Quellen den Kopf zerbrechen will, kann den Unterschied ausmachen zwischen meine Daten sind im Zweifelfall weg oder abgesichert, aber auch zwischen meine Daten sind halbsicher auf meinem Endgerät oder liegen freundlich lächelnd auf Servern in den USA. Und Geheimdienste lächeln zurück.
Viele dieser automatischen Sicherungen laufen schon seit Jahren im Hintergrund mit. Beispielsweise eine App, die auf meinem bisherigen Smartphone alle SMS und alle Anrufe in meinem Gmail-Account archivierte. Angenommen, es gibt noch Freiräume. Angenommen, die NSA schneidet noch nicht alles mit. Dann bedeutet jedes absichern, jedes kopieren, jedes Backup eine Gefahrenquelle. Die Gefahr, dass es doch wieder in „deren“ Händen landet.
Eigentlich sollte man also alle Daten nur noch an einer – sicheren – Stelle speichern. Aber was ist, wenn die Hardware dann ausfällt? Was ist, wenn ein Beamter vorbei kommt und nicht mehr besonders freundlich mit unserer Festplatte umgeht? Hin und hergerissen zwischen Angst vor staatlichen Repressionen – wie sie der Guardian erfuhr – und der Angst, durch ein Backup würden die Daten doch nur in den falschen Händen landen.
Je länger ich darüber nachdenke, desto schlechter wird mir. Für einen Moment dachte ich, es wäre vielleicht sinnvoll, nur noch Katzenbilder zu posten. Aber vielleicht macht einen ja gerade das verdächtig. Aber es ist ohnehin die Ironie der Geschichte, dass mit dem größten Überwachungsapperat aller Zeiten doch nur die banalen Unterhaltungen aller abgehört werden – und nicht etwa die Kaffeekränzchen von Terroristen.

THE ONE WITH THE KONSERVENMENSCHEN

Beschaeftige dich alleine sagt der Elternteil.

Hmpf. Der Jugendliche zückt das Handy. Irgendein Spiel flackert über den Berührbildschirm. Ich sitze mit Freunden im Auto und wir schweigen. Ich taste diesen Text zusammen. Der nette Mensch neben mir spielt irgendwas. „Ich beschäftige mich allein“ ist das nicht. Im Gegenteil. Es ist Instant-Gesellschaft. Ein Computerspiel, ein Buch, ein Text sind menschlicher Kontakt aus der Dose. Zum Aufbrühen und einsam gemischt mit salzigen Tränen löffeln.
Dabei sind doch andere Menschen da! Aber ich druckse mich auch vor echten Menschen. Nutze die Simulation. Das Aufgebrühte. Es ist wie mit dem guten Abendessen. Es erfordert Übung, Kenntnis und… Mut. Mir fehlt es an allem. Aber ich will mir nichts warm machen. Keine Tütensuppe. Lieber ist mir, dass mein Selbstgekochtes versalzen ist. Eklig. Ungenießbar. Dann ist es wenigstens meins.
Vor wenigen Wochen saß ich an einer dieser unmöglichen Bushaltestellen, an denen in deiner Abwesenheit Bus nach Bus vorbeirollt, aber sobald du wartest, nur noch das Ruthenische Salzkraut. Ich zückte also meinen Hosentaschenbildschirm und schrieb mit einer jungen Frau, mit der ich mich zu verabreden gesuchte. Wir trafen uns dann schließlich gegen halbzwei in der Nacht und ich übergab ihr mit einem halbschlafenen Lächeln die Pizza, die unser Gefrierfach seit gefühlt Monaten belegte, ohne dass irgendjemand Anstalten machte, diese verzehren zu wollen. Ich tauschte also Raum im Gefrierfach gegen ja-Pizzas. Sie bedankte sich sehr, aber ich war dann schon zu verschlafen, um Freundlichkeiten auszutauschen.
Jedenfalls saß ich da und verabredete mich mittels Facebooknachrichten. Eine Frau mittleren Alters sprach mich darauf an. Dass „ihr jungen Männer“ vertieft in diese Mobiltelefone gar nicht mehr mitbekommen würden, wenn eine Frau vorbei läuft. Ich sagte ihr, und es war doch ein recht kurzweiliges, freundliches Gespräch, dass es wohl auch mit einem Buch nicht anders wäre. Wenn man in etwas vertieft sei, dann vergisst man eben die Welt um sich herum. „So geht es Ihnen sicher auch manchmal.“ Wir wünschten uns in aller Form einen schönen Tag und sie verschwand und ich verschwand zurück in meine Bildschirmwelt.


Tatsächlich produziere auch ich gerade eine Tütensuppe. Du liest das hier, anstatt mit mir darüber zu reden. Ist das schlimm? Ist das schlimm, dass du dir nachher noch einen Comic durchliest, ein Buch durchblätterst, Musik von CD hörst, einen Porno anschaust oder eine Folge Seinfeld streamst oder deine Notizen durcharbeitest? Suggestivfrage, Verzeihung.
Vermutlich macht es auch hier die Mischung. Live-Menschenkontakt – egal ob die Menschen dir gegenübersitzen oder über Geräte vermittelt sind -, gemischt mit Konserven – und auch da entscheidet die Auswahl (Die ja-Erbsen-Würstchen-Eintopf-Dose ist da eher so… meh, Ravioli kann man dann aber durchaus mal essen.) – und dem eigenen produzieren.
Wer nämlich nur Zeug (mit)liest und abhört, ohne selbst Inhalte zu produzieren – wie es eben bei Live-Menschenkontakt notwendig ist -, der wird irgendwann… komisch. (Und wir wissen alle, auf welche freundliche Definitiv-Nicht-Raumfahrt-Behörde ich hier anspiele. D’oh.)

Ist die Zombieapokalypse der Biedermaier unserer Zeit?

Seien wir ehrlich: Keiner von uns würde auch nur fünf Minuten in einer echten Zombieapokalypse überleben. Die eine Hälfte würde in kürzester Zeit gefressen, gebissen, erschossen oder sowas werden, die andere Hälfte würde sich aufgrund des ausgefallenen Stroms an einem Ladekabel erhängen.
Stockholmer Bahnhof
Ohne Wikipedia, ohne Twitter, ohne deine Mutti, die du dreimal im Monat mit deiner Festnetflat anrufst, würde doch keiner von uns auch nur drei Tage überstehen. Zumindest nicht, wenn diese nicht von vorn bis hinten durchgeplant sind. Ist eine Zombieapokalypse planbar? Fangfrage! Natürlich gibt es diese Sorte Typen, Marke Südstaatenwaffenfascho, die sich vor allem eine Zombieapokalypse wünschen, um endlich mal hemmungslos allem und jedem ins Gesicht zu schießen. Und dann wären da noch die Warlords in diversen Ländern, die wohl auch kein Problem mit Zombies hätten, da diese schlicht nur bedeuten, nochmal eine Kugel nachlegen zu müssen. Aber der Durchschnittsbürger? Als Internetmensch mit halbwegs aufgeklärten Werten hat man ja schon wochenlange, psychische Probleme, wenn man eine Katze überfuhr, aber ein dich fressen wollendes Wesen, das aussieht wie dein Mitbewohner? Man wäre erstmal schockgelähmt von all den moralischen, technischen und biologischen Fragen, die ein solches Ereignis heraufbeschwören würde. Noch bevor man „Siri, definiere Zombieapokalypse“ sagen kann, hätte der Ex-Mitbewohner schon einen vollen Magen.
Der Durchschnittsnerdtwitterer mit Vorliebe für das Hinterfragen von Zombieserien kann ja kaum sein eigenes Körpergewicht beim Sex stemmen – was er, zugegebenermaßen, auch eher selten übt -, wie soll er da gegen Zombieherden kämpfen? Wie soll er den Zombie, der ihm gerade van-Gogh-esk das Ohr abzukauen versucht, wegschubsen? „Entschuldigen Sie bitte, das Ohr würde ich gerne… Ej!!“ Klar, die gewisse Menschenscheu, die mag da von Vorteil sein. Aber wenn wir ehrlich sind weiß niemand von uns, wie man mit diesen Biestern umgehen soll, wenn sie mal in die Nähe kommen (Bedauerlicherweise gilt das sowohl für Biester im Sinne von Menschen als auch für Biester im Sinne von Zombies).
Der Durchschnittsnerdtwitterer kann Google richtig nutzen, bekommt Abends Kurzmitteilungen zu Fachfragen zu LOTR oder kann diese Star-Trek/Star-Wars-Unterscheidung nicht nur interlektuell nachvollziehen, sondern auch anwenden. Außer, Zombies lassen sich tatsächlich in ein Dungeons-&-Dragons-Spiel verwickeln oder haben Probleme mit ihrem E-Mail-Programm, ist für den Durchschnittsnerdtwitterer bei einer Zombieapokalypse nichts mehr zu machen, außer ihm freundlich lächeln in den Kopf zu schießen, fünf Minuten nach Ausbruch der Krankheit (ganz hipster-esk infiziert, bevor es cool war).
Warum ist dieses Genre dennoch so beliebt unter den Bildungsgewinnern und Gesellschaftsverlieren? Ist es die Vorstellung, eine solche Unglückssituation könne uns zusammenschweißen und so endlich die Möchtegern-Unterschiede aufheben, unter denen wir immer noch eine Ungleichheit zwischen uns und den anderen imaginieren? Ist es die Angst vor den Menschen, die tief in uns steckt – geboren aus den schlechten Erfahrungen mit Einzelnen – die uns ja gerade zu hoffen lässt, dass diese Angst mehr als nur ein Hirngespinnst ist, sondern ein Hirnesser? Ist die Zombieapokalypse die Umwertung aller Werte? Die Geburt des Übermenschen? Ist es ein gesellschaftlicher Konstrukt? Oder suchen wir nur Ausreden, damit wir schön intellektuell wirken neben den Alarm-für-Cobra-11-Sehern und Auf-einen-Formel1-Umfall-Warter, dabei wollen wir doch auch nur das Blut spritzen sehen? Oder, ist es dieser kleine Schmerz, wenn eine Figur stirbt, die wir mögen, der uns fühlen lässt, dass wir nach all der Scheiße noch menschlich sind? Ja, ist es genau das? Führt uns die Idee der Zombieapokalypse unsere inneren Hoffnungen und Ängst vor einer Nichterfüllung der gesamtgesellschaftlichen Menschlichkeit vor? Missbrauchen wir die Zombieapokalypse am Ende nur für sinnfreie Blogeinträge aus lauter Fragen?
Vielleicht ist die zwanghafte Vorstellung eines Weltenendes die stille Hoffnung auf ein Anderes Weiterkommen. Vielleicht wünschen wir uns insgeheim eine Welt, in der wir kein Foto des gerade geschlachteten Zombies machen und bei Instagram posten. Vielleicht brauchen wir eine Welt, in der aus dem Zombiemädchen kein „Overly Attached Zombie Girl“-Meme wird. Die Zombieapokalypse ist die Idee des Wegkommens mit allen Mitteln. Die letzte Alternative, wenn Willenskraft nicht ausreicht. Dabei ist es egal, ob man letztlich bei dem Überlebenden steht oder nach diesen hungert. An einem Punkt, an dem eine Zombieapokalypse eine Hoffnungsvision ist, ist der mögliche eigene Tod kein Faktor mehr. Go ahead and kill me.
Eigentlich ist alles egal. Alles ist egal, wenn die Tage immer gleich ablaufen. Aufstehen, Scheitern, zurückkriechen. Wir fühlen uns machtlos, bedeutungslos, sinnlos, alternativlos. Und das Alternativ-Los ist auch ne Niete. Die Vorstellung der Zombieapokalypse ist ein Rückzug. Ein Rückzug in eine Vorstellungswelt, in der wir nicht so hilflos sind und die uns zerfressenden Bedrohungen materiell sichtbar werden. Wo wir zerrissen werden – und das nicht nur gefühlt. Die Zombieapokalypse ist eine Kampfaufgabe, bis größere Aufgaben zum daran Scheitern da sind.

Übrigens findet sich in meinem Zombie-Survival-Rucksack auch eine schwedische Fahne. Aus Gründen. Falls ich mich dazu aufraffen kann gibts hier demnächst noch mehr zu Zombiethemen. Vielleicht versuche ich mich sogar an einer Klassifizierung… Wahrscheinlicher ist jedoch, dass wir alle am Sonntag The Walking Dead schauen und genau nichts passiert.