Mein guter Rat: Fick dich.

„Go fuck yourself“ ist vielleicht ein gut gemeinter Rat, jedoch gibt es ebenso gute Gründe, ihn nicht laut auszusprechen.
Einer Freundin – ich hoffe mal, dass ist sie auch jetzt noch – sprach mit mir über allerlei und auch ein bisschen Kummer, daher riet ich ihr – ich war schon reichlich angetrunken betrunken an diesem Freitagabend -, sie solle sich „ficken“, also, masturbieren. Das sei gut fürs Ego, gut für die Gesundheit und überhaupt. Onan wurde übrigens nicht deshalb von Gott bestraft, sondern, weil er … naja, nach heutigem Verständnis sich nicht um seine verwittwete Schwägerin kümmerte (Hier keine Verharmlosung des Bibelinhalts.).
Sie wurde dann – was mein betrunkenes Hirn völlig aus der Bahn warf – wütend und sagte, dass man so etwas nicht zu einer Dame sage. Sieht sie Masturbation als etwas schlechtes an? Ich war schwer irritiert.
In einem nüchternen Moment wurde mir allerdings klar: Es kann hier nicht um die Werte von „Damen“ gehen. Viel mehr ist es Ausdruck eines immer noch vorherrschenden Patriarchat. Zu sagen „Du musst es dir mal wieder richtig selbst besorgen“ führt zurück in die Zeiten, als man „Hysterie“ mit Vibratoren zu behandeln versuchte und Frauen so degradierte. Ich nahm ihre Probleme nicht ernst, sondern verkürzte auf „Du musst dich halt mal wieder richtig flachlegen“ – das ich mich für diesen Rat nach Ausnüchterung mehr als schäme (nicht nur wegen ihrer Reaktion darauf, sondern weil gutgemeint halt nicht gutgesagt ist) ist überflüssig zu erwähnen. Ich verhielt mich wie ein Arsch (und dupliziere das nach der Ansicht mancher sicher noch durch diesen Blogeintrag) und habe mich folgerichtig entschuldigt. Ich war ein Chauvinist, ein Antifeminist, ein Arsch…
In dem ich ihr sagte, sie möge sich „ficken“, tat ich genau das: Ich behandelte sie wie ein Mann von vor 270 Jahren. Und da gehörte ich auch hin, würde ich mich weiter so aufführen.

Yass.

Folgenden Eintrag schrieb ich unter Alkoholeinfluss. Ich habe ihn nicht nüchtern Korrektur gelesen und weiß nicht, worum es darin genau geht. Aber ich war betäubt, als ich ihn schrieb, weil ich die Welt nicht nüchtern ertrug. Du bist also gewarnt.

***

Die Nachrichtenlage lässt sich gerade recht gut daran ablesen, wie das Verhältnis von Rum in meinem Tee ist und wie lange ich nach den Nachrichten Katzenvideos schauen muss, um wieder zumindest ein bisschen mit der Welt klar zu kommen. Nun. Spätestens seit gestern besteht mein Tee nur noch aus Rum und seit über einer Stunde sagt eine Katze auf jede Frage yass.
***

Auf Facebook sind die Leute mit allen befreundet, irgendwie, und so geht der Riss direkt durch meine Kontaktliste. Da ‚wir‘, da Pegida. Willst du diesen Menschen die Freundschaft kündigen? Yass! Traust du dich das nicht? Yass! Doof. Yass.
Einer dieser Menschen, die ich gerne mögen will, aber nicht mögen darf, weil sie etwas mögen, welches ich nicht mag (Yass!), spült mir ein von Pegida – der Facebookseite – geliketes Video (Yass.) in meinen Aufmerksamkeitsstrom. Es stammt von einer der Regionalausgaben der Sat.1-Nachrichten, in der ein Mann mit wirren Haaren und kurzem Bart irgendeine Studie zitiert, ohne sie dabei zu nennen, irgendwas davon erzählt, dass Pegida keine Randerscheinung sei, sondern die Hälfte der Deutschen so denke und dann sagt er: „Ihr Politiker müsst jetzt etwas tun. Wir haben da auch kein Rezept, aber ihr müsst uns Bürgern jetzt zeigen…“ Yass. Vor meinen Augen verformt sich der Kopf des Kommentators zu der Katze. Ich umklammere meine Beine – oder ist es die Tastatur? – und sehe, wie mein Glas schon wieder ein Stückchen leerer ist.
Tief aus dem Ätherrauschen höre ich noch, wie der Kommentator noch gegen ‚Genderisierung‘ wettert. Wir müssen zuerst dieses eine Problem lösen – ich habe schon vergessen, worüber er genau redet -, bevor wir etwas anderes anfangen.
Ich nehme noch einen großen Schluck. Leer. Möchtest du noch einen … Tee? Yass. Zwischen den Haaren der Reporteryasskatze und dem Like-Häckchen einer Freundin schimmert ein Text hervor. Wie der LOST-Schriftzug erscheint er vor meinen Augen. Großbuchstaben. Sat.1-Nachrichten-Sprech.
„ES GEHT EIN RISS DURCH DEUTSCHLAND!“
Oh, denke ich,
gieße nach,
oh,
nehme noch einen Schluck,
oh.
Es ist immer noch nicht genug.
***

Gerade redete man noch von „Lügenpresse“ und nun sind da 12 erschossene Journalisten, die man zu Märtyrern erhebt, weil sie von den richtigen – den bösen? – Leuten erschossen wurden. Ich will solidarisch sein mit den Hinterbliebenen, Respekt vor den Toten haben, aber die täglichen Zahlen betäuben mich. Ich eckele mich vor mir selbst. Alle Menschen sind gleich. Aber für diese 12 trauern wir, und die nächsten 2000 sind uns nur 20 Sekunden im Nachrichtenblock wert. Jaja, dort tausende Flüchtlinge, da diese Krankheit, dort jener Terror. Jede Stunde sechzig Schweigeminuten. Ich kann einfach nicht mehr.
Zuerst hören wir zwanghafte Solidarisierung. Schweigeminuten auch in Deutschland. Ein Angriff auf die Pressefreiheit. Trauerflor. Islamistischer Terror? Oder war es Islamischer Terror? Oder ganz etwas anderes? „Nur“ Mord? Politisch vielleicht. Ich fahre Bus. In einem Schaufenster steht „Je suis Charlie“, so als wäre das ein neues Hipstergetränk. Irgendein_e Twittermensch spült einen anderen Vergleich in meinem Kopf. Ich sei nicht Charlie, sondern Ahmed, der tote Polizist. Charlie hätte sich lustig gemacht über … alles, und ich sei gestorben sein Recht verteidigend das zu tun. Als ob es etwas ändern würde, wenn ich mich an die Stelle der Ermordeten imaginiere.
Yass!

Hat jemand die Zeit gestoppt, wie lange es dauerte, nach dem die Schüsse in Paris fielen, bis jemand die geheuchelte Bestürzung ablegte und vor einem Kreisverband / Schützenverein / einer TV-Kamera endlich wieder die Einführung der Vorratsdatenspeicherung forderte? Ich glaube es kann nicht lang gewesen sein. „Ihr Politiker müsst jetzt etwas tun. Wir haben da auch kein Rezept, aber…“ Yass. Vielleicht sollten wir unseren Atommüll nicht in Salzstöcken lagern, sondern in dem Konzeptpapier zur Vorratsdatenspeicherung. Oder Anti-Irgendwas-Argumenten. Du kannst mit Wahrheitbomben darauf feuern, aber die Lügen und Halbwahrheiten bleiben. Völlig unzerstörbar.
Zyniker, denke ich, yass. So bin ich also geworden.
Mein Kopf schüttelt sich. Wie umgehen mit den Pegia-Leuten, wie umgehen mit den NoPegida-Leuten? Wo ist der dritte Weg? Lago…yass. Und warum denke ich, wie als wäre das selbstverständlich richtig, dass die Mitte aus zwei Extremen der richtige Weg sei? Dabei könnte ja auch ein Extrem richtig sein? Zwischen „Anti Alles“ und „Liebe deine_n Nächste_n wie dich selbst“ ist eben nicht der Mittelweg – sich unter einer Flauschdecke verstecken (Yass!) und Rumcola trinken (Yass.) – das richtige, sondern die bedingungslose Liebe aller Menschen. Oder sowas. Mein Kopf beginnt sich von den traurigen Nachrichten zu lösen.
Meine Titanic sinkt zwischen zwei Eiswürfeln. Ich sitze auf ihrem Schornstein und tauche ein. Genug. Der Rum schließt sich über mir und wie ich untergehe, so verschwimmt alles schlechte, alles traurige, und ich denke nur noch an ein paar Katzen und was sie so getan haben.
***

Nichts ist wahr. Nichts ist gut.
Ich werde nichts ändern können.
Nichts wird besser.
Ich genieße nochmal nach. Sicher ist sicher.

Spontandepressive Fünfminuten (Teil 27)

„Besser werden heißt, dass dein nächstes Scheitern größere Wellen ziehen kann.“ sagte ich einem Kumpel, als er mich – kaputt und müde – heimfuhr und ich meine Spontandepressiven Fünfminuten hatte. Ich kränkelte, ja, trotzdem hatte ich ihm bei einer Kleinigkeit geholfen, und aus irgendeinem Grund erklärte er mir, dass ich besser geworden sei – mit Werkzeug, mit Materialien, dass er mir inzwischen mehr vertraut und zutraut.
Ich blockte das ab. Ich weiß halt nicht, wie man Lob annimmt, und positive Gedanken passen nicht so gut in mein Weltbild, also – näh.
Also erklärte ich ihm, dass Vorankommen zu Aufstieg führt – also mehr Einfluss, mehr Risiko, mehr Verantwortung – und zwar solange, bis man seine Leistung nicht mehr verbessert. Somit sind alle, die in einem Betrieb angelangt sind, in irgendeiner Position, in aller Regel überfordert. Besser werden heißt auf höherer Ebene scheitern und mehr Unheil anrichten. Und nicht damit aufhören, bis man final am Zerstören gehindert wird; etwa durch natürlichen Tod oder ‚Tyrannenmord‘.
Normalerweise bin ich ja äußerst optimistisch und positiv gestimmt – Lüge? -, aber in diesen Minuten war alles schlecht und ich wollte einfach nicht mehr. Nicht mehr einschlafen, nicht mehr aufstehen, nichts mehr lesen oder schreiben, nicht sprechen, keinen Hammer halten, nicht hören, nicht weg- oder ankommen, und ein Atemzug, ja einer, dann hätte mir das auch gereicht.
Wenn ich gehen würde, bliebe nichts von mir. Das Haus, schräg und schief, an dem ich ihm geholfen hätte, würde zerfaulen und einstürzen. Nichts bliebe – und das sei gerade gut. Denn ich hinterließe nur Zerstörung und Leid in anderen Menschen und mir selbst (Wie gesagt, spontandepressive Fünfminuten).
Das war ziemlich unfair ihn so anzugehen, und es tut mir leid, und es wäre nicht sein Recht mich zu halten, wenn ich gehen wöllte, aber ich glaube ich lag falsch und wir (ich und er und mein Spontandepressives-Ich) kriegen das hin.
Die Fahrt endete, er hielt vor meiner Wohnung und sagte „Ich hoffe, du wirst bald wieder gesund.“, so freundlich es seinem Mund entweichen konnte, nachdem ich jedes Wort von ihm blockte. Ich deprimierte ihm entgegen „Ich hoffe nicht.“

Genosse, der Vorteile willen. (I)

(Im Oktober 2013 war ich wohl etwas genervt.)
Werte der Jugend sind das Weiterkommen, aber nicht als Gemeinschaft. Egoismus, weil jeder für sich alleine kämpft.
Wir beheben keine Fehler mehr, außer, sie könnten auf uns zurückfallen. Wir sind obrigkeitshörig. Machen uns klein. Und groß. Und wenn wir die Internationale absingen, dann im Glauben, wir würden damit Karriere machen. Mitglied der örtlichen Antifa, auch nur, um nachher von der Rosa-Luxemburg-Stiftung zum Studium gefördert zu werden. Die Welt ist so zynisch, weil wir im Kampf um Aufmerksamkeit großgeworden sind, im ständigen Wettbewerb, weil wir nichts anderes kennen und nichts anderes anbeten. Markt ist Gott. Dabei war die Arbeiterbewegung mal „the guy who brought you the weekend“. Heute schaufeln sie ihre eigenen Vorteile, kämpfen um Lohnerhöhungen nur für Genossen. Warum soll ich meinem Nächsten mit dem Spreizen im Auge helfen, wenn der Balken vor meinem Kopf mich doch so angenehm runterzieht. Gib mir da noch einen Rabatt. Ohne ECTS-Punkte mache ich diese Veranstaltung nicht. Wozu auch? Regelstudienzeit, weil man nicht schnell genug arbeitslos werden kann. Und dann muss ich mein Wahlrecht in Frage stellen lassen, von Leuten, die ebenfalls vom Staat bezahlt werden. (Nur indirekter.) Mir wird schlecht. Und auf unser Sparguthaben wollen wir Zinsen und vergessen, dass das nur alles teurer macht für uns alle.

Und so, liebe Kinder, werden Superbösewichte geboren.

Eines der Etappenziele der Figuren aus How I Met Your Mother ist es, mit einem Schild verewigt zu werden. Ich habe dieses Ziel seinerzeit schon in der Schule erreicht, in der ich mein Abitur nachholte. Diese war Jahrzehnte lang nur für Mädchen geöffnet und bot nun seit geradeeinmal zwei (drei?) Jahren ein Wirtschaftsgymnasium an, welches auch für Jungen geöffnet war.
Im eigens umgebauten Stockwerk gab es eine Damen- und eine Herrentoilette. Als unser Klassenraum aber in das alte Gebäude verlegt wurde fand ich mich in der misslichen Lage wieder, die dortige aufsuchen zu müssen. Diese war lediglich mit „Toilette“ gekennzeichnet und es gab überhaupt keinen Hinweis auf eine Geschlechtertrennung, einem Hinterfragen der Besucher. Die Toilette war einfach nur eine Toilette. Ich ging also – weil ich musste und die Pause unmöglich reichte, um auf die als Herrentoilette gekennzeichneten Örtlichkeiten zu gehen – dort rein, wurde weder angesprochen noch sonst irgendwas und ging danach wieder. Draußen sprach man mich dann aber doch an: Was mir einfalle dort reinzugehen. Ich antworte, dies sei als „Toilette“ gekennzeichnet und nichts weiter. Keine Woche danach wurde das Schild ausgetauscht und in Laufnähe eine Lehrertoilette zur Herrentoilette umdeklariert.
Ich bekam also schon mein Schild.
Von daher ist es völlig unnötig, mich nun darüber aufzuregen, welches bezaubernd ankotzende Gespräch ich heute mit einem wissenschaftlichen Mitarbeiter hatte, der mir recht genervt erklärte, er habe zwar einen Schlüssel für die Toiletten hier, aber mir nicht aufschließen würde. Ich sei ja nicht gehbehindert und könne auch die anderen Örtlichkeiten im Stockwerk nutzen. Ahja. Ich fragte so freundlich ich klingen kann, wo diese denn seien und bekam als Antwort, ob ich Erstsemester sei und dass ich das nunmal rausfinden solle.
Offenbar bin ich der einzige Mensch dieses Planeten, der davon ausgeht, dass eine Toilette, die als öffentlich gekennzeichnet ist (und an der nicht angeschrieben ist, sie sei nur für Mitarbeiter, Leute mit Schlüssel oder dergleichen), benutzt werden darf. Offenbar darf man – auch bei den Juristen (!) – bei Toilettenfragen immer noch nicht aufs geschriebene Wort vertrauen.
Ich hätte das alles übrigens nicht so lange in meinem Kopf herum gesponnen, wenn ich die Antworten nicht als so unfreundlich empfunden hätte. (Jaja, unten treten, oben buckeln.) Ein „Das ist eine Mitarbeitertoilette“ und „Gehen sie hier den Gang entlang, links und dann grade aus“ hätte keinerlei Mehraufwand für diese mit Sicherheit ansonsten sehr nette Person bedeutet, aber… offenbar haben wir Menschen immer noch eine Abneigung dagegen, nett zueinander zu sein.
Und jetzt überlegte ich den ganzen Nachhauseweg lang, ob Menschen grundsätzlich freundlich sind und man unfreundlich gemacht wird, oder ob der Mangel in der Erziehung und Eingliederung in die Gesellschaft liegt, und manche Menschen an Universitäten und anderswo einfach nicht begleitet wurden auf dem Weg vom Arschloch zum Menschen. (Wie gesagt: Dem wissenschaftlichen Mitarbeiter, mit dem ich sprach, ist nichts vorzuwerfen. Er war nur Ausgang für einen viel allgemeineren Gedankengang.)