Home alone – with Zombies!

Was fehlt: Ein Zombie-Weihnachtsfilm.

Vintage Zombies From Outta Space
CA_rotwang als Zombie fotografiert von
Lola Palooza. Alle Recht bei ihr.

Wer heuer ins Kino geht hat oft das Gefühl, alles schon einmal gesehen zu haben. Der Hobbit ist ein Herr-der-Ringe-Abstrich, Thor ist ein umgekehrter Flash Gordon, die Hunger Spiele aufgebrühteste Sozialkritik (jub, tatsächlich habe ich noch keinen der drei Filme gesehen, aber erstmal schön zwei riesige Fangruppen – und die vier Leute, die Thor großartig fanden – gegen sich aufbringen). Oft werden auch nur zwei altbekannte Dinge zusammengeschmischt. Dass aus unbekannten Gründen das Menschenessernarrativ in Form von Vampiren (glitzernd?), Werwölfen und Zombies wieder Aufwind hat, zeigten die letzten Jahre Zombie-Romcoms, Vampir-Seifenopern, Werwolf-Häckel-How-tos, Vampir-Werwolf-Zombie-Sitcoms und Vampir-Zombie-Filme.
Aber, es gibt auch hier noch unausgetretene Pfade – zumindest halte ich diese für unausgetreten, bis hier jemand den ersten IMDB-Link in die Kommentare postet -, die sich zu erforschen lohnen würden. Nehmen wir das kaufkräftige Menschenessernarrativ und kombiniere es mit einem anderen Goldesel: Wie ein Untoter kommen Weihnachtsfilme jedes Jahr im Dezember wieder in unsere Wohnzimmer und versuchen uns zu fressen. Und alle lieben es. Dieses mal beißen wir zurück. Wird es nicht endlich Zeit für einen Zombie-Weihnachtsfilm?
Ich stelle mir das so vor: Wir erleben im ersten, einführenden Drittel, wie ein möglichst „normales“ Weihnachtsfest vorbereitet werden soll trotz Zombieapokalypse. Wir sehen, vor dem Filmtitel, einen Mann im Wald, der sich eine Tanne schlagen möchte und bevor er ansetzten kann hört er das übliche Grunzen hinter sich. Aaaah, ein Untoter! Er erledigt den Zombie, gelangweilt-genervt-abgebrüht, und schlägt dann den Baum. Der Filmtitel wird eingeblendet. A zombie christmas oder Kevin allein Zuhause – mit Zombies. Du kannst dir das vorstellen.
Im folgenden lernen wir eine Familie kennen. Mutter, Schwester, Vater, Kinder. Während der Weihnachtsvorbereitungen – dem Beschaffen des Baums, der Weihnachtsgans, usw. usf. – werden alle Familienmitglieder gebissen. Dabei haben sie nur eine Regel: Wer infiziert ist, geht. Emotionale Szene, in der sich die Mutter bei der Schwester und den Kindern verabschiedet, weil sie ja sich bald wandeln wird. Das jüngste Kind schlägt vor, seine Mutter zu erschießen, aber diese verneint, schließlich sollen die Zombies ja auch ein Weihnachtsfest haben. Wir sehen, wie sie in einer Zombiemenge zerrissen wird. Schnitt. Am nächsten morgen wieder alles sehr ruhig, wie immer tagsüber. Zeit für einen Familienausflug zum Shoppingcenter, Weihnachtsmahl hohlen – und Geschenke! (Bücher sehr beliebt, Konsole langweilig). Hier wäre Gelegenheit für eine Black Friday-Kritik und eine ausführliche Anspielung auf Dawn of the dead.
Alles gefunden, die Familie fährt zurück, wappnet sich für den nächste Nacht, erneuert Schutzvorrichtungen… und noch jemand wird gebissen. Superdoof ablaufende Szene, in der auch alle anderen gebissen werden – außer… äh… Karl. Karl hofft natürlich, dass sein Vater zurückkehrt, der ja immer noch nicht mit der Tanne da ist. Ab dann schamloses Home-alone-Abgekupfere mit Zombies. Du stellst dir das sicher bereits vor. Ich warte solange. … … Zombies, die auf Eis ausrutschen. Zombieschädel, die von Bratpfannen zertrümmert werden. Zombies, die auf Rollschuhen ausrutschen. Zombies, die von Lichterketten im Haus gegenüber abgelenkt werden. Zombies, die auf Teer kleben bleiben.
Am Ende kriegen die Zombies natürlich Karl. Er verbringt zwar sein letztes Weihnachten alleine irgendwie ganz lustig, aber… das Ende war ja abzusehen. Nur: Kommt sein Vater wieder? Soviel will ich dann noch nicht verraten.
Abspannszene: Die Zombies feiern Weihnachten (jajaja, Bruch mit dem Zombiemotiv, aber… das wäre ein Weihnachtszombiefilm, herrje!) und weiden den kleinen Karl aus. Übertrieben Klischeehafte Weihnachtsmusik.

Ist die Zombieapokalypse der Biedermaier unserer Zeit?

Seien wir ehrlich: Keiner von uns würde auch nur fünf Minuten in einer echten Zombieapokalypse überleben. Die eine Hälfte würde in kürzester Zeit gefressen, gebissen, erschossen oder sowas werden, die andere Hälfte würde sich aufgrund des ausgefallenen Stroms an einem Ladekabel erhängen.
Stockholmer Bahnhof
Ohne Wikipedia, ohne Twitter, ohne deine Mutti, die du dreimal im Monat mit deiner Festnetflat anrufst, würde doch keiner von uns auch nur drei Tage überstehen. Zumindest nicht, wenn diese nicht von vorn bis hinten durchgeplant sind. Ist eine Zombieapokalypse planbar? Fangfrage! Natürlich gibt es diese Sorte Typen, Marke Südstaatenwaffenfascho, die sich vor allem eine Zombieapokalypse wünschen, um endlich mal hemmungslos allem und jedem ins Gesicht zu schießen. Und dann wären da noch die Warlords in diversen Ländern, die wohl auch kein Problem mit Zombies hätten, da diese schlicht nur bedeuten, nochmal eine Kugel nachlegen zu müssen. Aber der Durchschnittsbürger? Als Internetmensch mit halbwegs aufgeklärten Werten hat man ja schon wochenlange, psychische Probleme, wenn man eine Katze überfuhr, aber ein dich fressen wollendes Wesen, das aussieht wie dein Mitbewohner? Man wäre erstmal schockgelähmt von all den moralischen, technischen und biologischen Fragen, die ein solches Ereignis heraufbeschwören würde. Noch bevor man „Siri, definiere Zombieapokalypse“ sagen kann, hätte der Ex-Mitbewohner schon einen vollen Magen.
Der Durchschnittsnerdtwitterer mit Vorliebe für das Hinterfragen von Zombieserien kann ja kaum sein eigenes Körpergewicht beim Sex stemmen – was er, zugegebenermaßen, auch eher selten übt -, wie soll er da gegen Zombieherden kämpfen? Wie soll er den Zombie, der ihm gerade van-Gogh-esk das Ohr abzukauen versucht, wegschubsen? „Entschuldigen Sie bitte, das Ohr würde ich gerne… Ej!!“ Klar, die gewisse Menschenscheu, die mag da von Vorteil sein. Aber wenn wir ehrlich sind weiß niemand von uns, wie man mit diesen Biestern umgehen soll, wenn sie mal in die Nähe kommen (Bedauerlicherweise gilt das sowohl für Biester im Sinne von Menschen als auch für Biester im Sinne von Zombies).
Der Durchschnittsnerdtwitterer kann Google richtig nutzen, bekommt Abends Kurzmitteilungen zu Fachfragen zu LOTR oder kann diese Star-Trek/Star-Wars-Unterscheidung nicht nur interlektuell nachvollziehen, sondern auch anwenden. Außer, Zombies lassen sich tatsächlich in ein Dungeons-&-Dragons-Spiel verwickeln oder haben Probleme mit ihrem E-Mail-Programm, ist für den Durchschnittsnerdtwitterer bei einer Zombieapokalypse nichts mehr zu machen, außer ihm freundlich lächeln in den Kopf zu schießen, fünf Minuten nach Ausbruch der Krankheit (ganz hipster-esk infiziert, bevor es cool war).
Warum ist dieses Genre dennoch so beliebt unter den Bildungsgewinnern und Gesellschaftsverlieren? Ist es die Vorstellung, eine solche Unglückssituation könne uns zusammenschweißen und so endlich die Möchtegern-Unterschiede aufheben, unter denen wir immer noch eine Ungleichheit zwischen uns und den anderen imaginieren? Ist es die Angst vor den Menschen, die tief in uns steckt – geboren aus den schlechten Erfahrungen mit Einzelnen – die uns ja gerade zu hoffen lässt, dass diese Angst mehr als nur ein Hirngespinnst ist, sondern ein Hirnesser? Ist die Zombieapokalypse die Umwertung aller Werte? Die Geburt des Übermenschen? Ist es ein gesellschaftlicher Konstrukt? Oder suchen wir nur Ausreden, damit wir schön intellektuell wirken neben den Alarm-für-Cobra-11-Sehern und Auf-einen-Formel1-Umfall-Warter, dabei wollen wir doch auch nur das Blut spritzen sehen? Oder, ist es dieser kleine Schmerz, wenn eine Figur stirbt, die wir mögen, der uns fühlen lässt, dass wir nach all der Scheiße noch menschlich sind? Ja, ist es genau das? Führt uns die Idee der Zombieapokalypse unsere inneren Hoffnungen und Ängst vor einer Nichterfüllung der gesamtgesellschaftlichen Menschlichkeit vor? Missbrauchen wir die Zombieapokalypse am Ende nur für sinnfreie Blogeinträge aus lauter Fragen?
Vielleicht ist die zwanghafte Vorstellung eines Weltenendes die stille Hoffnung auf ein Anderes Weiterkommen. Vielleicht wünschen wir uns insgeheim eine Welt, in der wir kein Foto des gerade geschlachteten Zombies machen und bei Instagram posten. Vielleicht brauchen wir eine Welt, in der aus dem Zombiemädchen kein „Overly Attached Zombie Girl“-Meme wird. Die Zombieapokalypse ist die Idee des Wegkommens mit allen Mitteln. Die letzte Alternative, wenn Willenskraft nicht ausreicht. Dabei ist es egal, ob man letztlich bei dem Überlebenden steht oder nach diesen hungert. An einem Punkt, an dem eine Zombieapokalypse eine Hoffnungsvision ist, ist der mögliche eigene Tod kein Faktor mehr. Go ahead and kill me.
Eigentlich ist alles egal. Alles ist egal, wenn die Tage immer gleich ablaufen. Aufstehen, Scheitern, zurückkriechen. Wir fühlen uns machtlos, bedeutungslos, sinnlos, alternativlos. Und das Alternativ-Los ist auch ne Niete. Die Vorstellung der Zombieapokalypse ist ein Rückzug. Ein Rückzug in eine Vorstellungswelt, in der wir nicht so hilflos sind und die uns zerfressenden Bedrohungen materiell sichtbar werden. Wo wir zerrissen werden – und das nicht nur gefühlt. Die Zombieapokalypse ist eine Kampfaufgabe, bis größere Aufgaben zum daran Scheitern da sind.

Übrigens findet sich in meinem Zombie-Survival-Rucksack auch eine schwedische Fahne. Aus Gründen. Falls ich mich dazu aufraffen kann gibts hier demnächst noch mehr zu Zombiethemen. Vielleicht versuche ich mich sogar an einer Klassifizierung… Wahrscheinlicher ist jedoch, dass wir alle am Sonntag The Walking Dead schauen und genau nichts passiert.