Sascha Lobo, unser Gott.

lobogottEs kommt eigentlich gar nicht mehr darauf an, was Sascha Lobo sagt. Eher die Tatsache, dass er es sagt, gibt dem Wort Gewicht und Inhalt. Würde er sich für eine bestimmte Unterhosenmarke aussprechen, die Online-Stores wären leergeräumt innerhalb von Minuten. Plötzlich würde die halbe deutsche Blogosphäre und vermutlich das gesamte deutsche Twitter-Welt die Lobo-Unterwäsche tragen. Er könnte auch behaupten, 2 und 2 sei 5, und zumindest ich würde meine Mathebücher als Schund- und Lügenliteratur verbrennen.
Würde es aber bei diesem Fantum enden, wäre es noch vergleichsweise ertragbar. Jedoch entdecke ich bei mir selbst bereits Krankheiten, die Sascha Lobo an sich beschreibt. Die Verbindung aus blinder Verfolgerei und Hypochondrie ist in dem Fall äußert unangenehm.
Aber warum ist Sascha Lobo, dieser Berufsbezeichnungsloser Onlinemensch aus Berlin, eigentlich unser Gott, oder zumindest, der höchste Prophet? „Einer von uns!“, „Einer von uns!“ höre ich die Bloggerinnen und Blogger, die Twitterer und Twitterinnen flüstern, wie ein kleines Glaubensbekenntnis. „Einer von uns.“
Aber Sascha Lobo ist nicht einer von uns! Längst hat der Rest des Internets den Anschluss verloren an die Rakete Lobo. Längst ist Lobo nicht mehr irgendein Online-Mensch, sondern die Vertretung der Internetwelt in der Realität. Egal, zu was die Massenmedien Fragen haben: Lobo weiß die Antwort. Als sei er kein Mensch, sondern ein großer Server, ein Roboter, von Google zur Erlangung der Weltherrschaft programiert, der umherstreift und „ist“, anstatt zu streben.
Sascha Lobo ist für das Internet, was Kurt Cobain für die „Generation X“ war.
Und ich glaube auch, dass er gar keiner von „uns“ sein möchte. Oder jemals war. Der Glaube an Sascha Lobo als Gott des deutschen Internets ist wohl schlicht auf Uninformiertheit oder mangelnde Nutzung des eigenen Verstands zurückzuführen. Aber um das zu erkennen müsste man fünf Minuten denken, anstatt ununterbrochen zu bloggen.
Und auch, wenn ich eigentlich weiß, dass es Unsinn ist, an eine Person wie Lobo zu glauben, der Person willen, so weiß ich auch, dass ich ohne diesen Lobo-Gott-Glauben noch verlorener wäre in einer unübersichtlichen Welt. Oder, zumindest leide ich unter der Wahnvorstellung, ich könnte noch verlorener sein.
Welches Toilettenpapier Sascha Lobo wohl benutzt?
edit. 12. Juli 2009: Kann man Sascha Lobo bitte den Gott-Status wieder wegnehmen? Im Moment nervt er mich nur, und da er auf saschalobo.com (oder .de?) sogut wie gar nicht bloggt… naja… Ich frage mich nur, was das für ein Web 2.0 Gott sein soll, der auch nur noch wirkt wie die Vermarkungsmaschinerie eines Großkonzerns, nur, dass der Großkonzert in diesem Fall er selbst ist.

Weihnachtszeitschleife

Man wacht auf, um Zehn oder Elf Uhr in der Früh, und dreht sich um, denkt sich, heute ist doch eh nichts los. Wie Sonntags. Ja, genau. Zwei Sonntage, direkt hintereinander. Dann kommt – ein von mir sehr ersehnter – Samstag und danach – Oh Wunder – ein weiterer Sonntag.
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Ich persönlich fühle mich an Weihnachten immer ein wenig wie in einer Zeitschleife gefangen. Es gibt zwar dieses Jahr – ists jemand aufgefallen? – keine Weihnachtsaktion in diesem Blog, aber trotzdem ist alles wie das Jahr davor, und – selbstverständlich – das Jahr davor. Die selben Halbschönen Geschenke, die gleiche langweilige, langsam zerfallende Verwandschaft, die selben dummen Spiele, der gleiche alte Christbaum, bei uns ungeschmückt, bei anderen wie jedes Jahr. „Alle Jahre wieder“ singen die Kinder. Je älter ich werde, desto mehr entdecke ich die versteckte Drohung dahinter. „Alle Jahre wieder“, es gibt kein Entkommen, keine Rettung.
Vielleicht befinde ich mich auch insgesamt in einer Zeitschleife. Einer äußerst langen, aber dennoch einer Zeitschleife. Das würde meine ständigen (weihnachtlichen) Déjà-vu-Erlebnisse erklären und auch meine inzwischen unangenehme Müdigkeit. Dicke Augenringe. Egal.
Heute morgen stand ich – wie erwähnt – sonntagsgefühlsmäßig auf, saß unten ins Wohnzimmer und bereicherte mein Leben mit ein wenig Lachen, in dem ich die Wiederholung von „GIGA THE SHOW“ ansah. Weihnachtsausgabe. Und so. Einer erzählte von seinem Drehbuch. „Here comes the Bus“. Ein Film, der eigentlich nur daraus besteht, dass ständig irgendwo, wo es eigentlich unwahrscheinlich ist, einen Bus anzutreffen, einer auftaucht. Ich würde mir einen solchen Film ansehen – sofern nicht die üblichen Verdächtigen (Adam Sandler, etc. pp.) mitspielen und man das Konzept nicht auf Komödie trimmt. Wieauchimmer. Duschen, im Spiegel ansehen und feststellen, wie unlebendig ich schon aussehe, anziehen, und hier entdecken, das sogut wie niemand heute schon gebloggt hat.
Aber, eigentlich hätte ich es wissen müssen, schließlich habe ich das ja – wie oben erwähnt – das alles schon erlebt. Nacher: Essen, Kaffee bei Großmutter, Abendessen, Schlafen.

Irgendwo am anderen Ende der Gedanken sitzen Langeweile und Beliebtsein in Schwarzweiß an einem Tisch und senden mir böse Vorahnungen. „The same procedure as last year, Miss … Boredom?“ fragt er. „The same procedure as every year, Beliebtsein“ antwortet sie. Prost!

Sie nannten es "Schnee".

Gefrohrenes Wasser regnet vom Himmel herab. Es schneit. Auf meiner „Jacke“ (in Anführungszeichen) bildet sich eine Schutzschicht aus Weiß. Ich höre Fantino aus dem Lost-in-Translation-Soundtrack und gehe schnurrstracks, ohne einen Gedanken zu verschwenden an den verschwendeten Vormittag und mein erneutes Fehlen im Sportunterricht. (Mir gings wirklich schlecht. Ich kann nicht lügen. Aber, alle glauben, ich lüge.) Beim örtlichen Asia-Wok gabs das übliche. Nummer Zehn, und weil mir danach war auch Nummer Vier. Mit einer Plastiktüte und einem geschenkten Kalender ging ich durchs Judengäßle – das ich nur mit chinesischem Essen durchquere – heimwärts. Der Nachmittag duftete nach Schnee, das Wohnzimmer nach Wärme. Ich setzte mich, nahm einen tiefen Zug des Geruchs meines Essens. Chinesisches Essen und Winter. Als würde es zusammengehören. Wie als wäre Chinesisches Essen nur für den Winter gemacht. Geschmeckt hat es dann – soviel sei erwähnt – doch nicht.
Ich vermisse das Gefühl irgendwo richtig zu sein. Das Gefühl wach und interessiert zu sein kommt mir immer fremder vor. Ich hasse und schwärme von einem Moment zum anderen. Ein ständiger Wechsel.
Heute Abend Pushing Daisies. Pushing Daisies und Ben & Jerry’s Ice Cream. Als wäre es für einander gemacht. Irgendwo war ich froh, nicht verliebt zu sein, und irgendwo.. auch nicht. Ich vermisse manchmal meine Freunde. Und das Früher. Aber das geht vorbei, hab ich mir sagen lassen. Ich werde nun besser schlafen gehen. Zwar bin ich sicher, dass ich nicht fürs Schlafen gemacht bin, und umgekehrt ebensowenig, aber die Schulstunden müssen morgen auch irgendwie vorüber gebracht werden.
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„Ich wollte immer wie Elvis sein, wollte sein Leben leben, aber dummerweise brachte ich etwas durcheinader. Fett und desinteressiert hätte ich erst werden dürfen, nach dem ich berühmt wurde. Nicht umgekehrt.“ Beliebtsein strich sich über seinen dicken Bauch. „Aber Elvis Presly, warum hast du denn so große Ohren?“ sprach Langeweile. „Damit ich dich besser hören kann.“ „Aber Elvis, warum hast du denn so große Augen?“ fragte Langeweile. „Damit ich dir besser in den Ausschnitt glotzen kann.“ krächtste Beliebtsein und kniff seine gute Freundin in den Bauch. „Aber“ kicherte sie, „Elvis? Warum hast du so ein großes Maul?“ Das Licht einer Latterne erhellte das bisschen Glück, dass die beiden Freunde gerade erleben durften.

Hinterm Haus.

Schon irgendwie interessant, wie sehr doch ein namenloser schläfriger Gast der Straße, die saubere Mittelstandswelt ins Wanken bringt.
Mein Vater rief gerade bei der Polizei an, aus Sorge, der ältere Herr, der sich hinter unserem Haus auf den Boden legte, könnte in der Nacht erfrieren. Sein Hund bellte, lautstark, und dadurch wurde er erst auf ihn aufmerksam. Er musste natürlich, nach schwäbischer Tradition, das ganze Schauspiel vom Fenster aus beobachten.

„Can you stand up?“ singt Roger Waiters in dieser Sekunde.

Jedenfalls sitzen zwei Polizeibeamten jetzt unten bei dem Mann und seinem Hund. Mein Vater sagte, man könnte ihn doch nicht einfach so erfrieren lassen. Aber, eine Decke brachte er ihm nicht. Eine Heiße Milch, oder sonst irgendwas. Nein, die modernen Mittelstandsmenschen rufen die Polizei.
In meiner Negativ-Version der Vorstellung meiner Zukunft, in der ich auf der Straße lebe, da werde ich wohl häufiger auf die Sorgenlosen Menschen treffen, die mich liegen lassen, und selten auch auf Menschen wie meinen Vater, die zumindest etwas tun. Ob es wirklich „helfen“ ist, will ich nicht festsetzen.
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„Wissen Sie, Fräulein Langeweile, das einzige, das mich noch ein dieser Zukunft wirklicht stört, ist der Hund.“ „Wie meinen Sie das?“ „Nun ja“ ziehe ich die Nase hoch. „Ich bin eher der Katzentyp. Und die ganzen Verrückten mit unmengen Katzen, die haben immer Häuser. Obdachlose haben Hunde.“ „Sie hassen Hunde.“ „Ja, genau.“ „Warum siezen wir uns eigentlich?“

Preacher said…

Eine Fliege krabbelt über meine rechte Hand. Ich versuche sie mit freundlichem Winken zu vertreiben, aber scheinbar gefällt er ihr bei mir. Winzig kleine Fliegenfüße auf meiner Hand.
Meine Psychologin will nicht mehr, dass ich zu ihr komme. Sie meint, ich würde immer nur um den heißen Brei reden, aber nie auf das Auge des Orkans eingehen. Ich muss da ja nicht hin. Ich kann auch ohne leben, nicht wahr?
Kann ich nicht. Das ungute Gefühl, kein Problem zu haben, oder zumindest keines, was ich mir nicht nur einbilde, ist nicht unbedingt ein Gefühl, dass ich tagtäglich in meinem Bauch tragen möchte. Allein schon die Frage ist unangenehm. Ich muss über das reden, was mich bedrückt, sagt sie. Ich muss ihr sagen, was ist, und nicht immer nur drum herum reden.
Seien wir also, hier an dieser Stelle, ehrlich. Ich mag keine Ärzte. Sie wissen zuviel. Sie können zuviel richtig verstehen. Sie wissen, wenn du lügst, selbst, wenn du es für wahr hälst. Vielleicht halte ich mich nur für einen falschen Meter*, weil mein Maß als einziges in meiner Umgebung stimmt, und ihr alle habt nen Schaden. Will sagen: Der Normaldenkende wirkt im Irrenhaus ziemlich absonderlich.
Oh, scheinbar hat die Fliege an meiner linken Hand gefallen gefunden. Sie lässt sich darauf nieder, immer wenn ich für ein paar wenige Sekunden mit tippen aufhöre. Ich will sie eigentlich nicht verstören, aber beim Tippen ist das schon hinderlich, um ehrlich zu sein.
Ärzte sind Götter in Weiß, die mit einem Fingerwinken über Weiterleben und Tod entscheiden können, wenn sie möchten. Man ist ihnen, und ihrem Wohlwollen, gänzlich ausgeliefert. Das macht mir Angst. Manchmal.

Wo ist mein Problem? Wo das Auge des Orkan? Der Punkt, um den sich alles dreht. Das schwarze Loch. Ich glaube, man kann es nicht so direkt sehen. Viel eher erkennt man die Mitte daran, dass all die Häuser, in denen ich sitze, darum schweben, wie von bösen Engeln getragen. Wo soll man danach suchen? Wie darauf achten? Ich müsste eine Galaxie sein, dann könnte man sehen, wo mein Schwarzes Loch, mein Orkan, das Auge des Tornados, wo es steckt. Man würde auf die Verwüstungen achten, auf die Materie, die in es gezogen wird. Und, wenn ich ein falscher Meter wäre, hätte sich einfach irgendein Forscher geirrt. Ich könnte nicht falsch sein. Die Natur irrt nie. Nie?
Oft habe ich das Gefühl, dass die Leute nur einstudierte Phrasen sagen, die sie einige Minuten vorher auswendig lernten, um sie dann in gekonnter schauspierlerischer Leistung zu präsentieren. Vermutlich ist es auch so. Vermutlich bin ich nicht subparanoid (so gerne ich das Wort auch verwende), sondern einfach nur eingebildet und wirklich von Kameras und böse dreinblickenden Menschen verfolgt.
Vielleicht finde ich sein Auge nicht, weil es keinen Tornado gibt.
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*) Ich las kürzlich eine Kurzgeschichte von Philip K. Dick mit dem wunderschönen Titel „Verwirrspiel“. Es ging um eine Kolonie von Soldaten und ihren Frauen, die von einer unbekannten Macht angegriffen wurden, die niemals Verletzte zurücklies. Sie borgen das Raumschiff, mit dem sie dort gestrandet waren, und fanden heraus, dass sie wohl alle unter massiver Paranoia leiden, denn sie waren auf dem Weg zu einer Psychatrie gewesen. Zitat: „‚Wenn sämtliche Metermaße auf hundertzehn Zentimeter verlängert würden‘, fragte Fisher, ‚wie sollte das irgend jemand beweisen können. Es müßte hundert Zentimeter lang bleiben, invariabel, konstant. Wir sind ein Haufen falscher Metermaße, alle hundertzehn Zentimeter lang. Wir brauchen einen Nichtparanoiden zum Vergleich.'“ Nun wollten sie testen, ob sie es wirklich sind, oder nicht und entwarfen einen „objektiven“ Test. Am Ende tötet einer von ihnen die, die sich für diesen Test aussprachen. Er glaubte weiter, dass er von einer fremden Macht angegriffen werden würde, und rief deshalb zum Krieg gegen die Erdenbewohner auf, weil er diese dafür verantwortlich macht.