Es geht nicht um meine Berufschancen, es geht um unsere Zukunft, Bitch.

(Verfasst zwischen dem 12. und 20. September 2013, teilweise analog, teilweise digital. Titel in Anspielung auf Jesse Pinkman.)
Graffiti
Wenn ich Skandinavistik antworte, auf die Frage nach meinem Studiengang, dann schauen mich die Leute mit verwirrtem Blick an. „Und was kann man danach damit machen?“ schlagen sie mir um die Ohren wie abgelaufene Fischstäbchen. Sie fragen, weil es nicht mehr um Wissenschaft oder Forschung oder Menschen geht, sondern wie viel Geld man dabei rausziehen kann.
Kommilitonen antworte ich dann ironisch „Taxifahrer, Pommesschüttler, Langzeitarbeitsloser…“. Menschen, die aufgrund ihres Berufes und ihrer Ausbildung sich höher gestellt fühlen als ich, – also etwa Eltern – würden mir bei einer solchen Antwort den Kopf abreißen. „Wozu studierst du dann, wenn du danach nicht superviel Geld verdienen kannst?“ fragen mich ihre Blicke. Ein paar Konstanzer Studierende rappten vor einigen Jahren als Antwort „Und manchmal frage ich mich das auch.“, dabei ist es ganz klar, warum ich studiere: It’s the Content, stupid!
Jede andere Motivation ist fehl am Platz. Wenn ich etwas lernen will, um nachher viel Geld zu verdienen oder „etwas“ zu sein, dann habe ich an der Universität nichts verloren. Trotzdem wird dieser Ort zunehmend als alternative Ausbildungsform gesehen und Vorbereitung auf – man Stelle sich hier eine Fanfare vor, die den Namen dieses fiktiven Ortes feierlich untermalt – den Arbeitsmarkt (tötötöröö). Ein „berufsqualifizierender“ Abschluss wie der Bachelor ist Unsinn. Niemand wird durch die Universität für den Arbeitsmarkt (tötötörööö) qualifiziert. Man qualifiziert sich ja auch nicht für einen Schwimmwettkampf beim Schlittenfahren. Ja, Wasser, ja, Bewegung. Aber es ist nicht das gleiche und es hat nicht das gleiche Ziel – außer wir werden so abstrakt und sehen das Vorankommen als Menschheit als Ziel – und gelernte Schlittenfahrer mit samt Schneehose ins kalte Wasser zu werfen ist alles andere als sinnvoll. Ja, ich werde in meinem Studium auch für die Arbeitswelt qualifiziert werden, aber das kann nicht das alleinige Ziel sein.

The problem is that people are entering into academia for the wrong reasons. What began as a world dedicated to advancing human knowledge has warped into a snobbish center of individualistic pursuits. Valuing salary potential and job viability above all else seems to be an ailment afflicting graduate programs and prospective students.

(Zitiert nach: 1337core, Quelle: Quarz)
Ich will mich voran bringen, in dem ich einen Kleinen Teil der Wissenschaft voran bringe, und in dem ich das versuche, bewegt sich alles ein kleines bisschen vorwärts. Ja, es ist anmaßend, zu glauben, ich könnte das einfach so machen. Ja, ich bin mit Sicherheit nicht der beste Student. Aber jeder Gedanke ist ein kleines bisschen anders als die Gedanken davor und dieser winzige Unterschied macht es wert ihn zu denken. Jeden Tag. Dieser winzige Unterschied bringt uns voran. Und das heißt nicht, dass ich morgen einen Kleinen Versuch über die Skandinavistik veröffentlichen werde mit 5000 Seiten, so als wäre ich seit 50 Jahren Professor. Aber ich bin sicher, dass auch meine Gedanken, meine Äußerungen, Veränderungen bewirken. Vielleicht auch nur, weil sie so unglaublich dämlich sind manchmal. Vielleicht eröffnet sich ein neuer Blickwinkel für einen Dozenten, wenn er oder sie meine völlige Fehlinterpretation von Nora liest. Oder ein Professor erkennt, dass seine Erklärung doch nicht so schlüssig ist, wir er annahm.
Ich kann nicht sagen, dass es dieser oder jener Pfad ist, der etwas lostreten wird. Aber ich will da sein und ich will diesen Pfad betreten oder ihn vielleicht sogar schaffen. Mit dem Taschenmesser durch frisches Laub streichen. Die Welt ist da. Und ich will da sein.

Arbeitsunfähige Studierende.

Eigentlich, sagt ein Freund von mir, ist man nach dem Studium arbeitsunfähig. Ich kann keine 40-Stunden-Woche schaffen, scherzt-jammert er, ich brauche doch meinen Mittagsschlaf. Ich selbst liebe mein Studium und sehe es nicht als etwas, was ich möglichst schnell hinter mir lassen will. Im Gegenteil: Ich möchte möglichst viel mitnehmen. Möglichst viel lernen. Verstehen. Ich will mich selbst akademisieren, will scheitern, woran schon Größere gescheitert sind und da weitergehen, wo die Pfade noch frisch sind.
Schnell studieren funktioniert bei mir einfach nicht. Ich verstehe nicht immer alles gleich. Ich komme aus keinem … bildungsnahen Haushalt. Moment, aber eigentlich wollte ich wo ganz anders hin.

Das Narrativ der arbeitsunfähigen Studierenden.

Warum sagen sich Studierende, sie wären unfähig zu arbeiten? Warum referieren wir genüsslich unsere Taxifahrer- und Burgerbraterzukunft? Ich sehe darin einen doppelten Grund für diesen Narrativ: Einerseits soll hier nach Außen abgesichert werden. Die Erwartungen sollen gedrückt werden, die Ziele klein gehalten, und letztlich eine Planübererfüllung zu erreichen. Andererseits dient das Narrativ der Arbeitsunfähigkeit als Durchhalteparole für den Studierenden selbst. Für eine unsichere Zukunft ein Meer aus Bürokratie („Sie müssen sich mit einem Formular anmelden“ & „Hierfür existiert kein Formular“) zu durchschwimmen, sich regelmäßig zu prüfen und in einer winzigen Wohnung zu vegetieren, während deine Freunde bereits eigene Autos besitzen, Kinder kriegen, ein Haus bauen und „ausgesorgt“ haben. Die Frage, „warum mache ich nicht einfach eine Ausbildung?“ lässt sich nur abwehren, spielt man sich selbst vor, man sei dafür nicht (mehr?) geeignet.
Keine Pointe.

Grenzen des Dada (I)

In wie weit kann man dem Dada es als Grenzüberschreitung anrechnen, dass er seine Kunst dem Kommerz unterstellte? Ist der Dada die erste Popkultur und in wie weit brach er dadurch mit bestehenden Kulturnormen? Überschreitet der Dada überhaupt grenzen oder ist dieser Vorgang des Inszenierten Bruchs mit Normen nicht dessen eigene Norm?
Keine Pointe.

Eines Tages werd' ich euch Antworten entgegenschmettern wie Zlatan einen Ball ins gegnerische Tor.

Was ich daran hasse eine Sprache zu lernen ist die Angewohnheit aller, nach einem Krümel an Wörtern zu betteln. „Du lernst doch grad Sprache XY, sag mir doch mal nen Satz.“ Bäm! Blackout. Plötzlich weiß man weder seinen Nachnamen noch ein Wort in der Muttersprache, geschweige denn einen Satz in der Sprache, die man seit drei Wochen lernt. Man stammelt bestenfalls was, entschlüsselt im Geiste zwar die Weltformel, komponiert das beste Bacon-Pfannenkuchen-Rezept und die Quadratwurzel aus 1764, ist aber dank verknoteter Zunge völlig unfähig, auch nur den Hilferuf einer einflügligen Taube auf Crack nachzumachen („Gurgur! Gurgur!“). Volle Breitseite Hirnverlust. Am Eisberg dieses Gesprächs zerschellt der eigene Kopf, wird aufgerissen und die ganze Kopfbrühe läuft raus.
Rotes Haus
Man will ja nichts falsches sagen und auch nichts ödes („Jag heter Sebastian“), aber nach drei Wochen ist man schlicht noch nicht soweit, um irgendwas brauchbares abzusondern. Vor allem nichts, dessen Nützlichkeit sich für Nichtlerner erschließen würde. Und man lernt ja auch nicht, um sich als Tourist in der Kneipe als „weit gereist“ zu outen, wie vor 40 Jahren die alten Geschäftsmänner, die sich in ihren Ruhrpott-Stammkneipen als Kosmopoliten zu erkennen gaben. „Ein Kölsch, s’il vous plait.“
Dieses Sprachgebettele ist unsinnig. Es ist eine gesellschaftliche Konvention, auf die ich vorbereitet sein sollte (genauso wie auf „Was studierst du, ey?“, was mich auch immer ins Wanken bringt), aber trotzdem ist sie unsinnig. „Hej, Harry, du studierst doch Sportwissenschaften? Zeig mir mal ne Übung.“ „Wofür?“ würde der verwunderte Harry fragen, und „Wer bist du?“ und „WAS ZUR HÖLLE MACHST DU IN MEINEM SCHLAFZIMMER?!“ Jeder Fließbandarbeiter wäre nachhaltig verwirrt, würde man ihn nach einem Handgriff fragen. „Hey, Karl, zeig mir mal nen Handgriff aus deinem Beruf.“ und dann dreht Karl ne imaginäre Schraube rein? Sehr sinnvoll. Zeig mir mal nen Handgriff. Ja, sag halt mal nen Satz.
Im Grunde, und da muss ich die Leute auch wieder in Schutz nehmen, wollen sie ja nur hören, ob man wirklich gerade eine Sprache lernt. „Sag mal nen Satz“ ist gleichbedeutend mit „Beweis mal, dass du grade etwas lernst“.

Fortuna cum fatuis.

Besonders befremdlich ist das bei toten Sprachen oder solchen Sprachvorfahren wie dem Mittelhochdeutschen. „Sag mal was auf Mittelhochdeutsch.“ oder „Sag mir mal nen Satz auf Latein“. Es ist nur noch eine reine Schriftsprache. Gesprochen wird das kaum. Und Mittelhochdeutsch ist doch eher ein Sammelbegriff für eine Sprachentwicklung noch ohne feste Zügel und Richtungsgeber. Eigentlich müsste man sich wüste Beschimpfungen merken, und diese weitergeben. Oder Non-Sense-Trinksprüche.
Sag mal nen Satz. Sag mal nen Satz. Na, kannst du schon Mama sagen? Ma-ma? Maaaa-ma? Was soll man mit einem Satz anfangen, wenn man nicht bestrebt ist, weitere zu lernen? „Hej Sebastian, du lernst doch gerade Schwedisch, kannst du…“ Nein. Es gibt ganz großartige Schwedische Sätze, wunderschöne Sprichworte, lyrische Zeilen und Zungenbrecher. Es gibt auch sehr hilfreiche Sätze, aber was nützt das denn? Wenn ich drei Fragen kann, aber die Antworten dann nicht verstehe? Dahinter steckt letztlich eine Mentalität des „Schon gesehen“. Leute, die sich nach 5-Minuten-Sprachkurs auf Youtube in ihr Facebook-Profil eine Sprache schreiben wollen. Ich kann Schwedisch. Ich beherrsche drei Sätze darin… Dumb-fug. „Klar weiß ich wie man ein Atomkraftwerk baut. Teil 2379 ist eine 5er-Schraube.“ Was für ein Blödsinn.

Jag älskar…

Die wörtliche Auslegung ist hier einfach problematisch, denn tatsächlich soll gar kein Satz fallen. „Du lernst doch grad Schwedisch. Erzähl mal, was du daran cool findest.“ Sehr gerne. Häftigt ist zum Beispiel ein tolles Wort. Es meint sowas wie „geil“ oder „cool“ und wird gern zur Verstärkung eingesetzt. Es ist alles so fremd – die ganze Kultur und Denkwelt -, aber zugleich sehr vertraut. Eine bittersüße, süß-saure Mischung aus Heimat und Ferne, Vertrautheit und Fremde. Und dann sind es die kleinen Unterschiede. Die Großmutter beispielsweise ist Mormor beziehungsweise Farmor je nach Verwandschaftsbeziehung. Das bei uns assoziierte „Groß“ bei Mutters Mutter fällt weg. Niemand ist allein wegen seinen Enkeln ein tollerer Mensch. Auch die dämliche Frage „mütterlicher oder väterlicherseits“ entfällt bei dieser Art der Verwandtschaftsbezeichnungen. Wenn wir gerade dabei sind: „Svär-“ sind „Schwieger-„, namentlich also „svärmor“, „svärfar“, „svärdotter“ und „svärson“. Der Onkel? Ein Bruder des Vaters, folglich „Farbror“, usw. Natürlich gibt es auch andere Begriffe, die möglicherweise gebräuchlicher sind, so wie man bei uns nicht mehr von Eidam und Schnur spricht, aber allein das ein solch relativ logisches System besteht ist mir die reinste Freude. Denn die Verwandtschaftsverhältnisse habe ich nie verstanden. Weder in meiner Mutter- noch in jeder anderen Sprache. Im Schwedischen habe ich da noch ein wenig Hoffnung.
Dann wäre da noch das allgemeine Dutzen, das Verstecken von akademischen Titeln und und und. All das in einen Satz zu pressen ist eine Kunst, die ich noch nicht beherrsche. Ob ich eines Tages so gut mit der schwedischen Sprache spielen werde wie es Zlatan mit dem Ball tut? Ich will es hoffen und daran arbeiten.

Essenpläne in Nutzerhand!

Die Liberale Hochschulgruppe Tübingen (LHG) hatte die wunderbare Idee eine Internetseite zu eröffnen, in der Studentinnen der Uni Tübingen und andere Nutzerinnen (generisches Femininum) der Mensa diese und deren Gerichte bewerten können. Dies wurde mit der gut gewählten Internetadresse mensakritik-tuebingen.de umgesetzt und… hier endet auch schon mein Lob.
Mensakritik geht nicht weit genug. Eine Seite, die „Mensakritik“ heißt sollte nicht nur eine Ansammlung von Textchen sein von Leuten, die aus irgendwelchen Gründen ihren Mensabesuch so bedeutend fanden, dass sie darüber im Netz schreiben müssen. Eine Seite, die sich „Mensakritik“ nennt, sollte durchsuchbar sein, mobil sinnvoll nutzbar und alle gängigen Mensagerichte darstellen (am besten mit Nutzerfotos), sollte eine einfache Bewertungsmöglichkeit bieten und letztendlich Entscheidungsgrundlagen für beide Seiten bieten – Studentinnen und Studentenwerk. Verdammt, es sollte so sein, wie die Kundenwertungen bei Amazon. So, dass ich schnell entscheiden kann: Lohnt sich ein Besuch in der Mensa, wenn es dieses oder jenes Gericht gibt, oder nehme ich doch lieber ein anderes? Ist dieses Gericht vielleicht zu Unrecht so schlecht bewertet? Welches Gericht ist laktosefrei? Welches Gericht enthält Geschmacksverstärker? Wo sind Nüsse verarbeitet? Mensakritik sollte eine Grundlage bieten für die Entscheidung für oder gegen einen Mensabesuch und nicht nur eine einseitige „Ihr sagt was und wir geben’s weiter“. „Stille Post“ spielen wir in der Uni schon an genug Stellen.
Das die LHG hier auf halber Strecke stehen bleibt liegt nicht an ihnen selbst, es ist nicht so, dass die Macher unfähig wären (meine Ansprüche sind aber auch sehr hoch), sondern an den Bedingungen die sie vorfinden. So findet sich auf der Seite des Mensabeirats Wilhelmstraße nicht einmal eine E-Mail-Adresse. Ob dieser Mensabeirat noch besteht (das Foto stammt schließlich von März 2010) weiß ich nicht. Ich wüsste auch nicht, wo ich suchen könnte. Ich weiß auch nicht, wer der Ansprechpartner ist, wenn etwas grundlegend falsch läuft. Das Mensa-Personal? Der Geschäftsführer des Studentenwerks? Der Rektor? Vermutlich, und das ist die typische Uni-Erfahrung – ist einfach niemand zuständig.
Für besonders Problematisch halte ich jedoch die „Rechtlichen Hinweise zum Urheberrecht“ im Impressum. Darin heißt es: „Das Layout der Homepage, die verwendeten Grafiken sowie die sonstigen Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Die Vervielfältigung von Informationen und Daten, insbesondere die Verwendung von Texten, Textteilen oder Bildmaterial bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Studentenwerks Tübingen-Hohenheim.“ Da die Speisepläne ein Teil der Homepage sind – nämlich Inhalt – ist auf diese kein Zugriff ohne die Ausdrückliche Zustimmung des Studentenwerks denkbar. Und warum sollten sie zustimmen, dass eine Gemeinschaft sie kritisiert?
Die Logik, die dahinter steckt, erschließt sich mir jedenfalls nicht. Gerade die Essenspläne werden hundertfach kopiert, hängen vor jeder Mensa aus, es gibt sogar Apps die diese Speisepläne abbilden. Das Hintertürchen, sinnvolle Kritik mittels des Urheberrechts auszuschalten, wird aber offensichtlich offen gehalten.
Was ich mir wünschen würde von einer Seite, die sich „Mensakritik“ nennt: Ich will Informationen geben können („Das Schnitzel war ungenießbar“), erhalten („Der Pudding ist großartig! Probier den mal!“) und vor allen Dingen will ich gehört werden. Das ganze muss einfach und verständlich sein, und vor allen Dingen muss es auswertbare Ergebnisse bringen. Zum Beispiel, dass die Suppe um 12:25 den Studentinnen besser geschmeckt hat als denen um 14:22 oder denen um 11:33. Wir dürfen nicht dabei aufhören, Einzelmeinungen zu sammeln. Wir müssen diese auch auswerten und verarbeiten.
Wenn wir die Gäste sind, dann muss unsere Meinung gehört werden (und es kann einfach nicht jeder zum Zuständigen Menschen gehen und sagen „Der Braten heute war perfekt“) und wir müssen die Meinung der anderen hören. Wenn wir aber nur Mastvieh sind – und diesen Eindruck gewinne ich zunehmend auf mehreren Ebenen – dann ist die Informationsverweigerung und das Übermaß an Stumpfsinn gewollt.