Alles verändert sich wenn du es veränderst, doch du kannst nicht gewinnen, solange du allein bist

Ok, Scherben-Song. Alles verändert sich, wenn du es veränderst, doch du kannst nicht gewinnen, solange du allein bist. Schön These. Bestehend aus drei Teilen, die ich hier einzeln beweisen möchte.
Alles verändert sich lässt sich recht leicht beweisen, da es einerseits das Phänomen des Alters gibt, wir also heute morgen schon als gestern sehen, andererseits kann aber auch eine irgendwie geartete Veränderung in Natur und Kultur als existierend angenommen werden. Selbst wer Evolution bestreitet und „Nur was in der Bibel steht!!“ ruft, muss anerkennen, dass auch dort Veränderungen, wenn auch (teils) durch höhere Macht gesteuert, von statten gehen.
Nun beschränkt sich diese These aber nicht auf die Beschreibung eines Ist-Zustandes. Viel mehr stecken in den zwei folgenden Teil-Thesen Handlungsaufforderungen. Die erste lautet: Nutze deine schöpferische Kraft, die du als Mensch besitzt. Verändere. Warte nicht auf jemand anders, sondern bewege selbst deinen Arsch. Lebe die Veränderung, die du dir wünschst. Alles verändert sich, wenn du es veränderst.
Der dritte Teil schränkt den zweiten nicht ein. Es gibt nämlich zwei Lesarten dieser letzten Teilthese „doch du kannst nicht gewinnen, solange du allein bist“. Die offensichtlichere Lesart – nämlich „Organisiert euch!“ -, stelle ich kurz zurück. Interessanter ist zunächst die vorstellbare andere Lesart: Nur wenn mehrere sich streiten – man also nicht einig ist – und es unterschiedliche Interessen gibt, dann kann es jemanden oder eine Gruppe geben, die „gewinnt“ – und logischerweise auch jene, die „verlieren“. Sind sich alle einig oder ist man allein, so gibt es logischerweise weder Gewinner noch Verlierer, weil ja kein Vergleich möglich ist zu irgendwas anderem.
Auch wenn diese Lesart natürlich vorstellbar ist, scheint doch ein „Organisiert euch!“ darin zu lesen sinnvoller. Hier bietet sich ein Verweis auf Alleine mache sie dich ein an. Nur gemeinsam könne man, so sinngemäß Ralph Möbius, den Systemfeind besiegen.
Wie kann eine solche Veränderung aussehen? Und wie das nicht-allein sein?
Dazu in späteren Einträgen dieser Reihe mehr.

Fremder Leute Bahngespräche.

Im Zug kam ich heute nicht umhin zwei 20-jährigen zuzuhören, wie sie darüber redeten, wie früher™ alles besser war und wie reif sie nun seien und so weiter. Vermutlich habe ich selbst schon tausende solcher Unterhaltungen geführt. Ich habe dieses Stück zusammen mit dutzenden Protagonisten allerlei Geschlechts aufgeführt und immer ging es um das gleiche. Eigentlich haben wir uns nichts zu sagen, haben nichts gemeinsam, und das Wetter gibt nicht genug her um damit die Zeit zwischen den Pausen zu überbrücken, die nicht peinlich sind. Also bekämpfen wir die unangenehme Stille mit nebensächlichem Geplapper. Mit Erfahrungen, die jede_r kennt.
Früher war alles so einfach und besser. Heute schickt man keine Blumen mehr, man schreibt Nachrichten, also WhatsApp’t. Man liest keine Bücher, man kindle’t die neustem Romane. Kaufst du noch Alben, oder spotify’st du schon? Ich backe keine Pfannkuchen, ich waffel’e. Wir facebook’en nachher? Ne, sorry, ich muss noch hausaufgab’en. Oh, ein Klavier, ein Klavier. Palim Palim, ich hätte gerne eine Flasche Social Media. Ja, 140 Zeichen reichen.
Die Sache ist die: Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Es gibt keine äußere Macht, die uns etwas aufdrängt, sondern nur wir und die Konsequenzen unseres Handelns. Bleibst du im Bett und nennst deinen Chef einen Arsch, dann verlierst du möglicherweise deinen Job. Das Leben ist nicht schwieriger geworden, nur anders. Und wenn du deine Welt früher™ als einfacher, angenehmer oder besser wahrgenommen hast, dann liegt das daran, dass du dümmer warst oder die Welt schlechter werden hast lassen.
Ich möchte deshalb dieses Stück nicht mehr aufführen. Früher™ war nichts besser, und wenn es das doch war, dann sollten wir dringend etwas daran ändern. Denn eigentlich, eigentlich möchte ich eine bessere Welt™ hinterlassen. In der wir nicht zwangsweise darüber reden müssen, wie das Wetter ist oder die Vorlesung bei jener Dozentin, die noch niemand so richtig kennt, sondern das, was uns bewegt. Und ich spreche dabei nur teilweise von Öffentlichem Personennahverkehr.
[…]

Wann sind wir endlich daheim? Wir sind nie daheim.

Heimat ist ein Konstrukt. „Hier bist du Mensch, hier darfst du’s wirklich sein.“ singen die Sportfreunde Stiller in ihrem Heimatlied. „Und das schöne daran ist, dass es all das wirklich gibt.“
Wir alle scheinen den Ort, so banal er auch sein mag, den wir uns zum Leben ausgesucht haben – manchmal gezwungen, manchmal scheinbar frei – zu verklären. Hier bin ich daheim. Hier ist meine Heimat. Das alles wäre ja kein Problem, das Verklären würde ebensogut wie jede andere Selbstlüge funktionieren, wenn wir heute nicht durch Medien andere Heimaten präsentiert bekämen, die noch verklärter, angenehmer oder zumindest anders erscheinen, als der Ort, den wir uns nun ausgesucht hatten.
Wie die Liebe, die nie so echt und rein und toll ist, wie sie der Disneyfilm vorspielte, ist auch Heimat demnach für jede und jeden, welche_r diese Konkurrenz-Konstrukte nicht hinterfragt oder ignoriert, eine ständige, nicht endende Enttäuschung. Was bleibt sind zwei Handlungsalternativen: Das Dekonstruieren des Heimatbegriffs, was im schlimmsten Fall zu einer Entfremdung vom eigenen Wohnort führt, oder das übertriebene Verklären der eigenen Herkunft, was im schlimmsten Fall in nationalen Tendenzen ausartet, wie man sie bedauerlicherweise immer noch an vielen Stammtischen findet.
Heimat ist ein Konstrukt. Meine Heimat ist geprägt von irrsinnigen Traditionen die ich zugleich ablehne und liebe, aber auch von einer Ablehnung von Heimat. Ich bin da zuhause, wo die Antifa „3, 2, 1 keins“ und „Deutschland wegbassen“ klebt, wo Gentrifizierung bekämpft wird und Alte Leute dich freundlich grüßen.
Es ist komisch zu sagen, man hätte sich bisher nie richtig daheim gefühlt, weil man ja nicht wissen kann, ob nicht genau dieses verquere Gefühl, was man einem Ort entgegen bringt, genau das ist, was die Leute mit Heimatgefühl beschreiben. Aber, selbst fühlte man sich daheim, daheim wäre man nie.
Tatsächlich sind wir nie daheim. Tatsächlich können wir uns nur daheim fühlen. Dies eingesehen führt – zumindest bei mir – zu einer Zufriedenheit mit meiner eigenen Verortung auf diesem Planeten, die ich sonst nicht haben könnte. Ich fühle mich daheim, dort, wo ich mich entschieden habe, zu sein. Ich konstruiere mir ein Zuhause, da, wo ich mich niedergelassen habe. Ich versuche, diese Orte besser zu machen, aber ich setzte diese Orte nicht als besser – oder schlechter – als andere Orte da.
Dies eingesehen bedeuten etwa Naturschutzmaßnahmen, die mit Heimat begründet werden, nur ein Spiel mit einer gemeinsamen Illusion, oder freundlicher: einem gesellschaftlichen Konstrukt. Es gibt keinen Grund, hier schlechtes Design – oder gar keines – zuzulassen oder zwangsweise gewachsene Strukturen zu zerschlagen – solange man einsieht, dass gewachsen nicht unbedingt bedeutet, dass dies eine gute Sache ist. (Stammtischargument: Tumore sind auch gewachsene Strukturen.)
Bringt dich die Vorstellung von Heimat vorran? Ist sie produktiv? Oder lässt sie dich zu einem Arschloch gegenüber anderen – die vielleicht einen anderen Ort als Heimat sehen oder auch deinen – werden?
Heimat ist ein Konstrukt. Das bedeutet nicht grundsätzlich, dass es etwas schlechtes wäre. Aber Heimat ist auch nichts per se gutes.

THE ONE WITH THE VERSAGENSANGST

Mein Freund ist ein Versager. Er hat auf dem zweiten Bildungsweg seine Fachhochschulreife gemacht, studierte, und schmiss dann sein Lehramtsstudium hin. Das komische am Versagen ist, dass wir es alle tun, ständig, manchmal mit großer Freude, manchmal traurig dreinblickend wie ein einstürzender Neubau. Trotzdem haftet dem Versagen etwas an, ein Gefühl von Schande, von sich schämen müssen. Dabei gehört es dazu, zu versagen. Wer nicht in 90% der Fälle scheitert, der hat sich keine ausreichend hohen Ziele gesetzt.
Ich bin inzwischen ziemlich gut im Versagen geworden. Ich will nicht behaupten, ich sei mit diesem Talent geboren worden, aber über die Jahre wurde ich doch recht gut darin. Seit 8 Jahren bin ich jetzt mit meinem ersten Abschluss fertig – Hauptschule -, seitdem habe ich mich von Niederlage zu Niederlage durchgekämpft. Ich versagte immer höher und großartiger. Realschulabschluss, Abitur, abgebrochenes Studium 1, abgebrochenes Studium 2, zahlreiche Prüfungen nur knapp geschafft oder zwei Anläufe gebraucht. Mein Studium bringt mir höchste Freude, Erfüllung und Geborgenheit. Aber ich verkacke mein Leben damit in einem Maße, welches die großen Meister der Niederlage – etwa die Österreichischen Nationalspieler – ein anerkennendes Nicken abnötigt.
Man kann sich in seinem Versagen einkuscheln, kann sagen, dass man nie etwas erreicht und nichts hinbekommen wird. Das ist bequem und kuschelig und warm und so ziemlich der schönste Platz, neben der kleinen Höhle unter meinem Bett, in der ich gerade sitze und diesen Text schreibe. Aber Versagen kann auch bedeutet weiterzumachen. Mit etwas anderem. In dem man dann wieder scheitern kann. Und dann versagt man bei einer anderen Sache. Und macht weiter.
Das heißt nicht, die linke Backe auch hinzuhalten, wenn man bei der Kneipenschlägerei schon ein Glas über den Kopf gezogen bekommen hat. Aber es bedeutet, noch größer zu Versagen, als man es bisher geschafft hat. Versagen bedeutet nämlich, dass die Ziele, die man sich gesetzt hat, nicht zu klein sind, nicht unbedeutend oder unwichtig.
Mein Freund ist also ein Versager. Er hat sein Studium abgebrochen und dann ein zweites begonnen. Nun ist er Leiter einer Einrichtung – zu der ich nichts weiter sage, sonst kann man ihn ja doch zuordnen. Dort hat er größeres, ja, riesiges Versagenspotenzial. Das ist nichts schlechtes. Im Gegenteil. Es bedeutet, dass er auf dem richtigen Weg ist. Und dass er diesen Weg auch begeht.
Vielleicht wird das auch mit dem Haus nichts, welches er sich kaufen möchte. Er versagt nämlich bei der Kreditbeschaffung. Er ist also auf dem richtigen Weg. Wäre ja langweilig, wenn alles immer klappen würde.
Und trotzdem… habe ich manchmal Angst. Habe ich Angst, dass es nach dem nächsten Flug zur Sonne endgültig vorbei ist.

Phantom-Bewegungsmesser

Angeblich, so las ich es neulich in meinem aktuellen Lieblingsreiseblog (auf dessen Verlinkung ich hier verzichte, weil ich nicht weiß, ob ich das darf), braucht es 21 Tage, bis Veränderungen einsetzen und Dinge zu einer Gewohnheit werden. Gestern Abend stellte ich fest: Es reichen schon 10 Tage, um zumindest Irritationen zu erzeugen. Aber an den Anfang.
Ab und zu mache ich ganz gerne bei Fragebögen oder Untersuchungen mit. Einerseits, weil das recht häufig kleine bis kleinste Zuverdienste bringt, andererseits, weil ich das Gefühl genieße, jemandem beim Erkenntnisgewinn helfen zu dürfen. Gerade bei eher schlecht bezahlten Studien kommt hinzu, dass die Personen, die selbige durchführen, in aller Regel in geradezu überschwänglicher Art dankbar sind. Ich verstehe, wie frustrierend das sein kann, wenn man von hunderten nur Ablehnung bekommt, und wie freudig man dann ist, wenn doch jemand zusagt. Trotzdem wirkt das immer ein bisschen komisch, zumal im krassen Gegensatz zu der sonst so gewohnten kalten Uni-Bürokratie. („Wenn Sie ihr Bafög nicht rechtzeitig erneut beantragen ist das ihr Problem.“ „Und wie soll ich jetzt bitte essen?“ „Es gibt doch Suppenküchen.“)
So meldete ich mich auch zu einer Studie mit Bewegungsmessern an. Diese „ACTIVITY – Studie“ wurde mittels zweimal 9 Fragebögen, einem Hintergrundfragebogen und Bewegungsmessern der Firma ActiGraph durchgeführt. Am Gürtel, Rock oder ähnlichem getragen zeichnete dieser über 10 Tage meine Bewegung auf – nach oben/unten, vor/zurück und zu den Seiten -, sieht dabei aber eher wie ein Fahrrad-Rücklicht aus. Wichtig war nur, es möglichst immer zu tragen. Auch Nachts (was mich nicht störte). So wurde es eine Gewohnheit, den kleinen Bewegungsmesser von Hose zu Hose zu wechseln – auch, wenn ehrlich gesagt in meinem Alltag nicht allzuviel Bewegung stattfand.
Am Mittwoch nun gab ich das Gerät einer – immer noch superfreundlichen – Versuchsleiterin zurück und sie händigte mir als Lohn für meine „Mühen“ einen 5-Euro-Amazongutschein aus, zusammen mit (Yay!) einem Täfelchen Schokolade (Buh: Laktoseintoleranz). Tags drauf suche ich immer noch irritiert bis wütend nach dem Gerät, um es von der getragenen Hose zur Nächsten anzustecken, bis mir dann wieder klar wird, dass ich es ja zurückgab.
Vermutlich beruht auf dem gleichen Prinzip der Gewohnheit auch Jerry Seinfelds „Don’t break the chain“-Produktivitätsmethode, zu der ich mich ja bis heute nicht aufraffen konnte (auch nur diesen Artikel dazu zuende zu lesen). Aber vielleicht müsste ich es auch wie das Eichhörnchen sein: „The problems in hand are lighter than at heart“.
Oder so.