U wie Unterschiede

Anne Arend berichtete auf NDR.de (link) über die Änderungen der Buchstabiertafel durch das NS-Regime. Darunter tobt ein Kommentarkrieg auf MORGENPOST-ONLINE-Niveau. Die Geschichte rund um die Änderungswünsche eines Telefonteilnehmers, der die bisherige Tafel mit J wie Jakob, N wie Nathan und Z wie Zacharias zu Jüdisch fand, findet sich auch in der Wikipedia (Stand: 24.03.13).
Die Änderungen, wie sich aus der dortigen Tabelle entnehmen lassen, gehen aber noch weit über das Ersetzen von biblischen Namen hinaus.
So wird aus Y wie Ypsilon (1926) ein Y wie Ypern (1934). „Ypern?“, fragen Sie? Das ist ein belgischer Ort, an dem im ersten Weltkrieg heftigst gekämpft und wo erstmalig Giftgas eingesetzt wurde. Möglicherweise sollte diese Niederlage oder im Verständnis der Zeit die Schmach ins Gedächtnis gerufen werden.
Interessant finde ich auch die Entwicklung von K wie. War dieses 1905 noch Karl, klang K 1926 wie Katharina. 1934 wurde daraus der Kurfürst und heute klingt K offiziell nach Kaufmann. Handelskammer, ich hör dir trapsen.
Den Zeitgeist transportiert aber auch Ä. Klingt es heute wie damals nach Ärger, klang es für die 1925er Ohren optimistischer nach Änderung. Ähnliches auch bei Ü. Bis einschließlich 1925 hörte man noch überzeugend einen Überfluß, klang 1934 wohl auch selbstbeschreibend das Ü offiziell wie Übel. Heute scheint ganz zeitgeistig Übermut im Ü zu klingen. Auch der übrig gebliebene Umlaut Ö verhält sich auffällig. Klingt er für fast die gesamte vergangenen 100 Jahre nach Ökonom, versuchen die Nazis 1934 das vom Heimchen-am-Herd-Frauenbild überfrachteten Begriff Öse am Ö festzunähen.
Mich persönlich würde noch sehr interessieren, warum man 1926 von I wie Isidor auf I wie Ida wechselte. Ich würde natürlich gerne annehmen, das sei dem skandinavischen Einfluss geschuldet. Während Isidor bekanntermaßen hellenistischen Ursprungs ist und etwa soviel wie Gottgegeben bedeutet, kommt Ida von der althochdeutschen Silbe id, was so viel wie „Arbeit, Werk“ bedeutet. Ida ist noch heute in Skandinavien ein sehr beliebter (vor allem Mädchen-)Name. An Klein-Ida aus Lönneberga kann es jedenfalls nicht liegen. Die betrat erst 1963 die MORGENPOST-ONLINE-Bühne. Wahrscheinlicher wollte man einfach nur die Verwechslung mit T wie Theodor vermeiden. Hmpf.
Offiziell ist ja nun nur das eine. Viel spannender jedoch ist die Frage, wie wir tatsächlich buchstabieren. Sagst du N wie Nordpol und D wie Döner? Oder ganz Bloodhound Gang international Foxtrot Uniform Charlie Kilo? Und wo wir grad dabei sind: Scharf-S oder Eszett ?
Eine innere Buchstabiertafel ist etwas, worüber wir nie Nachdenken, aber es zeigt doch zwei Dinge: 1. Das unterbewusste ist auch unbewusst und sagt dabei – vllt.? – viel über die eigene Prägung aus. 2. Buchstaben sind nur eine Behelfskonstruktion, um Laute zu umschreiben. Wollen wir Buchstaben verständlich machen, brauchen wir doch wieder Lauthaufen im Form von Worten.
Sagen eigentlich Menschen, die mit einem Thomas befreundet sind, eher T wie Theodor oder Transsilvanien? Beeinflusst unsere aktuelle Umgebung unsere Buchstabiererei und vor wievielen Jahrzehten wurde diese Frage eigentlich überflüssig, weil ihr sowieso alle alles per E-Mail und SMS verschickt, anstatt am Telefon wie ein vernünftig Mensch zu morsen. (kurz kurz lang kurz, kurz kurz lang, lang kurz lang kurz, lang kurz lang)
E wie Ende.

Hej Kay-Sölve!

1990 machte Matthias Opdenhövel sein Abitur am Christian-Dietrich-Grabbe-Gymnasium in Detmold. Ebenfalls um diese Zeit war auch Kay-Sölve Richter an dieser Schule tätig. Sie war Mitglied der Radio AG, wie es ohne stolz auf der Internetseite der Schule zu lesen ist. Ob sich Opdenhövel – Moderator für Raab-Events und auch ansonsten ganz brauchbarer Fernsehmensch – und Richter mal begegnet sind? Auszuschließen wäre es ja nicht.
Vielleicht fragen Sie sich gerade, wer Kay-Sölve Richter ist. Sie arbeitet(e) zum Beispiel fürs ZDF und moderierte verschiedene heute-Sendungen, so wie sie zuvor schon für n-tv die Nachrichten sprach. Nebenher holte sie sich einen Magister in Geschichts- und Politikwissenschaften in Hamburg ab und beherrscht inzwischen fünf Sprachen.
Aktuell arbeitet sie als Medientrainerin zusammen mit Christoph Münzner (Webseite). Diese Zusammenarbeit führte auch schon zu einer Buchveröffentlichung. In „Natürlich sympathisch!“ (Amazon-Partnerlink) erklärten die beiden 2009, wie man gut rüberkommt.
Nun wäre das alles nicht besonders interessant – schließlich gibt es unglaublich viele intelligente, gebildete Menschen und auch mehr als nur eine Handvoll davon arbeitet in der Öffentlichkeit wie zum Beispiel beim Fernsehen -, aber irgendetwas macht Kay-Sölve Richter anders. Irgendetwas macht sie ungewöhnlich. Oder eher: Irgendetwas ist am Umgang von Teilen der Öffentlichkeit mit dieser bezaubernden Journalistin ungewöhnlich.
„Hej Kay-Sölve!“ weiterlesen

Eine gute zweite Halbzeit.

Der Tag heute wurde mit zunehmender Länge besser.
Angefangen hatte er mit einem um 6 Uhr klingelnden Wecker, einer Vorlesung über Öffentliches Recht (an sich ganz gut, nur hoffnungslos überlaufen). Danach folgte die Einführungsveranstaltung in Skandinavistik mit zirka 50 Studierenden und unheimlich sympathischen Dozenten. Bei der Fachschaft gabs „fika“, eine Kaffeepuase mit Kekse und nettem Beisammensein, und ganz nette Gespräche (auch wenn ich da eher passiv blieb).
Abends ging es in die nahegelegene Kneipe zum Fußball schauen. Nach einer katastrophalen ersten Halbzeit – die Deutschen zimmerten eins nach dem anderen rein und führten die Schwedischen Spieler regelrecht vor – wendete sich das Blatt in der zweiten Halbzeit. Erstes Tor, zweites Tor, drittes Tor, keine 15 Minuten sind vergangen. Noch ein Tor im Rückstand. Letzte Minute. Tor. TOOOOOOOR!!!
Dabei hatte ich mich in der Halbzeit noch mit meinem zukünftigen Schwedisch-Dozenten unterhalten, dass es keine Schande wäre, dass Schweden verliere gegen eine der besten Mannschaften der Welt. Und dann sowas. Unglaublich, wirklich.
Ich kann nach diesem langen, anstrengenden Tag nun beruhigt schlafen. Obwohl ich tatsächlich heute kaum jemand kennenlernte. Aber, bekanntlich brauch ich da immer ein bisschen mehr Zeit.

Bildung muss holistisch sein. Sonst könnten wir auch Lexikons großziehen.

Gestern kaute ich aus Gründen meinem Bruder ein Ohr ab (Metaphorisch).
Es ging irgendwie um das Gespräch die drei Halbsätze mit meinem Vater. (Siehe gestern in ihrem Lieblingsblog) Ich verteidigte ihm gegenüber meine Ansichten, was Bildung ausmache. Damit ich das nicht völlig vergesse und mir in spätestens drei Wochen an den Kopf greifen kann „Was hab ich den da für einen Mist geglaubt“ schreib ich das hier einfach mal auf. In Thesen.

  1. Bildung ist nicht das Auswendiglernen von Fakten. Eine gebildete Person muss nicht zwangsläufig wissen, wie lange der längste Fluss dieser Erde ist oder was der schwedische Wort für Souterrain ist.
  2. Bildung zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie mehr ist als die Summe ihrer Teile. Eine „holistische“ Bildung würde demnach dazu befähigen, Zusammenhänge zu erkennen, diese zu durchdenken und zu durchschauen und fähig zu sein selbst aktiv eingreifen zu können.
  3. Bildung ist keine Vorraussetzung für Arbeitsplätze, sondern eher hinderlich. Bildung führt zu guten Wissenschaftlern, im Idealfall wohlgeratenen Gesellschaftsmitgliedern oder mustergültigen Demokraten. Sie ist aber nicht hilfreich, um sich einer Arbeitshierarchie unterzuordnen oder mit einem niedrigen Lohn zufrieden zu sein.
  4. Allgemeinbildung ist demnach (da holistisch zu verstehen) nicht eine Sammlung aus Allgemeinwissen (längster Fluss, Hauptstadt, amtierende Politiker, wie addiert man Zahlen, wie berechnet man die Mehrwertsteuer, usw.), sondern eine Art Grundschatz an Denkvermögen und erlernten Zusammenhängen, die als gemeinsamer Minimalplatz notwendig ist, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Allgemeinbildung ist mehr als die Summe seiner Teile.
  5. Allein Bildung wird uns als Gemeinschaft voranbringen können. Für den einzelnen gesehen ist Bildung jedoch eher hinderlich. (Halbwissensbeispiel: Der sehr gebildete Isaac Newton starb als als Jungfrau.)
  6. Im Wissen, in logischem Denken und auch in der Ausübung von „körperlicher“ Arbeit sind uns Maschinen weit überlegen beziehungsweise werden uns bald weit überlegen sein. Bildung jedoch ist etwas, was eine Maschine nur sehr begrenzt erreichen könnte. Gerade aus diesem Grund ist sie von so entscheidender Wichtigkeit.

Bewusst habe ich mir keine Mühe gegeben, diese Punkte auszuarbeiten, um in diesem Stadium des Grobentwurfs noch Freiräume zu lassen, um zu denken und auch zu kritisieren. Die Nummerierung dient der einfacheren Übersicht.