Seufzsingle (2)

(Entwurfstatus. Als Serie veröffentlicht.)
Für einen Moment fühle ich mich heute verzweifelt alleine.
Eigentlich lehne ich prinzipiell Beziehungszeugs ab. Eigentlich versuche ich mich gegenüber derartigen Lebensumständen und -zielen abzugrenzen. Ich will in keiner Beziehung sein, sage ich.
Aber ich vermisse es, ab und zu, von eine_n Partner_in zu wissen, auf die_den ich vertrauen kann. Jemand_e, mit der_dem ich – wenn er_sie das auch will – kuscheln, knutschen und kumpeln kann, ein Genosse zum Genuss, ein Bis-zum-Weltende-Freund, yada yada.
Habe ich einen bestimmten ‚Typ‘? Ich stehe auf consensual, abgesehen davon tue ich mir mit Eingrenzungen recht schwer. Möglicherweise ist eine Folge davon, dass ich in beinahe jedem Seminar jemanden cute finde, von Crush‚chen zum nächsten wandere, aber mit niemand es richtig wagen möchte. Wozu auch? Es endet eh immer böse. Und in den wenigsten Fällen haben Menschen Interesse an mir. Nicht mal ich selbst bin mein Typ, warum sollte ich dann der von anderen sein? „Consensual“, wenn auch einziges Ausschlußkriterium, schließt praktisch alle* aus. Nicht nur partnerschaftlich, auch als potenzielle Freunde.
Im Moment wäre ich wohl gar nicht fähig, Teil einer Partnerschaft zu sein. Wie gesagt: Ich kann mich nicht mal selbst leiden und Leute, die mich mögen, können nicht ganz richtig sein – oder ehrlich. Eine Beziehung würde auch nicht allzu lange halten. Eine Freundschaft, die zu manchen Momenten manche von mir gemissten Aspekte beinhalten kann, dürfte beständiger sein als der sinnlose Versuch, mit jemandem als Partnerschaft zusammen zu sein.
Vom Gefühl des Alleine sein – und dem daraus genährten Drang, mich bei irgendeinem Partner-Shit anzumelden oder (OH GOTT!) mich von meinem Freunden verkuppeln zu lassen – rettete mich glücklicherweise eine Katze, die mich lange genug abzulenken wusste, damit ich meinem Schmerz wieder dorthin schieben konnte, wo er hingehört.
Vielleicht habe ich ja noch die Chance, eine Crazy Cat Lady zu werden. Hörte, das dürfen jetzt auch Jungs werden.
[…]

Seufzsingle

(Entwurfstatus. ~Juli 2014. Als Serie veröffentlicht.)
Jaja, du bist ganz toll. Für irgendjemand.
Du bist halt nicht mein Typ, und ich bin sicherlich auch nicht deiner.
Shit. Was soll ich darauf bitte sagen? Autsch. Nein, ich wöllte nicht mit dir zusammen sein. Ehrlich nicht. Aber nicht, weil du nicht mein Typ bist. Ich weiß nicht, ob ich einen ‚Typ‘ habe. Es gibt schon Menschen, die ich mag. Leute, mit denen ich in bestimmter weise gut funktionieren. Mit denen ich Zeit verbringen will. Reden; nicht alleine allein sein; nachts chatten; kuscheln; Konsole zocken; Bier trinken; wissen, dass die Welt nicht so sein muss; vielleicht auch mal knutschen. Mit jedem Menschen und in jedem Moment funktionieren manche Sachen, und andere halt nicht. Wo ist da das Problem? Wenn ich mit jemandem verdammt nochmal jetzt kuscheln möchte, und dieser Mensch das auch jetzt will, verdammt… dann muss man da einen Zettel draufkleben? Dann ist das jetzt X und nicht Y, und blah… Bullshit. Alle erwarten immer „Dies“ oder „Jenes“. Aber das funktioniert für mich nicht. Nicht im Moment.
Ich kann keine Beziehung eingehen. Ich kann mit jemandem zusammen sein, jaja, vielleicht, aber das würde nicht halten. Nicht lange genug.
Die Alternative sind Kuschelfreundschaften, Knutschfreundschaften, Nicht-alleine-allein-Freundschaften, usw.
[…]

Übertreib nicht meine Rolle (7).

Ich habe keine Meinung. Jaja, ich schreibe viel. Ich schreibe verdammt viel. Man gibt mir schon Schimpfnamen deshalb. (Aber es ist immer noch nicht genug.) Es ist aber nicht so, dass ich meine Meinung vertreten würde. Ich spiele Rollen. Der Globalisierungskritiker, der Feminist, der Grüne, der Antifaschist, der Zyniker, der Konservative, Sozialdemokrat, Student, der Christ, der Arbeiter, usw. Ich versuche eine kalte Scheibe zu sein, an der sich die Meinungswolken der anderen in Tropfen und Flüsse sammeln können. Kondensieren an meinem Geplapper. Damit die anderen wissen, wer sie sind und handeln können. Wenn die Leute tatsächlich nachdenken, ein zwei Gedanken auf die Dinge verwenden, dann … lassen sie vielleicht weniger zu, was schlecht läuft. Vielleicht erweisen sie sich aber auch als Arschlöcher und können dann sinnvoll begegnet werden.
Aber solange ‚die Leute‘ wollen das was passiert und keine Meinung kondensiert ist, solange sie schwebt und ihre Träger schlafen, gibt es… ach… eigentlich ist es egal? Weckt die Schläfer auf, ja, lasst ‚die Leute‘ ihre Gedanken äußern. Auch als Reaktion auf den Unsinn meiner Rollen. Auch als Kommentare oder Gedanken.
Was ich selbst glaube, ist dabei egal. Meistens fühle ich mich alleine und sehe keinen Sinn in den Sachen. Wir werden ohnehin sterben und wir arbeiten daran, möglichst viele und vieles in den Tod mitzunehmen. Aber vielleicht spiele ich mir dabei auch nur den „Nihilisten“ vor – oder Menschenfeind. Vielleicht habe ich keine Angst und fühle mich nicht alleine. Vielleicht ist das auch nur eine Rolle.
Würde ich den Verstand verloren haben, hätte ich wohl Probleme, es zu bemerken. Ich wünschte, da wäre ein größerer Unterschied. Eine klarere Mauer zwischen gut-und-heilsam und straight-forward-crazy. Alles unklar. Habe ich überhaupt von irgendetwas Ahnung? Werde ich jemals von etwas wirklich bescheid wissen? Ist „Wissen“ nicht völlig autoritär geprägt – „das weiß ich, deshalb ist das jetzt wichtig“. Mit einer Geste wird ein imaginierter Penis auf einen ebenso imaginierten Tisch geschlagen. Lächerlichmachen. Das (Nicht) Zugänglich machen von Wissen ist auch ein Unterdrückungsmechanismus. Macht mich dies zum Gesellschaftskritiker?
Vielleicht ist mein einzig echtes Ich müde. Vielleicht schlafe ich gerade ein. Vielleicht spiele ich mir diese Rolle aber auch nur vor. Vielleicht mag ich nicht, was ich vorgebe zu mögen. Vielleicht finde ich Pink Floyd öde und höre insgeheim sehr gerne die „alten Sachen“ von Helene Fischer. Vielleicht ist diese Rolle von mir auch suizidal.
Geht jetzt ein Wecker los? Denkst du jetzt – „Ohje! Der Autor dieses Blogs droht mit Selbstmord!! Wir müssen ihm_ihr helfen!“ -, als wäre irgendwas dran? Nein, ich spiele nur eine Rolle. Es gibt kein echtes Ich. Aber vielleicht spricht hier auch nur irgendeine Rolle. Den Unterschied erkenne nicht einmal ich.

Du tippst nervös auf deiner Tasturette, du hast das schreiben wieder angefang', du fragst mich nach meinem Befinden, wie du siehst ist's mir gut ergangen.

Eigentlich wollte ich nicht mehr schreiben. Weil es nichts nützt und ich nicht öffentlich passieren will, in einer Filterblase, die nicht aus Interessierten, sondern aus Abo-Nicht-Abbestellern besteht. Außerdem hatte man mir verständlich gemacht, dass man eigentlich keinen Bock hat, meine Leserbriefe zu drucken. Wozu auch. Lenkt nur von den Anzeigen ab. (Verzeihung, das war polemisch.)
Zumindest hatte ich das Gefühl, dass es nicht gewollt ist, dass es nichts bringt. Zumindest anderen nichts. Mir selbst war es immer heilsam. Morgens Zeitung lesen, frühstücken, schreiben. Halbe bis Stunde, um richtig wach zu werden, auch im Kopf. Gedanken verständlich machen, mit Zeichenbegrenzung leben, und halbwegs interessant klingen. Gemäßigt sein, auch wenn ich mal wütend wäre.
Niemand liest meinen Blog. Und es ist mein Lieblingsblog. (Jaja, Egozentrik, bla blah) Aber erschreckend viele – mindestens drei (!) Leute – lesen meine Leserbriefe und sprechen mich darauf an. Loben, so als hätte ich etwas richtiges gesagt (habe ich nie, werde ich nie.), oder nennen mich Feigling oder dergleichen.
Dabei schreibe ich Banalitäten, damit ich wach werde. Und Annette W.-M., unsere hiesige Bundestagsabgeordnete, sagte, wir sollten Leserbriefe schreiben. Irgendwie hatte sie ja recht damit. Filterbubble durchbrechen, Fragen und Diskussionen aufwerfen, Stellung beziehen, sich zusammen tun. Sie will auch das wir demonstrieren, mit unseren Forderungen zu ihr kommen, all sowas.
Am 10. Dezember 2014 schrieb ich einen Leserbrief, in dem ich kritisierte, dass durch die in einem Artikel verwendete indirekte Rede (also Redewiedergabe über Konjunktiv I) eine – vielleicht nicht beabsichtigte – Distanzierung erfolge und das gerade bei Aussagen, die auf ihre Richtigkeit überprüfbar wären. Natürlich ist indirekte Rede gängige Praxis und daran ist nichts auszusetzen. Ich wunderte mich nur, dass ausgerechnet diese Sätze indirekt zitiert wurden. Durch die indirekte Rede klangen sie, als wären sie vielleicht richtig, vielleicht nicht.
Vielleicht schrieb ich das nicht ausreichend deutlich, vielleicht war ich zu emotional involviert und zu grob, aber in einer Antwortmail des Chefredakteurs berichtigte er meine Fehler und sagte, ich solle den Leserbrief umschreiben oder zurückziehen. Ich tat letzteres. Mit einem sehr komischen Gefühl.
Und dann Selbstzensur, Ausbrechen aus liebgewonnenen Angewohnheiten und viele, viele unabgeschickte Texte. Und das komische Gefühl blieb. Ich konnte es halt nicht lassen. Aber ich wollte nichts veröffentlicht wissen – nicht dort, nur hier, wo ich mich einkuscheln konnte und meine Worte nicht durch fremde Überschriften umgedeutet werden konnten; -blog statt -blatt, lieblings- statt tag-; sowas halt – ich hatte Angst vor den Leuten und Angst, Recht haben zu wollen; Angst, dass man mich auf irgendetwas anspricht, statt zu schreiben. (Ich bin nicht so gut im Sprechen.)
Am 23. Januar 2015 schickte ich zum ersten mal wieder einen Brief ab. Und dann wieder und wieder und wieder. Aber die Briefe waren anders. Weniger Protest, weniger Getose, weniger Belehrend (ok, der letzte Punkt ist gelogen). Viel vielleicht, viel Nachdenken, viel Banalität. Schüler_innen Mut machen für die Zukunft, ein bisschen skandinavische Sprachen, seichte Kritik, seichtes Lob, ein bisschen Angst und Zeugs. Nichts bedeutsames, nichts lautes, ich halte mich weitgehend zurück. Wenn nur positive Worte über die Zeitung. Und die Leute. Ein bisschen Politikerverdrossenheit, aber das ist uns ja schon so banal wie eine Klospülung.
Aber.. das ist vielleicht auch egal…
(In einem Artikel über die 2662 Leserbriefe im Jahr 2014 hieß es: „Dafür war es dann aber eine Frau, die zuerst das Jahreskontingent von 15 Leserbriefen erreichte, und zwar bereits Anfang Oktober. Mit ihr waren es elf Vielschreiber, darunter zwei Frauen.“ Ich habe mir vorgenommen, halb im Witz, halb im Ernst, dieses Jahreskontingent schon im Februar zu erreichen. Ob das klappt? Und ob die Regionalzeitung eine schwarze Liste hat? Und vor allem: 15 veröffentlichte Leserbriefe, oder 15 abgeschickte?)

Die persönliche Ebene des politischen Aktivseins.

Ich bin nicht politisch aktiv.
Das klingt komisch, so wie wenn Dich Erwachsene früher gefragt haben, ob du schon sexuell aktiv bist, damals, als du so 16 warst und schonmal geknutscht hast, aber alles andere dir nur durch den Kopf schwurbelte wie ein kleiner Helikopter. [Adjektiv] aktiv klingt so albern, als würde man einen Schalter umlegen und dann wäre da plötzlich alles anders. Dabei ist das – finde ich – eher ein Prozess. Man ist halt von allem ein bisschen aktiv, oft auch passiv und überhaupt, es gibt fast nie alles oder nichts.
Jedenfalls bin ich nicht so sehr politisch aktiv.
Wählen, jo, das mache ich. Und ab und an gehe ich auch auf eine Demo, die mich interessiert, oder sitze in einem Vortrag, der cool klingt. Manchmal, ja, manchmal schreibe ich mir sogar Notizen. Aber ich bin in keiner Partei und keinem Verein – ok, ja, seit kurzem in einer Gewerkschaft, aber das hauptsächlich aus Solidarität und so überhaupt nicht aktiv – und ich bin auch in keinem politischen Lesekreis oder in irgendeiner Gruppe. Manchmal, ja, da gehe ich auf die Montagsdemo gegen Hartz IV und Sozialabbau. Die Leute da sind ziemlich nett und man lernt mal die Welt außerhalb der eigenen, studentischen Filterblase kennen. Sie haben immer ein offenes Mikro und Ohr, und auch wenn ich manche Ansichten nicht teile, so ist es doch immer interessant. Manchmal, dann stammele ich auch etwas ins Mikro, aber meistens finde ich das nicht so wichtig, was ich sage oder denke. Die meisten aus der Gruppe haben noch andere Projekte. Manche sind in Parteien, manche in Vereinen, oft in mehreren organisiert, und oft gibt es Veranstaltungen, zu denen sie einladen. Das ist schön.
Aber ich bin nicht so politisch aktiv.
Ich gehe nur zu wenigen Veranstaltungen, eigentlich fast keinen. Dabei laden mich gerade Kommilitonen, die „politisch aktiv“ sind, oft ein. Hauptsächlich, weil ich irgendwo herumstehe, vorbeigehe oder mich in meiner Introvertiertheit pinguinhaft nähere. Komm dorthin, komm dahin. Wir haben diese Veranstaltung. Käme ich jeder Einladung nach, ich wäre wohl deutlich klüger, würde mehr Menschen kennen und letztendlich ein besseres Leben führen. Aber ich hätte wohl auch Burnout.
Ich finde das toll, wie Leute Veranstaltungen organisieren, sich für ihre Themen einsetzen. Aber ich mag es nicht, wie es gerade Kommilitonen machen, wenn solche Einladungen auf die persönliche Ebene gezogen werden – so, als wäre man zum Erscheinen verpflichtet. Und, kommunikationsunbegabt wie ich bin, kann ich nicht einfach „Nein, kein Bock“ sagen. Es tut mir leid, dass ich keine Zeit habe, nicht möchte oder mich ein Thema nicht interessiert. Denn meine Freunde interessiert dieses Thema sehr.
Vielleicht muss ich erwachsen aktiv genug sein, um souverän zu sagen, dass ich meine Zeit mit etwas anderem verbringen möchte. Dass ich, wenn mich etwas interessiert, gerne komme, aber nicht über eine Beziehungsebene dazu gedrängt werden will.
Aber, ich bin nunmal nicht so sehr erwachsen aktiv.