Nur das die, die gegangen sind nicht versteh'n könn' was ich an dir find.

Vielleicht ist so ein schreckliches Wort, weil die Leute es verwenden, wenn sie „niemals“ sagen wollen. Vielleicht ist ein schlimmes Wort, denn eigentlich heißt es „ich will nicht“. Vielleicht ist ein sozialer Puffer, der uns ermöglicht, auch zu denen nett zu sein, die wir nicht mehr ertragen können oder wollen.
Ich hätte mir ein Vielleicht so sehr gewünscht im August 2009. Aber ich bekam per SMS gesagt, dass ich nicht mehr anrufen soll. Das heißt, man bat mich darum. „Bitte, bitte, ruf mich einfach nicht mehr an.“ Und ich rief nicht mehr an. Nie wieder.
Die Leute fragen mich: Schon wieder die alte Geschichte?
Ich sage: Immer noch die alte Geschichte.
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Als ich vor ein paar Wochen den Putzschrank säuberte hielt man mich für fiebrig. Heute kochte es wieder in mir.

Ich bin wütend und mies gelaunt. Dieser Eintrag dient lediglich dem Frustabbau.
Heute habe ich geputzt. Geputzt, wie als würde mein Leben davon abhängen. Ich drehte die Musik in den Kopfhörern auf, schnappte mir einen Eimer heißes Wasser und putze mein Elternhaus. Warum ich das tat? Mir war danach. Als das Wasser im Eimer so dreckig war und zumindest in einem Stockwerk die Böden halbwegs sauber (tatsächlich sauber wird man diese Böden mit all ihren Rissen und Unebenheiten nie hinbekommen), schnappte ich mir einen Staubsauger und saugte. Treppe für Treppe, Flur für Flur, Wohnzimmer, Küche (die Brotkrümel!), das Esszimmer, welches wir hauptsächlich als Lagerraum nutzen, das Schlafzimmer der Eltern und schließlich sogar den Balkon, auf dem unsere Wäsche über ganzen Dünen aus Staub hängt. Im Esszimmer saugte ich beim Versuch, die Krümmel vom Teppich zu entfernen, der halben Teppich mit.
Warum tat ich das? Warum verspürte ich eine so brennende, starke Wut, dass ich für einen kurzen Moment umkippte, als ich mich einen kurzen Moment nicht wie im Wahn mit Putzutensilien um den Dreck prügelte?
Möglicherweise dient das Reinigen des Hauses mir als eine Art Flucht. Ich bin unzufrieden damit, dass es offenbar niemand stört, dass im Schlafzimmer der Eltern an den Wänden (möglicherweise) Schimmel wächst (ist allerdings noch kein wirkliches Problem). Mich macht es fertig, wenn mir die selbe Person Haushaltstipps gibt, die ihr Geschirr manchmal Wochenlang nicht abräumt. Kritik wird sofort als persönlicher Angriff gewertet und abgeblockt. Ich mag diese Situation nicht.
Ich mag die Tapete an meinen Wänden nicht mehr und es deprimiert mich, sie sehen zu müssen. Vor allen Dingen bin ich aber wütend auf mich selbst. Wütend, dass ich mich um kein besseres Leben gekümmert habe. Wütend, dass ich es nicht geschafft habe – oder schaffen werde – für meine Familie ein besseres Leben zu schaffen. Wütend, dass ich so feige bin nun einfach auszuziehen.
All diese Wut habe ich darin verschwendet, das Haus zu putzen. Und als meine Eltern wiederkamen, da entschuldigte ich mich, dass ich gerade putze. Ich entschuldigte mich so oft und ausgiebig, dass sie offensichtlich nicht wussten, was sie sagen sollten. Mich zu strafen weil ich mich entschuldige für mein Verhalten kommt nicht in Frage, weil mein Verhalten positiv zu bewerten wäre. Trotzdem nervt es sie. Und ich fühle mich schlecht, weil ich eine Veränderung in meinem Elternhaus will. Eine radikale Veränderung.
Später am Abend beschimpfte ich meinen Bruder, sagte es wäre Menschen nicht würdig in einem solchen Loch zu leben. Ich beschimpfte ihn so sehr, beleidigte mich selbst, meine Eltern und alles und jeden, der mir über den Weg lief derart, dass ich nun… mich völlig leer fühle.
Leer und deplatziert.

*Denn unsere Ansprüche sind sehr niedrig.

Kennen Sie diese Shows bei MTV, bei denen Leute etwas bekommen (wie z.B. Pimp my Ride, bei dem die Teilnehmer ihr Auto „aufgehübscht“ erhalten) und dann völlig ausrasten? Nun, ungefähr so bin ich gerade ausgerastet, als ich in der zukünftigen Küche meiner Wohnung einen Kühlschrank (!!!) und einen W-Lan-Router (!!!!!!!!!) fand.
Und während ich derart ausrastete fühlte ich mich plötzlich an Pete’s Comic neulich erinnert. Meine Ansprüche an eine Wohnung, ja vermutlich sogar meine Ansprüche an mein Leben sind alles andere als hoch. Und ich weiß nicht, warum ich nicht nach höherem Strebe. Mehr verlange. Mehr einfordere. Bin ich zur Genügsamkeit erzogen oder machen alle die Zukunftsvisionen mir zuviel Angst, als dass ich etwas mehr von meinem Leben wöllte als ein kleines bisschen Sicherheit? Zehn Quadratmeter, eine Küche, ein Bad. Nicht hungern müssen und vielleicht eine gute Internetanbindung. Diese sehr niedrigen Ansprüche finden sich auch in anderen Bereichen wieder und ich glaube, es geht nicht nur mir so. Vielleicht ist das unsere heutige Form des Bidermaiers. Weil es kein „Zuhause“ gibt, kein „Privates“, in das wir uns verkriechen könnten verstecken wir uns im Netz und sind mit allem zufrieden, was uns nur gegeben wird.
Vielleicht sind wir auch so geprägt von negativen Utopien und Filmen wie Network. Vielleicht… vielleicht… Ich weiß es nicht.

Alt wie ein Baum…

“What they don’t understand about birthdays and what they never tell you is that when you’re eleven, you’re also ten, and nine, and eight, and seven, and six, and five, and four, and three, and two, and one. And when you wake up on your eleventh birthday you expect to feel eleven, but you don’t. You open your eyes and everything’s just like yesterday, only it’s today. And you don’t feel eleven at all. You feel like you’re still ten. And you are — underneath the year that makes you eleven.
Like some days you might say something stupid, and that’s the part of you that’s still ten. Or maybe some days you might need to sit on your mama’s lap because you’re scared, and that’s the part of you that’s five. And maybe one day when you’re all grown up maybe you will need to cry like if you’re three, and that’s okay. That’s what I tell Mama when she’s sad and needs to cry. Maybe she’s feeling three.
Because the way you grow old is kind of like an onion or like the rings inside a tree trunk or like my little wooden dolls that fit one inside the other, each year inside the next one. That’s how being eleven years old is.”
— Sandra Cisneros

(via Kristine Tuna).
Mir gefällt diese Vorstellung von Alter. Dass wir große Matroschka-Puppen sind und unser älteres Ich auch die jüngeren enthält und Erwachsene manchmal nur so komisch sind, weil sie schon so viele Schichten um ihr Kinder-Ich gelegt haben.
Wenn mir wiedermal jemand sagen sollte, ich solle mich meinem Alter entsprechend verhalten, werde ich nur fragen: Welchem? Mein Leben lang war ich 5 und 10 und 20 und jedes dieser vergangenen Lebensjahre ganze 365 Tage lang, 8.760 Stunden lang, 525.600 Minuten ewig. Verglichen zu dieser Zeit habe ich überhaupt keine Übung in meinem „jetzigen“ Alter. Warum sollte ich mich also diese entsprechend verhalten können?
Andererseits entdeckte ich heute ein graues Haar. Lang und aufmerksamkeitsheischend präsentiere es sich mir und bettelt regelrecht darum, mich in ein Gefühl des Altseins zu werfen. Das graue Haar hätte mir wohl am liebsten neben seiner Selbst eine Holzkiste Memento mori rufend präsentiert. Aber soviel kann es wohl nicht mehr tragen, es ist schließlich schon alt und grau. Wie ich. Mit meinen gerade begonnenen 22 Jahren.

Der Bildschirm kennt nur Unterhaltung

Eigentlich hätte ich heute mit meine Vater streiten können. Er bot mir gleich zwei Vorlagen.
Ich saß, wie in letzter Zeit öfters – im Sessel vor dem aufgeklappten Notebook. Mein Vater sah das Fernsehsender-Vorabend-Allerlei. Ich sollte dazu sagen, dass mein Vater Gärtnermeister ist, seinen eigenen Betrieb mit Mitarbeitern führt und deshalb eine recht klare Trennung von Arbeit und Freizeit hat. Bei mir ist das anders, weil mein Begriff von Arbeit völlig anders ist.
Er fragte, ohne jedes Wort zuvor und in einem Befehlston, dem jedem preußischen General die Freudentränen ins Gesicht gespült hätte: „Machst du eigentlich gerade etwas fürs Studium?“ Ich fragte, völlig überrumpelt von dieser Frage, lediglich „Jetzt gerade? In dieser Sekunde?“. Ein wenig befehliger und mit der Enttäuschung, die ich in letzter Zeit häufiger aus seiner Stimme herauszuhören glaube, präzisierte er: „Wenn du vor dem Computer sitzt. Machst du dann etwas für dein Studium oder spielst du nur rum?“. „Der Bildschirm kennt nur Unterhaltung“ weiterlesen