"Wir sollen sowas einfach schriftlich festhalten…"

Silvester ist die Hölle. Als ob man an Weihnachten nicht schon genug gegessen und auf Menschen herumgesessen wäre, wiederholt man das ganze kaum eine Woche später mit Freunden.
Seit längerer Zeit, als ich das erinnern könnte, treffe ich mich an Silvester mit den gleichen Leuten. Freunde, die ich auch unter dem Jahr sehe und mit denen auch zur Fasnet einiges auf die Beine gestellt wird.
Wie diese Sachen zustande kommen ist aber manchmal recht müßig. Vor allem, weil es nichts festes gibt, an dem man sich halten könnte. Wie viel Kilo Hackfleisch sollen wir jetzt kaufen? Was haben wir letztes Jahr gemacht? Soll es überhaupt wieder Hamburger geben? So viele Entscheidungen, so viel zu vergessen.
Auch in anderen, freundlichen Kontexten bin ich mit Menschen zusammen. Zum Beispiel in der Familie – die patriarchal strukturiert ist -, oder der Fachschaft – die Basisdemokratie lebt. In letzterer versuchen wir alles – vor allem, was abgestimmt wurde -, schriftlich festzuhalten. Es gibt ein Protokoll, und seit einigen Sitzungen versuchen wir das zunehmend auf einen Standard zu heben, dass diese auch rechtsgültig sind und nach außen getragen werden könnten.
Dies fehlt mir manchmal in unserem Freundeskreis. Es kann niemanden geben, der letztlich über alle beschließt, deshalb müsste man sich auf Dinge einigen und diese festhalten – weil sonst alles ewig diskutiert werden kann und keine Entscheidung je fest steht.
Wie ich heute heraus fand: Tatsächlich gibt es ein Protokoll einer Vorbesprechung des letzten Silvesters. Inklusive Rezepte, Einkaufsliste, und allem, was gebraucht wird. Nur: Das Folgeprotokoll fehlt, in dem hätte festgehalten werden, welche Mengen gekauft wurden usw. Der Anfang war also gemacht, und niemand hat es fortgeführt. Vielleicht hätten wir direkt eine_n Protokolant_in für die nächste Sitzung festlegen sollen.
Seufz. Somit bleiben unklare Angaben und ein „wir hatten zuviel“ übrig, statt zu wissen, welche Menge denn sinnvoll wäre. Unorganisierte Organisieren nervt. Aber immerhin bleibt der Zauber und die Verwunderung darüber, dass dann irgendwie doch vieles klappt – Hoffentlich.

Meine Amazon-Bestellungen rufen alter Mann.

[Verfasst Mitte September.]
Ich werde alt. Graue-Haare-alt, ja. Das schon seit ein paar Jahren. Selbstgespräche führend, ja sie sogar in Textfelder schreibend und im Internet veröffentlichend („bloggen“). Mir tun Knochen weh und ich mag das Fernsehprogramm nicht und finde die SPD sehr gut, abgesehen von ihrer Politik und ihren Politikern. Ich empfinde Plasberg als zu jung für eine ernstzunehmende Politiksendung, dabei ist der auch schon fast 60.
Mich stört, dass der günstige Wein nach kurzer Zeit schon nach Essig schmeckt und ich bin nicht mehr mit dem aller billigsten und unbequemsten zufrieden. Es dürfte auch schon ein Ho(s)tel sein, statt Metallbänken in einem Bahnhof. Also, wenn ich noch in Urlaub fahren würde. Meistens denke ich aber: Zuhause is ja auch schön, schaue mir ne Serie auf Netflix an und trinke noch ein schönes Gläschen Wein.
Heute kamen zwei Pakete an. Schon wieder. Am Montag wurde mein neuer Computer geliefert, nachdem sich der alte langsam aber sicher verabschiedete. Ich bestellte dafür dann, weil ich alt werde und denke, dass das wichtig sei, ein Case. Eine Plastikschale, die den Computer schützen soll. Vielleicht klebe ich Aufkleber darauf, um mich nicht als völlig früh-vergreist zu offenbaren. Wenigstens sinkt nicht der Wiederverkaufswert, weil ich die Aufkleber ja mit dem kompletten Case ablösen könnte. Außerdem kam eine Tasche an. Eine Laptoptasche. Die erste in meinem Leben. Ich habe noch nie so etwas gekauft und ich weiß nicht, ob das richtig ist, aber es fühlte sich richtig an, sie zu bestellen. Eine Stimme in mir sagte, das sei richtig und wichtig und ich wählte nicht die günstigste, sondern jene mit dem augenzerfetzensten Muster aus.
Vor ein paar Jahren habe ich den alten Computer, damals die bis dahin größte – finanzielle – Investition meines Lebens, in Handtücher eingewickelt und wie ein schreiendes Baby über glatte Straßen heimgetragen. Nun also ein Case und eine Laptoptasche.
Ich werde alt.

Heute schrieb ich einer Versicherung, überlegte eine weitere abzuschließen und unterschrieb ein Lastschriftenmandat. Keine Ahnung was das ist, aber Dinge zu unterschreiben, die man nicht vollständig versteht, das fühlt sich auch irgendwie nach alt werden an.
[…]

Du kan gå din egen väg (354)

Letzter Zug. Vor mir steigen zwei Gruppen von jungen Frauen aus. Ich muss diese Straße entlang, nach Hause. Die einen gehen diesen Weg, die anderen den anderen. Fuck. Ich will nicht um kurz vor Mitternacht wie ein Creep alleine hinter jungen Leuten herhumpeln. Im Halbdunkel wie ein Sexualverbrecher hinterherlaufen. Das wollen die nicht, das will ich nicht. Ich gehe also einen Umweg. Unnötig lang, aber niemand soll vor mir Angst haben müssen. Statt dessen habe ich jetzt Angst. Leere Straße, mieses Licht. Irgendwelche besoffenen Nazis unterhalten sich auf einer Bank. Singen von Deutschen Eichen und wer daran hängen soll. Ich versuche nicht daran zu denken, dass diese Menschen auch meine Nachbarn sind.
Im Zug lauschte ich der lautstarken Unterhaltung dieser Frauen, denen ich nicht auch noch folgen will. Es ging um Serien, die sie in ihren Lernphasen – vermutlich waren es Studierende – sehen. Eine von ihnen sagte, sie brauche wieder eine Serie. ‚Gilmore Girls‘ habe sie schon drei mal durch. Sie singt kurz die Titelmelodie. Außerdem ‚Pretty little liars‘ und ‚Sex and the City‘. Ich versuche nicht zu er- oder unterbrechen. „Breaking Bad?“ schlägt eine ihrer Begleiterinnen vor. „Nee.“ „Game of Thrones?“ „Nope.“ Dann geht es darum, wie sie trotz Serienschauen gute Prüfungen schreibe. Ich verkneife mir irgendwas zu sagen.
Hätte ich empfehlen sollen? Black Mirror, mit das beste, was ich gerade kenne? Seinfeld, ein absoluter und unglaublich komischer Klassiker? House of Cards? Hm. Oder, Lernpausen-Geheimtipp weil Kurz und oft sinnfrei, ab und an aber auch sehr tiefgründig, Adventure Time? Hätte ich etwas sagen dürfen? Können? Müssen? Nein. Wozu auch?
Leute sind begeistert von The Walking Dead und ich weiß einfach nicht, warum. Wie in aller Welt man diese Serie gut finden kann. (Ich schau sie ja selbst, und bin bisweilen positiv überrascht.) Aber eigentlich finde ich alles schlecht und jeden erstmal scheiße. Und vielleicht behaupte ich das auch nur, weil es so schön klingt. Und weil es zu anstrengend ist, etwas zu mögen und ständig das Herz gebrochen zu bekommen (wie das der GoT-Fans).
Ich drehe meinen Schlüssel im Türschloss. Die Tür öffnet sich. Bald liege ich in meinem warmen Bett. Ich kann mich kaum auf meinen Beinen halten… oh, vielleicht schaue ich doch noch eine Folge von … irgendwas.

Generation #Meh.

Vielleicht haben wir kollektiv einfach alle aufgegeben. Haben ein Memo rumgeschickt, dass wir jetzt Freitags keine Hosen mehr anziehen und Dienstags Bier trinken, Hashtag #bierstag. Oberkörperfrei, aufs Fahrrad und auf die Welt scheißen. Was kümmert mich was irgendwer denkt? Mein Kind schreit eben im Supermarkt. Alle schweigen. Niemand sagt etwas. Wenn doch drohe ich mit Klage. Meine Jogginghose ziehe ich nur aus, wenn ich dusche (einmal im Monat). Ich mache Hip-Hopper-Geräusche und bin ein indischer Hipster. Rassismus trägt man jetzt auch wieder. Und Landesverrat ist ein Vorwurf, den man machen kann. Wir haben uns aufgegeben. Haben die Gesellschaft aufgegeben. Wir kämpfen jetzt mit allen Mitteln für Klassenerhalt. Für Lohnsenkungen bei – wenigstens – Weiterbeschäftigung. Fuck. Uns ist die nächste Generation egal. Fickt euch. Fickt euch mit euren kleinen Händchen und den Lungen voller Feinstaub. Fickt eure Plastikwindeln, die eure Kacke noch hundert Jahre lang konserviert. Hauptsache, du bekommst keinen nassen Arsch beim schlafen, und weckst mich nicht nachts. Rabenmütter ficken Rabenväter und legen Eier.
Atommüll, Entsolidarisierung, Kaltland, ACAB, Kitaterror, Naziterror („Besorgte Bürger“), Flüchtlinge, Impfgegner, Reichsbürger, Umweltschützer, Klimawandel, CSU, … im Grunde ist das doch egal, solange mein Cuba libre vor mir steht und deine Zukunft mir zwischen dem Klimpern der Eiswürfel egal ist. Die Todgeweihten grüßen dich!

Aber ich will nicht werden, was mein Alter ist (5)

Vielleicht klinge ich manchmal undankbar, vielleicht klinge ich manchmal als würde ich aus post-jugendlicher Überheblichkeit ablehnen, wofür meine Eltern stehen. Vielleicht klinge ich, als würde ich ablehnen, wofür sie stehen. Aber ich sehe das, was ich in ihnen sehe, schon in mir angelegt und ich fühle mich dem einfach nicht gewachsen. Dem „Erwachsen sein“, dem „Verantwortung übernehmen“. Ich fühle mich nicht im Stande, so zu werden, wie mein Alter ist.
Ich lehne also nicht ab, weil ich es schlecht fände. Ich lehne ab, weil ich mich zu schlecht finde.
Das zuzugeben ist vielleicht auch schon ein bisschen erwachsen und verantwortlich. Das in einem Blog zu veröffentlichen? Naja. Fiktion. In Wirklichkeit existiere ich gar nicht.