Aber ich will nicht werden, was mein Alter ist (4)

Mein Vater bruddelt manchmal. Er fühlt sich wohl bei Fehlern und Missverständnissen schnell angegriffen. Glaubt, wir würden nicht zuhören oder könnten nichts übernehmen. Er wirkt deshalb oft unzufrieden und das bleibt auch Dritten nicht verborgen. Wenn er uns anschreit, jähzornig? Ist es das? Wenn er zurecht oder zu unrecht Unzufriedenheit äußert, dann fühle ich immer, dass ich so nicht sein will. Kaputtschlagen, ja. Kaputt machen, was mich kaputt macht. Aber Wut an einer falschen Stelle platziert; Zorn, der sich gegen Menschen des direkten Umfeld richtet, der aber bleiben muss, weil sich an den Situationen und Gründen nichts ändern kann – niemand kann die Fehlerquote bei Menschen wirksam herunterbringen -; der zerfrisst und zerstört mehr, als dass er wirksam hilft. Kräfte mobilisiert. Du wirst nie etwas verändern, wenn du dich dafür zerstörst. So will ich nicht werden. Nicht teilnahmslos, alles in mich hineinfressend, nicht wütend und verletzend.
Und dann erwische ich mich selbst dabei, zu bruddeln. Selbst, wie ich unzufrieden bin und in mich hinein fresse. Wie ich nichts ändern kann, mir der Machtlosigkeit bewusst bin und trotzdem verzweifele, als läge alles nur an mir.
Ich werde so, wie die anderen sind, bin so, wie die anderen sind, und ich beginne mich selbst nicht leiden zu können darüber.
[…]

Aber ich will nicht werden, was mein Alter ist (3)

Ein Verwandter, gerade 22, wird wohl ein Kind in die Welt setzen. Noch ist es unterwegs und schwierig darüber nachzudenken und zu sprechen, aber er scheint deutlich weiter zu sein. Macht eine Ausbildung und all so etwas.
Mein Vater denkt nicht so positiv darüber. Sagt, dieses Kind würde nur Zeit und Geld verschwenden. Seinen Eltern auf der Tasche liegen. Auslandsjahr, Sabbatjahr, Ausbildung in einer fremden Stadt und nun das Kind ein Kind – wo er sich doch in der Ausbildung kaum darum kümmern können wird -, außerdem sei die Familie der zukünftigen Mutter auch von weiter weg. Also immer ein großes Hin und Her, nach dem Hin und Her. Vielleicht sagte er das nach einem schlechten Tag, in einem dummen Moment. Wenige Stunden später äußert er sich völlig anders dazu. Positiv, vertrauend. Nun bin ich wieder der Schurke, der Nichtsnützige. Schenke ihm keine Enkel. Nütze nicht finanziell. Ebenso hätten sie mich abtreiben können.
[…]
Ich bin nun 24 und bin meinen Eltern auch nur auf der Tasche gelegen. Mache ein Studium, welches niemand auch nur irgendwas – finanziell – bringt. Sie haben mich gezeugt – und ich hatte mir nicht vorgenommen, jemals auf die Welt zu kommen, und trotzdem ist es irgendwie passiert -, und war seit dem eine konstante, niemals endende Enttäuschung. Ich selbst machte meine Würde oder meine Lebensziele nie an ‚Arbeit‘ fest. Dachte nie, dass ich nur mit diesem oder jenem Beruf glücklich sein könnte und sah es auch nicht als gottgegeben an, dass wir zum arbeiten geboren sind. Ich hatte nie große Ziele. Höchstens mich und eine Katze ernähren können, ohne auf direkte Hilfe angewiesen zu sein (indirekt sind wir alle auf Hilfe angewiesen). Aus mir wird mal nicht viel, denke ich, weil ich nichts beende, was ich anfange und ich nie eine Familie ernähren kann. Aber das war nie mein Ziel und ich überlege ernstlich, diese Frage abschließend zu klären.
Vielleicht müsste ich ihm das sagen. Dass ich die Welt als so kaputt empfinde, so unreparierbar – Gottes geplante Obsoleszenz, oder nur unfähige Nutzer_innen, die die Welt gerade bricken? – und das „alternativlos“, dass ich ihm ein schönes Rentenalter wünsche und mir einen frühen Tod. Vielleicht müsste ich ehrlich mit ihm sein. Müsste sagen, wie zynisch ich das alles finde. Wie Menschenverachtend. Wie die Kollateralschuld meines Nicht-Handelns, meines Nicht-Handeln-Könnens (welche Ausrede!), mich verfolgt. Wie ich nicht, um ein gutes Leben führen zu können, studiere, sondern weil ich nicht anders kann. Weil ich lernen muss, mich ertränken muss im Wissen, im Denken. Weil ich mit einer geladenen Hausarbeit Gedankenkugeln in die Menge schießen muss. Siehst du Jakob in der Uni, dann läuft er wahrscheinlich Amok. (NMZS. In: Koljah & NMZS: Wir machen Rap wieder dumm. 2011.) Vielleicht müsste ich ihm das sagen, dass sich der Wert eines Menschen nicht an der Wirtschaftlichkeit misst. Oder… messen sollte.
Und, dass ich aufgegeben habe. Also, nicht im Sinne von, dass ich nichts mehr mache oder mich mit dem Bullshit anfreunde. Aber ich halte mich – und dich, der_die du das gerade liest -, nicht für stark genug, damit sich irgendwas Grundlegendes ändert – und ich wüsste auch nicht, was sich wohin ändern soll. So anmaßend, in einem komplexen System Vorhersagen zu treffen, dafür fehlt mir das VWL-Studium. Es gibt einfach keine Deus ex machina, die da noch etwas ausrichten könnte.
Sich bewusst zu sein, bewusst zu werden, den Rockzipfel der gefühlten Realität – schließlich sind wir immer noch angebunden in einer fucking Höhle, Geiseln unserer eigenen Wahrnehmungsfähigkeit – sich leicht hebend zu sehen, während sie vorbei eilt, und in Gedanken versucht man Details zu rekonstruieren. Das Muster des Stoffes, dessen Schatten man für Bruchstücke von Sekunden wahrzunehmen annahm, den Geruch und Geschmack der Kilometerweit entfernten Rockzipfel der Wirklichkeit… Ich will da bleiben und sehen, dass ich mich irre. Ich wünsche mir, dass ich unrecht habe. Dass etwas nicht mit mir stimmt. Dass ich eine Enttäuschung bin, und das genau das einen Unterschied macht und nicht völlig egal in der Gleichförmigkeit des Daseins aufgeht. Zwischen morgens aufstehen und abends hinliegen. Das langsame Zusammensacken der Bandscheiben. Ich hoffe, das mein moralisches und wirtschaftliches Totalversagen einen Unterschied macht, meine Kollateralschuld nicht nur ‚protestantische Internetethik‘ ist, sondern ich tatsächlich etwas hätte ändern können – oder gar kann. Aber ich fühle mich nicht mehr Selbstunterschätzend, nicht mehr Wirksam.
Vielleicht werden die Würmer, die mich einmal verdauen werden, ein kleines bisschen Freude empfinden. Vielleicht ist es auch alles egal, weil ich nie davon wegkommen werde, Teile in mir zu tragen, die ich meinen Eltern schulde.
Ich stehe nicht auf der Schulter eines Riesen, ich bin die Myiasis (nicht googeln, ernsthaft), die Larve, die sich in das Gewebe ihres Wirtes einfrisst. Ich nutze die Wunde, die Schwächung, und nehme so das Ende des großen in Kauf, weil ein Größeres nicht mehr denkbar ist, unreparierbar, hoffnungslos, alternativlos…

Aber ich will nicht werden, was mein Alter ist (2)

Die Mehrheit der Leute in meinem Alter, die Anfang-Ende-Zwanzig-Leute, sind nicht, wie ich sein will. Sie hören Helene Fischer oder irgendwelches Rock-am-Ring-Zeugs mit Gitarren und sie wählen wieder CDU. Sie sind unglaublich konservativ, gründen Kinder und erzeugen so „Familien“, zahlen ihr Schutzgeld an Polizei und Staat. „Die“ Antifa ist für sie das gleiche wie NPD, wobei letztere zumindest nicht dem Staat auf der Tasche liegen. Sie stören sich an den Asylverbrechern und Schieberbanden und wollen nicht hören, wie wir alle daran schuld sind, dass diese Situation geschaffen wurde. Sie sind gegen Cannabis-Legalisierung, kiffen aber selbst. Der intellektuelle Widerspruch, der Graben zwischen zwei gegensätzlichen Ansichten und Denksystem geht nicht an ihnen vorbei, sondern mitten durch ihren Kopf und ihre Sätze. „Die sollen mal nicht streiken, ich streike in meinem miesen Job ja auch nie.“ Und wenn jemand schuld ist, an irgendwas, dann „die Politik“ oder „Brüssel“. Jedenfalls nicht sie. Zumindest das haben sie in ihrem Arbeitsleben gelernt. Das, und dass wir alle Konkurrenten sind.
Sie sind unabhängig, arbeiten in miesen Jobs und beuten sich aus, für den Lebenslauf und Hauptsache nicht arbeitslos. Schuften, Doppelschichten, und ihre Elterngeneration sitzt in Café und entspannt – zurecht.
Natürlich gibt es auch die Armeen der Abhängigen, Leibeigenen des BAföG-Amtes, die studieren und lernen und schuften, und dabei nie aus der Abhängigkeit herauskommen werden. Als der Inbegriff der Kommerzialisierung von Kultur – die Sex Pistols – 1977 in „God save the queen“ erstmals No future an die Wände jedes Gehörgangs schmierten, da schufen sie nicht nur ein Motto einer heute längst tot-aufgeblähten Punk-„Kultur“, sondern auch der Leitspruch einer Eltern- und Großeltern-Generation, die ihre Folgegenerationen verraten hat. Johnny Rotten, der in ein Mikrophon „There’s no future for you!“ den Eliten und Monarchen ins Gesicht brüllen wollte, könnte es heute uns ins Gesicht brüllen. Wir haben den Zukunftsanspruch verloren. Haben aufgegeben.
Und da bin ich leider genauso, wie die Mehrheit meiner Generation. Verstecken und abarbeiten an Kleinigkeiten, Randphänomenen. Oh, wie schlimm, ein paar PEGIDA-Verwirrte, oh, Nazis, schlimm schlimm. Natürlich brennen wieder Asylheime. Weil der Tod ein Meister aus Deutschland ist.
Ich schweife ab.
Jedenfalls sind mir die, die noch an irgendwas glauben, genauso zu wider, wie jene, die sich vollends im süßen Leben (wie Maschinenöl) aufgelöst haben.

Irgendwann im April

Ich komm‘ auf die vielen Menschen nicht klar. Zu viele. Wir kennen uns, so ein bisschen, die Namen, die groben Lebensumrisse, genug fürs Plauschen, zu wenig um sich in die Augen zu blicken und alles zu wissen.
Heute waren es zu viele Menschen. Wie in einem Fritz-Lang-Film erbrachen sich diese Massen – also, nicht wirklich -, in die Mensa-Räume. Ich hatte das Gefühl, dass das Gebäude einem Schiff gleich schwanken würde. Eine Mitstudentin, mit der ich dort gegessen hatte, entkam mit mir über die Reling. Zurück zum Brechtbau. Hallo Norwegischdozent – er grüßt mich mit Namen -, ich entweiche der Situation, nur um auf Fachschaftsmitglieder zu treffen. Nur eine Kleinigkeit klären. Beste Wünsche, weiterziehen. Ich versuche den Menschen aus dem Weg zu gehen. Hier, unter all die Fremden, will ich mich setzten und mein Buch – welches ich nicht leiden kann – weiterlesen… Oh, hej. Jaja, ich freu mich dich zu sehen. Plaudern, stockend. Sie macht dann irgendwas und ich lese doch ein paar Seiten, während von einer Seite noch jemand kommt, den ich kenne. Plaudern. Sie verabschiedet sich. Ich lese noch ein wenig und gehe dann an die Frische Luft. Zu viele Menschen. Ich habe das Gefühl, dass mein Leben zu groß geworden ist. Frische Luft. Ich laufe ein wenig umher, rede mit den Leuten, die Zigaretten verteilen. Ich laufe umher, fast eine Stunde lang. Weg von Menschen, aber immer noch zwischen Gebäuden. Ich höre Musik, die mich beruhigt. Irgendwann traue ich mich zurück ins Gebäude, fahre Aufzug, nutze die Toilette, fahre wieder runter. Ich will J. schreiben, doch bevor ich meinen Kommunikator Handy aus der Tasche fischen kann, sieht sie mich. Grüßt mich. Ich lächele sie an, begleite sie ein Stück. Ich reiche ihr eine Wärmflasche, die ich beim Aufräumen gefunden habe. Warum kann ich nicht erklären. Wir umarmen uns zum Abschied. Ich trotte zurück zum Gebäude, rein in den Seminarraum, mit Menschen plaudern. Ich trinke einen Smoothie, warum auch immer, und denke kurz darüber nach, wie albern sich das anfühlt, so etwas zu trinken. Plaudern. Ich wüsste keinen Namen zu nennen. Keine Eckdaten, außer, diese Menschen studieren mit mir. Die Tutorinnen erscheinen, auch Menschen die ich irgendwie kenne, die irgendwie in meinem Alter sind, mit denen ich aber nicht ertrage, eine Bindung aufzubauen. Ich wüsste auch nicht, wozu. Und vor allem glaube ich nicht, dass sie daran ein Interesse hätten.
Ich fühle mich ausgelaugt. Der Bus zum Bahnhof ist so voll mit Menschen, dass man darin kaum umfallen könnte. Ich schwitze. Angst. Auf den Sitzen Menschen, die noch zur Schule gehen. Sie reden in einem Tonfall und in einer Art, dass ich ihnen meine Socken zwischen die Zähne stopfen möchte. Wann habe ich die Verbindung zur „Jugend“ verloren? Oder war diese noch nie existent?
Raus aus dem Gedränge. Rein ins Gedränge.
Fritz-Lang-Atmosphäre.
Schichtwechsel, Trotten, Bahnhof.
Der Tag muss endlich vorbei sein.

Seufzsingle (4)

[Entwurf vom 25. März 2015]

Besides I really dislike the fact that always the weird guys find me attractive, like what the heck? :/ (J. on Twitter)

Das ist natürlich wieder so ne Aussage. Sicherlich keine Non-Mention, und bestimmt nichts, was sich auf mich bezieht, aber: Nach längerem Folgen und lesen und auch ein bisschen Kontakt haben finde ich die Person hinter dem Twitteraccount doch irgendwie … attractive… was mich… ja genau …. weird macht?
Natürlich kann man dann einfach nachfragen und an sich ist nichts schlimm daran, weird zu sein. Lieber das als eigentlich alles andere. Aber diese Aussage macht es doch nochmal schwerer zu fragen, nach … wonach eigentlich? „Hej, ich find dich auf Twitter ganz cool, lass uns mal treffen“? Wie … aufdringlich.
[…]