Wem gehört eigentlich dein Kind?

Eigentlich klingt die Frage im Titel dieses Eintrags lächerlich einfach. Man möchte sofort rufen: „Mein Bauch gehört mir!“, und dann zu einer Predigt über Erziehungsrechte der Eltern anheben, bevor man sich wütend grummelnd ein Busticket nach Stuttgart löst und mit Kochutensilien gegen ‚Frühsexualisierung‘ und ‚Homolobby‘ demonstriert. Niemand soll mir vorschreiben dürfen, wie ich meine Kinder erziehe. So, wie ich niemals hätte meinen Eltern widersprechen dürfen. Und die niemals ihren. Kadavergehorsam. Hm.
Aber jene, die mit großem Eifer ihre Kinder vorm Eingriff des Staates schützen wollen – weil: Ideologie!! -, stellen das Lebensrecht des fremden „Kindes“ – auch wenn es nur ein Zellhaufen ist – über die Entscheidungsfreiheit des Menschen, in dem dieser Zellhaufen sich befindet. Abtreibungsgegner_innen laufen – auch – wieder. Und die Gegenproteste skandieren die unglaublich sinnfreie Parole „Hätt‘ Maria abgetrieben, wär’t ihr uns erspart geblieben!“. Wenns denn so wäre. Einen Zellhaufen als Individuum zu sehen und zugleich zu sagen, dass man aber als Eltern über das Kind zu bestimmen habe… Hm.
Das Kind kann sich jedenfalls nicht selbst gehören. Kann kein völlig freies Individuum sein, losgelöst von allem. Das geht nicht. Dafür bedarf es zu sehr Schutz. Aber es kann auch nicht komplett den Eltern gehören. Und eine Gesellschaft, in dem mein Arsch allen gehört – bzw. „dem Staat“ – klingt auch eher unangenehm bis unmöglich.
Ich bin davon überzeugt, dass Kinder – und da wir alle Kinder von irgendjemand sind, also auch alle Menschen – zugleich vieles sind, viele Rollen übernehmen müssen, ‚vielen Herren dienen‘. Wir sind untrennbar verankert in und mit der Gesellschaft, in Kultur, in Gemeinschaft. Du gehörst dazu, weil ein Leben ohne das Wissen, welches jene vor dir erarbeitet haben, oder auch ohne die Resistenz gegen bspw. Krankheiten – die Millionen mit ihrem Leben bezahlten -, nicht leben könntest. Du bist, weil es Menschen vor dir gab und es Menschen nach dir geben wird. Also hängst du mit drin.
Aber du bist zugleich auch Individuum. Hast eigene Gedanken, eigene Wünsche, Hoffnungen. Und du darfst selbst entscheiden, was du mit deinem Leben machst. Der Deal lautet: Du gibst etwas, du bekommst etwas. Und wir lassen dich in diesem und jenem Bereich in Ruhe, solange dein Verhalten nicht „uns“ als Gemeinschaft, als Menschheit gefährdet. Einen Garten anlegen? D’accord. Atombomben bauen oder hohe Zäune, damit andere Menschen sterben? Äh, ne?! Wer einen von uns angreift, der greift uns alle an. Und wir, dass sind Menschen. Nicht Leute aus Dorf A, oder Land X, sondern Menschen.
Und dann gehören wir aber auch unseren Eltern, die uns großgezogen haben, die sich entschieden haben uns in die Welt zu setzen. Ermöglicht wurde das ihnen wieder durch die Gesellschaft – also geben sie zurück und geben Verantwortung und Rechte ab.
Als ob man nicht schon genug eingebunden wäre, haben wir selbst aber auch eine Verantwortung gegenüber unserem früheren Ich und unserem Zukünftigen. Nicht mehr zu leisten, aber besser werden zu wollen. Zu wachsen. Nicht quantitativ, aber qualitativ. Dass das nicht immer gelingt, und damit dann umgehen zu können, das ist auch eine Form von Wachsen.
Was ich mich frage, ist, wo das Erziehungsrecht der Eltern endet, und das des Staates beginnt. Ich kann nicht behaupten, dass ich darauf eine Antwort hätte. Aber die Gedanken, die mich bisher auf einem Weg zu einer Antwort begleitet haben, klingen etwa so: Was für ein würdiges Zusammenleben notwendig ist lehrt – vermittelt über Schulen usw. – die Gesellschaft. Was im persönlichen, individuellen Bereich liegt, übernehmen die Eltern, Verwandten, Freunde.
Konkret heißt das für mich: Wenn ich ein würdiges Leben für alle anstrebe – unabhängig davon, ob das erreicht werden kann – und für mich darin auch die Frage von Akzeptanz von unterschiedlichen Lebensformen ist, das Nebeneinander von Identitäten, Kulturen, Glauben, usw., dann muss dies – auch! – in angemessener Form in der Schule vermittelt werden. Weil ich weiß, dass meine Eltern mit Fragen überfordert waren und ich es wohl auch wäre.
Was ich mit meinem Körper erschaffe – was unter meinem Herzen wächst – ist meins. Punkt. Mein Bauch gehört mir. Kein Aber. Konsequent zuende gedacht gibt diese Haltung – nämlich Kinder gehören ausschließlich und nur ihren Eltern – aber recht… irritierende Ergebnisse. Zum Beispiel müsste das Ermorden des eigenen Nachwuchs straffrei sein, schließlich darf ich mit meinem Eigentum tun, was ich will, oder?
Kinder und die Verantwortung für deren „Erziehung“, deren „Groß werden“, kann nicht allein Aufgabe der Eltern sein. Darf nicht, soll nicht. Denn ein Zusammenleben – ohne dieses uns ein einfaches Sandwich 1500 Dollar und ein halbes Jahr unseres Lebens kosten würde (wobei hier das Aneignen des Wissens darum, wie’s am besten gemacht wird noch nicht einberechnet ist) – kann bei aller Individualität einfach nicht umgangen werden. Was wir sind, was wir lernen, das sind wir auch dank dem Zusammenleben von Milliarden von Menschen in der Vergangenheit, im Jetzt und in der Zukunft. Ohne Gemeinschaft, ohne Gesellschaft gehts nicht. Komplett „frei“ fühlt sich nur das ignorante Arschloch. Wie diese Gesellschaft sich ausgestaltet und wohin sie geht, daran gestalten wir mit.

Nachbar, erbarme dich unser.

[Dezember 2015]
Es ist wieder die Zeit der Lieferungen. Ich habe ein großes Irgendwas, eingeschlagen in Papier, und versuche es loszuwerden an der darauf angetackerten Adresse.
Altpapierfest
Klingeln, klingeln, klingeln. Das Haus liegt dunkel da. Niemand öffnet. Seufzen. Warum muss die Zeit, in der die meisten noch arbeiten oder einkaufen gehen, sich so überschneiden, mit der Zeit, wo alle etwas ausgeliefert wissen wollen? Wo sind die Daheimbleibenden, bereit etwas entgegenzunehmen?
Ich blicke mich um. Welches Haus sieht aus, als würden dort Menschen wohnen. Normalerweise versuche ich das nächste auszuwählen, aber damit ging ich auch schon schwer an. Rekord bisher: 500 Meter Weg und alle Häuser im Umkreis abgeklingelt. Alle. Niemand da, oder schlimmer, „Ne, für die können wir das nicht annehmen.“ Oft erkennt man es am Alter: Menschen über 40 sind meistens hilfsbereiter als die 30-jährigen, ab 60 wird die Hilfsbereitschaft dann wieder sehr gering. Damals nahmen das schließlich Leute direkt gegenüber an, deren Klingel ich auch schon hoffnungsvoll betätigt und bewartet hatte, die sich mein Trauerspiel von oben betrachteten und letztlich doch erbarmten.
Jedenfalls ist es heute kalt und ich blicke mich um. Als wäre die Welt letzte Woche ausgestorben und ich wäre ein Geist, der Dinge in Papier abliefern muss, um endlich Ruhe finden zu können. Ich laufe wahllos in eine Richtung, kontrolliere: Kann man von diesem Fenster aus das Licht im Zielhaus sehen? Oh, ein Mensch! Hallo, hallo; entschuldigen Sie bitte die Störung, ich habe hier eine Lieferung für dieses Haus, allerdings ist dort niemand anwesend. Weder in der noch in einer der anderen Wohnungen. Könnten Sie diesen [Ding] entgegennehmen? Er blickt mich an. Ja, ok. Die sind vielleicht in der Schweiz.
Schön, dafür bin ich hergekommen. Um zu hören, dass die Empfänger nicht im Land sind.
Nungut, immerhin bin ich das Papiermonster los. Nächster Schritt: Hinweiskarte in den Briefkasten werfen. Hinweiskarte… Hinweiskarte…. fuck. Ich muss die verloren haben. Zurücklaufen und suchen. Etwa auf der Hälfte der Strecke liegt sie dann: Ich schnappe sie, fülle sie so unleserlich ich nur kann, aus, werfe sie ein, und ziehe unzufrieden ab.
[…]
Entweder muss der Einzelhandel aussterben und wir sind alle nur noch daheim – (Allgemeines Aufatmen aller Introvertierten) -, oder wir lassen den Lieferbullshit einfach wieder. Aber beides funktioniert nicht.

"Wir sollen sowas einfach schriftlich festhalten…"

Silvester ist die Hölle. Als ob man an Weihnachten nicht schon genug gegessen und auf Menschen herumgesessen wäre, wiederholt man das ganze kaum eine Woche später mit Freunden.
Seit längerer Zeit, als ich das erinnern könnte, treffe ich mich an Silvester mit den gleichen Leuten. Freunde, die ich auch unter dem Jahr sehe und mit denen auch zur Fasnet einiges auf die Beine gestellt wird.
Wie diese Sachen zustande kommen ist aber manchmal recht müßig. Vor allem, weil es nichts festes gibt, an dem man sich halten könnte. Wie viel Kilo Hackfleisch sollen wir jetzt kaufen? Was haben wir letztes Jahr gemacht? Soll es überhaupt wieder Hamburger geben? So viele Entscheidungen, so viel zu vergessen.
Auch in anderen, freundlichen Kontexten bin ich mit Menschen zusammen. Zum Beispiel in der Familie – die patriarchal strukturiert ist -, oder der Fachschaft – die Basisdemokratie lebt. In letzterer versuchen wir alles – vor allem, was abgestimmt wurde -, schriftlich festzuhalten. Es gibt ein Protokoll, und seit einigen Sitzungen versuchen wir das zunehmend auf einen Standard zu heben, dass diese auch rechtsgültig sind und nach außen getragen werden könnten.
Dies fehlt mir manchmal in unserem Freundeskreis. Es kann niemanden geben, der letztlich über alle beschließt, deshalb müsste man sich auf Dinge einigen und diese festhalten – weil sonst alles ewig diskutiert werden kann und keine Entscheidung je fest steht.
Wie ich heute heraus fand: Tatsächlich gibt es ein Protokoll einer Vorbesprechung des letzten Silvesters. Inklusive Rezepte, Einkaufsliste, und allem, was gebraucht wird. Nur: Das Folgeprotokoll fehlt, in dem hätte festgehalten werden, welche Mengen gekauft wurden usw. Der Anfang war also gemacht, und niemand hat es fortgeführt. Vielleicht hätten wir direkt eine_n Protokolant_in für die nächste Sitzung festlegen sollen.
Seufz. Somit bleiben unklare Angaben und ein „wir hatten zuviel“ übrig, statt zu wissen, welche Menge denn sinnvoll wäre. Unorganisierte Organisieren nervt. Aber immerhin bleibt der Zauber und die Verwunderung darüber, dass dann irgendwie doch vieles klappt – Hoffentlich.

But first, let me take a selfie (2015)

Auf den Schultern von Zwergen (1)

***


In 2015 lässt sich keine Kontinuität erkennen. Nun werde ich zwar mit dem Alter nicht hübscher, eher grauer und müder, doch gab es dieses Jahr doch einige Fotos von mir. Größtenteils „Selfies“, die mich bei oder mit oder nach irgendwas zeigen, die dann über unsichere, soziale Netzwerke geteilt wurden. Manche landeten auch in der Öffentlichkeit, manche als gedruckte Fotos an meiner Pinnwand. Besonders hübsch finde ich das Gruppenbild mit Katze (ganz oben). Dazu kommen einige Grimassen für meine_n Partner_in („grumpy“, „Reisepaaaass“), ein Selfie („Durchgemacht“) nach einem viel zu langen Arbeitseinsatz (für die Fachschaften) und natürlich völlig irritierender Stuff („Kopfnuss“, „Mais“, „Winden-Selfie“). Erklärungen dazu fallen mir jetzt spontan keine ein. Aber vielleicht bleibt dazu ja nächstes Jahr mal Zeit.
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grumpy
Durchgemacht
Reisepaaaaaass
Schlauchschal
Kopfnuss
Bart Fasnet 2015
Morgentee
Mais
Winden-Selfie

Halt mich fest (426)

[Ende November 2015]

Wenn der Novemberwind deine Hoffnung verweht
Und du bist so müde weil du nicht mehr weißt, wie’s weiter geht
Wenn dein kaltes Bett, dich nicht schlafen lässt
[…]

Ich höre jetzt einfach so lange Ton Steine Scherben bis mein Herz gebrochen ist und wieder neu zusammen gewachsen. Ich komme mit dem Vermissen von Menschen nicht klar. Ich komme nicht damit klar, dass ich Menschen mag. Bestimmte Menschen. Ich kann es mir nicht rational erklären, und wenn ich es könnte, würde ich mich selbst als Zyniker ansehen müssen und das Herz zertrümmern. Was für eine lahme Metapher. Ich gebe es zu: Ich mag jemanden. Ich weiß nicht, was und ob etwas daraus wird – was für eine komische Formulierung? Im Moment fühlt es sich gut an, mit dieser Prise Verzweiflung, die man hat, wenn das Bett kalt ist und niemand da ist, der bei dir pennt.
Weihnachten ein paar Tage, und dann wieder. Kaltes Bett, nicht wissen wie’s weitergeht. Fucking Ralph Möbius, beschreibt mit ein paar Vibrationen, die durch die Luft sausen, ein paar Schwingungen im Druck, oder was auch immer, Jahrzehnte vor meiner Geburt, wie ich mich jetzt fühle.
Ich weiß nicht, wie’s weitergeht. Woher auch. Mache ich mein Studium zu Ende – und wie? Es ist gerade so viel zu tun, soviel zu erreichen, und ich habe gerade keinen Gedanken dafür, mich besser zu machen. Mir einen schönen Bildungsabschluss zu verpassen, oder eine_n Parter_in, die sich gesellschaftlich und selbstwertmäßig positiv auswirkt. Mir ist relativ egal, was gerade aus mir wird. Mein Bett ist kalt. Und Schlafen war nie meine Stärke. Mir ist nicht so wichtig, dass ich gut dastehe. Aber die Welt, in der ich lebe, die Menschen, mit denen ich mein Leben teile, das Hier und Da und Jetzt und Gleich, das möchte ich helfen besser zu machen.
Also vermisse ich, weil das ihn_sie eine lehrreiche und wichtige Erfahrung ermöglicht. Und ich bettele nach Aufgaben und To-Do-s, die mich lange genug fesseln, als dass ich keine Zeit finde, zu missen. Außer die Busse, und Bettgehzeiten, und Vorbereitungen.
[…]