Irgendwann im September

Der Tag rollt. Die Musik schnattert. Ich sitze gekrümmt auf einem Stuhl, der aus alten, recycelten Dinosauriern und Allgen gemacht ist. Plastikwunderwelt. Ein Bildschirm. LCD irgendwas. Ich tippe. Worte. Sätze. Schwärze hier, Helligkeit dazwischen. Letztlich Einsen und Nullen. Schreibstau. Ich blicke die Zeichen an. Sehe Buchstaben. Sie ergeben keinen Sinn. Verhöhnen mich. Ein Strich blinkt. Schreib weiter. Ich warte hier. Los. Tipp. Ich will wandern. Warum schreibst du nichts? Kannst du etwa nicht denken? Wer bist du? Der Strich verhöhnt mich. Sein Blinken, ein Herzklopfen, sticht mir im Kopf wie Migräne, stich, stich, stich. Ich betrachte ihn eine Weile. Blink, blink, blink. Etwas läuft hier falsch, wenn nichts mehr läuft. Wenn der Zeilenwanderer wartet anstatt Buchstaben auszuscheißen, hinter sich zu lassen. Schwarze Flecken in der Leere. Fliegenscheiße. Meine Finger schreiben nichts. Mein Hirn schwimmt bedeutungslos in seiner eigenen Hirn-Pisse. Wie heißt noch dieses sprudelnde Badenwannen-Ding, dass die Amerikaner so schätzen? Mein Herzschlag synchronisiert sich mit dem Blinken. Blink, blink, blink; poch, poch, poch. Ich finde keine Worte. Versuche zu lesen, was ich schrieb, aber ich erkenne keine Worte mehr, keine Buchstaben. Es ist nur schwarz und weiß und egal. In der Ferne arbeitet jemand_e mit einer Motorsäge. Eine Biene fliegt vorbei. Ihre Flügelschläge klingen wie die Motorsäge. Vereinen sich, synchronisieren sich.
Der Schirm verdunkelt sich. Schwarzer Spiegel. Ein degeneriertes Gesicht starrt mich an, Verurteilung, Frust, Verachtung. Ein Monster mit traurigem Lächeln. Dunkle, eingefallene Augen hinter einer großen, schweren Brille. Ein gekrümmter Rücken.
Der Buchstabentänzer tanzt nicht mehr.
[…]

allein etwas erreichen

(Unfertiger Entwurf, vermutlich Juni 2015.)
Immer die ewig gleiche Diskussion, warum Steuern, warum Teilhabe, warum Menschenwürde, -rechte, Abschaffung von Diskriminierung, bla bla blah.
Nein. Du hast es nicht alleine geschafft. Rede dir das nicht ständig ein. Vielleicht bist du jetzt an einer bestimmten Position. Hast etwas entwickelt. Ganz alleine. Hattest eine Idee, die die fucking Welt verändern wird. Nie hat dir jemande geholfen, niemand wollte dir Kredite geben. Du bist Nikola Tesla, Charles Goodyear oder einer der anderen tausend Menschen, die gegen widrigste Umstände ihre Träume angingen.
Selbst wenn dir immer nur Steine in den Weg gelegt wurden, hast du’s doch nicht alleine geschafft. Du hattest Vorbilderin, Vorgängerin, hast darauf aufgebaut, was schon da war, hast vom Brot gelebt, in einem Haus, deren Ideen nie deine waren. Wir haben dir die Sicherheit gegeben, deine Ideen zu entwickeln. An allem, was ist, haben alle einen Anteil. Wir können darüber verhandeln, wie dies verteilt sein sollten. Aber nichts ist je nur deins. Nichts ist je von dir ganz allein geschafft. Wer das glaubt, hat einen zu kleinen Betrachtungsradius – oder ist eine Arschlöchin.
vgl. http://thewireless.co.nz/articles/the-pencilsword-on-a-plate
[…]

Wie ich einmal ein paar Sprossen einer Leiter hochkletterte und dann doch nicht weiter ging.

Eine Leiter. Sie steht dort, unbedarft, ruhig und einsam, und wartet. Jungfräulich würde man sie nicht nennen, aber man verzeihe mir diese Sexistische Kackscheiße, bestiegen wurde sie schon lange nicht mehr. So steht sie da, steif und sinnlos. Bis vor einigen Jahren diente sie einem Schornsteinfeger – oder korrekter: einem Schornsteinfegenden (m_w?) – noch dazu, den rauchenden Schlot zu untersuchen. Heute geht das von unten. Keine Leiter, dafür Karriere. Technisches Gerät, Sicherheitsbewusstsein, Abgaswerte. Schöne, grüne Welt. Doch die Leiter wurde einfach vergessen. Steht nun da. Wie der Blick wohl von ihrer Spitze ist?
Ich stehe einen Moment lang auf einer ihrer Sprossen. Sie wirkt stabil, sicher, ehrlich. Sie würde mich nicht fallen lassen. Aber würde ich loslassen können? Meine Freunde sagen, ich soll nicht hochsteigen. Aber schon einen halben Meter vom Boden entfernt sieht die Welt anders aus. Hell und durchsichtig. Neuer Blick. So sieht es von oben aus. Aber über mir sind noch tausend Sprossen. Ich steige wieder herab. Die Leiter zu erklimmen ist kein Ziel für mich. Ich bewahre mir die Vorstellung, das neue. Oder war das jetzt Angst? Nicht aufs Dach der Welt – zumindest dieser kleinen – gestiegen zu sein? Wo wir unseren Dreck in die große Welt entlassen?
Abgas den Hütten, Zentralheizen in Palästen. Diese hier sind auf Glas. Voll Blumen, voll Arbeit. Und ich blicke auf sie herab, kaum zwei Katzenlängen über dem Erdboden. Und doch ist alles anders.
Heute blickte eine Katze zu mir auf. Ich hatte – wie man das so sagt – die Hände voll und Mühe, um sie herum zu tanzen. Und sie blickte mich an, tief, durchdringend, verwundert. Als frage sie sich, wie die Luft dort oben sei. Oder, wie es wohl ist, wenn man so weit weg ist von seinen Füßen. Manchmal mache ich mich klein. Manchmal groß. Und auch Katzen steigen auf Schultern und Regale, um den Blickwinkel zu ändern. Aber sie entfremden sich nicht von ihren Füßen, weil diese so fern sind.
Ob unsere Schornsteinfegerin wohl noch Leitern steigen möchte?

Meine Amazon-Bestellungen rufen alter Mann.

[Verfasst Mitte September.]
Ich werde alt. Graue-Haare-alt, ja. Das schon seit ein paar Jahren. Selbstgespräche führend, ja sie sogar in Textfelder schreibend und im Internet veröffentlichend („bloggen“). Mir tun Knochen weh und ich mag das Fernsehprogramm nicht und finde die SPD sehr gut, abgesehen von ihrer Politik und ihren Politikern. Ich empfinde Plasberg als zu jung für eine ernstzunehmende Politiksendung, dabei ist der auch schon fast 60.
Mich stört, dass der günstige Wein nach kurzer Zeit schon nach Essig schmeckt und ich bin nicht mehr mit dem aller billigsten und unbequemsten zufrieden. Es dürfte auch schon ein Ho(s)tel sein, statt Metallbänken in einem Bahnhof. Also, wenn ich noch in Urlaub fahren würde. Meistens denke ich aber: Zuhause is ja auch schön, schaue mir ne Serie auf Netflix an und trinke noch ein schönes Gläschen Wein.
Heute kamen zwei Pakete an. Schon wieder. Am Montag wurde mein neuer Computer geliefert, nachdem sich der alte langsam aber sicher verabschiedete. Ich bestellte dafür dann, weil ich alt werde und denke, dass das wichtig sei, ein Case. Eine Plastikschale, die den Computer schützen soll. Vielleicht klebe ich Aufkleber darauf, um mich nicht als völlig früh-vergreist zu offenbaren. Wenigstens sinkt nicht der Wiederverkaufswert, weil ich die Aufkleber ja mit dem kompletten Case ablösen könnte. Außerdem kam eine Tasche an. Eine Laptoptasche. Die erste in meinem Leben. Ich habe noch nie so etwas gekauft und ich weiß nicht, ob das richtig ist, aber es fühlte sich richtig an, sie zu bestellen. Eine Stimme in mir sagte, das sei richtig und wichtig und ich wählte nicht die günstigste, sondern jene mit dem augenzerfetzensten Muster aus.
Vor ein paar Jahren habe ich den alten Computer, damals die bis dahin größte – finanzielle – Investition meines Lebens, in Handtücher eingewickelt und wie ein schreiendes Baby über glatte Straßen heimgetragen. Nun also ein Case und eine Laptoptasche.
Ich werde alt.

Heute schrieb ich einer Versicherung, überlegte eine weitere abzuschließen und unterschrieb ein Lastschriftenmandat. Keine Ahnung was das ist, aber Dinge zu unterschreiben, die man nicht vollständig versteht, das fühlt sich auch irgendwie nach alt werden an.
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