Kaufladen, Samstag um 21 uhr

Es ist schon dunkel und wir haben noch nichts gekocht. Ich muss nochmal raus. Für ein Projekt fehlt eine Speicherkarte. Es ist Samstag und nur der große Kaufladen um die Ecke hat noch offen. Einundzwanzig Uhr. Irgendwas. Ich streife eine Jacke über und stapfe über den Platz, zwischen den Häuser und am Ende dieser Reihe – vielleicht fünf Minuten Fußweg – ist es auch schon. Auf dem Weg krame ich noch in meiner Tasche. Kein Geld. Bankomat, also.
Der Bankomat hier, der Kaufladen auf der anderen Seite der Straße. Es ist dunkel. Vor dem Kaufladen steht die Polizei. Zwei Einsatzwägen. Kalter Wind drückt sich durch die Windungen meines Schals. Ich warte am unteren Ende der Stufen. Der Bankomat steht oben, wie ein Fronleichnamsaltar. Ich drücke mich an die Wand, der Wind pfeift, und ich kann die Stufen noch nicht hochgehen, weil ich damit dem fremden Menschen am Automaten zu nahe käme.
Ich beobachte ein bisschen die Polizisten. Irgendwas wird ins Auto gelegt. Irgendeiner sagt, er fahre hinten mit. Eine Polizistin fragt nach Personalien. Auf der anderen Straßenseite schleicht sich eine Katze vorbei. Sie beobachtet den Verkehr, überquert die Straße, und ich verfolge sie mit den Augen. Der Wind ist mir egal, die Polizei ist mir egal, ich betrachte diese Katze und denke nur: „All cats are beautiful.“
Endlich ist der Automat frei. Zahlen tippen, Plastikkarten stecken, Papierfetzen ziehen. Im Laden. Buchstaben auf Plastik lesen. Vergleichen. Zahlen mit anderen Zahlen. Schließlich nehme ich diese Plastikscheibe, und nicht die andere. Weil die Zahl höher ist, und die andere Zahl aber nicht viel höher. Zufrieden gehe ich an die Kasse, wo die Kassiererin, die auch nur hier ist, um an Papierzettel mit Zahlen darauf zu kommen, meine Papierzettel entgegennimmt, und mir einen relativ wertfreien Papierzettel mit der Zahl darauf gibt, die ich gerade bezahlt habe.
Warum ist diese Zettelwirtschaft so wichtig, und die wunderschönen Katzen nicht? Ich stapfe zurück.

Irgendwann im September

Der Tag rollt. Die Musik schnattert. Ich sitze gekrümmt auf einem Stuhl, der aus alten, recycelten Dinosauriern und Allgen gemacht ist. Plastikwunderwelt. Ein Bildschirm. LCD irgendwas. Ich tippe. Worte. Sätze. Schwärze hier, Helligkeit dazwischen. Letztlich Einsen und Nullen. Schreibstau. Ich blicke die Zeichen an. Sehe Buchstaben. Sie ergeben keinen Sinn. Verhöhnen mich. Ein Strich blinkt. Schreib weiter. Ich warte hier. Los. Tipp. Ich will wandern. Warum schreibst du nichts? Kannst du etwa nicht denken? Wer bist du? Der Strich verhöhnt mich. Sein Blinken, ein Herzklopfen, sticht mir im Kopf wie Migräne, stich, stich, stich. Ich betrachte ihn eine Weile. Blink, blink, blink. Etwas läuft hier falsch, wenn nichts mehr läuft. Wenn der Zeilenwanderer wartet anstatt Buchstaben auszuscheißen, hinter sich zu lassen. Schwarze Flecken in der Leere. Fliegenscheiße. Meine Finger schreiben nichts. Mein Hirn schwimmt bedeutungslos in seiner eigenen Hirn-Pisse. Wie heißt noch dieses sprudelnde Badenwannen-Ding, dass die Amerikaner so schätzen? Mein Herzschlag synchronisiert sich mit dem Blinken. Blink, blink, blink; poch, poch, poch. Ich finde keine Worte. Versuche zu lesen, was ich schrieb, aber ich erkenne keine Worte mehr, keine Buchstaben. Es ist nur schwarz und weiß und egal. In der Ferne arbeitet jemand_e mit einer Motorsäge. Eine Biene fliegt vorbei. Ihre Flügelschläge klingen wie die Motorsäge. Vereinen sich, synchronisieren sich.
Der Schirm verdunkelt sich. Schwarzer Spiegel. Ein degeneriertes Gesicht starrt mich an, Verurteilung, Frust, Verachtung. Ein Monster mit traurigem Lächeln. Dunkle, eingefallene Augen hinter einer großen, schweren Brille. Ein gekrümmter Rücken.
Der Buchstabentänzer tanzt nicht mehr.
[…]

Es ist vorbei, es ist vorbei, bye, bye.

Mein Blog hat schon so nen Bart...

Wer 2015 noch ein Blog schreibt, muss entweder ernsthaft selbstmordgefährdet oder hoffnungslos rückständig sein. Niemand schreibt mehr Blogs, und wenn, dann ist das nur noch die Ergänzung zum schicken Lifestyle-Social-Media-Vortrags-und-Buchvertrags-Schrägstrich-Twitter-Leben. Niemand liest mehr Blogs. Es gibt keine erfolgreichen Blogger_innen mehr, es gibt nur noch Leute, die erfolgreich sind und aus den Wirrungen der Geschichte heraus noch ein Blog irgendwie nebenher und so ab und zu betreiben. Da wäre zum Beispiel Sascha Lobo, der Internetguru, der 2013 bloggte, und dann im Juni 2015 wieder und… meeeeeh. Wer etwas auf sich hält, schließt sein Blog, und konzentriert sich auf Videos, Comics, Twitter, Slams und Popeln. Es schreibt auch niemand mehr Kommentare.
Wir sind alte Männer (und alte Frauen), die stehen geblieben sind. Kapitäne auf untergegangenen Booten. Mit dem Alter kommt die Reue, mit der Reue kommt die Scham, mit der Scham kommt das Vergessen. Und das wäre ja gut. Aber alles archiviert, alles exportiert, weggeworfenes_leben.xml, gesichert, hochgeladen, selbst-gehostet, Backup. Buckel_up, Trett_down, Sexy_arschwackeln. Die Welt geht unter, und dein Blog bleibt zurück als etwas, was niemand lesen mag. Wegen Leuten wie dir mir wird 2070 niemand mehr Geschichte studieren wollen. Zuviel Datengrundlage. Zuviel Bullshit. Ein ewiges Archiv aus Uninteressantem.
(Ich lasse ein Mikrophon fallen.)
[…]

Blog.de (Zeichnung anno 2008)

Blog.de geht im Dezember endgültig vom Netz (daher ist dort gerade die Hölle los) und das nach über 10 Jahren. Eigentlich denke ich nur an eine Nase, die dem Portal wirklich treu blieb, so von Anfang an. Andere gingen früher. Kamen später. Egal. Andere stehen längst mit ihren Füßen irgendwo anders. Im Trockenen – oder so. Ich beispielsweise bin jetzt hier daheim und verschwieg erst Mitte Juli dieses Jahres mein Zehnjähriges. Schrieb nur ’nen wirren Text.
Die goldenen Zeiten der kleinen Blogs sind nämlich vorbei – sagte ich 2011 und schrieb damals einfach weiter -, und nun ist das ’n Jahrzehnt und alle so ‚Och nee!‘. Die anderen Blogs, die dieses Jahr ebenfalls jubilieren haben entweder Rang und Namen – wie erwähnt John-mit-H, aber auch mein stets lobend verlinkter Lieblingsintellektueller Thomas Matterne (<3), René, der gerade so angepisst ist wie ich, fefe (über den ich bei Gelegenheit noch schreibe) oder z.B. Beetlebum – oder die Blogs sind halt nur noch so semi-lebendig. Zombieblogs. Aber, geil, 10 Jahre. […]
Als ich anfing zu schreiben war ich 14, schon nach einem Zug zugeraucht, und irgendwie war ich noch nichts und da war noch nichts. Und auch wenn ich jetzt schon viel weiter bin, fühle ich mich noch immer nicht als etwas oder jemand. Eher so unterwegs. Eher so ohne Konzept. Freestyle, wenn man so will. Ich hab jetzt begonnen, die Archive meiner alten Blogs in dieses zu überführen. Diese ganzen Altlasten werde ich Stück für Stück zugänglich machen. Alte Verlinkungen entsprechend anpassen – falls irgendwo irgendwas noch nicht stimmt, bitte bescheid geben -, und ich werde neue Texte schreiben. Weil ich nicht anders kann. Weil ich da sein will, wenn der Vorhang fällt, und ich niemals ein guter oder interessanter Blogger werden möchte oder werde.
Das hier ist eher so konzeptfrei. Und ich liebe das. Ich bleibe oben auf meiner Wolke, sehe euch kommen und wie ihr vorbei geht. Und es tut nicht mehr weh, nichts tut mehr weh. Ich schreibe, niemand liest, und ich schreibe wieder.
93 Eintragsentwürfe (aktuell), 2000 Stunden hab‘ ich gewartet Seiten schrieb ich in Notizbücher, ernsthafte Einträge zu blog.de und den 10 Jahren hier und das kein Sturm aufkommt, wenn ich dich sehe, das alles kommt noch. Nur der Abspann, auf den warte ich.

//: Einen wunderschönen Guten Tag, hier gibts Blogposts wie sie jeder mag. Lieblingsblog so heißen wir, Melancholien zum verlieben die gibt's hier. Jetzt und hier, jetzt und hier… ://

[…]
Ich schreibe sehr gerne Blogpostings. Manchmal nervt es auch, immer wieder Bezug zu nehmen, sich immer wieder Dinge auszudenken, aber würde ich es länger als ein paar Tage lassen, bekäme ich wohl Entzugserscheinungen. Dabei ist es gar nichts großes. Die Buchstaben müssen nicht riesengroß auf Plakatwänden stehen. Es reicht sie unleserlich klein auf Bildschirmen zu sehen. Die süße kleine Schrift. Dazu bücherweise Notizen, Gedanken, Ideen. Nichts von Belang, nichts großes. Keine Propaganda, keine Gehirnwäsche. Ich bin kein guter Autor. Schreibe keine fancy Texte. Trotzdem sage ich ja, ja zum Augenblick, ja dazu, dass sich mit der Zeit Meinungen und Ansichten ändern können. Dass ich heute aggressiven Idioten aufs Maul geben will, morgen aber vielleicht schon völlig pazifistisch handeln mag. Ansichten ändern sich. Die Widersprüche im Leben, die ein solches Blog nicht erzeugt, aber sichtbar, durchsuchbar macht, die mich möglicherweise irgendwann an einen Abgrund stellen können, sind auszuhalten. Müssen ausgehalten werden. Es gilt mit Widersprüchen zu leben. Punk mag nicht tot sein, aber die ehemaligen Iro-Träger_innen sind heute oft sozialversichert. Das ist kein kleiner Weltuntergang, aber zeigt, wie viel – alles? – möglich ist. Handele ich dabei so, wie die aggressiven Hooligans – nur ein Vorurteil? -, zerschlage nach dem Stadionbesuch die Innenstadt und Polizistenköpfe? Ich denke nein. Aber der Blick lohnt sich. Den eigenen Horizont – auch in sich – zu erweitern. Zu sehen, wie sich nicht nur die Welt jenseits des eigenen Ichs ändert, die Tellerränder größer und kleiner werden, sondern auch, was auf diesen Tellern sitzt. Sich zu ändern, neues zu denken und zu entdecken, dein und mein Leben lang, ist so eine Aufgabe. Never ending. Dafür muss man keinen Klub angehören, keine kulturelle oder geistige Elite sein. Vielleicht reicht es wie Johnny Rotten sich die Wut zu bewahren, kaputt zu machen was kaputt macht. Stimmt das überhaupt? Nur weil Neil Young ein Lied über dich schreibt wirst du nicht zum Traummann, andererseits hilft es schon. Ich weiß gar nicht wie Johnny heute aussieht. Lebt er noch? Schreibt er? Schrieb er jemals? Mochte er Katzen und falls nein, warum sollte ich nur eine halbe Zeile mehr an ihn verschwenden?
Irgendwie hängt alles zusammen und alles ist in irgendwas anderem und wie und nur holistisch zu begreifen, aber das würde jetzt zu weit führen.
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Samstag (380)

Fünf Uhr früh. Ein Anruf weckt mich aus dem Dösen. Jaja, ich komm‘ runter. Bin gleich da. Dies ins Auto, dann Markt, dann nochmal voll laden. Dies auf dem Markt, nun noch einmal fahren mit den beiden Transportern. Ich fühle mich komisch. Habe ich geschlafen? Ich bin aufgewacht, irgendwie. Aber schlief ich? Habe ich jemals wirklich geschlafen? Die Katze – Elisabeth – hat schon eine Maus gefangen. Die Sonne ist noch nicht richtig am Himmel, oder wir drehen uns noch zu ihr. Wie auch immer. Vielleicht versperren auch Wolken ihr Licht. Oder die Wolken wollen die ganze Sonne für sich haben – moment, können Wolken etwas wollen? Jedenfalls eine schöne Alliteration. Die kleinen Sachen ins blaue Auto, die hohen Sachen ins schwarze. Krampfhaft versuche ich mich an die Namen der Objekte zu erinnern, die ich einlade. Was man bei deren Verwendung beachten muss. Einladen, fahren, ausladen. Ich bin eine Arbeitskraft. Ich räume Dinge von einem Ort zum Nächsten, hoffe dass sie sich verkaufen – bin also auch emotional abhängig von diesen Objekten bzw. dem Verschwinden dieser Objekte -, nur um nach meinen Seminaren heute wieder zu räumen. Dies gehört dorthin, jenes da hin. Wo kommen diese?
Ich erinnere mich an Bruchstücke meiner Schulbildung. An die Betriebswirtschaftslehre, die sich so leer anfühlt, wenn man tatsächlich arbeitet. Wenn man sieht, das dieses dort hin kommt und jenes da hin. Und wie daraus Buchungen, Steuerabzüge, Gehälter entstehen. Bekomme ich auch etwas für meine Arbeit? Oder ist mein Lohn, nicht rumzusitzen, morgens um fünf, und auf frische Mäuse warten zu müssen?
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