hjärterum, stjärterum, kisserum (173)

Daheim sehe ich überall Katzen. Durch jede Tür, die ich öffne, huschen sie. In der Küche gebe ich ihnen Essen, im Wohnzimmer spielt eine in einer großen Pflanze.
Wir haben keine Katze.
Mein Kopf generiert sie aber, aus Müdigkeit, Frust oder anderem Grund. Jack (the Narrator) halluziniert sich eine Armee zusammen aus seinen Persönlichkeiten – zumindest so eine Theorie. Ich jedenfalls sehe nur Katzen, die nicht existieren.
(Bis hierhin aus Notizbuch abgetippt. Weiteres hinzugefügt.)
Warum sehe ich Katzen, die nicht existieren? Halt, nein, lauft nicht über diese Tastatur. Oh, sie schreiben meine Gedanken mit ihren Tatzen. Das verwirrt mich. Ich denke nach, und sie halten ihre Tatzen ruhig, doch rattert mein Kopf weiter, laufen sie weiter über die Tastatur. Einem Wunder gleich entstehen die Buchstaben. Warum tun sie das? Und wenn ich weiß, dass sie dies nicht tun, wer tippt dann? Es müssen meine Hände sein. Ja, ich müsste meine Fingerspitzen über die Tastatur huschen fühlen. Doch meine Fingerspitzen sind taub. Sie interessieren sich nicht für jene Berührungen, die nicht kribbeln.
Soll ich sich verscheuchen? Ihnen kein Essen mehr hinstellen? Aber auch wenn sie nur in meinem Kopf existieren, wäre es nicht Tierquälerei, sie sterben zu lassen. Warum nur existierendes Leben schützen, wenn… Halt.. bleibt hier? Die Katze zeigt mir ihren Hintern. Danke.

Zwei von Millionen

„Wir sind geboren um frei zu sein“ plärrt eine YouTube-Raubkopie einer Raubkopie von Ton Steine Scherbens „Wir müssen hier raus“ aus den Lautsprechern meines in China hergestellten NoName-Handys. Weil irgendwas mit Deutschrap und linksjugend-Romantik. Keine Ahnung.
Ich frage mich, was dieses frei eigentlich sein soll. Niemand_e kann tatsächlich frei sein – also völlig ungebunden. Unsere Wahrnehmung wird durch unser Vorwissen und unsere Erwartung determiniert. Wir sind gekettet an das Bestehende. Aus gestern und heute. „Frei“ klingt irgendwie anders.
Vielleicht meint frei auch Gewaltfreiheit – doch die ist noch lange hin -, oder Wahlfreiheit. Du darfst entscheiden, ob du Fliegen oder Mücken speisen musst, Fliegen oder Mücken, jeden Tag. Auch da stelle ich mir „frei sein“ anders vor. Kaufe ich bei Saturn oder Media Markt? Persil oder Ariel? Backstreet Boys oder Take That? Beatles oder Stones? Katzen oder Hunde? Bullshit. Vielleicht bedeutet frei sein auch „Nein“ sagen zu dürfen. Ich entscheide mich dagegen. Punkt. Anti Alles Bla bla.
(Wortwörtlich aus dem Notizbuch zitiert.
Datiert mit 15.022015 [sic!].)

Vermutlich müsste man ein weiteres Scherben-Zitat anfügen (aus: „Keine Macht für Niemand“): Ich bin nicht frei und kann nur wählen, welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen. Erschreckend jedenfalls, wie viel dieser schon über 40 Jahre alten Texte noch aktuell wirkt.

Leidige Ledige

Ab und zu leidet er, weil er noch ledig ist. „Meine Freunde sind größtenteils in Beziehungen, oft schon seit Jahren, und ich bin immer noch alleine und fühle mich dann auch manchmal so.“ Er beißt auf einem Zigarettenfilter. Eine schreckliche Angewohnheit, dachte sie. Andere Leute rauchen ihre fuckin‘ Glimmstängel auf den Lippen ruhend, in einem Eck des vergilbten Lächeln oder im anderen. Er dagegen biss regelrecht auf seine Zigaretten, so, als würde er nicht Pueblo rauchen, sondern dicke, braune Zigarren, wie die neureichen Texaner, die er manchmal im Fernsehen sieht. Sie hatte sich halb aufs Geländer gelegt, rauchte ihre dünnen Vogue slim und betrachtete den Sternenhimmel.
Was er sagte und wie er dabei klang, machten seine Art an der Zigarette zu ziehen nur noch lächerlicher. Das passte einfach nicht. Wie konnte er nur -. „Jedenfalls kriegen alle diese Beziehungskiste hin, außer ich.“ Jaja, dachte sie, du klingst wie ein Teenager. „Mit Dir ist alles okay, Herzchen.“ Sie blies dabei eine große Wolke Rauch in den Nachthimmel. Er konnte nicht fassen, wie aus so einer dürren Stange so viel Rauch entsteigen konnte. Jedenfalls hätte er das nicht fassen können, hätte er auch nur eine Sekunde auf sie oder ihre Zigarette geachtet. „Immer nur Freundschaften. Freundschaften! Pah! Du bist nicht mein Typ, bist nicht dies und das. Alle haben sie Ausreden.“ „Du redest so, als ob wir dir Sex schulden würden, Jungchen. Wir schulden dir gar nichts.“ Die Sterne kümmerten sich nicht um die Probleme der Leute, die sich wie Kinder verhielten, aber schon lange keine mehr waren. Sie schauten nur schweigend darauf herab.
„Ehrlich gesagt schuldest du mir doch noch …“ wollte er wieder das Geld ansprechen, doch sie unterbrach ihn sofort, wiegelte ab. Irgendwas, damit er zurück in seine Ledigenleidigkeit zurückfiel. Sein Gejammer war immer noch besser, als wenn sie über das Geld reden würden.
„Wenn dir alle immer sagen, dass sie dich nicht wollen, dann denkst du irgendwann, dass was nicht mit dir stimmt.“ Er schwieg kurz, nachdenklich, dann lächelte er breit: „Ist es mein zu großer Penis?“ „Sie belieben zu scherzen, mein Herr!“ Ihre Landadel-Stimme hatte sie beinahe perfektioniert. Genervter: „Mit dir stimmt alles, Junge. Es dauert halt noch.“ Sie hatte ihn sich nicht nähern gespürt, aber plötzlich war er von den Sternen umgeben, die sie gerade noch so betrunken betrachtet hatte. Er wollte sagen, er könne nicht mehr warten, doch da hatte er schon ihre Hand im Gesicht. „Zu nah“ drückte sie ihm weg und stand auf. „Du bist betrunken, Honey. Ich wäre nicht gut für dich.“ Dabei zündete sie mit einer Hepburn-Bewegung noch eine Vogue an.

Ein Vulkan in meinem Stirnlappen.

Ich kann gerade nichts. Ich saß eine ganze Stunde an einer Seite, las ein paar Sätze, verlor den Anschluss, begann von neuem. Ich ertrage die Ruhe beim Lesen nicht und ich kann im Lärm von Musik oder von Tönen nicht lesen. Immer wieder. Ruhe. Angst. Ich werde nie fertig werden. Ich bin unfähig. Gebeugt über die Fußnoten schlafe ich ein. Ich träume … nichts. Nun schmecken die Dinge anders. Ich halluziniere. Katzen beobachten mich. Gerade so außerhalb meines Blickwinkels. Ich konzentriere mich hier, und sehe sie dann dort. Und wenn ich hinschaue, sind sie bereits weg. Davon gesprungen, oder sie waren nie wirklich da. Ihr miauen hören die anderen nicht. Ihr lockeren Tritte über Sofakanten und ihr Trommel auf Kartons. Die schlafende Katze in einer Kiste als Jenseitsmetapher.
Die Musik brennt mir in den Ohren. Aus. Aber die Stille ist noch schlimmer. Mein Tastenklappern durchbricht das Schweigen. Ich muss weiter schreiben. Immer weiter. Keine Korrekturen. Kein Nachdenken. Die Stille brennt in meinem Lobus frontalis. Unterbreche ich mein Tippen, schmerzt er, und ich bin unfähig, weiter zu schreiben. Ich tippe gegen die Schmerzen an. Ich lasse mich nicht von meinem Gehirn regieren. Oder meine Seele, meinen Ängsten, oder irgendwas. Die Katzen blicken vorwurfsvoll. Ich bin Herr im eigenen Haus. Kurz: Zweifel. Innehalten. Dann brennender Schmerz. Obdachlos. Degradiert. Eine Hölle bricht sich in meinem Kopf frei. Mein Liquor cerebrospinalis wandelt sich zur Lava, die alles in ihrem Feuer verbrennt. Meine Zellen ergrauen. Ich bin vorbei. Nichts bleibt zurück. Die Katzen desinteressiert.
Ich schalte den Fernseher an. Banale Geschichten von banalen Autoren, dargestellt von banalen Schauspielern und an banalen Orten vertreiben die Stille. Die Lava in mir erkaltet. Ich wurde nicht errettet. Ich bin zwischen ihr gefangen. Wartend.
Warum kann ich nicht einfach funktionieren.

hjärterum, stjärterum, kisserum (320)

Neulich abends ging ich doch noch raus. Es war ein kalter Abend, ich vergrub die Finger tief in meinen Taschen. Spontan wählte ich nicht den gewohnten Weg, der trotz der späten Uhrzeit noch voller Menschen war. Zwei, drei Pärchen, ja, aber das waren mir schon zu viele an diesem Abend. Ich wollte allein sein. Musste allein sein. Also bog ich ab, eine Treppe runter, vorbei an krummen Häusern. Plötzlich saust um eine Ecke ein Kater. Ich hatte gerade eine Zigarette aus meiner Brusttasche gekramt und war dabei, sie mir anzuzünden, in der Hoffnung, die selbstzerstörerischen Schwaden würden mir den ein oder anderen noch kommenden Moment in Rauch aufgehen lassen. Der Kater, flink aber doch rundlich, strahlte in orangenem Fell in die Nacht hinaus. Ich steckte meine Zigarette und das mühsam gesuchte Feuerzeug weg und betrachtete ihn. Er sah mich an, blickte dann hier und dort hin, setzte sich aber auf seine Hinterpfoten. Er war jetzt hier, ich war jetzt hier. Ich tat es ihm gleich, hockte mich halb hin, machte mich klein um ihn nicht zu erschrecken, und sprach in leisen Worten schwedisch mit ihm.
Auffordernd und doch vorsichtig hielt ich ihm meine Hand hin, wieder schweigend. „Ska jag klappa dej?“ sagte sie (meine Hand spricht noch nicht so gut Schwedisch).
Doch der rote Kater war abgelenkt, blickte in die eine, dann in die andere Richtung. Irgendwas lockte mehr, als dieses geheime Treffen zweier Unbekannter zwischen den krummen Häusern. Er lauschte, blickte, dann trottete, gar nicht mehr flink, fast müde, zwischen zwei Häusern entlang. Weg von mir, weg aus dem Licht. Ich folgte ihm nicht, wünschte nur „Hejdå“ und „Godafton“, kramte, zündete endlich meine Zigarette an und hoffte auf ein schnelles Ende.
Der Wind kalt, die Zigarette glühend, ich alleine; lauschte hier, blickte dort, trottete ich, müde, weiter.