hjärterum, stjärterum, kisserum (218)

Ich bin müde. Todmüde. Meine Zombiehände öffnen eine Türe, ich schlappe hinterher. Mein angeschlagener Kopf imaginiert Unsinn. Auf der Küchenzeile sitzt eine Katze und betrachtet, wie ich mir die Hände wasche. Sie sagt nichts. Kein mjauen, kein böses Wort. Sie schweigt mich an, und ich versuche verkrampft sie nicht zu sehen. Du imaginierst das. Nimm diese Katzen nicht wahr. Du beginnst verrückt zu werden. Das ist das Kranksein und all die komischen Gefühle, mit denen du aktuell nicht klar kommst. Das Wissen, ewig allein zu bleiben. Mein Kopf glaubt wohl, mich auch ohne Einvernehmen zur crazy cat lady werden zu lassen. Diese feindliche Übernahme meiner Wahrnehmung ist weder safe, noch sane oder consensual. (Jaja, ich lass dich ja gleich raus.)
Inzwischen werden es mehr. Eine sitzt da, auf der Kante des Sofas, und beobachtet mich. Ihre Augen sind ruhig. Schweigen meine Tasten, betrachtet sie das Zimmer. Aber sobald ich tippe, ist ihr Blick wieder auf mich gerichtet. So, als würde nicht ich tippen, würden nicht meine Worte geschrieben werden, sondern ihre. Ihr Blick durchdrängt mich, auch wenn ich weiß – weiß! -, dass sie nicht existiert, nicht existieren kann. Hat sie bereits die Kontrolle über mich übernommen? Schreibe ich nun ihre Geschichte, und nicht mehr meine? Oder bin am Ende ich die im imaginierten Katzenkörper gefangene Person? Schweigend. Unfähig, etwas zu sagen.
Die andere wartet an Türen, dass ich sie öffne. Kratz ohne Krallen daran, mach auf, los. Bin ich am Ende sie? Hin- und herwandernd, zwischen den Räumen? Ohne je irgendwo sein zu wollen, sein zu können? Unfähig, mein Leben selbstbestimmt zu leben. Abhängig von den Türöffnern. Abschlüsse, Praktikas, Kontakte. Nur um dann wieder in einem Raum zu landen, in dem ich nicht sein will. Kratze ich an der Türe, tappe mit der Pfote dagegen? (Jaja, ich öffne die Türe ja schon.)
Ob sie verschwinden, wenn ich es einfach nicht wahrhaben will? Hier sind keine Katzen. Und ich sehe sie auch nicht unentwegt. Nur aus dem Augenwinkel, im halben Zwinkern, wenn ich Gähne, hier und da, blicke, warte, schweige. Sie sind da. Ich kann es nur nicht beweisen. Oder widerlegen. Sie existieren nicht. Nicht hier, nicht jetzt. Die Katzen sind nicht echt.
Und wenn ich die Katzen bin – umherwandern, blickend, wartend -, dann existiere ich nicht. Ich schließe meine Augen und versuche zu irgendeinem Disco-Song zu tanzen. Das ist alles nicht real. Das ist alles nicht real.

Raufaserdeckentapete, 2m, hellweiß

Langeweile saß in einem der kartoffelgrünen, unbequemen Uni-Stühle, futterte Mensa-„Essen“ in sich hinein und plauderte, laut schmatzend – denn das war ihr Stil – mit einem Kommilitonen. „Die Leute wollen nicht alleine sein“, sagte sie – schmatz-schmatz – „dabei ist man nie allein.“ Ihr Gegenüber, ein dürrer doch hochgewachsener junger Mann, vielleicht Erstsemester, vielleicht schon seit Jahren hier, jedenfalls konnten seine Augenringe entweder von zu-ernst-nehmen oder endlich-ernst-genug-nehmen des Studiums stammen, nickte. „Bakterien, WhatsApp und so“ sagte er gebeugt über einen beinahe leeren Teller Spülwasser, der eigentlich „Suppe“ sein sollte. „Du verstehst nicht.“ Langeweile blickte ihm direkt in die Augen. Nun flüsterte sie. „Wir. Sind. Nie. Allein.“ Sie blickte sich – verschwörerisch, wie als wöllte sie, da die dortigen Speisen ja nicht zum Essen geeignet waren, eine Bombe daraus bauen – um. „Wir sind ni-?“ „Schhhht!“ unterbrach sie ihn. „Du musst mir jetzt sehr genau zuhören.“ flüsterte sie weiter. Ihr schlaksiger Kommilitone beugte sich vor um besser zu hören. Langeweile näherte sich seinem Ohr mit ihren Lippen, als wöllte sie ihm die Weltformel erklären, ganz ihm Geheimen des großen Speisesaals. Ihre Lippen ruhten nun kurz vor seiner Ohrmuschel, und sie setzte an etwas zu sagen – und küsste seinen Tragus. Ohne ein Wort des Abschieds verschwand sie.
Ihr Kommilitone saß da und war irritiert. Niemand hatte es gesehen, und doch war es passiert. Langeweile war kein Mädchen, dem man betrunken Kurznachrichten schicken konnte. Sie war ein Mädchen, die man nicht so einfach erreichte.
Beliebtsein hatte das gewusst. Sie redete immer Unsinn, wenn sie verknallt war – und Langeweile war stets verliebt -, und er spürte, tief drin, dass es dieses mal klappen könnte. Dass dieser junge Mensch, von dem sie ihm mit keinem Wort erzählte und doch alles sagte, vielleicht passen könnte. Mitten in einem Satz – sie erzählte gerade, wie sie plane mit Lebensmittelfarbe und einer grünen Laterne die Salatbar des Nachbarortes unsicher zu machen – legte er einfach auf. Es war alles gesagt. Sie war glücklich, und wenn sie es war, so war er es auch.
Vermutlich hatte sie vor lauter Freude gar nicht mitbekommen, dass er aufgelegt hatte. Und wenn doch, so redete sie einfach trotzdem weiter. Das war halt ihr Stil.
Der Kommilitone, noch im ersten Semester seiner Bekanntschaft mit Langeweile, lag in seinem Zimmer und betrachtete die Decke.

Kein Augenblick mehr ohne das Gefühl von heute Morgen

Wann hattest du das letzte mal ein Gefühl, das du festhalten, tief in dir drin haben wolltest, von dem du dachtest: Das will ich jetzt immer spüren?
Ich will hier gar nicht von „Schmetterlingen im Bauch“ erzählen – ob ich dazu überhaupt fähig wäre werden ehemalige Partner_innen sicherlich verneinen -, sondern von kleineren, nicht jedoch unwichtigeren, Dingen.
Wann z.B. wolltest du eine Serie, ein Buch, einen Text in einem Zug lesen? Konntest nicht erwarten, weiter zuschauen, weiter mitzuleben? Vieles, was ich heute sehe oder lese, ist nicht dafür optimiert, geliebt zu werden, sondern für andere Dinge. Dafür, dass sich daraus weiteres Kapital schlagen lässt – Actionfiguren, T-Shirts, Teetassenbriefbeschwerer, Laserkanonen -, oder fürs Reden darüber oder Twittern dabei. Popkultur knuddelt dich nicht mehr, reicht dir keine Hand mehr. Sie ist statt dessen jetzt „social“.
Vielleicht verbittere ich gerade etwas. Ich lese immer noch gerne, aber es gibt nur noch wenig von dem ich mich gerade begeistern lasse. Gerade auch nicht von Uniangelegenheiten. Aus Gründen begeistert mich auch kein Diskurs mehr, keine Lesendenbriefe, kein guter Tweet – und wenn doch wäre er doch eh viel zu schnell vorbei.
Nichts konnte mich abseits der Realität wirklich zum Denken bringen. Das Fiktionale enttäuscht mich. Jetzt gerade. Auch das, was ich selbst schreibe. Auch das, was ich rein aus Freude lese. Meine Ansprüche sind zu hoch? Vielleicht. Ja, es kann sein, dass ich etwas zu vermissen glaube, was nie war. Dass ich Sehnsucht habe nach einem nicht existierenden Ort oder einer nicht existierenden Zeit.
Vielleicht ist es aber auch genau das, was ich misse aber ohne das ich keinen Augenblick mehr will. So eine Art Begeisterung… eine .. Liebe?

2014 war viel los. Ich erinnere mich an nichts.

Jajaja, irgendwie ist es ziemlich Klischee, Anfang Dezember eine Winterdepression zu entwickeln, Mitte Dezember Lanz beim jahresrückblicken zuzuschauen und Ende Dezember selbst einen Rückblick zu veröffentlichen.
2014 war sehr viel und ich erinnere mich genau an gar nichts. Gut, dass so viel in diesem Blog steht.
Heißluftballone
Ich zog – glaube ich alten Blogeinträgen – zweimal um. Nimm mir alles, aber lass mir die Umzugskisten, jaja. Einmal auf der Fasnet und einmal von Tübingen nach Rottenburg zu meinem Bruder. Bereut er das? Möglicherweise. Bereue ich das? Keine Sekunde. Ich vermisse zwar meine Ex-Mitbewohnerinnen, ich vermisse Jassie und auch ein bisschen, nicht ständig in diesem letzten Zug nach Rottenburg zu sitzen, aber ich unternehme mehr und es ist ziemlich awesome mit meinem Bruder.
Ich zog nicht nur um, ich verreiste auch. Schrieb über Hotelzimmer als Nicht-Orte und dann war da noch etwas: Die Montagsdemo, zu der ich gehen wollte, aber dann doch nicht so oft war. Trotzdem veränderte es mein Denken und ich schrieb manchmal etwas, was ich dann nie vortrug. Überhaupt, politisches, viel meh, viel zu viele Texte. Beim Durchklicken des Archivs gab es da verdammt viel, aber nichts, an das ich erinnern will. Ich denke wohl zu viel. Dabei ist das nicht einmal meine schlechteste Eigenschaft. Nunja.
Was war noch 2014? Leserbriefe. Hier ein Text darüber, warum ich das mochte. Dort alle Lesebriefbetreffende Texte aus diesem wunderbaren Blog. Der Text, warum ich aktuell keine mehr abschicke, steht allerdings noch aus, kommt aber noch.
Was mich sehr freute ist, dass ich mich traute, Beliebtsein und Langeweile ein kleines Comeback feiern zu lassen. Ich mag diese beiden Figuren, die meistens eine Kommentierung des eigentlichen Inhalts leisteten, dabei aber immer auch von einer Freundschaft erzählten. Mal sehen, was da noch kommt.
Bättre dåligt minne än en dålig blogg.
Was überhaupt nicht im Blog war, aber doch mein Jahr prägte, ist die Baustelle eines Freundes. Er renoviert gerade ein Haus um dort einzuziehen. Dort war ich oft, vielleicht nicht oft genug. Immer noch ist nicht alles fertig – lange nicht – und es gibt viel zu tun und ich habe keine Zeit dazu. Nunja.
Aber es ist ja auch nicht meine Baustelle.

Prosa / Skål! (172)

Beliebtsein war nervös. So lange hatten die beiden nicht mehr gesprochen. Ihr war alles so neu gewesen und er fand keine Worte mehr und dachte, es sei vorbei. Doch dann nahm er den Mut zusammen und wählte ihre Nummer. „Hallo“ kreuselte seine Stimme sich aus dem Telefonhörer in Julia Langeweiles rechtes Ohr. Gerade eben hatte dieses noch einen Kopfhörer beherbergt. Sie hatte irgendwas von den Smiths gehört, sich unheimlich einsam gefühlt – so wie damals mit 16 -, und dabei an Beliebtsein und seine viel zu kleinen Ohren gedacht. Wie lustig er damit aussah. Was er wohl tat, was aus ihm geworden war. Sie waren einmal beste Freunde gewesen, aber es gab auch nie einen Grund anzunehmen, das seien sie nun nicht mehr. Viel mehr fühlte sie sich wie eine Katze, und mit ihrer Pfote am Hörer kicherte sie einen mauzenden Ton hinaus. „Aber, wir begrüßen uns doch nicht!“ Stimmt, das hatte er vergessen. Ihre Unterhaltung war ewig. Ohne Anfang und ohne Ende. Sie legten einfach auf, wenn die Dinge gesagt waren und riefen zurück, wenn noch ein Wort fehlte. Beliebtsein hatte dies geliebt und Langeweile? – Nun, es war ja ihre Idee. Sie verabschiedete sich ohnehin nicht. Sie rief nur unzusammenhängende Worte, die die Leute meist als Abschiedsfloskel missverstanden. „Auf Winterseen!“ und „Wirsing“, wobei ihr diese Worte inzwischen auch in Hipsterkreisen nachgemacht wurden. Jedenfalls lachten sie nun beide. Kurz darauf legten sie auf – wie immer ohne Verabschiedung. Es war alles gesagt. Sie waren Freunde. Ohne Anfang und ohne Ende. Und Beliebtsein liebte das, und Langeweile? – Nun, es war ja ihre Idee.