Hotelbetten zu Kissenschlachten.

Das Hotel-Wlan summt leise. Ich sitze in einem Nicht-Ort im Schwarzwald, in einem Nicht-Bett, voller Nicht-Schlaf und Nicht-Erholung. (Danke Marc Augé.)
Neben mir im Bett spielt jemand auf dem Handy. Wischen, Tippen, es blubbert ein Soundeffekt. Meine Tasten klicken leise. Ich denke nach – die Tasten schweigen.
Ein Hotel ist ein komischer Ort. Man bezahlt für einen Schlafplatz an einem fremden Ort. Wozu? Weil man hier Geschäfte zu erledigen hat? Das scheint ein legitimer Grund zu sein. Aber deshalb bin ich nicht hier. Ich mache „Urlaub“. Was bedeutet das eigentlich? Entspanne ich? Wovon? Welchen Sinn hat es, in einem anderen Bett zu schlafen? An einem anderen Ort? Ich verstehe Hotels nicht. Es sind mir zutiefst fremde Orte.
Hotels sind Orte, die alles sind, nur nicht zuhause. Vielleicht liegt darin der Zweck. Ein Nicht-Zuhause, in dem man schlafen kann. Doch so betrachtet, wird das Konzept davon nur noch verwirrender. Weil es Hotels zu Orten macht, an denen man eigentlich nicht sein will, sich nicht daheim fühlen kann, weil es das eben nicht ist.
Ich mag es daheim, und ich mag es nicht daheim zu sein. Auf Reisen eine fremde Kultur zu entdecken, andere Menschen zu treffen, andere Gerüche, andere Geräusche, andere Orte sehen. Ich mag das. Aber ein Hotel, und da wirken sie alle gleich auf mich, ist nur einer Notwendigkeit geschuldet. Nämlicher dieser, dass man so fremd ist an dem Ort, an dem man gerade ist, dass man Menschen Geld für ein Nicht-Zuhause geben muss, für einen Ort, an dem man gerade so schlafen und vielleicht noch duschen kann.
Aber wenn ich ehrlich zu mir bin, dann fühlten sich wackelnde Züge, Sofas in fremden Städten und Luftmatratzen heimischer, ja „bettiger“ an, als jedes Hotelbett, in dem ich bisher die Nacht zubrachte.
Aber, dann wieder: Vielleicht muss ich mich einfach heimischer machen, heimischer verhalten, um mich heimischer zu fühlen. Vielleicht reicht es schon, hier Kissenschlachten auszufechten und Bettenburgen zu bauen. Dann… wären diese Nicht-Orte … erträglicher. Und ich könnte dann endlich auch hier einschlafen.

Die Enttäuschung deines Lebens.™

Auf dem Heimweg traf mich eine Erkenntnis, die mich warm-geborgen hätte umarmen sollen, als ich ein trauriger Teenager war und mich mit der Farmor stritt. Sie schleuderte mir damals an den Kopf, gedacht als stärkste Beleidigung einer Frau, die jahrzehntelangen Erfahrungsvorsprung mir gegenüber im Leben hatte, dass ich die Enttäuschung ihres Lebens sei. Dieser Satz hat unser Verhältnis nachhaltig beeinträchtigt und sich in mich eingebrannt. Selbst hätte sie gesagt, ich sei für sie gestorben, hätte mich das wohl nicht so getroffen.
Ein Freund, der das Haus seines Großvaters kaufte – und meiner Meinung nach weit über Wert – und nun renoviert, wurde wegen eben dieses Renovierens ebenfalls diese scheinbare stärkste Beleidigung der „Ich habe alles erlebt und überlebt“-Generation genannt.
Du bist die Enttäuschung meines Lebens.“
Ein bitteres Gefühl zunächst, weil man den Menschen, der dies ausspricht, eigentlich liebt. Und dann lacht man außen darüber und fühlt sich nur noch innerlich gescheitert. So wie wir alle. Wenn man sich dann schlecht fühlt, aus welchen Gründen auch immer, kratzt man diese alte Narbe wieder auf.
Damals, wie wir uns auf der gelben Treppe zwischen schönen Blumen und harter Arbeit, stritten und sie gewann. Scheitern bleibt, Erfolge lösen sich auf. Wie in Tetris.
Auf dem Weg genau an den Ort, an dem vor Millionen Gedanken und tausend schlaflosen Nächten diese Worte fielen – und kurz danach verleugnet wurden – umarmte mich eine Erkenntnis. Eine späte Erkenntnis, aber eine, die mich auf einer Art glücklich machte und macht, die ich niederschreiben muss. Nämlich:
Enttäuschung ist überhaupt nichts Negatives. Der Wortbedeutung nach ist es Aufklärung, nämlich Ausgang aus unverschuldeter Unmündigkeit, die Beendigung einer Täuschung. Vorhang auf, so läuft der Hase, Blick hinter die Kulissen, das Erwachen, so schaut’s aus. Wenn ich jemanden enttäusche, dann zeige ich Fehleinschätzungen und Unwahrheiten auf. Dass das auch nur im entferntesten etwas schlechtes sein könnte, ist aberwitzig abwegig.
Wenn ich mich enttäusche, wenn ich dich enttäusche und meine gemisste Großmutter in mir gar die Enttäuschung ihres Lebens sieht, dann habe ich etwas Gutes getan. Ich habe Augen geöffnet. Habe geholfen, die Töne richtig zu deuten. Die Maske der Lüge und Fehleinschätzung herabzureißen. Hier ist das Lächeln der Wahrheit.
Hätte ich das nur damals schon begriffen, ich hätte nicht so viele Jahre damit verschwendet, zu versuchen, sie aus meinem Leben und meinem Herzen auszuschließen. Geklappt hat das ohnehin nicht.
Unter der herabgerissenen Maske steht ein Zwiebelmensch aus vielen Schichten. Und eine Schicht, die welche damals wuchs, als er sich gerade mit seiner Großmutter stritt, fühlt gerade die warme Umarmung einer späten Erkenntnis.
Keep [going], boy. [You’re] okay.

Die Kalendererinnerung bleibt länger als der Mensch

Jedes Jahr frage ich mich wieder, ob ich eine Kalendererinnerung im April löschen soll. Der 24ste. Nächste Woche. Sie erinnert an den Geburtstag eines Menschen, mit der ich nichts mehr zu tun habe. Nicht nur, weil sie das nicht mehr wollte, sondern auch, weil ich selbst könnte ich ihr etwas sagen ich nicht wüsste was.
Es ist schon komisch. Da gibt es einen Menschen, der mir so wichtig war, dass ich mich „unendlich“ an seinen_ihren Geburtstag erinnern wollte. Und nun erinnere ich mich kaum noch an den Menschen. Ja ich erinnere mich kaum noch daran, mich an sie erinnert zu haben. Wie ein Lesezeichen von einem Buch, das schon längst im Altpapier gelandet ist. Warum liegt das Lesezeichen nicht auch dort? Warum erinnert mich die Computerewigkeit immer noch daran?
Andererseits: Ich trug in jungen Jahren einen falschen Geburtstag in unseren Familienkalender ein. Eine Person, die nicht existiert, und nun schon zum mindestens 8 mal in den aktuellen Kalender übertragen wurde. Und natürlich steht auch Grit immer noch drin – sowohl digital als auch analog -, in der zweiten Dezemberwoche, obwohl wir uns schon lange nicht mehr unterhielten. (Ich glaube jedoch, im Guten.)
Aber: Jahrestage werden nunmal nicht hinterfragt.

Abschirmzeit, die

~ Zeitintervall zwischen Apokalypse und dem Bemerken dieser durch Smartphonenutzer_innen.
auch: maximale Pause, zwischen der Menschen auf ihrer Smartphone schauen und nicht aufblicken, ohne mit anderen beim Laufen zu kollidieren.

Einfach rausreiten.

Das Leben bietet keine Abenteuer mehr. (vgl.) Deshalb lesen wir Abenteuer-, Coming-of-age- und Bildungsromane, fahren in Freizeitparks, kaufen uns Konsolen und steuern Figuren durch erfundene Welten.
In wenigen Jahrzehnten werden Videospiele ebenso behandelt werden, wie heute Filme oder vor einigen Jahrzehnten noch bestimmte Sorten Literatur. Forschungsgrundlage, in Ermangelung eines einheitlichen Spielerlebnisses, werden Let’s plays (?) sein. Der Entwickler ist tot, an seine Stelle rückt der Spieler. Das individuelle Spielerlebnis, yada yada yada, die Unterhaltungswissenschaften werden großartig werden.
Jedenfalls leistete ich mir nun, da die neuen Konsolen langsam fahrt aufnehmen, endlich eine lang ersehnte Playstation 3. Dazu gibt es bisher The Last of us, welches ich liebe und direkt nochmal durchspielen wöllte, weil es in der gestalteten Welt, im ganzen Spielgefühl so großartig ist, und Red Dead Redemtion, welches ich ganz gut finde, wenn auch an einigen Stellen eher öde, an anderen sehr toll. Ich als alter San-Andreas-Veteran finde daran natürlich gefallen, auch wenn Pferde niemals gestohlene Polizeimotorräder ersetzen werden können.
Jedenfalls verbrachte ich die vergangenen Wochen sehr viel Zeit damit, diese Spiele durchzuzocken. Bekanntermaßen bin ich darin ein völliger Totalausfall und sterbe selbst im einfachsten Modus ständig und graziös. Aber die Geschichten, die so erzählt werden, die gezeigt werden, die man regelrecht mitleben darf, sind grandios. Das Gefühl einer offenen Welt, die Sicherheit kleine Aufgaben eine nach der anderen erledigen zu können und dass Fehler nur bedeuten, beim letzten Checkpoint noch einmal zu starten… nun… ich denke, dass ich diese Erfahrungen produktiv im Studium umsetzen werde können (zumindest ist das meine Ausrede, soviel Zeit damit verbracht zu haben).
Einerseits genieße ich diese Sicherheit und die kleinen, gerade eben nicht selbstgesetzten Ziele, in die man in einer halben Stunde abtauchen kann. Anderseits bleibt das schlechte Gewissen. Zu oft las ich die Vorwürfe, die gefühlt alle™ gegenüber Spielen haben – zeitvergeudend, minderwertig, verrohend -, so dass ich diese nicht mehr ganz aus meinem Kopf werfen kann.
Komisch, dieses schlechte Gewissen, welches sich gegen jede Logik und auch gegen jedes vernünftige Argument gebildet hat. Vielleicht wohne ich einfach schon zu lange in Baden-Württemberg.