Die Sinnlosigkeit von Strafarbeiten

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Ich habe eine recht offensichtliche Charakterschwäche: Ich bin fast niemals pünktlich. Vor allem, da ich gelernt habe, dass die ersten drei vier Minuten am Morgen sowieso für sinnfreies Gerede verschwendet werden, oder die Lehrer es selbst nicht schaffen, pünktlich zu erscheinen, erscheint mir – unbewusst – das „akademische Viertel“ – also der Unterrichtsbeginn 15 Minuten später als im Stundenplan angegeben – nur gerecht. Bedauerlicherweise – für mich – sehen Lehrkräfte eine Verspätung über längere Zeiträume nicht nur als Charakterschwäche, sondern als bewusstes Fehlverhalten an, dass man mit Strafarbeiten oder Nachsitzterminen beseitigen könnte.
Ich habe nichts dagegen, derartig bestraft zu werden für mein unbeabsichtigtes Fehlverhalten – in einer verqueren, parallelweltlichen, nur Schulangehörigen verständlichen Logik macht das ja sogar Sinn -, mich stört nur, wie dies geschieht.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will jetzt nicht darüber klagen, wie meine Schule, oder viel mehr, die mich unterrichtenden Lehrkräfte, mich zurechtweisen. Es ist nur so, ich leide, oder viel mehr leidet meine Umwelt, schon sehr lange an dieser meiner Charakterschwäche. Und ich durchlief immerhin schon eine (katholische) Hauptschule, eine (öffentliche) Berufsfachschule (Mittlere-Reife-Schule) und bin nun auf einem katholisch geführten privaten Wirtschaftsgymnasium, um dort mein Abitur zu machen. Ich weiß also ungefähr, wie die Lehrkräfte an den dortigen Schulen mit mir umgegangen sind (auch, wenn die Erinnerung immer etwas verklärt).
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Bei Johnny Cash und einer Tasse Tee.

Bevor jemand enttäuscht ist: Es geht nicht um Johnny Cash und auch nicht um Tee. Nur um Langeweile.
Angenommen, Denken sei kein Monolog, sondern immer ein Dialog, dann hätte meine gute Freundin Langeweile einen Gesprächspartner in diesen Minuten gehabt, alleine in ihrem Zimmer unterm Dach sitzend, begleitet von ein bisschen Johnny Cash, nachdenkend darüber, warum sie so unfreundlich zu ihrem guten Freund Beliebtsein war. Sie fragte sich, oder eher noch wurde sie gefragt, warum sie ihm Liebe beteuerte – platonisch oder nicht -, um ihn dann wieder in die Ecke zu schleudern. Daniel „Danny“ Desario hätte wohl lässig gesagt „She’s on her period.“ und das Thema wäre gegessen gewesen. Niemand – außer Frauenärzte – redet weiter, wenn das Wort Periode gefallen ist.
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„Warum hast du das getan?“ fragte eine der zahlreichen Alter Egos Langeweiles. „Warum bist du nett zu ihm, und dann wieder eine totale Schlampe?“
„Es ist besser…“ sagte Langeweile ihrem Gesprächpartner.
„Besser?!“
„…besser für ihn als Künstler, wenn er leidet.“ Langeweile atmete tief ein. Hatte Sie gerade laut zu sich selbst gesprochen? Sie sprach weiter. „Nur aus dem Leiden erschafft er großartiges. Ich will ihm eine Muse sein, ihn leiden lassen, damit er Meisterwerke vollbringt. Das tut mir auch weh, aber es muss sein…“
„Aber du machst ihn damit kaputt!“ entgegnete sie in einer anderen Stimme.
„Blödsinn. Ich will ihm nur helfen. Irgendwann… baue ich ihn wieder auf.“
„Und wenn er begreift, welches Spielchen du mit ihm treibst?“
„Dann verliert es seine Wirkung.“
„Verbringt er nicht schon die ganze Zeit deprimiert in seinem Bademantel und sieht sich alte Serien an?“
„… ja.“ antwortete Langeweile wie ein ertaptes Kind.
„… so wie du?“
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Langeweile hatte die Lust verloren, mit sich selbst zu reden. Sie schaltete ihren Plattenspieler ab und ging zu Bett. Bob Dylan ist sowieso viel cooler als Johnny Cash, dachte sie noch bei sich, und schlief dann ein.

# 1992

Meine sehr verehrte Langeweile,
den heutigen Tag habe ich zur Gänze dazu verwendet, Filme zu sehen. Bei elektrischem Licht mitten in der Nacht sitze ich nun hier, und schreibe dir einen Brief, um über diese gänzliche Verschwendung meines Tages zu berichten, die jedoch nur in den Augen eines voreingenommenen Betrachters als ebendiese Verschwendung auftritt. Ein unvoreingenommener Betrachter, oder in deinem Fall du als hoffentlich unvoreingenommene Leserin dieses Briefes, jedenfalls eine solche Person unvoreingenommener Natur würde eventuell meinen heutigen Tage als besonders produktiv beschreiben – im Gegensatz zu den meisten anderen meines doch recht unnützen Lebens bisher. Filme also waren meine heutige Passion. Du wirst fragen, welche Filme?, und ich werde nicht antworten, sondern egoistisch weiter vor mich hin plappern, darüber, was ich heute gemacht habe.
Unter einer Decke.
(Ohje, ist meine Nase aber groß!)
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"Bitte bring dich nicht um wenn ich weg bin. Ich will den großen Flatsch nicht verpassen."

...
Ironie war offensichtlich Langeweiles Weg mit Beliebtseins neuerlichen Gemütstiefen umzugehen. Früher ging es ihm schon schlecht, recht häufig, aber dann begann er zu essen. Er probierte hunderte Geschmäcker aus, versuchte sein Leben zu leben und es zu bejahen, in dem er auch ja zu seinem Stoffwechsel sagte. Das machte ihn zumindest nicht traurig, und das war schon sehr viel. Es war sogar oft sehr glücklich, aber irgendetwas änderte sich in den vergangenen Wochen.
Es änderte sich etwas in diesen Wochen. Sätze wie „Bei dir muss man sich sowieso keine Sorgen machen, dass du aus dem Fenster springst. Da passt du ja nicht mal durch.“ taten plötzlich wieder weh. Er glaubte es plötzlich wieder, wenn jemand sagte, er stinke. Die Welt drehte sich, und so auch sein Magen. Beliebtsein selbst war zu träge. Nichteinmal vom Gedanken seiner Kindheit, die „Butter-S“ seien nur für ihn gemacht, für ihn, den kleinen Sascha Beliebtsein, konnte er sich lösen. Sie sagten ihm, sein Bart sei falsch. Sie sagten ihm, sein Bauch sei falsch. Alles, was sich richtig angefühlt hatte, verneinten sie. Und er bejahte die Verneinung, nickte sie einfach durch, weil er schon zu träge war, sie irgendwie zu wehren.
Aber irgendwas war anders. Beliebtsein realisierte immer mehr, dass es einen Unterschied gibt zwischen Freunden und Mitleidenden und auch einen Unterschied gab zwischen Freunden und Langeweile. Der Unterschied war, dass Langeweile nicht echt war. Sie existierte nur in Beliebtseins Kopf, war seine Erfindung, seine Projektion, seine Wunschvorstellung einer guten Freundin. Seit er das wusste, war sie verschwunden.
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Ich bin ein Schlafsofa.

Ich bin ein Schlafsofa.
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Wenn ein Kissen bei IKEA von sich behaupten kann, es sei ein Schlafsofa, dann kan ich das auch. Mein Name ist Beliebtsein und ich bin ein Schlafsofa.
Manche Leute ziehen mich ganz gerne aus, aber ich bin auch bequem in meiner alltäglichen Erscheinung. Leider lasse ich mich nur schwer bewegen, aber wenn man einmal einen guten Platz für mich gefunden hat, möchte man mich nicht mehr missen. Mein Aufbau ist kinderleicht. Auch meine Pflege geht einfach von der Hand. Mein abnehmbarer Bezug kann in der Maschine gewaschen werden. Mein robustes Innenleben sorgt dafür, dass Sie lange Zeit Freude an mir haben. Sollte all das Sie nicht überzeugt haben, dann vielleicht mein überragendes Design: Schlicht und zugleich edel. Durch meine Bezüge in vielen unterschiedlichen Farben und Formen passe ich mich Ihrem individuellen Geschmack perfekt an.
Ich bin ein Schlafsofa.
Designer:
Gott. Evolution.
Pflegehinweise:
Buntwäsche 60°C.
Nicht mit Chlor bleichen.
Nicht trocknergeeignet.
Bügeln – bitte nicht!
Nicht chem. reinigen.
Hängend trocknen.
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Aber ich bin keine Lösung für zwei Probleme, sondern leide unter einer schweren Identititätskrise. Ich weiß nicht: Bin ich ein Bett? Bin ich eine Sitzgelegenheit? Bin ich beides? Bin ich nichts? Vor lauter Fragen kann ich manchmal nicht schlafen. Vor lauter Fragen kann ich manchmal nicht wachen. Es ist schrecklich, nicht zu wissen, was ich bin, wer ich bin oder ob ich überhaupt – objektiv – existiere. Mein Name ist Beliebtsein und ich bin ein Schlafsofa. Ich würde mich freuen, bald auch in Ihrer Wohnung ein Zuhause zu finden.
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