"Ich bin ja voll für Gleichberechtigung, außer es geht um Schwuchteln."

Ich gebe zu, dass ich massive Vorurteile habe. Dazu gehört, dass ich es für besser halte, wenn zwei Menschen, die sich verstehen und zusammenarbeiten ein Kind großziehen. Ich mag nicht dieses – oftmals falsche – Bild des alleingelassenen, vereinsamten, alles-nur-fürs-Kind-machenden Alleinerziehenden. Ich glaube, wenn man ein Kind gut erziehen will und es nicht nur irgendwie groß bekommen, dann braucht man Rückendeckung von allen möglichen Seiten. Von einem Partner, von Freunden, der Familie und letztlich auch der Gesellschaft.
Ja, es ist altmodisch und total verbohrt, aber für mich ist die Familie die Keimzelle der Gesellschaft. Gibt es keine Familien mehr, gibt es auch keine Gesellschaft (so, wie wir sie kennen).
Letztlich ist mir egal, wie diese Familien aussehen. Mutter-Vater-Kinder sind mir ebenso lieb wie Mutter-Mutter-Kinder beziehungsweise Vater-Vater-Kinder (oder völlig genderfreie Definitionen). Von mir aus könnte auch ein sprechender, intelligenter Affe ein Kind großziehen. Ich glaube nicht, das eines der Kombinationsmodelle einem anderen überlegen ist. Und damit fühlte ich mich bisher auf Seiten des Grundgesetzes. Schließlich steht dort nicht:
Artikel 3: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Außer, sie sind Schwuchteln oder Ausländer oder halt anders als unsere Wunschvorstellungen.
Wenn wir uns die peinliche Diskussion um die eingetragene Lebenspartnerschaft ansehen zweifele ich wirklich an der Verinnerlichung dieser Grundwerte. (Ich verlinke aus Leistungsschutzrecht-Gründen nicht zu irgendeiner Pressequelle, daher Kurzfassung: Justizministerin Leutheuser-Schnarrenberger will in alle möglichen Gesetzestexten – außer Adoptions- und Steuerrecht – neben Ehegatten auch „und Lebenspartner“ stehen haben. Opposition sieht das als Minimallösung. CDU blockiert möglicherweise das Vorhaben.) Andererseits führte ich gerade eine kurze, für mich sehr schockierende Diskussion mit meiner Mutter, die der Meinung ist, es dürfe Ehe nur zwischen Mann und Frau geben, weil nur da ein Kind gezeugt werden könne.
Meine Mutter argumentierte dann auch damit, dass zwei Frauen kein Kind bekommen könnten. Zumindest für Frauen müsste es aber – langfristig – möglich sein, durch künstliche Befruchtung ein Kind zu zeugen. Ob dies auch für Männer mit ihrem „verkrüppelten“ Y-Chromosom gilt, kann ich leider nicht sagen (Biologie ist nicht ganz mein Fach). Aber auch hier müsste gelten: Wir dürfen nicht aus einem Grund etwas verbieten, was wir an anderer Stelle mit gleicher Begründung nicht verbieten (sonst dürften auch Frau-Mann-Paare keine künstliche Befruchtung nutzen).
Dieser Logik des „nur verheiraten wenn Kinder möglich“ folgend dürfen Ehen nur zwischen Zeugungsfähigen geschlossen werden und das Ziel – das in die Welt setzen von kleinen Menschen – müsste als einziges, zentrales Ziel dieser Gemeinschaft festgesetzt werden. Wenn sich eine Zeugungsunfähigkeit erst später herausstellt, dann müsste das die Zwangsscheidung nach sich ziehen.
Dabei ist Ehe etwas (wenn auch nicht völlig) anderes.
Das Wort Ehe kommt vom althochdeutschen ēwa („Sitte, Recht, Gesetz“, aber auch eng verwand mit Ewigkeit). Würden wir die Ehe also als einen ewigen Bund, eine Sitte zusammen zu sein sehen würden – wie es uns die Sprachgeschichte nahelegt -, dann wäre die eingetragene Lebenspartnerschaft im Moment die bessere „Ehe“ (vgl. Scheidungsquote Ehe mit Auflösungsquote eingetragene Lebenspartnerschaft in Berlin (Bundesweite Zahlen existieren nicht). Einer Quote von 30 bis 45 Prozent stehen 5,4 % gegenüber.)
Das alles ist natürlich eine Milchmädchenrechnung und jeder Versuch, eine bestehende Rechtsauffassung – egal auf wie unlogischen und teilweise menschenverachtenden Prinzipien sie beruhen mag – ist nur sehr schwer zu ändern. Immer noch gibt es in unserem Land eine (hoffentlich nur gefühlte) Mehrheit, die sich gegen Gleichberechtigung und -stellung aller hier lebenden Menschen wehrt.
Andererseits, wer soll sich noch wundern, dass im Deutschland der Kristina Schröders, der Entscheidungen gegen das eigenen Grundsatzprogramme und der sexistischen Kinder-Schoko-Eiern denen keine Ehe erlaubt ist, die dafür seit Jahrzehnten kämpfen, und zu einem Teil bessere Eltern sein können, als es zu einem Teil heterosexuelle Paare sind.
Bei der Gelegenheit: Liebe Presse, „Homo-Ehe“ ist der wahrscheinlich beleidigendste Begriff überhaupt, denn er unterstellt, es gäbe eine „Homo-Ehe“ und eine „richtige Ehe“. Richtiger wäre es, würdet ihr zukünftig auch von „Hetero-Ehe“ schreiben. Da dies nicht praktiziert wird, sehe ich eure Verwendung des Schmähbegriffs „Homo-Ehe“ als Angriff auf unsere auf Menschenrechten und Gleichberechtigung fußenden Grundordnung. Andererseits erwarte ich gar nicht mehr von euch, dass ihr euch an eure eigenen Grundsätze haltet. Zu sehr bin ich enttäuscht.
Ich weiß wirklich nicht, was ich schlimmer finde. Diese Diskussion an sich, oder dass wir diese im Jahr 2012 immer noch in unserer Demokratie führen müssen. Ich kann mir gar nicht so viel Essen leisten, wie ich gerade erbrechen möchte.

Gekommen um zu Lachen

Malmö
Das politische Kabarett ist – zumindest in Deutschland – eine sehr komplizierte Sache. Nicht, weil man irgendwo neue Themen bräuchte oder tagesaktuell irgendwas erzählen müsste – Volker Pispers beispielsweise tourt seit gefühlt 20 Jahren mit dem gleichen Programm -, sondern weil es so ein schmaler Grad ist zwischen der Entfremdung von einem Thema durchs Lachen und dem eigentlichen Erzählen von Wahrheiten. Deutsche Kabarettisten tun sich teilweise recht leicht damit – sofern man derlei Hirnsülze wie die Mario Barths dem Kabarett unterschieben möchte -, teilweise haben diese (insbesondere wenn tatsächlich motiviert) aber auch massive Probleme mit diesem schmalen Gebirgspfad.
Wenn Pispers oder Georg Schramm in ihren großen Programmen gegen Ende etwas über die politischen Lager erzählen oder wie wenig Wahlen ändern oder vorrechnen, wie es in unserem Land aktuell aussieht, dann wird der Saal ganz ruhig. Vereinzelt hört man Husten. Bedächtiges, respektvolles Husten. Hier steht jemand, auf einer Bühne, und sagt, wie alle im Zuschauerraum wissen, dass es ist. Und niemand steht auf und ändert etwas daran.
Kabarett ist zugleich Heizkessel und Holzlöffel auf dem niemals überkochenden Revolutionswassertopf.

Leider hatte ich bisher noch nie die Gelegenheit einem Kabarett live beizuwohnen. Ich stelle es mir auch eher wie eine Veranstaltung für gebildete Menschen vor, die tief in sich drin fühlen, dass sie etwas ändern müssen, und dieses Gefühl dann mit den teuren Getränken (Wein) im Kabarett herunterspülen. Es muss unglaublich befreiend sein, diese Worte zu hören. So, wie es für die Menschen, die 1918 auf dem Platz vorm Reichstag Scheidemann lauschten, ein aufbrausenden Republik-Gefühl gewesen sein muss – obwohl diese Leute ja praktisch nix damit zu tun hatten. Ist Kabarett also nichts anderes als Revolutions-Pornografie? Etwas, worauf sich der Möchtegern-Weltveränderer einen runterholen kann, damit er keinen Druck mehr hat, endlich das System flach zu legen?
Dieses unfassbare Schweigen, dem Schweigen eines Gottesdienstes oder einer – herausragenden! – wissenschaftlichen Vorlesung gleich, will mir einfach nicht aus dem Kopf. Warum, verdammt, verändern wir nichts? Und ist ein solcher Eintrag nicht letztlich auch erotische Literatur eines Eunuchen? Darüber zu schreiben, was sein soll und was man will, aber es letztlich nicht zu tun / es nicht tun zu können?
Stellen Sie sich vor, alle, die wirklich unzufrieden sind, gehen demonstrieren. Stellen Sie sich vor, 1 Millionen Menschen protestieren rund um die Uhr vor dem Kanzleramt. (Wie Pispers es vorschlägt) Stellen Sie sich vor, alle Studenten, alle Arbeitslosengeld-II-Empfänger, alle Aufstocker und Niedriglöhner (oder auch nur jeder 100ste) treten in Hungerstreik? Stellen Sie sich vor, wir bestehen auf die bessere Welt.
Ab sofort ist die bessere Welt auch alternativlos. Und dann? Dann werden Sie und ich und alle, die auch nur leiseste Zustimmung geäußert haben als Kriminelle behandelt. Wir bekommen Gebühren aufgedrückt, uns wird vorgeworfen, wir würden Hausfriedensbruch begehen in einem Gebäude, welches nicht genutzt wird und das wir besetzen und sanieren. Stellen Sie sich vor, wir geben nicht nach. Wir würden verunglimpft werden, Nazibanden würden – mit Deckung des Verfassungsschutzes – auf uns Jagt machen. Man würde über uns lachen und uns danach… aufzukaufen versuchen. Gäben wir nach?
Insgeheim wollen wir die bessere Welt. Aber offen lachen wir nur darüber, wenn die lieben Kabarettisten uns auffordern, etwas zu ändern. Ist ja… alternativlos. Wir spielen die Weltverbesserungs-Eunuchen: Wir wissen wie mans macht, tuns dann aber nicht.