Das gefühlvolle Lied

Der richtige Soundtrack macht aus einem sehr guten Film ein Meisterwerk und aus der Masse der „okay-ish“ gute Filme.
Neulich sah ich – weil Sonntag war und Sonntag nichts ist – zwei okayne Filme, die durch ihren Soundtrack gerettet wurden (und das letzte Filmdrittel), und einen, dessen Soundtrack das trotz guter Story und sympatischen Hauptcharaktere nicht schaffte. Fangen wir mit dem an.

Nick and Norah’s Infinite Playlist


Zwei, die offenbar gut zusammen passen würden, treffen sich recht zufällig bei einer Party und innerhalb einer Nacht werden eine große Zahl Teenie-Film-Klischees abgearbeitet: Die (Klischee) schwulen Sidekicks, die eifersüchtige Ex-Freundin, der verzweifelte Michael Cera, das fassettenreiche New York. An sich eine wunderschöne Geschichte und „Nick and Norah“ hätten eins der Film-Pärchen werden können, bei denen uns das Herz aufgeht. Aber es fehlt an zündender Musik, es gibt viele kleine Mängel und alles wirkt zu vollgestopft und übertrieben. Man flirtet zu sehr mit der aktuellen Jugendkultur und … die Zündflamme ist da, nur die Musik fehlt. Verdammt, ein Film mit dem Titel „Infinite Playlist“ und Musik ist so… nebensächlich. Grr! Anders verhält es sich bei…

The Art of Getting By

Jajaja, Klischeefilm. Danke. Freddie Highmore – kennt man vermutlich aus Charlie und die Schokoladenfabrik – spielt einen intelligenten Faulenzer, der sich mit einem Mädel anfreundet (Emma Roberts), die absolut nicht in seiner Liga spielt. Was anfängt als klassisches „Zwei finden sich“-Geschnulze macht einen netten Umweg ins „Ich verarsch dich nur“-Land, um dann doch wieder als Schnulze zu enden. An sich ein bestenfalls okayener Film, wenn meine geschundenen Ohren nicht „Here“ von Pavement hören dürften.
So wie „Where is my mind?“ von den Pixies den – finde ich nach dem fünften Sehen – etwas langatmigen Fight Club hervorragend abschließt, so rettet auch das gut gesetzte und bildsprachlich aufgenommene Lied einen Okayenen Film hin ins Töpfchen („Die guten ins Töpfchen, die schlechten…“). Deshalb verehre ich auch die Rocky Horror Picture Show. Sehr gelungene Musikstücke in Bild gesetzt und… ein ereignisreiches Ende.
Den Wert des letzten Filmdrittels schätzt ja auch Adaption. von Charlie Kaufman und Spike Jones. Darin geht es irgendwie um Schreibblockaden und wie man einen guten Film macht und das Leben von verschiedenen Personen. Und darin heißt es: Das letzte Drittel entscheidet. Das ist das, woran sich die Leute erinnern. Das muss gut sein.
Dieses letzte Drittel meistert mein letzter Film vergangenen Sonntag…

It’s Kind of a Funny Story

Der dritte im Bunde ist ein Film über einen Aufenthalt in der Psychiatrie. Dank einer sehr gelungenen Musikeinlage – „Under Pressure“ von Queen und David Bowie – und dank dem großartigen Zach Galifianakis in einer ernstzunehmenden Rolle – ja, wirklich! – ein guter Film. Natürlich kommt ein Film über einen Psychiatrie-Aufenthalt nicht ohne obligatorisches „Where is my mind?“-Cover aus. In dem Fall von dem bezaubernden französischen Pianisten Maxence Cyrin. Natürlich gibt es eine Liebesgeschichte mit Problemchen (aber angenehm gerafft und ohne zu großen Schmalz) und den üblichen Coming-Of-Age-Quatsch. Dennoch, eben vor allem wegen der Musik, ein guter Film.
Deshalb funktionieren – für mich – auch viele Komödien. Eine gut geschnittene Szene mit angenehmer Musik rettet oft einen ganzen Film. Ein gutes Ende – wie das flotte, aufgeweckte Ende von The Five-Year Engagement (ja, ich schau manchmal ganz gerne Filme mit Jason Segel.) – rettet oft den ganzen Film. Wenn uns die Musik im Herz berührt und die Bilder das unterstützen, wird es fast egal, wie mies der Film drum herum ist. Eine Szene verändert den ganzen Film.
Stellen Sie sich nur vor, dass Harry Potter am Ende der Filmreihe unter der Treppe aufwacht. Bäm! Alles anders. Stellen Sie sich Shining mit einem Tanzpolka im Soundtrack vor. Oder Star Wars ohne Orchester.
Eine gute Szene, ein gutes Musiksück, ändert alles.

Ich ziehe den Bildschirm vor.

Aber letztendlich fressen sie dich auf, indem du all die Zeit, all dein soziales Vermögen und deine Kreativität hineinstopfst und das nur, um ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen und Selbstdarstellung zu betreiben. (Helga Pataki)

Schwarz spiegelt er das Nichts der eigenen Existenz wieder. Ein kleines, vermeintliches totes Objekt in unserer Hosentasche, das all abendlich vom Stromnetz gefüttert werden will, mittels Apps neue Fähigkeiten lernt und alle Kommunikationsmöglichkeiten der Welt bietet – und dabei trotz allem tot bleibt. Eine kleine Taste erweckt es zum Leben, doch das schwarze Bildschirmwesen aus unserer Hosentasche lebt nicht. Lebt nicht wie du oder ich. Es ist ein Zombie. Untot. Und jetzt gerade, jetzt frisst es dein Herz.
Ich will nicht zählen, wie oft ich mit Menschen zusammen saß und diese ihr Smartphone zückten. Wie sie dann da saßen, verwesend, verwachsend mit dem Sofa, und ihre leeren Augen vom Kleinbildschirm gefressen wurden. Der Ablenkungsfähigkeit des Bildschirms nicht gewachsen, zückt man dann selbst das Smartphone. Wie oft saß ich schon mit Menschen zusammen und besaß selbst die Unhöflichkeit, meine Seele dem Hosentaschen-Zombie zu widmen, anstatt den tatsächlich lebenden, denkenden, fühlenden Menschen in meiner Umgebung.
Wir sind so sehr vom Bildschirm gefangen, dass wir nicht wissen, was wir tun sollen, wenn er streikt. (Wenn ich „wir“ schreibe, meinen wir eigentlich „ich“.) Ein leerer Akku fühlt sich an wie der Tod des Erstgeborenen. Ein kaputter Akku ist gar ein kleiner Weltuntergang. Wir können nicht mehr ohne. Und wir verlernen dabei, wie die Wirklichkeit ist. Wie es ist, wenn man zur Schlafenszeit nicht vom Computer zum Smartphone wechselt.
Wir missachten uns gegenseitig. Weil die Bildschirme wichtiger sind als die Menschen. Und das geht nicht nur jungen Eltern so. Wir alle hängen nur noch am Mobiltelefon, spielen Angry Birds, twittern, facebooken, instagrammen… Tatsächlich schlafe ich manchmal so. Und ich werde jetzt nicht weiter nach dem Comic suchen, der einen müden Menschen am Computer zeigt, der zu Bett geht um mit seinem Smartphone zu spielen. Niemand sucht eine Lösung. Niemand will den Vögeln helfen, sich mit den Schweinen zu versöhnen. Jede Bildschirmminute ist ein Kamikaze-Einsatz für unser Hirn.
Es ist ja schon schlimm genug, dass ich hier alleine vor dem Computerbildschirm sitze, einen Eintrag zu ende schreibe, welchen ich im Dezember 2012 angefangen hatte, und mich vor meinem Vermieter verstecke, um nicht zugeben zu müssen, dass ich auch außerhalb dieser Zeilen, die durch das Internet schwirren, existiere.
Auf den Schultern von Riesen
Wir sollten alle Katzen werden. Ja, genau. Ich würde meinen kompletten Körper der Organspende übereignen, meinen weltlichen Besitz verkaufen, wenn man meinen Geist in eine Katze verpflanzen könnte. Ich wäre auch damit zufrieden, nicht alt zu werden und all das. Ich wöllte nur eine Schachtel, in die ich mich kuscheln kann, und in die sich andere Katzen zu mir kuscheln, und ich wöllte jemand in meinem Leben, der mich vor Außerirdischen beschützt. In Wirklichkeit wäre ich lieber eine Katze. Weil diese den Kampf gegen die Bildschirme noch nicht verloren aufgegeben haben.
Aber da haben sich die Zeiten ja auch geändert.

Here comes the bus.


2010 erschien Quentin Dupieux‘ Rubber, ein Lobgesang auf die Willkürlichkeit des Kinos, ein Film, in dem ein Gummireifen umher rollt und Menschen mit seinen Kräften tötet. Ein verwirrender Film, dem seine Möchtegern-Tiefsinnigkeit aus allen Bildern tropft und zu recht als „episch schlecht“ bei Amazon bezeichnet wird.
Die Willkür mancher Ereignisse – z.B. Warum schreibe ich jetzt diesen Blogeintrag? – wird tatsächlich viel zu wenig gewürdigt. Aus diesem Grund liebe ich Supercuts und das Internet. Ersteres sind Zusammenschnitte ähnlicher Szenen meist aus Filmen. Zweiteres wahrscheinlich der Grund, warum wir uns irgendwann gegenseitig ausrotten werden. (Yeah!)
Einer der Großmeister des Supercuts – Harry Hanrahan – schnitt Anfang vergangenen Monats eine Vielzahl von Filmszenen aneinander, in denen Menschen überraschend von (überwiegend) einem Bus überfahren werden. Hit by a bus* versammelt eine Großzahl großartiger vom-Bus-angefahren-werden-Szenen, darunter das bezaubernde Finale der Geschichte aus Stranger than Fiction und natürlich Edith Keelers Tod in der Star-Trek-Folge City on the Edge of Forever. Was sagt uns dieser kleine Film? (Nach dem Klick)
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