I'm so happy 'cause today I found my friends, they're in my head.

Es ist sicherlich schon lange her, dass ich das erste mal „Lithium“ hörte. Last.fm reicht nicht bis in diese Zeit zurück und meine Erinnerungen sind nur noch ungenau. Im Winter trug ich einen Mantel mit vielen Taschen und einen CD-Spieler mit mir herum, dazu immer ein paar Scheiben, worunter auch dieses schreckliche Nirvana-Bestof war aus 2002, dass ich rauf und runter hörte und das meinen Musikgeschmack nachhaltig beeinflusste. Darauf habe ich Lithium vermutlich das erste mal gehört. Es beginnt so unscheinbar, mit ein bisschen Gitarrenklängen, Dave’s Schlagzeug setzt ein, dann singt Kurt „I’m so happy ‚cause today I found my friends, they’re in my head.“ (etwa: „Ich bin so glücklich weil ich heute meine Freunde fand, sie sind in meinem Kopf“) und ich gewann den Eindruck, dass es um jemanden geht, der verrückt ist. Heute – ungefähr 10 Jahre später – denke ich anders darüber.
Irgendwie schwirrt der Begriff „Hermeneutik“ durch meinen Kopf. Dass man, um einen Text zu verstehen, nicht diesen Verstehen suchen sollte, sondern sich versuchen sollte zu verstehen vor dem Text. Man könne auch das Ganze durch seine Teile und umgekehrt verstehen. Wenn ich aus der Anfangszeile von „Lithium“ heute etwas anderes lese, dann, weil ich anders bin. Natürlich geht es in dieser kleinen Anfangszeile um etwas völlig anderes. Wikipedia beispielsweise suggeriert, es ginge in dem Text um das Verhalten von Menschen mit manischen Psychosen – was durchaus stimmen mag -, aber ich bevorzuge im Moment eine andere Assoziation. Folgende:
Freundschaft existiert objektiv nicht. Sie ist etwas, was in unserem Kopf stattfindet. Freunde zu haben bedeutet demnach zu glauben, dass man Freunde hat.
Lassen Sie mich das kurz ausführen: Unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle und Handlungen haben einen Zentralen Ort, welcher das Ziel und der Ursprung all unseres „Selbst“ ist: Unser Gehirn. Gefühle, Gedanken und all das sind – nüchtern betrachtet – unterschiedliche elektrische Ladungen. (So zumindest das, was ich noch vom Biologieunterricht zu wissen glaube.) Erinnerungen und das Wissen um den Status einer Person gegenüber uns sind demnach auch nur etwas, was in uns existiert und nicht außerhalb in unserer Umwelt. Zwar gibt es Einfluss von Außen – jede Menge sogar -, wie wir dies interpretieren liegt aber wieder an uns selbst, an unseren Erfahrungen, unserem Wissen, unserer Stimmung. Ob etwas objektiv existiert können wir maximal erahnen.
Wenn nun aber jeder Kontakt mit „Außen“ von unserem „Innen“ bestimmt und interpretiert wird und das „Außen“ praktisch gänzlich von „Innen“ heraus konstruiert wird, dann existiert „Außen“ für uns nur in Grundzügen. Diese Grundzüge können beispielsweise umfassen, dass ein anderes Individuum existiert, mit dem wir Kontakt haben. Ist dieser Kontakt freundschaftlich? Verbringen wir viel Zeit miteinander? Was ist die Motivation hinter diesem Kontakt? Ist der Kontakt positiv? All diese und unzählige weitere Fragen werden nicht durch ein objektives Außen bestimmt, sondern aus uns selbst heraus. Diese Fragen aber bestimmen, ob jemand als „Freund“, „Bekannter“ oder – sagen wir – „Geschäftspartner“ angesehen wird.


Freundschaft ist demnach etwas von uns selbst konstruiertes, was nur deshalb weiter existiert, weil das Gegenüber entweder eine ähnliche Freundschaftsbindung in seinem Geist ersonnen hat oder unsere konstruierte „Freundschaft“ nicht zerstören will oder kann. Auf diese Art lässt sich Stalking ebenso erklären wie das immer wieder auftretende plötzliche Zerbrechen von scheinbar intakten Freundschaften. Zwei Personen haben einfach nicht (mehr) das selbe Weltbild konstruiert.
Ist das schlecht? Im Gegenteil: Das Eingeständnis, dass objektiv keine Freundschaft existieren kann, sondern nur zwei Menschen die gleichen Vorstellungen und Verknüpfungen sich erdacht haben, entbindet von der Notwendigkeit Freundschaften „zu beweisen“. Auch entbindet sie von dem Zwang, präsent zu sein. Solang beide Personen an die Freundschaft glauben ist es auch problemlos möglich, mehrere Wochen oder Tage keinen aktiven Kontakt zu pflegen. Wobei dazu gesagt werden muss, dass mit steigendem Abstand der Kontakte auch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die beiden Freundschaftseinbildungen in den Individuen sich „auseinanderleben“.
Auf einen Hacken Haken sollte ich Sie noch hinweisen, bevor Sie nun fröhlich „Ich hab meine Freunde in meinem Kopf gefunden“ singend davon hüpfen: Das Freundschaft objektiv nicht existiert bedeutet nicht, dass Sie ihre Mitmenschen einfach vergessen können. Im Gegenteil sollten Sie versuchen echte Freundschaften mit echten Menschen aufzubauen, weil letztendlich nur die ‚Illusionen‘ etwas bedeuten, die viele Menschen bewegen.