Und so, liebe Kinder, werden Superbösewichte geboren.

Eines der Etappenziele der Figuren aus How I Met Your Mother ist es, mit einem Schild verewigt zu werden. Ich habe dieses Ziel seinerzeit schon in der Schule erreicht, in der ich mein Abitur nachholte. Diese war Jahrzehnte lang nur für Mädchen geöffnet und bot nun seit geradeeinmal zwei (drei?) Jahren ein Wirtschaftsgymnasium an, welches auch für Jungen geöffnet war.
Im eigens umgebauten Stockwerk gab es eine Damen- und eine Herrentoilette. Als unser Klassenraum aber in das alte Gebäude verlegt wurde fand ich mich in der misslichen Lage wieder, die dortige aufsuchen zu müssen. Diese war lediglich mit „Toilette“ gekennzeichnet und es gab überhaupt keinen Hinweis auf eine Geschlechtertrennung, einem Hinterfragen der Besucher. Die Toilette war einfach nur eine Toilette. Ich ging also – weil ich musste und die Pause unmöglich reichte, um auf die als Herrentoilette gekennzeichneten Örtlichkeiten zu gehen – dort rein, wurde weder angesprochen noch sonst irgendwas und ging danach wieder. Draußen sprach man mich dann aber doch an: Was mir einfalle dort reinzugehen. Ich antworte, dies sei als „Toilette“ gekennzeichnet und nichts weiter. Keine Woche danach wurde das Schild ausgetauscht und in Laufnähe eine Lehrertoilette zur Herrentoilette umdeklariert.
Ich bekam also schon mein Schild.
Von daher ist es völlig unnötig, mich nun darüber aufzuregen, welches bezaubernd ankotzende Gespräch ich heute mit einem wissenschaftlichen Mitarbeiter hatte, der mir recht genervt erklärte, er habe zwar einen Schlüssel für die Toiletten hier, aber mir nicht aufschließen würde. Ich sei ja nicht gehbehindert und könne auch die anderen Örtlichkeiten im Stockwerk nutzen. Ahja. Ich fragte so freundlich ich klingen kann, wo diese denn seien und bekam als Antwort, ob ich Erstsemester sei und dass ich das nunmal rausfinden solle.
Offenbar bin ich der einzige Mensch dieses Planeten, der davon ausgeht, dass eine Toilette, die als öffentlich gekennzeichnet ist (und an der nicht angeschrieben ist, sie sei nur für Mitarbeiter, Leute mit Schlüssel oder dergleichen), benutzt werden darf. Offenbar darf man – auch bei den Juristen (!) – bei Toilettenfragen immer noch nicht aufs geschriebene Wort vertrauen.
Ich hätte das alles übrigens nicht so lange in meinem Kopf herum gesponnen, wenn ich die Antworten nicht als so unfreundlich empfunden hätte. (Jaja, unten treten, oben buckeln.) Ein „Das ist eine Mitarbeitertoilette“ und „Gehen sie hier den Gang entlang, links und dann grade aus“ hätte keinerlei Mehraufwand für diese mit Sicherheit ansonsten sehr nette Person bedeutet, aber… offenbar haben wir Menschen immer noch eine Abneigung dagegen, nett zueinander zu sein.
Und jetzt überlegte ich den ganzen Nachhauseweg lang, ob Menschen grundsätzlich freundlich sind und man unfreundlich gemacht wird, oder ob der Mangel in der Erziehung und Eingliederung in die Gesellschaft liegt, und manche Menschen an Universitäten und anderswo einfach nicht begleitet wurden auf dem Weg vom Arschloch zum Menschen. (Wie gesagt: Dem wissenschaftlichen Mitarbeiter, mit dem ich sprach, ist nichts vorzuwerfen. Er war nur Ausgang für einen viel allgemeineren Gedankengang.)

Als ich vor ein paar Wochen den Putzschrank säuberte hielt man mich für fiebrig. Heute kochte es wieder in mir.

Ich bin wütend und mies gelaunt. Dieser Eintrag dient lediglich dem Frustabbau.
Heute habe ich geputzt. Geputzt, wie als würde mein Leben davon abhängen. Ich drehte die Musik in den Kopfhörern auf, schnappte mir einen Eimer heißes Wasser und putze mein Elternhaus. Warum ich das tat? Mir war danach. Als das Wasser im Eimer so dreckig war und zumindest in einem Stockwerk die Böden halbwegs sauber (tatsächlich sauber wird man diese Böden mit all ihren Rissen und Unebenheiten nie hinbekommen), schnappte ich mir einen Staubsauger und saugte. Treppe für Treppe, Flur für Flur, Wohnzimmer, Küche (die Brotkrümel!), das Esszimmer, welches wir hauptsächlich als Lagerraum nutzen, das Schlafzimmer der Eltern und schließlich sogar den Balkon, auf dem unsere Wäsche über ganzen Dünen aus Staub hängt. Im Esszimmer saugte ich beim Versuch, die Krümmel vom Teppich zu entfernen, der halben Teppich mit.
Warum tat ich das? Warum verspürte ich eine so brennende, starke Wut, dass ich für einen kurzen Moment umkippte, als ich mich einen kurzen Moment nicht wie im Wahn mit Putzutensilien um den Dreck prügelte?
Möglicherweise dient das Reinigen des Hauses mir als eine Art Flucht. Ich bin unzufrieden damit, dass es offenbar niemand stört, dass im Schlafzimmer der Eltern an den Wänden (möglicherweise) Schimmel wächst (ist allerdings noch kein wirkliches Problem). Mich macht es fertig, wenn mir die selbe Person Haushaltstipps gibt, die ihr Geschirr manchmal Wochenlang nicht abräumt. Kritik wird sofort als persönlicher Angriff gewertet und abgeblockt. Ich mag diese Situation nicht.
Ich mag die Tapete an meinen Wänden nicht mehr und es deprimiert mich, sie sehen zu müssen. Vor allen Dingen bin ich aber wütend auf mich selbst. Wütend, dass ich mich um kein besseres Leben gekümmert habe. Wütend, dass ich es nicht geschafft habe – oder schaffen werde – für meine Familie ein besseres Leben zu schaffen. Wütend, dass ich so feige bin nun einfach auszuziehen.
All diese Wut habe ich darin verschwendet, das Haus zu putzen. Und als meine Eltern wiederkamen, da entschuldigte ich mich, dass ich gerade putze. Ich entschuldigte mich so oft und ausgiebig, dass sie offensichtlich nicht wussten, was sie sagen sollten. Mich zu strafen weil ich mich entschuldige für mein Verhalten kommt nicht in Frage, weil mein Verhalten positiv zu bewerten wäre. Trotzdem nervt es sie. Und ich fühle mich schlecht, weil ich eine Veränderung in meinem Elternhaus will. Eine radikale Veränderung.
Später am Abend beschimpfte ich meinen Bruder, sagte es wäre Menschen nicht würdig in einem solchen Loch zu leben. Ich beschimpfte ihn so sehr, beleidigte mich selbst, meine Eltern und alles und jeden, der mir über den Weg lief derart, dass ich nun… mich völlig leer fühle.
Leer und deplatziert.

"Das Alternativlos ist auch 'ne Niete."

[Bildhoster down.]
Bild von Corey Matsumoto unter GNU-Lizenz, hochgeladen bei ImageShack.us
In den Geschichten meiner Kindheit stand die Welt manchmal am Abgrund. Häuser brannten, Menschen litten, alles wirkte hilf- und hoffnungslos. Fünf vor Zwölf. Aber eine Comicseite weiter kam ein Held und rettete. Eine Sendeminute später schlossen sich Menschen zusammen und schafften das Unmögliche: Eine bessere Welt. Ein paar Seiten weiter hieß es „Und wenn sie nicht gestorben sind…“. Ich bin mit dieser Sicherheit aufgewachsen. Alles wird gut. Es geht immer weiter.
Irgendwann wurde ich größer, beschäftigte mich mit Politik, mit Nachrichte, Medien, Kultur. Heute habe ich diese Gewissheit nicht mehr, dass die Welt nicht untergeht. Vielleicht beschäftige ich mich deshalb mit Religion (keine Angst, nur ein Nebengedanke, der Eintrag geht gleich weiter), weil ich meine Hoffnung auf etwas Außerweltliches verlagern musste, meine Hoffnung also weg vom Weiterbestehen unserer Welt hin zur Ewigkeit des Seins überhaupt.
Ich glaube, es geht nicht nur mir so. Irgendwie haben wir das Vertrauen verloren, dass doch noch alles gut werden kann. Alles scheint „Alternativlos“, sinnlos, ziellos. Wozu einen Beruf erlernen, wozu zum Mond fliegen, wenn doch jetzt gerade diese oder jene Bank pleite geht.

Wir sind genug damit beschäftigt den Status quo für wenigstens einen Teil der Bevölkerung aufrechtzuerhalten – und nicht mal das gelingt uns. In Spanien haben wir eine Arbeitslosenquoten um die 25 Prozent (Jugendarbeitslosigkeit ist noch wesentlich höher), Griechenland kommt langsam an die 22 Prozent heran und in Deutschland ist immerhin jeder 20ste Arbeitslos gemeldet (real haben deutlich mehr keine Anstellung). Dazu kommen immer weniger Festanstellungen, eine halb zerstörte Natur (ich laufe mindestens 30 Minuten, um sowas ähnliches wie eine Wiese sehen zu können. Freie Natur… kenne ich überhaupt nicht mehr.) und ein Konsum- und Gesellschaftssystem, das so ineinander verflochten ist und derart Fehleranfällig, dass man es alle paar Jahre mit irgendwelchen Rettungsaktionen „wiederbeleben“ muss.
Wir laufen immer wieder gegen die gleiche Wand, und anstatt den Weg zu ändern, anstatt das Ziel neu zu justieren kleben wir einfach Pflaster über unsere blutenden Wunden. Lange halten wir das nicht mehr aus.
Was tun wir, um unsere Situation zu ändern? Nichts. Ich fühle den Drang, etwas zu verändern, bin gleichzeitig aber so taub und frustriert, dass jede Kampfparole, jeder Protest und jeder Gedanke nur ein Gähnen bewirkt. Was soll sich den ändern? Mir fehlt der Mut, etwas zu ändern. Ich habe meine Hoffnung verloren. Ich werde nicht mehr sehen, wie die Welt gerettet wird.
Ich umgebe mich mit Kultur, schaue Filme welche meine Weltrettungsfrustration illustrieren und schreibe deprimierende Blogeinträge. Ich kuschele mich in eine Bettdecke aus Tumblr-Bildchen und Bildblog-Einträgen, die immer wieder sagen, wie schlecht die Welt doch ist, in der wir leben. Wie verkommen unsere Gesellschaft ist, wie dumm die Jugend und wie vegetierend die Alten.
Ich höre Kate Nash und versuche zwanghaft ein „Notizbuch der Liebe“ mit Diagrammen und Tanzanleitungen zu füllen. Ich schaue Idiocracy und glaube daran, dass die Welt nicht gerettet werden kann (auch wenn es natürlich Unsinn ist, dass die Menschheit immer dümmer wird durch Selektion. Statt dessen empfinden – auch die Intellektuellen – Lügen, Verdrehung und Klatsch über den Umweg der Ironie als etwas Gutes.. Das heutige sechzigjährige „Jubiläum“ der Bild-Zeitung wäre eigentlich ein Grund sich aufzuhängen, würde ich nicht wissen, dass diese Leute mit meinem Selbstmord noch Auflage machen würden.).
In meiner Kindheit haben mutige Helden wie Welt zu einem besseren Ort gemacht. In meiner Kindheit haben wir die Welt gerettet. Gemeinsam. Heute töten in Super mit Rainn Wilson und Ellen Page selbsternannte „Superhelden“ mit Schusswaffen alles, was sie als „unmoralisch“ ansehen. In eine ähnliche Schiene fällt God bless America von Bobcat Goldthwait. Ein Duo tötet unfreundlichen Menschen und verkommenen Kreaturen, ist dabei aber nicht weniger verkommen. Besonders interessant ist dabei die Schlussszene, in der sich offenbart, dass es Menschen gibt, die sich gerne von der Öffentlichkeit demütigen lassen. Von Dokumentationen wie The Age of Stupid muss ich gar nicht erst anfangen. Kulturpessimisten werden an diesen Filmen sicherlich ihre Freude haben.
Ich nicht mehr. Ich will wieder eine Hoffnung, wieder einen Strohhalm an den ich mich klammern kann. Ich will mich nicht ins Private flüchten müssen und einen neuen Biedermeier beginnen. Ich will nicht, dass ich mich vor lauter Hoffnungslosigkeit in religiösen Spinnereien verliere. Ich will nicht mehr jeden Tag in den Nachrichten sehen müssen, dass alles immer noch schlimmer wird. Das ist schon seit über 30 Jahren so. Ich will nicht jeden Tag Alkohol in mich hinein schütten, damit ich nicht mehr spüre, wie alles kaputt geht und niemand etwas tut, weil niemand weiß, was zu tun ist.
Es stört mich nicht, dass meine Zukunft so unsicher ist. Es stört mich nicht, dass ich nicht weiß, was ich machen will und wie das funktionieren soll. Es stört mich nicht einmal, dass ich so frustriert bin. Ich wäre nur gerne wieder Hoffnungsvoll frustriert.
Ich schließe mit den Worten Patrick Batemans (die auch schon gut 20 Jahre alt sind):
My pain is constant and sharp and I do not hope for a better world for anyone, in fact I want my pain to be inflicted on others. I want no one to escape, but even after admitting this there is no catharsis, my punishment continues to elude me and I gain no deeper knowledge of myself; no new knowledge can be extracted from my telling. This confession has meant nothing.