Titta, en katt!

Bild 894
(Symbolbild)
Die Gartenstraße in Tübingen ist eine Katzenhalter-Gegend. Junge Familien, Studenten, alle lieben sie flauschige Katzen. So kommt es, dass ich immer wieder auf dem Heimweg außergewöhnlich hübsche Katzen entdecke. Sie stolzieren, betrachten mich aufmerksam, und ich betrachte zurück.
Als Kind hatte ich immer versucht, Katzen zu streicheln. Manchmal kratzen sie mich, manchmal verschwanden sie nur, und manchmal schnurrten sie. Dann kam das Internet. Das Internet mit seinem Katzenfetisch (anders kann man es nicht mehr nennen) hat eine zentrale Veränderung in mein Leben gebracht: Ich schaue Katzen nur noch an.
Das Katzen ein Fell haben, dass sie manchmal gestreichelt werden wollen, ist aus meinem Leben völlig verschwunden. Ich habe mich von der Katzenbevölkerung entfremdet. Sie sind nur noch visuell, sehr selten audiovisuell für mich wahrnehmbar. Manchmal, wenn ich so in meinem Alltagstrott stehen bleibe, weil mir eine Katze begegnet, dann bemerke ich gar nicht, dass dort auch eine Halterin oder ein Halter steht. Manchmal, wenn ich dann die Menschen hinter der Katze erschrocken bemerke, unterhalten wir uns kurz. Wie die Leute in Haustierforen.
Andere Leute verstehen das nicht und ehrlich gesagt, verstehe ich mich selbst nicht. Was finde ich denn an Katzen? Warum kann ich nicht einfach weitergehen, wenn ich eine entdecke? Warum unterbreche ich das Gespräch von Freunden, um „Schau, eine Katze!“ zu rufen?
Warum fühlt es sich an, als wären sie die Bewohner dieser Welt und wir nur geduldet?

Zoologischer Garten des Jenseits, Ecke Brückenstraße

Gestern hatte sich ein kleines Flugtier in Braun in mein Zimmer geschlichen. Ich lüftete und sah plötzlich etwas um meine Lampe (Regolit, falls es jemand interessiert. Das ist der große, kugelförmige Lampenschirm von IKEA, der mich entfernt an den Mond erinnert und mir deshalb gefiel.) kreisen. Leise, fast unhörbar. Dann bemerke ich den … Falter? Die Motte? Was auch immer es war. Das Tierchen war mit einem leisen Knall gegen das Papier geflogen und ein wenig ins Straucheln geraten. Ich öffnete die Fenster weit. Schaltete das Licht aus und verließ für einige Minuten das Zimmer, in der Hoffnung, das Tier würde angezogen vom Mondlicht nach draußen fliegen.
Nun. Dem war nicht so. Die Nacht über rührte sich nichts. Überhaupt nichts. Als ich morgens aufwachte lag vor meinem Fenster – ausgerechnet vor meinem Fenster – aber ein toter Vogel. Ohne Kopf, mit prächtigem Bauchgefieder mit Punkten und zirka 15 Zentimeter groß. Ich vermute, die Katze, die hier im Haus wohnt, hat den Kopf verzehrt und mir den Rest als böswillige Nachricht hinterlassen. Vermutlich, weil ein Pferdekopf zu schwierig zu beschaffen war und meine Wohnungstüre abgeschlossen.
Jedenfalls weiß ich nicht, was ich tun soll. Den Vogel liegen lassen? Oder irgendwo begraben? Eigentlich ist längst zuviel Zeit verstrichen, als dass ich noch irgendwie angebracht handeln könnte. Ich will ihn nicht in den Mülleimer werfen – schließlich hat das dieses Lebewesen nicht verdient und ich besitze in dem Sinne noch keinen Mülleimer -, andererseits fühle ich mich auch nicht im Stande, dem Tier ein würdiges Begräbnis zu bereiten. Ich kannte es ja nicht und so wirkt es doch nur sehr verlogen.
Ich kann auch niemand darum bitten, es zu tun. Insgeheim hoffe ich, dass einer der Nachbarn – vielleicht der nette Herr mit dem Kind -, den gestorbenen Vogel beseitigen wird. Zum einen hätten diese auch die Möglichkeit, zum anderen auch den Mut, diese Tragödie in die Hand zu nehmen. Vielleicht erscheint auch mein Vermieter morgen, der als Aussenstehender in dieser Situation noch nicht in der Handlungsstarre festgesetzt ist und vielleicht eine Lösung parat hätte.
Als ich dann schlafen gehen wollte sah ich den Falter wieder. Er flog ein Stück, und setzte sich dann auf mein Federmäppchen. Vorsichtig trug ich ihn oder sie zum Fenster. In der Hoffnung, draußen in der Freiheit würde er_sie davon fliegen. Doch er_sie flog nicht. Ich schüttelte ihn_sie ab und habe nun auch seine_ihre Seele auf meinem Gewissen. So, wie auch die Spinne, die hinter dem Vorhang ihr Netz webte – ein kleines Meisterwerk -, und die ich im unachtsamen Lüften vor ein paar Wochen zerdrückte.
Kleine Katastrophen, die Lebewesen den Tod bedeuten, sind doch fast alltäglich. Und trotzdem hasse ich mich für jeden einzelnen Atemzug, den ich verhindert habe.