Preacher said…

Eine Fliege krabbelt über meine rechte Hand. Ich versuche sie mit freundlichem Winken zu vertreiben, aber scheinbar gefällt er ihr bei mir. Winzig kleine Fliegenfüße auf meiner Hand.
Meine Psychologin will nicht mehr, dass ich zu ihr komme. Sie meint, ich würde immer nur um den heißen Brei reden, aber nie auf das Auge des Orkans eingehen. Ich muss da ja nicht hin. Ich kann auch ohne leben, nicht wahr?
Kann ich nicht. Das ungute Gefühl, kein Problem zu haben, oder zumindest keines, was ich mir nicht nur einbilde, ist nicht unbedingt ein Gefühl, dass ich tagtäglich in meinem Bauch tragen möchte. Allein schon die Frage ist unangenehm. Ich muss über das reden, was mich bedrückt, sagt sie. Ich muss ihr sagen, was ist, und nicht immer nur drum herum reden.
Seien wir also, hier an dieser Stelle, ehrlich. Ich mag keine Ärzte. Sie wissen zuviel. Sie können zuviel richtig verstehen. Sie wissen, wenn du lügst, selbst, wenn du es für wahr hälst. Vielleicht halte ich mich nur für einen falschen Meter*, weil mein Maß als einziges in meiner Umgebung stimmt, und ihr alle habt nen Schaden. Will sagen: Der Normaldenkende wirkt im Irrenhaus ziemlich absonderlich.
Oh, scheinbar hat die Fliege an meiner linken Hand gefallen gefunden. Sie lässt sich darauf nieder, immer wenn ich für ein paar wenige Sekunden mit tippen aufhöre. Ich will sie eigentlich nicht verstören, aber beim Tippen ist das schon hinderlich, um ehrlich zu sein.
Ärzte sind Götter in Weiß, die mit einem Fingerwinken über Weiterleben und Tod entscheiden können, wenn sie möchten. Man ist ihnen, und ihrem Wohlwollen, gänzlich ausgeliefert. Das macht mir Angst. Manchmal.

Wo ist mein Problem? Wo das Auge des Orkan? Der Punkt, um den sich alles dreht. Das schwarze Loch. Ich glaube, man kann es nicht so direkt sehen. Viel eher erkennt man die Mitte daran, dass all die Häuser, in denen ich sitze, darum schweben, wie von bösen Engeln getragen. Wo soll man danach suchen? Wie darauf achten? Ich müsste eine Galaxie sein, dann könnte man sehen, wo mein Schwarzes Loch, mein Orkan, das Auge des Tornados, wo es steckt. Man würde auf die Verwüstungen achten, auf die Materie, die in es gezogen wird. Und, wenn ich ein falscher Meter wäre, hätte sich einfach irgendein Forscher geirrt. Ich könnte nicht falsch sein. Die Natur irrt nie. Nie?
Oft habe ich das Gefühl, dass die Leute nur einstudierte Phrasen sagen, die sie einige Minuten vorher auswendig lernten, um sie dann in gekonnter schauspierlerischer Leistung zu präsentieren. Vermutlich ist es auch so. Vermutlich bin ich nicht subparanoid (so gerne ich das Wort auch verwende), sondern einfach nur eingebildet und wirklich von Kameras und böse dreinblickenden Menschen verfolgt.
Vielleicht finde ich sein Auge nicht, weil es keinen Tornado gibt.
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*) Ich las kürzlich eine Kurzgeschichte von Philip K. Dick mit dem wunderschönen Titel „Verwirrspiel“. Es ging um eine Kolonie von Soldaten und ihren Frauen, die von einer unbekannten Macht angegriffen wurden, die niemals Verletzte zurücklies. Sie borgen das Raumschiff, mit dem sie dort gestrandet waren, und fanden heraus, dass sie wohl alle unter massiver Paranoia leiden, denn sie waren auf dem Weg zu einer Psychatrie gewesen. Zitat: „‚Wenn sämtliche Metermaße auf hundertzehn Zentimeter verlängert würden‘, fragte Fisher, ‚wie sollte das irgend jemand beweisen können. Es müßte hundert Zentimeter lang bleiben, invariabel, konstant. Wir sind ein Haufen falscher Metermaße, alle hundertzehn Zentimeter lang. Wir brauchen einen Nichtparanoiden zum Vergleich.'“ Nun wollten sie testen, ob sie es wirklich sind, oder nicht und entwarfen einen „objektiven“ Test. Am Ende tötet einer von ihnen die, die sich für diesen Test aussprachen. Er glaubte weiter, dass er von einer fremden Macht angegriffen werden würde, und rief deshalb zum Krieg gegen die Erdenbewohner auf, weil er diese dafür verantwortlich macht.