Vergleich verschiedener utopischer literarischer Werke – Warum taucht überall ein höchstes Wesen auf? (3)

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(Bildquelle: Jedipedia)
George Lucas ist ein Spielverderber, denn durch Interviews gibt er die Antworten, über die wir hier hätten spekulieren können. Die Macht in Star Wars sei Religion, nicht jedoch direkt „Gott“. Es sei mehr der Glaube an Gott, als der an eine bestimmte Religion. (Verwirrt? Ich auch.)
Star Wars und das Star-Wars-Universum sind riesig – und wachsen immer noch. Um nicht komplett den Faden zu verlieren beziehe ich mich daher nur auf „Eine neue Hoffnung“ (den ersten Star-Wars-Film (oder nach neuer Zählweise Episode IV)) sowie „Das Imperium schlägt zurück“ (Episode V). Darin lernt die Hauptfigur Luke Skywalker die Macht, als „Energiefeld“, dass „alle lebenden Wesen erzeugen“, kennen. Sie sei es, „die dem Jedi seine Stärke gibt“.
Interessant für das Gottesbild, das Star Wars vermittelt, sind vor allem die Szenen in „Imperium“, in denen Yoda Luke mit der Macht vertraut macht. Damit sie wirken kann, benötigt es Glauben, benötigt es die Ablegung bisheriger Denkkategorien („Vergessen du musst was früher du gelernt.“)…
„Das Leben erschafft sie, bringt es zur Entfaltung. Ihre Energie umgibt uns, verbindet uns mit allem. Erleuchtete Wesen sind wir, nicht diese rohe Materie. Du musst sie fühlen, die Macht, die dich umgibt: hier, zwischen dir, mir, dem Baum, dem Felsen dort, allgegenwärtig.“ – Yoda (Episode V)
Die Macht hat in diesen Filmen keine Person, sondern ist Energiefeld – der Versuch etwas göttliches mit naturwissenschaftlichem in Einklang zu bringen -, ist mit normalen Maßstäben nicht mehr begreif- oder erklärbar. Es ist daher völlig verständlich, dass Nicht-Jedis – etwa Han Solo – der Macht zunächst kritisch gegenüber stehen als „Zaubertricks“.
Die von Yoda beschriebene „Erleuchtung“ überschneidet sich mit der höchsten Stufe nach Oser/Gmünder. „Integration von göttlicher und menschlicher Autonomie“ bezeichnet nichts anderes, als die Stufe der Erkenntnis, die Jedis versuchen zu erreichen.
George Lucas beschrieb damit in Star Wars einerseits eine hohe Form von Verbundenheit mit einem nicht definierbaren, nicht als sich selbst sichtbaren „höchsten Wesen“, greift aber auch beherzt auf existierende, religiöse Motive zurück.

Vergleich verschiedener utopischer literarischer Werke – Warum taucht überall ein höchstes Wesen auf? (2)

yoda is watching youBild 41984 ist ein Roman von George Orwell in dem die Anti-Utopie eines totalitären Überwachungs- und Präventionsstaates im Jahre 1984 dargestellt wird. Protagonist der Handlung ist Winston Smith, ein einfaches Mitglied der Partei, das sich den widrigen Umständen zum Trotz seine Privatsphäre sichern will. Dadurch gerät er in Konflikt mit dem System, das ihn einer Gehirnwäsche unterzieht.
Eine der zentralen Figuren des Romans ist der „Große Bruder“, Symbol der Partei und als dieses unsterblich. Der Wahlspruch „Der Große Bruder sieht dich“ steht auf übergroßen Plakaten im ganzen Land. Vieles spricht dafür, dass diese Figur als eine Art „Gott“ fungiert: eine gläubige Anhängerschaft (die Partei), einen hohen Einfluss ohne eine anfassbare Existenz und sein Wort genießt kritiklosen Glaube. Jedoch ist der Große Bruder kein Gott im Sinne der Bibel. Er ist nicht der Freund-Gott, nicht Jahwe („Ich-bin-da“), nicht Vater, Sohn oder heiliger Geist. Der Große Bruder ist ein Negativ-Gott, der überwacht, predigt, allwissend ist und seinen Machtanspruch ohne Vorbehalt durchsetzt. Interessant ist unter dieser Betrachtung auch die Namenswahl. Statt des Vaters, Symbol für einen fürsorglichen Gott, haben wir hier den Großen Bruder, der nach dem Tod des Vaters (etwa im Krieg) diesen zu ersetzen versucht.
Denkbar ist, dass Orwell sein eigenes durch den spanischen Bürgerkrieg und den zweiten Weltkrieg geprägtes Gottesbild in die Figur einfließen hat lassen. Gott scheint in der Welt von 1984 abwesend zu sein. Die Gesellschaft scheint gottlos, ziel- und zeitlos zu sein. Der einzelne Mensch verliert seinen Wert, alles was zählt ist Macht. Interessant auch eine Textpassage: „Gott ist Macht“.
Wir sehen in 1984 damit nicht Gott, sondern eine Götzenfigur, einen Ersatzgott. Die Menschen handeln völlig fremdbestimmt (wenn der Große Bruder sagt 2 plus 2 ist 5, dann ist 2 plus 2 = fünf). Im Stufenmodel von Oser/Gmünder nimmt der Große Bruder damit die niederste Stufe ein. Er ist die einfachste Erklärung.

Vergleich verschiedener utopischer literarischer Werke – Warum taucht überall ein höchstes Wesen auf? (1)

yoda is watching youBild 4Grundsätzliche Theorien.
1. Ich bilde/rede mir das nur ein. Gott taucht nicht auf und nur, weil ich danach suche, glaube ich ihn in verschiedenen Figuren innerhalb literarischer Werke zu sehen.
2. Copypaste. Der Klassiker. Religiöse Motive, altbekannt und jedem vertraut werden schlicht übernommen für eine bestimmte Zukunftsvision.
3. Gottesbild des Autors wurde im Werk verarbeitet. George Orwell etwa sieht Gott als negative Figur, der von seinen Gläubigen zur Machtsicherung missbraucht wird.
4. Unvorstellbarkeit der Nicht-Existenz Gottes / die unbeantwortbare Frage / ewige Ungewissheit. Der Autor geht davon aus, dass Glaube niemals bewiesen oder widerlegt werden kann und baut daher in seine Zukunftsvorstellung Gedanken aus dem Jetzt mit ein.
5. Gott als einfachste Erklärung. Anstatt immer alles naturwissenschaftlich korrekt oder sonstwie zu untermauern, gibt die Gottfigur dem Autor die Freiheit, auch ungewöhnliche/unwahrscheinliche Geschichten zu erzählen. Die „Allmacht Gottes“ wird als Ausrede für zu einfache Wendungen missbraucht.