"Sie müssen sich keine Sorgen machen. Niemand wird Sie je überfordern oder Ihnen das Gefühl geben, dass Sie ein richtiger Vollidiot sind."

Das klassische Bild von Erziehung lautet in etwa so: Die Eltern wissen alles, das Kind nichts. Wenn es sich anstrengt, immer den Spinat aufisst und brav in der Schule lernt, wird es auch mal groß und ansatzweise so klug wie die Eltern. Ich will nicht sagen, das sei Blödsinn, weil ich viel – unendlich viel – von meinen Eltern beigebracht bekommen habe. Aber so kann es nicht – ohne ein großes Fragezeichen am Anfang – durch die Geschichte gehen. Eine Existenz von Zeit im Verbund mit wachsendem Wissen – oder zumindest steigender Technologie – bedarf mehr als „Ich bring dir was bei“.
Lernen ist beidseitig.
Anders kann es gar nicht funktionieren. Ansonsten wären wir derart begrenzt in unserem Wissen und Denken, dass es schon wieder deprimierend wäre. Aber so ist es nicht: Wir lernen selbst – aus uns heraus – vieles. Wir probieren uns aus, entdecken die Welt, in der wir leben. Wir lernen von anderen – durch kopieren, nachahmen, kritisieren. Wir lernen unsere Grenzen kennen und entwickeln Strategien, sie auszudehnen.
Es ist aber auch so, dass die Großen von den Kleinen lernen. Entweder, weil sie an ihre eigenen Erfahrungen als Kinder zurückerinnert werden, die sie ansonsten bereits vergessen hätten, andererseits ist der Blick auf eine Situation aus einer anderen Perspektive eine völlig neue. Und letztens gibt es so viel Neues zu entdecken, was man im ersten Moment oft nicht erkannt hat.
Groß werden heißt die eigene Lehrbereitschaft begreifen.
Selbstverständlich lasse ich mich jetzt nicht zu einem Satz hinreißen wie „Die Großen lernen von den Kleinen mindestens ebensoviel wie umgekehrt“. Solche Allgemeinplätze überlasse ich lieber Schlagersängern und Bürgermeisterkandidaten der CDU auf Stimmenfang im Kindergarten. Je älter ich werde, desto weniger kann ich mich derlei Sätzen jedoch verwehren. Weil ich tatsächlich meine Eltern manchmal dazu überreden muss, es einfach zu versuchen, ob der E-Mail-Anhang dran bleibt, wenn man die Mail weiterleitet. Es fühlt sich ein bisschen wie ein Rollentausch an.
Aber in Wirklichkeit war es nie anders. Nur als Kind begreift man noch nicht wirklich, dass man jemand ist, der anderen zu Erkenntnissen verhelfen kann. Das ist gut – weil es uns bereiter macht die Erkenntnis anderer aufzusaugen -, aber es ist auch irgendwo schade. Zu gerne würde ich mich an das Lächeln erinnern, das meine Eltern gehabt haben müssen, als sie wieder eine Erfahrung mit mir erfolgreich gemeistert haben.
Lernen ist keine Einbahnstraße.
Aber es stimmt eben doch irgendwo: Durch Dialog kommen wir weiter. Nicht dadurch, dass uns jemand Sätze auswendig lernen lässt. Wir müssen auch Fragen dürfen, Kritik üben, ab und an im Unrecht sein.
Deshalb, weil ich darauf bestehe, noch etwas von Ihnen lernen zu wollen, schreiben Sie jetzt einen Kommentar. Bitte.