Von Trickbetrügern und ihren "Kunden".

100_0350 Diesen Sommer stelle ich kurze Serien vor. Jeden Freitag um Zwölf. Warum steht hier. Heute: Hustle.

Zwischen 2004 und 2012 produzierte die BBC eine ganz gut gemachte Serie names Hustle, die in Deutschland noch den erklärenden Untertitel Unehrlich währt am längsten erhielt. Die Staffeln sind mit je 6 Folgen angenehm kurz und die jeweils einstündigen Episoden wirken kurzweilig. Die deutsche Synchronisation ist zufriedenstellend, auch wenn die Folgen jeweils 7 Minuten kürzer sind, als sie in der BBC ausgestrahlt wurden.
Es geht um eine Gruppe von Trickbetrügern. In jeder Folge wird ein „Kunde“ ausgesucht und angesprochen, dem zumeist eine große Summe Geld abgenommen werden soll. Die fünf Figuren nehmen in jedem Schwindel ähnliche Rollen ein. So angelt Albert die Kunden, Ash beschafft alles Notwendige, der Anführer plant die Abzockerei und die beiden Lockvögel machen… ja… genau das.
Natürlich kommt jetzt Ocean’s Eleven in den Sinn, und das passt. Hustle ist ein Paradebeispiel dafür, dass Serien längst so gut sein können wie Filme. Besonders gefällt mir dabei der Umgang mit dem Medium Serie. So sprechen die Figuren zum Ende des Staffelfinale jeweils den Zuschauer direkt an. Auch gefallen mir die – an sich – abgeschlossenen Geschichten.
Dass mit so manchem Mittel der Zuschauer auf die Seite der Betrüger gezogen werden soll, ist natürlich durchaus kritisch zu bewerten. Das nur betrogen werden könne, wer unehrlich handelt, stimmt ebensowenig (man denke nur an Geheimdienste), wie dass Gefühl, die Protagonisten würden moralisch richtig handeln. Filmisch, aber auch vom Erzählfluss her, ist es eine gut gemachte Serie. Tatsächlich mag mir keine Folge einfallen, von der ich mich nicht unterhalten gefühlt habe.
Oft wird durch Auslassungen ein bestimmtes Ende suggeriert, dieses dann aber doch durch zusätzliche Informationen umgeworfen. Zwar ist ein Unschlagbar sein auf Dauer natürlich eher … öde, aber gerade dieses Wissen macht es so spannend, selbst mitzuüberlegen, welchen Plan B man noch einbauen könnte oder wie der Con ablaufen sollte.

Where everybody knows your name.

Die Gang aus How I met your Mother hat MacLaren’s Pub. Sophie Kaczynski aus 2 Broke Girls hat das Williamsburg Diner. Die Gang aus The Big Bang Theory hat die Cheesecake Factory. Die Untoten aus Dead like me – gute Serie, die ich im Moment sehe – sitzen morgens in Der Waffle Haus. Die Gilmore Girls haben Luke’s. Norm Peterson hat seinen Stammplatz im Cheers. Homer Simpsons Stammkneipe ist Moe’s. Der Family Guy Peter Griffin hat The Drunken Clam. Jerry Seinfeld und George Costanza treffen sich meistens in Monk’s Cafe. Die Friends treffen sich im Central Perk. Die Ärzte aus Grey’s Anatomy treffen sich in Joe’s Bar (auch: Emerald City Bar). Die Trickbetrüger aus Hustle haben Anteile an Eddie’s Bar. …
Kneipe
Irgendwie haben wir unser Zuhause verloren, weshalb wir uns in der Vorstellung verlieren, die Welt sei unser Heim. Serien wie die oben genannten zeichnen ein Bild, ein Wunschbild, eines Ortes an dem „everybody knows your name and they’re always glad you came“. Aber gibt es diesen Ort? Die Stammkneipe, das Stammcafé, das Stammdiner – so wie es in den Serien dargestellt wird -, ist Lebensmittelpunkt. Diese Orte sind so, wie wir uns als Kinder unser Zuhause vorgestellt haben. Nur halt mit Bier und Rechnung.
Sind solche Bilder realistisch? Ist, um das HIMYM-Beispiel vom Anfang aufzugreifen, nicht bereits die Vorstellung einer Bromance, einer Beziehung unter Männern, ja, ist nicht schon Freundschaft ein völlig unrealistischer Begriff geworden? Oder gibt es tatsächlich in deinen Leben Menschen, die du täglich oder unheimlich oft triffst und die nicht aus Einfachheitsgründen – also Kommilitonen, Kollegen, etc. – mit dir Zeit verbringen?
Eigentlich wünsche ich mir so einen Ort. Eine Kneipe, ein Café, in dem man mich kennt und in dem ich kenne. Einen Ort, der sich wie die Fortführung des Zuhauses mit Öffentlichkeit anfühlt. Im positiven Sinne. Im Moment bin ich mir aber nicht einmal sicher, ob ich ein Zuhause habe.
Meine Eltern, beide um die 50, haben übrigens das, was die Serienfiguren mir vorleben. Sie sitzen – wenn nicht zuviel Arbeit ist, was bedauerlicherweise gerade jetzt selten ist – fast jeden Abend in einem Eiscafé, zusammen mit anderen Leuten, die inzwischen wohl Freunde sind. Das geht soweit, dass sie dieses Café als „Zentrale“ bezeichnen – diesem Ort also einen Spitznamen verleihen – und mein Bruder und ich uns die Münder darüber zerrissen.
Aber, insgeheim (Bullshitformulierung!), wünsche ich mir das auch.