Anti-Kommerz-Steppdecken. Für nur € 12,99 bei IKEA.

Spiegel
Wann ist es eigentlich eine ernstzunehmende Freizeitbeschäftigung geworden, Einrichtungshäuser zu besuchen? Das muss zur gleichen Zeit passiert sein, als es eine angemessene Einleitung für Texte wurde, rhetorische Fragen zu stellen.
Gestern war der neue IKEA-Katalog („2013“) im imaginären Briefkasten. Aus Gründen sah ich ihn kurz durch, beschwerte mich über die für mein Einkommen (aktuell habe ich ungefähr minus 10 Euro pro Monat zur freien Verfügung) völlig unerschwinglichen Produkte und setzte dann auf meine Liste der gewünschten Möbelstücke noch einen Klapp-Hocker.
Wie jedes Jahr war ich über meine eigene Begeisterung schockiert. Warum schaue ich mir diesen Katalog an? Und warum fahren wir hin? Warum fahren wir sogar manchmal hin, obwohl wir gar keine Möbel brauchen?


Aus Gründen werde ich dennoch zu IKEA fahren. Aber ein mulmiges Gefühl bleibt. Macht meine Generation nicht so ziemlich alles falsch, wenn sie ihre Freizeit damit füllt, einzukaufen? Wenn Möbel ein Erlebnis werden oder wie auch immer? Wenn mir bei Schweden nicht als erstes zufriedene Bürger oder der wunderbare I’M @sweden-Twitteraccount einfällt, sondern der Weltkonzern mit Sitz in den Niederlanden, der in DDR-Gefängnissen produzieren ließ und auch heute noch versucht mit teilweise zweifelhaften Methoden, möglichst viel Gelder zu sparen (oder zu verdienen (Achtung, Verlagslink!)). Die Vereinnahmung des Blau und Gelb durch den Vier-Buchstaben-Möbelhändler hat sich im Unterbewusstsein festgesetzt.
Heute blätterte mein Bruder durch den Katalog. Gierig blätterte er Seite um Seite um, betrachtete die Möbelstücke und moserte über die Preise. Und dann sagte er, dass es doch traurig sei, dass man heute nicht einmal mehr einen Pornofilm sehen könne, ohne irgendwo ein Billy-Regal oder eine Klippan-Zweier-Sofa zu erblicken. Auch er wird wieder zu IKEA fahren.
Alle hassen es. Alle verteufeln es. Und trotzdem hat mein Kumpel die beste Note dieses Semester in einer mündlichen Prüfung über „die Kassensituation bei IKEA in Hinblick auf Kinder“ geholt. Und trotzdem fahren wir wieder dorthin. Spontan, damit man nicht das Gefühl bekommt, man würde Möbel einkaufen, sondern sich einreden kann, man würde seine Freizeit gestalten.
Eigentlich hatte ich Lust, eine Fight Club-Referenz hier einzubauen, aber selbst die Kritik an der Welt ist doch ein Teil von ihr. Vielleicht raffe ich mich die Tage dazu auf, zu schreiben, warum unsere Misere nicht ein Frau-Mann-Problem ist. Vielleicht suhle ich mich aber auch in der Gewissheit, dass selbst Guy Fawkes-Masken bei Saturn verkauft werden und morgen gibts vermutlich „Rettet den borealen Nadelwald“-Aufkleber bei IKEA…
Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen?
Es wäre ihr zu wünschen, aber hoffen kann ich darauf nicht mehr.

Ich bin ein Schlafsofa.

Ich bin ein Schlafsofa.
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Wenn ein Kissen bei IKEA von sich behaupten kann, es sei ein Schlafsofa, dann kan ich das auch. Mein Name ist Beliebtsein und ich bin ein Schlafsofa.
Manche Leute ziehen mich ganz gerne aus, aber ich bin auch bequem in meiner alltäglichen Erscheinung. Leider lasse ich mich nur schwer bewegen, aber wenn man einmal einen guten Platz für mich gefunden hat, möchte man mich nicht mehr missen. Mein Aufbau ist kinderleicht. Auch meine Pflege geht einfach von der Hand. Mein abnehmbarer Bezug kann in der Maschine gewaschen werden. Mein robustes Innenleben sorgt dafür, dass Sie lange Zeit Freude an mir haben. Sollte all das Sie nicht überzeugt haben, dann vielleicht mein überragendes Design: Schlicht und zugleich edel. Durch meine Bezüge in vielen unterschiedlichen Farben und Formen passe ich mich Ihrem individuellen Geschmack perfekt an.
Ich bin ein Schlafsofa.
Designer:
Gott. Evolution.
Pflegehinweise:
Buntwäsche 60°C.
Nicht mit Chlor bleichen.
Nicht trocknergeeignet.
Bügeln – bitte nicht!
Nicht chem. reinigen.
Hängend trocknen.
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Aber ich bin keine Lösung für zwei Probleme, sondern leide unter einer schweren Identititätskrise. Ich weiß nicht: Bin ich ein Bett? Bin ich eine Sitzgelegenheit? Bin ich beides? Bin ich nichts? Vor lauter Fragen kann ich manchmal nicht schlafen. Vor lauter Fragen kann ich manchmal nicht wachen. Es ist schrecklich, nicht zu wissen, was ich bin, wer ich bin oder ob ich überhaupt – objektiv – existiere. Mein Name ist Beliebtsein und ich bin ein Schlafsofa. Ich würde mich freuen, bald auch in Ihrer Wohnung ein Zuhause zu finden.
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