kino.to ist mein Wohnzimmer

Wir sind eine Generation von Digitalen Flüchtlingen. Seit über 10 Jahren bin auch ich Teil dieses langen Marsches. Wann kommen wir endlich an?

Schon 2008 fanden Medien praktisch ausschließlich am Bildschirm statt. (Eigenes Foto)

Vor einigen Jahren kursierte ein kleiner Comic durchs Netz, der aufzuzeigen versuchte, dass unser Leben heute gleichförmig hauptsächlich vor dem Bildschirm stattfinden würde. Ist dem so? Wahr ist: Heute verbringe ich sehr viel Zeit mit dem Internet. Eigentlich ist das Netz nie weg. Wahr ist aber auch, dass eine gute Serie auch am Computer gut ist. Wahr ist auch, dass ich die Internetfreiheit nun deutlich intensiver erlebe. Ein Kinogang oder eine DVD sind heute ein anderes Erlebnis und deutlich aufgewertet verglichen mit den gleichen Medien vor einigen Jahren. (Außerdem kostet eine Kinokarte heute auch gefühlt doppelt so viel wie noch vor drei Wochen.) „kino.to ist mein Wohnzimmer“ weiterlesen

Keine Perlen für die Säue.

Letztendlich ist das Kino und Fernsehen und möglicherweise das Radio die letzte Rettung für unsere Gesellschaft – eventuell aber auch unser gemeinschaftlicher Untergang. In der Massenunterhaltung steckt das Potenzial die Welt zu verbessern: Kultur, Wissen, all das lässt sich über Bildschirmmedien verbreiten und verankern. Es ist aber auch gut möglich, Unsinn, Albernheiten und Idiotie. Statt Konstruktion könnte das Fernsehen und viel bedeutender das Kino eine destruktive Kraft auf unsere Gesellschaft entwickeln.
Zwischenfrage aus der letzten Reihe:
Warum zählen Sie das Internet nicht zu den Bildschirmmedien?

Selbstverständlich nutzt man das Internet auch an Bildschirmen. Der gemeinsame Nenner in Form von Internetseiten, die jeder aufruft und Infos, die jeder kennt, ist jedoch praktisch nicht verhanden. Tatsächlich können wir das Internet zusehens so filtern, dass wir nur das mitbekommen, was unserem Meinungsbild entspricht. Konkretes Beispiel: Wer rechtsradikalen Gedanken nachhängt, der kann ganz gut durchs Internet spazieren, ohne dass er jemals auf eine ihn widerlegende These stößt. Das ist beim Fernsehen und Kino noch nicht möglich.
Kino als Weltrettungsprojekt
Mit Büchern erreicht man bedauerlicherweise meist nur eine begrenzte Anzahl von Leuten, die so oder so bereits Bücher lesen. Das selbe Problem besteht beim Internet oder Zeitungen. Letztlich wird nur gekauft, was dem eigenen Meinungsbild entspricht. Filme dagegen können unterschwellig Themen anschneiden und so Themen einem Publikum eröffnen, das bisher selbige nicht wahrgenommen hat.
Ein gutes Beispiel hierfür ist Avatar – auch wenn ich den Film ziemlich mies fand. Eigentlich geht es um Umweltschutz und das alte Thema Industriegesellschaft gegen Ureinwohnerkultur, die neue Technik und die zahlreichen Action-Szenen sowie die SciFi-Elemente haben Leute ins Kino gelockt, die sich für die eigentlichen Themen des Films nicht interessiert haben.
„Kultur? Ich will lieber was mit Action und Titten.“
Letztlich ist es jedoch so, dass sich Qualität nicht durchsetzt und wir als kleinster gemeinsamer Nenner Schrottfilme haben. Es ist die miese 3:30-Radio-Musik-Scheiße, auf die wir uns einigen. Mr. Saxobeat oder irgendwelche Techno-Rotze. Wir einigen uns auf Scary Movie, und empfinden „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als zu kompliziert. Wenn wir es nicht schaffen, unserer Kultur wieder Raum zu geben, auch Musik zu kennen, die weder in Werbung noch in überteuerten Filmen Verwendet wurde, wenn wir uns endlich lossagen von dem, was die Industrie uns für Unsinn auf den Rücken bindet… dann haben wir endlich Kants Forderungen erfüllt.
Es ist ein langer Weg, bis wir die Möglichkeiten des Kinos und Fernsehens als Massenbildungsmedium wahrnehmen können. Die Möglichkeit besteht. Aber viel zu oft schallt Tubthumping (von Chumbawamba) statt der neunten Symphonie aus den Kinolautsprechern.
Nichtsdestotrotz ist Tubthumping ein toller Song. Aber mit Bildung hat er doch eher wenig zu tun, wenn Sie mir das erlauben.
Andererseits wäre meine Welt deutlich ärmer ohne American Pie und die anderen Filme meiner Jugend. Trotzdem nervt es, wenn man in der Vorstellung von 2001 nur halb so alt ist wie der Zweitjüngste im Vorführraum.
Schaut mal mehr gute Filme, verdammt! Bringt übrigens nichts, weil meine Leser schon einen hervorragenden Filmgeschmack haben.

Ein ganzer Saal hasst mich.

Und ich finds irgendwie… lustig.
Kneipe
Es gibt Orte, da gebietet der Anstand, von Gesprächen mit anderen abzusehen. Büchereien, Museen, allgemein Orte der Kultur und Weiterbildung sind unerfreut über leichtes Gespräch. Ebenso unangenehm fallen diejenigen Leute auf, die bei Filmmeisterwerken ununterbrochen reden. Ich gestehe: Ich gehöre selbst zu diesen unausstehlichen Kinoschwätzern.
Natürlich ist meine offene Klappe auch davon abhänig, was für ein Film läuft (je näher an meiner Verständnisebene (weder zu blöde, noch zu kompliziert), desto ruhiger bin ich (ausnahme: star wars. Da mach ich ununterbrochenes Fan-Gekreische).) und natürlich hängt meine Sprachfülle auch von den anderen ab. Ab einer Gruppengröße von 3 Personen erreicht mein Geplapper eine kritische Masse, was schließlich zur Spaltung führt – also zwischen mir und denen, die mit mir reden auf der einen Seite, und dem restlichen genervten Publikum auf der anderen Seite. Ich verlasse dann regelmäßig von Beleidigungen begleitet den Kinosaal.
„Woah, Drei D! So ein Rotz.“
Besonders schlimm war das bei Avatar, wo wir – die große Schuld kann ich hierbei nicht allein tragen – ununterbrochen sprachen und schlechteste Witze rissen. Es gipfelte für mich – Achtung Spoiler! – darin, dass dieser… Kerl… nach gefühlten Stunden des Ablebens doch noch von der allmächtigen Natur zurück ins Leben geholt wird – ich sagte damals: „Wenn der jetzt wieder zu Leben anfängt, dann ist der ganze Film ruiniert.“. Ich schrie dann auch entsprechend laut und enttäuscht (Logik, anyone?!) und bin bis heute nicht mit Avatar versöhnt.
Als wir damals den Kinosaal verließen, sprach man uns an, wir sollen das nächste mal doch bitte einfach gehen, wenn uns der Film nicht gefalle.
Bedauerlicherweise befolgte ich diesen Rat auch heute nicht, als wir „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“ (oder so ähnlich) sahen. (Anm. Ob ein Film gefällt, weiß man erst beim Abspann. Alles davor sind Vermutungen.) Soundtrack und alles waren eigentlich ganz ok. Problem: Die Geschichte ist – wenn man nicht gerade unter extremem Glückshormonrausch steht – ziemlich flach und sowieso tausendfach durchgekaut. (Dennoch ein netter Film. Aber, man versteht halt auch alles, während man plappert.)
Dementsprechend standen wir noch einen falschen Atemzug entfernt von der öffentlichen Steinigung, als wir den Kinosaal – am Anfang des Abspanns – als Erste verließen.
2007-09-28 - in mathe

Könnten Blicke töten, ein jeder in diesem Kinosaal hätte sich mitschuldig gemacht.
Und ich könnte meine Klappe nicht halten, während mein Leben an mir vorbei zieht. („Aaaaalt!“)

Dabei wäre es so einfach, mich zum schweigen zu bringen. „Bitte verhalten Sie sich ruhiger, ich möchte den Film sehen.“ Schweigen wird – wie bei Wahlen – von mir als Zustimmung, oder „Egal“ gewertet. Daher bin ich, wenn dann die Menschen direkt um mich herum beleidigend werden, auch immer sehr verunsichert und überrascht. Eine Ermahnung, und ich bin zumindest deutlich ruhiger, wenn nicht sogar ganz still… Irgendwann krieg ich dort noch Hausverbot.
Irgendwo ist es dann aber doch ein interessantes Gefühl, wenn einen ein ganzer Kinosaal aus tiefstem Herzen hasst. Ein schlechter Abend war es jedenfalls heute nicht.