Grummel.

Heute ist kein Tag zum rausgehen. Mein Magen rebelliert wieder, mein Kopf dreht sich um die eigene Achse, die Wände werden kleiner, die Welt wird kleiner und alles, was ich mir im tiefsten Herzen wünsche, ist ein warmer Heizkörper und, dass ich morgen aufstehen kann, ohne über all das nachzudenken.
Ich hatte es versucht. Tatsächlich hatte ich es versucht. Ich hatte mich mit ungutem Gefühl in den Bus gesetzt – Linie 22 -, fuhr bis zum Bahnhof und sprang sofort wieder in den selben Bus. Zurück zu meiner Haltestelle. Zurück zu meiner Wohnung. Meinem Flur, meinen Zimmer, meinem Bett. Wo die Welt mir keine Angst machen kann und wo mein Magen sich nicht mehr dreht.
Ich muss wohl etwas falsches gegessen haben, diagnostiziere ich in Gedanken. Ich sitze hinten im Bus. Zurück nach Hause. Drei Haltestellen muss ich überwinden, dann bin ich da. Jetzt nicht erbrechen. Konzentrier dich, Junge. Eigentlich geht es dir gut. Eigentlich ist die Welt kein feindlicher Ort. Mir gegenüber sitzt ein Pärchen. Sie lange Haare und Stirnband, er lange Haare und Lederjacke. Er küsst ihren Kopf. –
Da ist er wieder. Der Würgereiz. Ich weiß nicht warum, und ich weiß nicht seit wann. Aber wenn ich Pärchen sehe, die Liebesbekundungen austauschen, muss ich nun würgen. Ich schlucke runter, was sich schon auf den Weg gemacht hatte und werfe mir den Rucksack über. Scheiß Romantik. Schwankend laufe ich zur Tür. Scheiß Nahrungsmittel. Mein Körper scheint sich losreißen zu wollen. Weg von mir. Weg vom Dasein. Ich denke an mein Mantra: Ich habe nur etwas falsches gegessen. Ich habe nur etwas falsches gegessen. Mein Magen fühlt sich an wie eine Waschmaschine im Schleudergang.
Ich umklammere die Stange. Der Bus hält. Endlich. Die Türen öffnen sich. Eine Frau steigt mit mir aus. Sie nach rechts. Ich nach links. Die tosenden Wellen, die gerade noch durch meinen Bauch schwappten, das Gefühl, die ganze Welt breche über mich hinein. Die Angst, mein Magen würde sich in ein schwarzes Loch verwandeln. Aus ihn würde ein Monster steigen, dass die ganze Welt auffrisst. Ist weg. Die Wellen legen sich. Nur noch leichtes Grummeln. Der Sturm, der meinen Leib zu zerreißen drohte, ist nun allenfalls das Tübinger Wetter im Frühsommer. Kalt und grummelig.
Ich öffne die Haustüre. Grummeln. Ich öffne die Wohnungstüre. Grummel-grummel. Eine Wärmflasche beruhigt die See im Bauch schließlich für heute. Hoffentlich. Mein Kopf ist immer noch heiß. Hm. Grummel.

Mein Bauch weiß nicht, wo ihm der Kopf steht.

Immer noch keine Küche. Immer noch pleite. Immer noch verschnupft.
Wenn man drei Tage lang praktisch nichts anderes isst als Knäckebrot, Nudeln und Toastbrot und dann – weil der geliebte Bruder vorbei kommt – man tatsächlich etwas vorgesetzt bekommt, was nicht nur „Essen“ ist, sondern auch wie solches richt und schmeckt, dann rebelliert erstmal mein Magen.
Ich weiß nicht, was das soll. Es ist ja jetzt nicht so, dass ich und mein Verdauungssystem besonders gute Freunde wären, aber das, was dieses heute Abend gemacht hat, nehme ich ihm schon sehr übel. Das Schnitzel „Wiener Art“ mit Spätzle – ein Gaststätten-Klassiker! – schaffe ich nicht einmal bis zur Hälfte, weil mein Magen schon viel zu früh laut „Stopp“ brüllt und dann versemmelt es der Kellner auch noch, die Reste mir – wie versprochen! – einzupacken. Ein halbes Schnitzel und eine – naja, kleine – Handvoll Spätzle einfach so vergeudet!
Ich setze mich ja in aller Regel nicht für Tierrechte ein (genau so wenig, wie ich mich für Menschenrechte einsetzen würde, insbesondere vor einer Spezies, die sich selbst als „höher“ betrachtet) oder beschwere mich bei Nahrungsmittelverschwendung, aber ein Abendessen, welches voll bezahlt wurde aber nur halb gegessen, das geht mir schon schwer runter.
Neulich Nacht wachte ich auch wiedereinmal schweißgebadet und weinend auf, einfach, weil ich von dem Schnitzel geträumt hatte, welches ich vor gut einem Monat in einer anderen Gaststätte zwar einpacken ließ, dann aber dort vergas. Ein Schnitzel! Ein ganzes Schnitzel! Von einem Tier, das extra für mich geschlachtet wurde (naja, nein, aber, du verstehst was ich meine). Ein ganzes Schnitzel, für das der volle Preis gezahlt wurde, und welches dann doch im Mülleimer landete! Eingepackt in Alu-Folie! Und ich wache noch Wochen später weinend und angstschwitzend auf, weil ich von der ganzen Szenerie träumte.
Ich würde mich ja wegen meiner neuerlichen Fixierung auf Nahrungsmittel und deren – ideellen, finanziellen wie materiellen – Wert in psychologische Beratung begeben, aber … 10 Euro Praxisgebühr … das sind … fast Sieben ein Viertel Kilo Nudeln!

snuva

Es nervt einfach krank zu sein.
Am liebsten würde ich mich in eine Decke einhüllen und einfach abwarten, bis es vorbei ist. Aber eine Mischung aus Angst, Wissen um die Fehlzeiten und Erfahrung treibt mich dann doch in die Seminarräume. An der Universität Tübingen gibt es schließlich eine Fehlzeitenregel (grässliche Verschulung) mit drei Ausnahmen. Man darf in jeder Veranstaltung 2 mal fehlen. Aber: 1. Nicht in der ersten Sitzung, 2. Nicht, wenn Leistung geprüft wird (Vortrag, Prüfung, etc.) und 3. Es ist den Leitern der Veranstaltung freigestellt, auf die Anwesenheitskontrolle zu verzichten oder diese anders zu handhaben.
Nun kann ich einerseits nicht in der ersten Veranstaltung fehlen und andererseits will ich nicht schon so früh meine Fehlzeiten aufbrauchen. Also schleppe ich mich dahin, wo ich hin muss: ein Seminar, ein Tutorium. Die beiden Vorlesungen am Vormittag lasse ich sein. Mit meinem Schnupfen-Kopf kann ich mich so oder so nicht konzentrieren.
Interessant finde ich, dass offenbar jede erste Veranstaltung gleich abläuft. Erstmal wird man nett begrüßt, die Dozenten rattern ihren Stoffplan herunter, den es dann auch in nicht ausreichender Anzahl als Kopien gibt. Dann heißt es, man bräuchte unbedingt dieses oder jenes Buch und man solle sich das doch (Wintersemester) zu Weihnachten wünschen oder (Sommersemester) zum Geburtstag schenken lassen. Aber, das sei wirklich unerlässlich und auch wenn man irgendwie darauf verzichten könnte, dieses wichtige Lehrbuch direkt zu verwenden, so seien doch als Arbeitsgrundlage folgende 25 für sich sehr günstigen Bücher superwichtig und möglichst schnell zu beschaffen. Außerdem gibt es einen Reader und und und.
In meinem Schnupfen-Kopf kam dementsprechend nur eine Botschaft an: Auch nächsten Monat wirst du dir weder Fleisch noch Gemüse leisten können.
Nebenbei erwähnt: In meinem – wie ich heute feststellte – viel zu optimistischen Kostenplan habe ich weder Medikamente noch die Menge an Lehrbücher eingeplant, die nun auf mich zukommt. Ach, und, einen Drucker habe ich auch noch keinen. Vielleicht kann mich mich dazu aufraffen, morgen mal den Gang nach Canossa anzutreten und meine Eltern Mutter (die ist da kooperativer) zu fragen, ob sie mir da eventuell weiterhelfen könnten.
Krank sein nervt.
Krank und finanziell an der Grenze sein … nervt sehr.
Yay, noch 5 Euro für den Rest des Monats!