Bücher genießen immer noch Glauben.

Was ich nicht ganz an der Erwachsenengeneration meiner Zeit verstehe – größtenteils Lehrer, Eltern und andere Autoritäten – ist die meiner Meinung nach falsche Annahme, Bücher hätten allein schon, weil sie Bücher sind, einen höheren Glauben verdient. Begründet wird das sehr einfach: Bücher werden vor ihrer Veröffentlichung Korrektur gelesen, werden vom Verlag geprüft, werden dutzendfach überprüft, während eine Internetseite mit einem Klick online ist. „Ins Internet kann ja jeder was schreiben!“ heißt es dann. „Völlig unkontrolliert, ohne jede Prüfung!“

Das stimmt. Die allermeisten Bücher – sofern nicht in dubiosen Zuschussverlagen (wobei es dabei auch seriöse gibt, die ich ausdrücklich von meiner Kritik ausschließen möchte), Selbstverlage oder bei zumindest inhaltlich eher fragwürdige Verlage erschienen – werden vor ihrer Veröffentlichung noch einmal gelesen und auf Richtigkeit überprüft. Gute Internetseiten werden aber auch überprüft und im Zweifelsfall überarbeitet. Wikipedia ist – auch dank seiner einfachen Bearbeitbarkeit -eines der am Besten überprüften Informationsquellen heute und damit auch eines der meist genutzten und vertrauenswürdigsten. Natürlich gibt es immer wieder kleine Fehler, oft auch mal größere und auch mal eine zum Faktum erhobene Lüge. Aber, wenn nur ausreichend viele Leute an etwas glauben und von etwas überzeugt sind – wenn wir also alle Wikipedia den Glauben schenken, eben weil es fast immer glaubwürdig ist – wo ist dann das Problem? Mit den meisten Fehlern sind wir bisher ganz gut gefahren. Und: Ein Fehler in einer gedruckten Enzyklopädie ist genauso wahrscheinlich – angeblich sogar wahrscheinlicher -, nur deutlich schwieriger zu beseitigen, weil niemand mit einer Tip-Ex in jedes Haus einbrechen kann.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich liebe Bücher und wenn ich nicht zu oft mit unverschämt schlechten Inhaltsverzeichnissen und Stichwortverzeichnissen zu kämpfen hätte, würde ich sie auch noch häufiger zur Informationsbeschaffung nutzen. Papierseiten unter den Fingern und ein Bleistift sind den Bildschirmmedien weiterhin weit überlegen. Aber, nicht weil sie besser oder vertrauenswürdiger wären, sondern weil sie mir mehr gefallen und ich immer noch besser damit umgehen kann, als mit der Unendlichkeit des Netzes.
Ich glaube, wir müssen uns endlich von dem Glauben lösen, dass das Medium etwas mit der Vertrauenswürdigkeit des Inhalts zu tun hat. Das haben wir schon für den Begriff „Zeitung“ durchgemacht – spätestens mit dem Aufkommen einer breiten „Bild“-Kritik – und nun ist es an der Zeit zu begreifen: Nur weil es ein Buch ist, beinhaltet es nicht unbedingt das, was wir von Büchern gewohnt sind. Die Quelle macht’s, nicht wie die Quelle erschienen ist.
Fotobuch
Hmmm…. Damit Sie mir nun glauben, dass Medium nicht alles ist, muss ich es vielleicht erst in ein Buch drucken.

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Zurückgekehrt aus einer Welt der Literatur, in der Worte zu Bildern und Bildern zu Geschichten werden, erscheinen mir die Bilder der echten Realität unwirklich. Statt weißem, zerknittertem reclam-Papier und der schwarzen Stempel Garamond, gleiten meine Blicke ungläubig über die Straße und die bunten Blumen hinter unserer Haustüre. Fest klammern sich meine Hände an das gelbe Buch. Alles scheint mir fremd und bekannt, unwirklich-wahr, wie das Beiwerk einer Erzählung, die ein anderer schreibt. Der nasse Regen begleitet Yann Tiersens Piano, welches aus meinem Kopf und meinen Ohren quellt, und ein Gefühl vermittelt, das zu beschreiben ich nicht im Stande bin.