Gibt es das Recht auf eine weiße Weste?

faulitexlosionIm Moment befinden wir uns im Übergang. Arbeitgeber haben das Internet als Informationsquelle entdeckt und zwischen Bewerbung und Vorstellungsgespräch steht damit zusätzlich die Google-Barriere. An sich nicht schlimm – schließlich googeln wir alle alles -, aber noch zu viele Arbeitgeber verwenden die Maßstäbe der Analogzeit. Dazu in aller Kürze zwei Gedankengänge: Einerseits: Über wen nichts schlechtes geschrieben steht, der hat meist nichts gemacht, was auch nur irgendwie Aufmerksamkeit verdient hätte (über mich z.B., dass ich „strunzdumm“ bin. Auf Wunsch weitere Beispiele.). Andererseits: „Das Internet sollte nicht lernen zu vergessen, wir sollten lernen zu verzeihen.“ (Patrick Breitenbach).
Solange wir selbst aktiv werden ist das alles kein Problem. Etwa, wenn wir peinliche Fotos von uns selbst online stellen. Grundsätzlich hat jeder das Recht seine eigene Zukunft zu ruinieren. Wie ist es aber, wenn wir über jemand anderes schreiben? Wenn mich eine Person in besonderem Maße belastet hat – so sehr, dass ich meinen Frust niederschreiben muss -, nehme ich durch die „öffentliche“ Zurschaustellung der Fehler einer Person nicht billigend in Kauf, dass diese dadurch in Zukunft Probleme bekommt? Wenn ich Beispielsweise schreibe, dass Barbara Betzold (Zufallsname) eine doofe, verlogene Kuh ist, dann ist das in meinem Tagebuch durchaus ok, nicht jedoch in einer überregionalen Zeitung.
Moralisch ist das eine schwierige Situation.
Für mich habe ich einen guten Weg gefunden: Personen des öffentlichen Lebens – vor allen Dingen Blogger, die aktiv unter ihrem Namen Inhalte veröffentlichen nenne ich auch beim Namen. Da ich mich selbst – eben mit diesem Blog – auch in der Öffentlichkeit bewege, muss ich Kritik, die nicht meine Würde verletzt, hinnehmen. Im Gegenzug verlange ich das aber auch von anderen. Anders ist es bei Privatpersonen beziehungsweise Menschen, die nur in einem begrenzten öffentlichen Licht stehen – z. B. der Bäcker von nebenan. Ihn kennt natürlich jeder hier namentlich, trotzdem darf ich seinen Namen nicht im Internet verbreiten – insbesondere mit unsachlicher Kritik. Ein solches Vorgehen – so lieb mir unsachliche Kritik ist – ist unmoralisch. In diesem Fall sind anstelle von Namen Beschreibungen sinnvoll. Der Bäcker von nebenan. Mein Apotheker, welcher gerne klassische Musik hört und darüber hinaus äußerst freundlich ist. Kurz: Wer nicht googelbar ist, soll es auch nicht durch mich werden. Selbstverständlich verstoße auch ich öfters mal gegen diese selbst auferlegte Regel, aber, ich bin jeder Zeit bereit, Informationen die ich ungerechtfertigt veröffentlicht habe, zurückzunehmen. Selbst versuche ich beispielsweise, die peinlichen Gästebucheinträge meines 12-jährigen Ichs aus dem Internet zu tilgen. Meine damalige Naivität ist schlicht nicht mehr vereinbar mit meiner heutigen Egozentrik.
Wie verhält es sich bei einem Unternehmen? Darf die Mokono GmbH – moralisch, nicht rechtlich – durch ein Hausverbot Benutzer aussperren und dabei billigend in Kauf nehmen, dass selbige Personen dadurch dauerhaft Probleme bekommen können – etwa beim Suchen einer Arbeitsstelle?
Tatsächlich hat die Mokono GmbH gestern Abend erstmals in ihrer Geschichte ein generelles Hausverbot ausgesprochen. (Nofollow-Link). Ich kann natürlich verstehen, dass dieses Hausverbot als letztes Mittel dient und möglicherweise – mit dem konkreten Fall bin ich nicht vertraut – gerechtfertigt ist. Dennoch bereitet es mir Bauchschmerzen. Mokono ist eben nicht wie der Wirt, der einen randalierenden Gast aus seiner Kneipe verbannt und auf einer Liste dessen Namen notiert. Das Hausverbot – das aus einem Stören des Friedens in der Gemeinschaft resultiert (davon gehe ich aus) – ist mehr als nur das.
1. Hat ein Hausverbot in der Eckkneipe nicht die Tragweite und das Verbreitungspotenzial eines Hausverbots auf einer der wichtigsten deutschsprachigen Inhalte-Plattform. Es ist – solange Arbeitgeber das Internet nicht als Lebensort sondern Informationsplatz sehen – ein roter Stempel auf der Köpfen der entsprechenden Personen. Es mag gerechtfertigt sein, wie gesagt, aber bereits jetzt findet sich auf der ersten Google-Trefferseite beider Namen prominent das Hausverbot.
2. Rühmt sich Mokono auch, hier Plattform der Redefreiheit zu sein. Zwar bedeutet dies nicht, dass man jedem Trottel und Radikalen Bühne zu bieten hat, dennoch steht unweigerlich der Vorwurf im Raum und gerade mit diesem Präzedenzfall besteht die Gefahr, selbst der Plattform verwiesen zu werden, wenn man sich denn nur genug Feinde macht. Mir persönlich jedenfalls brach beim Lesen des Hausverbots ein kleines Stückchen der gefühlten Gedankenfreiheit auf dieser Plattform vom Herzen ab.
Man kommt bei diesem Thema zu keiner Ideallösung. Eine solche suchen ich auch nicht. Dennoch glaube ich, dass wir gerade deshalb darüber reden müssen.

Habe ich als Mensch das Recht, von meinen Fehlern freigesprochen zu werden, oder dürfen sie im Internet für alle Zeiten festgehalten werden?


Anm. Über eine Diskussion in den Kommentaren, allein schon eine Antwort auf die Frage im Titel, würde ich mich sehr freuen. Jedoch bitte ich – auch im Sinne von Blog.de – auf die Nennung von Namen zu verzichten.

Die nächste Generation Internetmacher kritisiert ihre Vorgänger

lobogottDie Weisheit kam von Sascha Lobos Fingerspitzen in meinen Feedreader.

In meinem Feedreader landete heute zwei Einträge, die nacheinander gelesen ein interessantes Bild ergeben. Der Erste stammt von Sascha Lobo – dem Internetübervater – und behandelt einen Ausweg – einen Entschuldigungsbrief -, den Schlecker aus ihrem Mini-Shitstorm nehmen könnten. Er schreibt davon, dass sie sich entschuldigen sollten, aber den Blick auf die Zukunft richten. Wenn man so will, hat Sascha Lobo die Wirkung folgenden Blogeintrags für mich zerstört. Vasco Sommer-Nunes, der seit mindestens 7 Jahren die deutsche Internetlandschaft verändert, schreibt einen ähnlich gestaltete Erklärung bezüglich der Layer-Ads, die bei mokono-Werbepartnern in letzter Zeit auftauchten.
Es geht um die große Frage: In wie weit darf man seine Herkunft verraten, um bei den Großen dazuzugehören? Oder, weniger frei gedeutet: Darf Mokono – Vascos Unternehmen – bei Blogs die AGOF-Umfrage-Layer zulassen, obwohl Layer so ziemlich das übelste sind, wovon Blogger nachts träumen (abgesehen von Abmahnungen)?
Marcel Wichmann, seinerseits Jungunternehmer (für alle unter 30: „Gründer eines Start-Ups“) – auf QUOTE.FM freut sich gerade das halbe Internet -, kritisiert Mokono und deren Marktmacht:
Überrascht jetzt wenig,
dass mich auf Amy&Pink eine monoko-Umfrage begrüßt.
(Twitter)
Das ist in soweit interessant und vor allem niederschreibenswert, weil Marcel Wichmann am Anfang dessen steht, was Vasco Sommer-Nunes schon seit fast 10 Jahren lebt: Sein Traum.
(„Nicht emotionalisieren“… äh… ja)
Und genauso wie Vasco wird Marcel auch irgendwann an einen Punkt kommen, an dem er kleine Dinge zulassen muss – die ihm nicht gefallen – um größere Dinge zu erreichen. Behaupte ich zumindest mal.
Vasco kam mir persönlich nie wie jemand vor, der nur an Gewinnen und ähnlichem interessiert gewesen sei. Ich glaube nur, dass er seine Ziele manchmal zu verbissen verfolgt. Andererseits, ohne diese Eigenschaft hätten wie vermutlich weder Blog.de noch irgendetwas anderes brauchbares (wir hätten vermutlich nicht einmal Feuer, wenn nicht irgendjemand verbissen daran gearbeitet hätte, das beherrschbar zu machen (man stelle sich einen Höhlenmenschen vor, der konzentriert am Feuer arbeitet, Holzsorten betrachtet, etc. Dazu „Gonna Fly Now“.))
In jedem Fall bleibt es spannend, wie sich das deutschsprachige Internet weiterentwickeln wird; sowohl mit den „alten Hasen“ Vasco Sommer-Nunes, Sascha Lobo, René Walter, Johnny Häusler, Thomas Matterne – die es geschafft haben, ihre Träume zu Geld zu machen -, aber auch mit den neuen Spielern, wie etwa Marcel Wichmann, die die „Alten“ kritisieren und nun antreten, das Internet noch großartiger zu machen.
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Offenlegung: Ich betreibe ein Blog bei Blog.de, was zu Mokono gehört, welches von Vasco geführt wird. Außerdem durfte ich ihm einmal die Hand schütteln. Guter Mann.