Borta bra men hemma … går sönder.

Wolken

„Aber immer wenn ich nachdenk‘ wie dreckig es mir geht, fällt mir ein, ich bin der beste [Blogger] den es gibt.“ (Antilopen Gang: Absturz)

Meine Eltern ziehen gerade aus dem Haus aus, in dem sie seit der Geburt meines großen Bruders gelebt, gearbeitet und uns großgezogen haben. Es ist ein großes Haus in zweiter Reihe zum Neckar, das schon lange nicht renoviert wurde. Im Erdgeschoss ist das Blumenfachgeschäft meiner Eltern und wenige Schritte entfernt die Kirche des Stadtteils. In weniger als 5 Minuten ist man am Bahnhof, in nur wenig mehr Zeit in der Innenstadt.
In der Wohnung, in der ich momentan lebe, wird gerade renoviert (wie bereits seit meinem Einzug im Oktober). Es gibt immer noch keine Küche und weil die Wände neu verputzt werden wird meine Welt gefühlt immer kleiner. Alles, was in der zukünftigen Küche war – Wasser, ein paar wenige Küchengeräte, Geschirr, Lebensmittel -, steht nun in einem kleinen Regal im Flur.
Als ich einzog, nahm ich mir vor, sobald die Küche da sei eine Kleinigkeit zu backen und damit bewaffnet mich den Nachbarn vorzustellen. Die Zeit zog ins Land und ich dachte an Kanelbullar. Und dann dachte ich an Lussekatter. Und dann wurde es Frühling und dann Sommer und nichts war.
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Ich hab ne scheiß Angst.

Meine Vermieter-Schrägstrich-Onkel-und-Tante sind hier öfters. Sie schauten sich neulich mein Zimmer an und sprachen davon als „Studentenbüdchen“. Sie sind freundlich, sehr sogar, aber in diesem Wort, in „Studentenbüdchen“ liegt eine gewisse Verachtung. Sie sprechen es so, wie manche reiche Leute „rustikal“ sagen. So, dass man merkt, dass sie eigentlich „alt“ meinen. Es ist ihre Wohnung, aber sie missbilligen offenbar, wie ich darin lebe. Meine Tante fragte mich auch, wie es nun weiterginge und wie lang ich studieren müsse und was danach käme.
Ich antwortete mit Ungewissheiten. 3 Jahre Minimum. Danach könne ich in vielen Bereichen arbeiten. Aber eine bestimmte Richtung, einen speziellen Wirtschaftszweig… nein. Unangenehme, schmerzhafte Ungewissheiten, die ich zu gerne ablegen würde, aber… weil es so viel Hoffnungslosigkeit, soviel Krise und Ungewissheit gab und gibt, haben wir diese einfach zu unserem Lebensstil erklärt. Die, die heute Kinder in die Welt setzen sollen, wissen oft nicht, was nächste Woche ist. Die Bedrohung ist aber keine Atombombe, kein dritter Weltkrieg. Die Bedrohung ist viel berührbarer: Es ist die Angst vor dem endgültigen Abstieg. In Ermangelung von Fußballwissen traue ich mich nicht, dies Ziegenangst zu nennen – und weil ich Fans des 1. FC Köln nicht vergraulen will -, aber… das Wissen um den möglichen Abstieg ist da. Es ist spürbar. Wenn die Atombombe hochgeht, zählt nur noch, was bis jetzt war. Hab ich ein gutes Leben geführt? War es das wert? Die Abstiegsangst ist anders. Man bereut nicht, was man ausgelassen hat – Kinder, das Semester Kunstgeschichte, das Jahr in Paris -, sondern das man nicht noch mehr weggelassen hat. Der Abend Videospiele mit Freunden hätte ich streichen können und hätte vielleicht bessere Noten in Mathe.
Verdammt. Ich weiß nicht, was in drei Jahren ist. Verdammt, ich weiß nicht mal, ob ich am Ende der nächsten Woche mir noch etwas zu Essen kaufen können werde.
Ich finde es auch scheiße, dass ich nicht weiß ob und falls ja, was aus mir wird. Ich hasse diesen Zustand, aber ich weiß einfach keine Alternative mehr dazu. Wenn ich versagt habe, mir eine Zukunft aufzubauen, dann kann ich mir das nur selbst vorwerfen und nicht jener Elterngeneration, die mir die Sicherheit genommen hat, die mir die Zuversicht genommen haben mit ihren Krisen und ihren Rentensorgen, und die mich kein Fundament gießen lassen wollten, sondern unendliche Flexibilität von mir forderten. Einem Kadavergehorsam gleich.
Ich habe keine Lust mehr darauf. Ich werde mir nicht von euren Ängsten und euren Meinungen mein Leben bestimmen lassen, liebe Elterngeneration. Ich habe genug davon, in irgendwelche Muster passen zu müssen und ich habe auch keine Lust mehr, mich für irgendwelchen Mist ausbeuten oder verarschen zu lassen. Ich werde einfordern, was mir zusteht und dann mein Bestes geben. Ob ich damit eine Zukunft habe, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich das herausfinden werde.
Update: Meine Mutter war heute hier und meinte nur, ich hätte hierfür ja noch nicht ausziehen müssen. (Keine Küche, Löcher in den Wänden, Flecken und alles noch recht renovierungsbedürftig.) Mein Vater sagte mir heute, würde er Autorität besitzen, dann wäre ich nicht nach Tübingen gezogen. Fühlte sich an, als würde er mir vorwerfen, ich hätte keinen Respekt vor ihm oder würde ihn nicht wertschätzen. Weiß nicht, was ich (noch) tun soll, damit mein Vater zufrieden ist. Dadurch, dass ich im von ihm bevorzugten Studienort Tübingen studiere und nicht in Konstanz, wo ich hinwollte, wurde er auch nicht merklich zufriedener. Befürchte, ich bin als Sohn einfach nicht gut genug und er wird mich nie als etwas anderes sehen können, als eine riesige, nicht enden wollende Enttäuschung. Fühle mich wieder wie mit 16. Die ganze Welt ist gegen mich und weil mich sogar meine Eltern hassen verabscheue ich mich selbst auch.