Auf zwischenmenschlicher Sparflamme

Wir sind Ich bin genügsam geworden.
Ich habe heute (der Text stammt aus einer Notiz vom 17. September 2012) große Freude durch ein paar kleine Klicks erlebt und das Wissen, dass ein gemochter Mensch gerade auch klickt. Die Anstubbs-Funktion Facebooks, die meine beste Freundin und ich zeitgleich nutzten, ist Ausdruck der Zufriedenheit mit dem Kleinen.
Ich will von meinen Freunden keine wöchentlichen Briefe mit 105 Seiten, sondern einfach nur den Hinweis „Ich existiere, du existierst.“. Meine soziale Genügsamkeit erschreckt und erfreut mich zugleich. Andererseits bin ich vermehrt mit [Adjektiv] Lösungen zufrieden.
vgl. diesen Text.

Ein Badezimmerteppich

Die Toilette in meinem Elternhaus ist separat in einem Erker untergebracht. Uringelbe Fliesen und eine Tapete, die vermutlich vor meiner Geburt das letzte mal ausgewechselt wurde, komplettieren das stimmige Gesamtbild. Ich zitiere, weil ich heute nichts anderes zu schreiben habe, aus meinem Notizbuch. Vom 23.08.2012. Bitte:
Meine Mutter entschied sich, nach mindestens einem halben Jahr kahlen, nackten Fliesenboden nun wieder einen Teppich in unsere Toilette zu legen. Es ist eine fast den ganzen Raum ausfüllende Schönheit in grellbunten Farben und so flauschig, dass man am liebsten barfuss laufen würde, wäre der Flur davor nicht gänzlich flauschbefreit. Ich finde diese Flauschigkeit fast ein wenig eklig, denn das Letzte, an dass ich mich erinnern kann, das derart flauschte war ein nahezu völlig schimmelbedeckter Apfel (oder soetwas?), den ich beim Putzen einmal fand. Super flauschiger Ekelflausch.
Inzwischen liegen wieder regelmäßig Teppiche in unserer Toilette. Allerdings keine derart flauschigen. Ich weiß nicht warum mich das damals so fasziniert hat. Vermutlich war einfach nichts anderes los oder der Flausch war wirklich soo flauschig, dass eine derart flauschige Beschreibung sinnvoll erschien. Vielleicht wollte ich aber auch einfach eine Erinnerung festhalten, so, wie ich es durch die Abschrift der selbigen gerade tue.

Als ich vor ein paar Wochen den Putzschrank säuberte hielt man mich für fiebrig. Heute kochte es wieder in mir.

Ich bin wütend und mies gelaunt. Dieser Eintrag dient lediglich dem Frustabbau.
Heute habe ich geputzt. Geputzt, wie als würde mein Leben davon abhängen. Ich drehte die Musik in den Kopfhörern auf, schnappte mir einen Eimer heißes Wasser und putze mein Elternhaus. Warum ich das tat? Mir war danach. Als das Wasser im Eimer so dreckig war und zumindest in einem Stockwerk die Böden halbwegs sauber (tatsächlich sauber wird man diese Böden mit all ihren Rissen und Unebenheiten nie hinbekommen), schnappte ich mir einen Staubsauger und saugte. Treppe für Treppe, Flur für Flur, Wohnzimmer, Küche (die Brotkrümel!), das Esszimmer, welches wir hauptsächlich als Lagerraum nutzen, das Schlafzimmer der Eltern und schließlich sogar den Balkon, auf dem unsere Wäsche über ganzen Dünen aus Staub hängt. Im Esszimmer saugte ich beim Versuch, die Krümmel vom Teppich zu entfernen, der halben Teppich mit.
Warum tat ich das? Warum verspürte ich eine so brennende, starke Wut, dass ich für einen kurzen Moment umkippte, als ich mich einen kurzen Moment nicht wie im Wahn mit Putzutensilien um den Dreck prügelte?
Möglicherweise dient das Reinigen des Hauses mir als eine Art Flucht. Ich bin unzufrieden damit, dass es offenbar niemand stört, dass im Schlafzimmer der Eltern an den Wänden (möglicherweise) Schimmel wächst (ist allerdings noch kein wirkliches Problem). Mich macht es fertig, wenn mir die selbe Person Haushaltstipps gibt, die ihr Geschirr manchmal Wochenlang nicht abräumt. Kritik wird sofort als persönlicher Angriff gewertet und abgeblockt. Ich mag diese Situation nicht.
Ich mag die Tapete an meinen Wänden nicht mehr und es deprimiert mich, sie sehen zu müssen. Vor allen Dingen bin ich aber wütend auf mich selbst. Wütend, dass ich mich um kein besseres Leben gekümmert habe. Wütend, dass ich es nicht geschafft habe – oder schaffen werde – für meine Familie ein besseres Leben zu schaffen. Wütend, dass ich so feige bin nun einfach auszuziehen.
All diese Wut habe ich darin verschwendet, das Haus zu putzen. Und als meine Eltern wiederkamen, da entschuldigte ich mich, dass ich gerade putze. Ich entschuldigte mich so oft und ausgiebig, dass sie offensichtlich nicht wussten, was sie sagen sollten. Mich zu strafen weil ich mich entschuldige für mein Verhalten kommt nicht in Frage, weil mein Verhalten positiv zu bewerten wäre. Trotzdem nervt es sie. Und ich fühle mich schlecht, weil ich eine Veränderung in meinem Elternhaus will. Eine radikale Veränderung.
Später am Abend beschimpfte ich meinen Bruder, sagte es wäre Menschen nicht würdig in einem solchen Loch zu leben. Ich beschimpfte ihn so sehr, beleidigte mich selbst, meine Eltern und alles und jeden, der mir über den Weg lief derart, dass ich nun… mich völlig leer fühle.
Leer und deplatziert.