Du fehls_

Eine der Drücker auf meinem Keyboard will sich verweigern. Ich berühre ihn, drücke ihn, nochmal, nachdrücklich, doch keine Symbole erscheinen auf meinem Bildschirm. Alle Zeichen erscheinen, nur dieses – weg. Irgendwo verschwunden im Nirvana. Ich drücke wieder, nachdrücklicher, wild, aber nix wird erscheinen. Also kopiere ich das Symbol, das einem Kreuz gleich zwischen den anderen Zeichen sich ausruhen wird, aus anderen Bereichen. URLs, Messages, völlig egal. Manchmal, da versuche ich auch, das Zeichen zu umgehen. Schreibe komplex, holprig, ungelenk, nur um das eine nich_ zu sagen, was ich sagen muss, wenn ich wie immer spreche.

Dieses Zeichen. Dieses fehlende Zeichen.

Von einem auf den anderen war der Drücker nich‘ mehr zu drücken. Nach Wikihow reinige ich, aber keine Änderung. Also muss ich mir das Zeichen borgen. Aus anderen Wör_ern. Langsam, aber sicher, wird mein ganzes Denken lückenhaf_. Ich kann nich_ meine _ex_e werden völlig unvers_ändlich. Also s_ehle ich. Muss s_ehlen, um noch denken zu können.

Plö_zlich finde_ sich das _ aus Wel_ im Nich_s wieder. Die dri__e Person is_ wieder wer. Mein copy-pas_e füg_ es in andere Or_e ein. 180 Zeichen, ein Gewi__er an sinnlosen Gedanken, ergieß_ sich in meinen Feed. Wozu schreiben, wenn mich doch keiner vers_eh_?

Manchmal, wenn ich es nich_ erwar_e, und die _as_e nich_ drücke, erscheinen die _ von neuem. Unmengen, als würde die _as_e klemmen, aber nich_s klemm_. Das _ kehr_ zurück, als sei der Geis_ der nie ge_ipp_en Buchs_aben zurückgekehr_ und in meinem Compu_er gefahren.

»Wie ungeschick_, gerade je_z_ brauche ich den Buchs_aben _ nich_.«, während ein You_ube-Video rasan_ zwischen S_andardansich_ und Miniplayer wechsel_.

In ner Partei?

Die Grünen verwenden in einer Instagram-Story zum Parteijubiläum »Alles verändert sich« von den unsterblichen Ton Steine Scherben. Ich weiß, ich weiß, Claudia Roth. Ich zweifel‘ für eine Sekunden, klicke zurück, höre die Zeilen von Rio, »alles verändert sich wenn du es veränderst, doch du kannst nicht gewinnen, solange du allein bist«, höre die Gitarre von R.P.S., höre Wolfs sanftes Steicheln des Schlagzeug, atme aus, atme ein, und denke … »Und du weißt, das wird passieren, wenn wir uns organisieren« und leise »(in ner Partei? – Neeee!)«.

Aber, geht es ohne? Kann man, ohne dass an den richtigen Stellen Verbündete im Kampf um eine bessere Welt sitzen, etwas erreichen? Braucht man nicht die Abgeordneten, die zu deiner Kraftwerksblockade kommen und mit der Polizei reden? Selbst dann, wenn sie danach doch wieder für einen Kriegseinsatz stimmen?

Kann man sich dem entziehen? Oder ist es sinnvoller, kritisch teilzunehmen? Ich tendiere zu letzterem, denn wie soll es eine bessere politische Alternative geben, wenn wir sie nicht machen. Ob diese nun im Parlament sitzt, oder ob man nur soweit mitwirkt, dass jene, die im Parlament sind, solidarisch bleiben mit jenen, die außerhalb des Parlaments politisch sind, ist eine Detailfrage.

[…]

Gehen Sie weiter

Neulich, an einem kalten Sommerabend stand ich vor einem 1970er-Jahre-Bau, der in seinen Formen und Farben und Denken eine neue Form von Universität ausdrücken wollte und heute wieder zunehmend doch eigentlich überwundene Denken beherbergt, und warf in ein fremdes Gespräch einen Gedanken ein. Er lautete: Leute besuchen Webseiten für den Scheiß, auf den die Leute Bock haben, die schreiben. Weil Liebe. Eine der Personen, die das primäre Gespräch führten, in welches ich so unsanft eingedrungen war, berichtigte meine gefühlte, mit einer nachprüfbaren Wahrheit. Wer Leser will, braucht Klicks, braucht Meldungen. Wir wollen die aktuellen Pressemeldungen sehen, wollen wissen, welche Alben rauskommen, wie die Titel darauf heißen, welche neue Single diese oder jene Künstler*in hat. Wer Leser will, braucht Masse. Und dafür braucht es – auch – Clickbait. Ein Gleichgewicht des Schreckens, um nicht abgehängt zu werden. Das große, aufwendige Think-Piece über die slowakische Punk-Band, welche 1968 gegen die sowjetische Besatzung anschrie, liest niemand. Und auch ich, der ich mich zu gerne einer imaginierten Intellektuellen-Kolchose zugehörig fühle, öffne diese Artikel nur und lese sie dann nicht. Dabei gab es ja diese Chance. Mit quote.fm. Dass alles besser würde und wir Texte empfehlen, weil sie gute Inhalte haben. Oder zumindest zitierfähig sind. Wurde dann aber nix.

Irgendwie stimmt das aber nicht. Denn was über die Bildschirme flattert, ist größtenteils konsumierbar und zugänglich. Warum sollte es auch anders sein. Zwei Stunden auf Twitter bieten mehr Höhen und Tiefen als ein kritisch geschätzter und für mein Leben vielleicht nützlicherer Bildungsroman. Aber ich möchte ja den aktuellen Witz über die politische und moralische Katastrophe, welche sich als unsere Gegenwart realisiert, nicht verpassen. Die Realität zu ignorieren oder gar direkt, und nicht als kommentierte, vorsortierte Wirklichkeit zu konsumieren, oder gar, mitzuerleben, langweilt. (Tut es das?)

Ich muss mich nicht mit Gefühlen oder meinen eigenen Gedanken – oder auch nur, was ich will – auseinandersetzen, weil immer Kommunikation da ist, immer Ablenkung, immer jemand anders oder etwas anderes, was entscheidet. […]

Wenn’s läuft dann waren’s immer alle / Wenn es nicht läuft immer alle anderen

[…]

Ein System ohne Hierarchie funktioniert dann, wenn die Beteiligten sich als solche – nämlich Beteiligte – begreifen und nicht die eigene Verantwortung ignorieren. In Hierarchischen Systemen kann ich mich bequem zurücklehnen und sagen „XY hat seine Arbeit nicht gemacht“, in Demokratischen Systemen (in denen also Partizipation von mir erwartet wird) muss ich mir eingestehen, dass mein eigenes Nichts-Tun bedeutet, dass nichts passiert.

Slime (die Deutschpunk-Band, die inzwischen wie die Toten Hosen aussieht (Alte Säcke), aber immer noch Musik macht, die mich nicht so deprimiert, wie die CDU-Politiker*innen, die zu „Tage wie diesen“ oder anderen Wohlfühl-„Eigentlich ist alles ok“-Liedern ihre Bäuche schütteln und danach ‚die Wirtschaft stärken‘) bringen es im Gegensatz zu mir auf den Punkt:

„Hinter denen die salutieren stehen die die’s akzeptieren / Und aus denen die es dulden werden die die’s mitverschulden“.

Eines der Probleme, die bei Nicht-Hierarchischen Systemen besteht, ist, dass dieses Bewusstsein über die eigene Tatkraft und eigene Notwendigkeit erkannt werden muss. Ein Kollektiv, welches die Verantwortung oder Entscheidungskompetenz – oder auch Arbeit – auf Einzelne ablädt, überlebt nicht. Wir können nicht immer nach Verantwortlichen suchen, nur um uns selbst rein zu waschen. Wenn nichts läuft, dann weil alle gemeinsam entschieden haben, dass sie nichts tun wollen.

Das heißt aber auch: Wer etwas tun will, und allein ist, muss sich selbst zurückhalten um nicht versehentlich die Verantwortung zu übernehmen und dem Kollektiv – welches eigentlich sich zum Nicht Handeln entschlossen hat – so die eigene Handlungsmacht entziehen.

Wir übernehmen alle gemeinsam Verantwortung für unsere Leben. Es gibt größere Konstrukte als uns, es gibt stärkere Menschen, und wir müssen uns durchsetzen, weil die Welt nicht ‚demokratisch‘ läuft, aber wir sind keine revolutionäre Avantgarde und wir sind nicht Feinde mit irgendwem.

Aber wer bin ich schon, sowas zu sagen oder zu denken.

[…]

Twitterthread aus 2018, vermutlich

Ich arbeite nicht journalistisch, und auf Twitter auch nicht wissenschaftlich. Aber ich prokrastiniere und lese im Internet und schaue Videos über Dinge und es frustriert, weil so schnell Behauptungen aufgestellt werden, die nicht belegbar sind.

VOX berichtet in einem Video über die „Firehose of Falsehood“-Methode russischer Propaganda die darauf beruht, – salopp – Medien mit so vielen Falschinfos zuzuscheißen, dass diese nicht mehr nachkommen. Ob diese Sinn ergeben ist dabei egal. Als Nicht-Politikwissenschaftler erscheint mir das erstmal recht einleuchtend mit der Diskussion um Filterblasen usw. usf., auch wenn hier „Propaganda“ nicht durch Regierungsapparate geschieht, sondern durch Individuen.

Irgendwas vom geworfenen Schmutz bleibt kleben. Und es wird – gefühlt – gerade sehr viel Schmutz geworfen. So wiederholt die AfD-Bundestagsfraktion den Erfolg der furcheinflösenden, aber aufgebauschten, XY-Einzelfall-Karte – zu welcher der großartige Shaun ein Video gemacht hat – mit einer Karte über die angebliche „Messermigration“. Und mein Problem ist: Ich kann mir jetzt 5 Stunden meines Lebens wegnehmen und Beweise suchen, dass da zwar Fälle drin sind, in denen tatsächlich Menschen von anderen Menschen, die geflüchtet sind, mit Messern getötet oder verletzt wurden, aber der Schluss „Die kommen alle um uns abzustechen“ und „Wir gegen die“ sehr sehr blödsinnig ist.

Von den 575 Einträgen auf der Google-Karte steht bei 274 „Täterherkunft nicht bekanntgegeben“ (laut Suche). Bei einer – sehr oberflächlichen, wie gesagt, unwissenschaftlich/unjournalistischen – Durchsicht fällt – mir – vor allem auf, dass das versuchte Narrativ – Gewalttäter kommen hier her und töten Deutsche – nicht hält. Viele Meldungen berichten von Konflikten zwischen Geflüchteten. Andere wie diese – https://www.welt.de/vermischtes/article181335238/Duesseldorf-23-Jaehriger-nahe-der-Koenigsallee-niedergestochen.html … – berichten von Angriffen auf türkische Mitbürger am Abend einer rechten Demo (laut Polizei kein rechter Hintergrund). Wenn ich die Karte angemessen betrachten würde, mir die 5 Stunden Zeit (weg)nehmen würde, könnte ich danach sagen: „Meine These, dass das Angstmache ist, lässt sich anhand dieser und jener Punkte beweisen“. In den 5 Stunden, die ich damit verschwendet hätte, hätten andere Gruppen aber weitere – vermutlich – Lügen verbreitet. Eigene Projekte stagnieren dann.

Zugleich muss ich mich aber Fragen, welche Lügen ich durch Wiederholen und Akzeptieren verbreite, welcher Propaganda-Maschine – oder eher Propaganda-Kolchose – ich eigentlich angehöre? Die, welche Klimawandel als noch zu lösendes Problem ansieht? Die, welche Rechtsextremismus als schädlich betrachtet? (Man muss auch mal die Perspektive der Beherrschenden einnehmen!!!1) Jene, die Demokratie als unsere Gesellschaftliche Ordnung inszeniert und nicht die diverse Unterdrückungsmechanismen als solche ansieht?

Und dann wieder: Wo führt das hin, wenn die Kollektivisten der Menschenrechts-Propanganda-Kolchose zweifeln und die Rechte-Menschen-Propaganda-Industrie einfach produzieren? Der Markt regelt das dann. 

Also: „Wer für den Kommunismus kämpft, hat von allen Tugenden nur eine: Dass er für den Kommunismus kämpft.“ (Brecht/Lenin)? Ich tue mir da schwer. Zu schwer, vermutlich. Vielleicht auch, weil mein Ziel nicht „Deutschland den Deutschen“ oder „Weltrevolution!“ ist, sondern so… mal auf’m Sofa sitzen und draußen verhungert niemand und niemand muss Angst haben, dass morgen der Faschismus ausbricht oder die Welt untergeht.