In ner Partei?

Die Grünen verwenden in einer Instagram-Story zum Parteijubiläum »Alles verändert sich« von den unsterblichen Ton Steine Scherben. Ich weiß, ich weiß, Claudia Roth. Ich zweifel‘ für eine Sekunden, klicke zurück, höre die Zeilen von Rio, »alles verändert sich wenn du es veränderst, doch du kannst nicht gewinnen, solange du allein bist«, höre die Gitarre von R.P.S., höre Wolfs sanftes Steicheln des Schlagzeug, atme aus, atme ein, und denke … »Und du weißt, das wird passieren, wenn wir uns organisieren« und leise »(in ner Partei? – Neeee!)«.

Aber, geht es ohne? Kann man, ohne dass an den richtigen Stellen Verbündete im Kampf um eine bessere Welt sitzen, etwas erreichen? Braucht man nicht die Abgeordneten, die zu deiner Kraftwerksblockade kommen und mit der Polizei reden? Selbst dann, wenn sie danach doch wieder für einen Kriegseinsatz stimmen?

Kann man sich dem entziehen? Oder ist es sinnvoller, kritisch teilzunehmen? Ich tendiere zu letzterem, denn wie soll es eine bessere politische Alternative geben, wenn wir sie nicht machen. Ob diese nun im Parlament sitzt, oder ob man nur soweit mitwirkt, dass jene, die im Parlament sind, solidarisch bleiben mit jenen, die außerhalb des Parlaments politisch sind, ist eine Detailfrage.

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Gehen Sie weiter

Neulich, an einem kalten Sommerabend stand ich vor einem 1970er-Jahre-Bau, der in seinen Formen und Farben und Denken eine neue Form von Universität ausdrücken wollte und heute wieder zunehmend doch eigentlich überwundene Denken beherbergt, und warf in ein fremdes Gespräch einen Gedanken ein. Er lautete: Leute besuchen Webseiten für den Scheiß, auf den die Leute Bock haben, die schreiben. Weil Liebe. Eine der Personen, die das primäre Gespräch führten, in welches ich so unsanft eingedrungen war, berichtigte meine gefühlte, mit einer nachprüfbaren Wahrheit. Wer Leser will, braucht Klicks, braucht Meldungen. Wir wollen die aktuellen Pressemeldungen sehen, wollen wissen, welche Alben rauskommen, wie die Titel darauf heißen, welche neue Single diese oder jene Künstler*in hat. Wer Leser will, braucht Masse. Und dafür braucht es – auch – Clickbait. Ein Gleichgewicht des Schreckens, um nicht abgehängt zu werden. Das große, aufwendige Think-Piece über die slowakische Punk-Band, welche 1968 gegen die sowjetische Besatzung anschrie, liest niemand. Und auch ich, der ich mich zu gerne einer imaginierten Intellektuellen-Kolchose zugehörig fühle, öffne diese Artikel nur und lese sie dann nicht. Dabei gab es ja diese Chance. Mit quote.fm. Dass alles besser würde und wir Texte empfehlen, weil sie gute Inhalte haben. Oder zumindest zitierfähig sind. Wurde dann aber nix.

Irgendwie stimmt das aber nicht. Denn was über die Bildschirme flattert, ist größtenteils konsumierbar und zugänglich. Warum sollte es auch anders sein. Zwei Stunden auf Twitter bieten mehr Höhen und Tiefen als ein kritisch geschätzter und für mein Leben vielleicht nützlicherer Bildungsroman. Aber ich möchte ja den aktuellen Witz über die politische und moralische Katastrophe, welche sich als unsere Gegenwart realisiert, nicht verpassen. Die Realität zu ignorieren oder gar direkt, und nicht als kommentierte, vorsortierte Wirklichkeit zu konsumieren, oder gar, mitzuerleben, langweilt. (Tut es das?)

Ich muss mich nicht mit Gefühlen oder meinen eigenen Gedanken – oder auch nur, was ich will – auseinandersetzen, weil immer Kommunikation da ist, immer Ablenkung, immer jemand anders oder etwas anderes, was entscheidet. […]

Wenn’s läuft dann waren’s immer alle / Wenn es nicht läuft immer alle anderen

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Ein System ohne Hierarchie funktioniert dann, wenn die Beteiligten sich als solche – nämlich Beteiligte – begreifen und nicht die eigene Verantwortung ignorieren. In Hierarchischen Systemen kann ich mich bequem zurücklehnen und sagen „XY hat seine Arbeit nicht gemacht“, in Demokratischen Systemen (in denen also Partizipation von mir erwartet wird) muss ich mir eingestehen, dass mein eigenes Nichts-Tun bedeutet, dass nichts passiert.

Slime (die Deutschpunk-Band, die inzwischen wie die Toten Hosen aussieht (Alte Säcke), aber immer noch Musik macht, die mich nicht so deprimiert, wie die CDU-Politiker*innen, die zu „Tage wie diesen“ oder anderen Wohlfühl-„Eigentlich ist alles ok“-Liedern ihre Bäuche schütteln und danach ‚die Wirtschaft stärken‘) bringen es im Gegensatz zu mir auf den Punkt:

„Hinter denen die salutieren stehen die die’s akzeptieren / Und aus denen die es dulden werden die die’s mitverschulden“.

Eines der Probleme, die bei Nicht-Hierarchischen Systemen besteht, ist, dass dieses Bewusstsein über die eigene Tatkraft und eigene Notwendigkeit erkannt werden muss. Ein Kollektiv, welches die Verantwortung oder Entscheidungskompetenz – oder auch Arbeit – auf Einzelne ablädt, überlebt nicht. Wir können nicht immer nach Verantwortlichen suchen, nur um uns selbst rein zu waschen. Wenn nichts läuft, dann weil alle gemeinsam entschieden haben, dass sie nichts tun wollen.

Das heißt aber auch: Wer etwas tun will, und allein ist, muss sich selbst zurückhalten um nicht versehentlich die Verantwortung zu übernehmen und dem Kollektiv – welches eigentlich sich zum Nicht Handeln entschlossen hat – so die eigene Handlungsmacht entziehen.

Wir übernehmen alle gemeinsam Verantwortung für unsere Leben. Es gibt größere Konstrukte als uns, es gibt stärkere Menschen, und wir müssen uns durchsetzen, weil die Welt nicht ‚demokratisch‘ läuft, aber wir sind keine revolutionäre Avantgarde und wir sind nicht Feinde mit irgendwem.

Aber wer bin ich schon, sowas zu sagen oder zu denken.

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Twitterthread aus 2018, vermutlich

Ich arbeite nicht journalistisch, und auf Twitter auch nicht wissenschaftlich. Aber ich prokrastiniere und lese im Internet und schaue Videos über Dinge und es frustriert, weil so schnell Behauptungen aufgestellt werden, die nicht belegbar sind.

VOX berichtet in einem Video über die „Firehose of Falsehood“-Methode russischer Propaganda die darauf beruht, – salopp – Medien mit so vielen Falschinfos zuzuscheißen, dass diese nicht mehr nachkommen. Ob diese Sinn ergeben ist dabei egal. Als Nicht-Politikwissenschaftler erscheint mir das erstmal recht einleuchtend mit der Diskussion um Filterblasen usw. usf., auch wenn hier „Propaganda“ nicht durch Regierungsapparate geschieht, sondern durch Individuen.

Irgendwas vom geworfenen Schmutz bleibt kleben. Und es wird – gefühlt – gerade sehr viel Schmutz geworfen. So wiederholt die AfD-Bundestagsfraktion den Erfolg der furcheinflösenden, aber aufgebauschten, XY-Einzelfall-Karte – zu welcher der großartige Shaun ein Video gemacht hat – mit einer Karte über die angebliche „Messermigration“. Und mein Problem ist: Ich kann mir jetzt 5 Stunden meines Lebens wegnehmen und Beweise suchen, dass da zwar Fälle drin sind, in denen tatsächlich Menschen von anderen Menschen, die geflüchtet sind, mit Messern getötet oder verletzt wurden, aber der Schluss „Die kommen alle um uns abzustechen“ und „Wir gegen die“ sehr sehr blödsinnig ist.

Von den 575 Einträgen auf der Google-Karte steht bei 274 „Täterherkunft nicht bekanntgegeben“ (laut Suche). Bei einer – sehr oberflächlichen, wie gesagt, unwissenschaftlich/unjournalistischen – Durchsicht fällt – mir – vor allem auf, dass das versuchte Narrativ – Gewalttäter kommen hier her und töten Deutsche – nicht hält. Viele Meldungen berichten von Konflikten zwischen Geflüchteten. Andere wie diese – https://www.welt.de/vermischtes/article181335238/Duesseldorf-23-Jaehriger-nahe-der-Koenigsallee-niedergestochen.html … – berichten von Angriffen auf türkische Mitbürger am Abend einer rechten Demo (laut Polizei kein rechter Hintergrund). Wenn ich die Karte angemessen betrachten würde, mir die 5 Stunden Zeit (weg)nehmen würde, könnte ich danach sagen: „Meine These, dass das Angstmache ist, lässt sich anhand dieser und jener Punkte beweisen“. In den 5 Stunden, die ich damit verschwendet hätte, hätten andere Gruppen aber weitere – vermutlich – Lügen verbreitet. Eigene Projekte stagnieren dann.

Zugleich muss ich mich aber Fragen, welche Lügen ich durch Wiederholen und Akzeptieren verbreite, welcher Propaganda-Maschine – oder eher Propaganda-Kolchose – ich eigentlich angehöre? Die, welche Klimawandel als noch zu lösendes Problem ansieht? Die, welche Rechtsextremismus als schädlich betrachtet? (Man muss auch mal die Perspektive der Beherrschenden einnehmen!!!1) Jene, die Demokratie als unsere Gesellschaftliche Ordnung inszeniert und nicht die diverse Unterdrückungsmechanismen als solche ansieht?

Und dann wieder: Wo führt das hin, wenn die Kollektivisten der Menschenrechts-Propanganda-Kolchose zweifeln und die Rechte-Menschen-Propaganda-Industrie einfach produzieren? Der Markt regelt das dann. 

Also: „Wer für den Kommunismus kämpft, hat von allen Tugenden nur eine: Dass er für den Kommunismus kämpft.“ (Brecht/Lenin)? Ich tue mir da schwer. Zu schwer, vermutlich. Vielleicht auch, weil mein Ziel nicht „Deutschland den Deutschen“ oder „Weltrevolution!“ ist, sondern so… mal auf’m Sofa sitzen und draußen verhungert niemand und niemand muss Angst haben, dass morgen der Faschismus ausbricht oder die Welt untergeht.

Oh oh oh das tut weh, Wenn ich Dich und deinen Kinderwagen seh‘

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Um mich herum hat man jetzt Kinder. Langsam drehen sich die Mehrheitsverhältnisse. Hatte bisher die eindeutige Mehrheit meiner Bekannten und Freunde keine Kinder, gerate ich nun kriechend auf den Knien in ein Alter, in dem die Frage nach den Kindern für eine Mehrheit mit „ja“ beantwortet wird, obwohl die selbigen Menschen vor nur wenigen Jahren noch „Niemals“ geantwortet hatten und vor wenigen Jahren mehr die kollektive Meinung dies als Empfehlung aussprach. „Er*sie ist doch selbst noch ein Kind“ hieß es da von angeheirateten Wahlverwandten und unverwandten Erstwähler*innen gleichermaßen. Daran, also dem Kinderzuwachs, liegt nur zum Teil der Alkohol und persönliches Sendungsbewusstsein durch die zu engen Hosen der Kinderzeugenden, sondern zum anderen und größeren Teil eine derartige Verbundenheit zwischen Beziehungsträger*innen, die zu ungeschütztem Verkehr – also ohne Gurt, Airbag und Ritterrüstung -, die in der gemeinsamen Übernahme der Verantwortung für ein Kind – noch dazu ein selbstproduziertes – ihren Ausdruck – oder Auswuchs? – findet.

Als Kinderlose*r hat man das persönliche Unglück, nicht aufgrund eigener Kinder zu beschäftigt zu sein, um über die fremden Kinder und die Gebräuche der Eltern zu urteilen. Ich ziehe dann meine Richterrobe an – denn hier herrscht schließlich Recht und Ordnung -, nehme meinen Spielzeughammer und die Perücke und lächele die Eltern und deren Plagen freundlich an. Aber meine Thesen passen an keine Kirchentür. Ich weiß nichts, ich weiß es nur besser.

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Überhaupt: Im Kampf mit den jungen Eltern gilt wie immer: Direct Action Gets Satisfaction. Daher schmuggele ich lautes Spielzeug, DDR-Kinderbücher oder Ausgaben der Biografien von Brecht und KPD-Mitgliedern in die Revolutionären Zellen der Elternhäuser. Hierbei lohnt sich auch die Neigung so mancher Halbstarker, nachzuplappern, sehr gut dafür, einige angemessene Aktionen und Reaktionen unterzubringen. Du glaubst ja nicht, was man denen alles so beibringen kann.

Zugegeben, die kleineren lassen sich bei Sitzblockaden noch wegtragen, aber ihre Fünf-Finger-Taktik zur Umfließung der elterlichen Repressionsorgane ist schon sehr gelungen. Am besten gefällt mir natürlich die Aussageverweigerung, die sie konsequent (wie Anna und Arthur) durchsetzen, auch wenn die elterliche – gleichgeschaltete! – Justiz mit verbotenen (!) Kollektivstrafen zu reagieren versucht. Aber auch da hilft nur Solidarität, insbesondere auch Gefangenenbefreiung, wenns mal Hausarrest gibt. Dazu einige mit den kleinen einstudierte Parolen:

Klar hat Mama und Papa beide Kinder gleich lieb, höhö, aber eigentlich wird immer ein Kind besser behandelt als das andere. Hier ist Solidarität gefragt: „Gegen Ausbeutung & Spaltung – Kollektive Selbstverwaltung!“ Wenn ungerechtfertigt viele Aufgaben übernommen werden sollen: „Nie, nie, nie wieder Hausarbeit!“ Die Kinder haben keine Lust zu baden? Die Losung lautet: „Wir sind dreckig und wir stinken wir sind die bösen Linken!“ Wenn sich die Sommerferien dem Ende nähern und die kollektiv-gelebte Zeit-Verblödelung plötzlich höheren Bildungsidealen weichen sollen, rufen die Kinder meiner Freunde aus voller Kehle: „Wir sind hier, wir sind laut – weil man uns die Freiheit klaut!“ Ohnehin sind die Zeiten bei schönem Wetter im Garten das schönste – selbst wenn sich die Nachbarn über den Lärm beschweren mögen („Aufruhr, Widerstand – Es gibt kein ruhiges Hinterland!“). Auch die Bettgehzeiten bieten seit meinem letzten Besuch ein höheres Unterhaltungspotenzial, seit die Kinder ihre Handymusik aufdrehen und bei wieder eingeschaltetem Licht „Tanzen, tanzen wir sind Emanzen!“ ihren gerontokratischen Unterdrücker*innen entgegnen.

Und überhaupt, schon vor der Einschulung: Klassenkampf!

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Ich entschuldige mich für die dummen Witze.